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Prämierter Text

Von Tobias Großekemper


Wohin steuert ein Stadtteil, der vor der Zerreißprobe steht?

Im Sommer 2014 ist die Außendarstellung von Dortmund, gelinde gesagt, komplett für die Tonne. Nach den Vorkommnissen in der Wahlnacht am 25. Mai, als eine Gruppe Rechtsradikaler in das Rathaus wollte und sich ihnen rund hundert Personen entgegenstellten, hat sich die bundesweite mediale Aufmerksamkeit einmal mehr negativ auf die Stadt fokussiert. SS-Siggi, ein arbeitsloser Ratsherr, zu dessen Fähigkeiten es gehört, einen halben Liter Pils auf Ex zu trinken und der Filme davon ins Internet stellt, schafft es im Nachgang, das Bild der Stadt entscheidend zu prägen.

Ihm reichten dazu 2.101 Stimmen von 456.717 Wahlberechtigten. Inklusive der NPD-Wähler erhielt die politische Rechte bei insgesamt 202.065 gültigen Stimmen in Dortmund 1,94 Prozent. Das ist letztlich nicht viel. Aber es reichte für einen Einzug in den Rat der Stadt.

Es gibt Gründe für diese Zustimmung. Entwicklungen und Fehlentscheidungen, die teilweise Jahrzehnte alt sind. Sie lassen sich - wie unter einer Lupe gebündelt - im Stadtteil Westerfilde betrachten. Eine Spurensuche in einem Stadtteil am Abgrund.

 

Familie Hohmann,

Wolke 7,

Westerfilde.

So fing das damals, 1980, hier an. Vielleicht war es nicht das Paradies, aber es war ziemlich nah dran. Sie waren jung, sie hatten ihr erstes Kind, sie standen ein Jahr auf der Warteliste, um diese Wohnung zu bekommen. 480 Mark für 79 Quadratmeter. Dass es für diese Wohnungen mal Wartelisten gab, kann man heute nicht glauben, wenn man davor steht. Westerfilde wurde in aller Gründlichkeit aus dem Paradies vertrieben. Der Stadtteil geriet in eine extrem steile Abwärtsspirale, bundes- und wirtschaftspolitische Weichenstellungen zerrten ihn auf ein totes Gleis. Der Stadtteil ist innerhalb weniger Jahre eines der ganz großen Sorgenkinder in dem an Sorgen nicht gerade armen Dortmund geworden, die Süddeutsche Zeitung nannte ihn nach der Kommunalwahl Dortmunds "neue Nazi-Hochburg" und auch Nazis gibt es in Dortmund nicht wenige. Das Westerfilde noch nicht ganz tot ist, liegt auch an Menschen wie Monika Hohmann, die sich einer negativen Entwicklung entgegenstellen wollen, um das zu bewahren, was sie einst hatten. Und sich dann in der Westerfilder Spirale wiederfanden.

Damals also. Die Viterra, ein Immobilienunternehmen der VEBA, baute Hohmanns Wolke 7. Die Viterra hatte hier viel gebaut, auch die "Neue Heimat" war vor Ort aktiv und in dieser Zeit, als Deutschland in Dortmund nur Westdeutschland war, galten diese Wohnungen als richtig chic. Die "Neue Heimat" war ein deutsches Wohnungsimperium, ein Großkonzern im Besitz des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Von der "Neuen Heimat" ist heute nur noch die "Neue-Heimat-Affäre" in Erinnerung. Dieser Skandal, Vorstandsmitglieder hatten sich persönlich bereichert, hatte Folgen für den Wohnungsmarkt. Nach der Affäre um die Neue Heimat wurde 1989 das Wohngemeinnützigkeitsgesetz gekippt, das bis dahin galt. Viele Wohnungen in Westerfilde unterlagen dieser Wohngemeinnützigkeit.

Der Werkswohnungsbau, Wohnungsgenossenschaften oder etwa kommunale Wohnungseigentümer hatten mit dem Staat einen Deal: Sie verkauften keine Wohnungsbestände, die für mittlere und niedrige Einkommensschichten erbaut worden waren und hielten die Mieten in ihnen bezahlbar. Dafür bekamen die Unternehmen vom Staat handfeste Steuervorteile. Diese Abmachung galt mit der Abschaffung des Wohngemeinnützigkeitsgesetzes ab 1989 nicht mehr. "Einen ganz entscheidenden Schritt für die weitere Entwicklung", nennt das Dr. Tobias Scholz vom Dortmunder Mieterverein. Auch wenn sich das damals noch nicht zeigte. Der Wegfall der Wohngemeinnützigkeit wird heute meistens mit der "Neuen Heimat" verbunden - was nicht ganz richtig ist, für die meisten Wohnungsbaugesellschaften war der Skandal eine wunderbare Gelegenheit, die ganze Idee der Gemeinnützigkeit zu diskreditieren. Werkswohnungen brauchte etwa die Viterra aufgrund des industriellen Wandels immer weniger, die Renditen aus diesen Objekten waren übersichtlich. Jetzt konnten sie gehandelt und mit ihnen deutlich mehr Geld verdient werden.

Das große Fressen begann sehr verhalten. Die Vorspeisen waren klein, die Mieter merkten nicht, dass ihre Heimstätten auf der Karte standen: Die Verkäufe von größeren Wohnungsbeständen auch in Westerfilde begannen in den 90er-Jahren, private Unternehmen traten auf den Markt und erwarben erste Komplexe. Lediglich ein Vorspiel. Von der damals SPD-geführten Bundesregierung wurde 2004 eine Unternehmenssteuerreform umgesetzt, die unter anderem die Versteuerung von Gewinnen aus Unternehmensverkäufen abschaffte. Das sollte der Entflechtung der im Ausland kritisierten Deutschland AG dienen und schlug dann ein wie eine Bombe - dummerweise im eigenen Lager. Für den Staat brachen Gewinnsteuereinnahmen zunächst komplett ein, dieser Schaden war sehr schnell offensichtlich.

Für die Bürger in Westerfilde waren die Folgen andere, hier schlug die Bombe quasi mit einem Zeitzünder auf: Mit der Umsetzung der Unternehmenssteuerreform zog der Verkauf von größeren Wohnungsbeständen in Deutschland rasant an. Der deutsche Mietmarkt galt im Ausland als hochattraktiv und die Miethöhen versprachen, "optimierbar" zu sein.

Größte Player auf diesem Markt waren und sind sogenannte Finanzinvestoren. Firmenkonstrukte, die den Renditeerwartungen ihrer Anteilseigner verpflichtet sind.

Familie Hohmann spürte die Druckwelle spät. 2001 war ihr Haus von der Viterra verkauft worden, Käufer war allerdings ein Tochterunternehmen der Viterra, zunächst blieb alles, wie es war: Traten Probleme auf, wussten die Mieter, wo sie anzurufen hatten, damit sich das änderte. Dass die Viterra fast ausschließlich in kosmetische Reparaturen investierte und die Gebäudesubstanz weitgehend

ignorierte, war damals noch keine Katastrophe. Lediglich die Aluminiumfenster, die, als sie 1976 eingebaut wurden, bereits nicht mehr dem Stand der damaligen Technik entsprachen, wurden langsam problematisch. Es bildete sich immer mehr Schimmel. Die ersten Mieter, die damals mit den Hohmanns eingezogen waren, zogen aus. Für sie kamen Russlanddeutsche oder Polen in die Wohnblöcke. "Freundliche Leute, aber sie blieben unter sich", sagt Frau Hohmann.

2006 dann kam die Druckwelle in Form der "Griffin Rhein-Ruhr" bei den Hohmanns an. Das Unternehmen, streng genommen lediglich eine leere Hülle im Besitz eines geschlossenen dänischen Immobilienfonds mit dem Namen Aps2NRW, kaufte 646 Wohnungen in Westerfilde, gut 1.000 weitere in Dortmund und dazu noch 3.300 in NRW.

Der Grundgedanke bei diesem Geschäft war es, mit dem Geld von Kleinanlegern günstige Wohnungen in Deutschland zu erwerben, aus ihnen durch "Optimierung" im Sinne der Anleger Geld zu ziehen und sie dann gewinnbringend weiter zu veräußern. Nicht die Miete bringt bei diesem Modell Geld, sondern die Spekulation.

Ein Griff in die Steuertrickkiste hilft den Fonds dabei, dass die Spekulation funktioniert: Jede Privatperson, die eine Immobilie erwirbt, zahlt eine Grunderwerbssteuer bezogen auf den Kaufpreis. In NRW liegt sie aktuell bei 5 Prozent. Ein Privat Equity Fond wie Aps2NRW zahlt diese Steuer nicht, der Kunstgriff heißt "Share Deal". Nicht das ganze Immobilienunternehmen, das den jeweiligen Bestand hält, wird erworben, sondern maximal 94,9 Prozent. Man braucht nur noch einen Teilhaber für die weiteren 5,1 Prozent, dann steht Millionengeschäften auf Kosten der Allgemeinheit nichts mehr im Weg.

Was sich Griffin dann aber in den Weg stellte, war die Finanzkrise 2007. Durch sie kam der Finanzinvestor in erhebliche Schwierigkeiten und die grundlegenden Probleme traten hervor: Der Kaufpreis für das Wohnungspaket war bereits bei der Übernahme 2006 zu hoch; jetzt, mit Eintritt der Krise, fand sich kein Abnehmer mehr. Des Weiteren hatte der Fond kaum Erfahrung in der Wohnungsbestandsbewirtschaftung. Das wäre tolerierbar gewesen, wenn Griffin schnell wieder verkauft hätte - doch Griffin war unter den Investoren der letzte vor der Krise, hatte zu spät und zu teuer gekauft.

Griffin bissen die Hunde.

Einfache Standards wie Nebenkostenabrechnungen funktionierten nicht mehr, eingeworfene Fenster wurden wie defekte Fahrstühle nicht repariert und für die Mieter gab es keine verlässlichen Ansprechpartner mehr. Die, die konnten, reagierten mit Flucht. Die Leerstände stiegen teilweise auf über 25 Prozent. In einzelnen Wohnblöcken lag der Leerstand dann irgendwann bei 60 Prozent. Der Stadtteil verlor zunehmend an Kaufkraft, die ersten Einzelhändler schlossen. Rainer Stücker, Geschäftsführer des Mietervereins Dortmund, sagt über die damalige Zeit: "Wir ahnten, dass es Probleme geben wird. Wir wussten aber nicht, wie schlimm."

Die Wohnungen in Westerfilde verkamen immer mehr. Griffin hatte, als sie 2006 in den NRW-Wohnungsmarkt einstiegen, viel zu wenig Eigenkapital. Auch das wäre ohne Finanzkrise und mit einem zügigen Verkauf letztlich egal gewesen. Jetzt aber mussten sie, um überhaupt finanziell handlungsfähig zu bleiben, dringend von den Leerständen in den Wohnungen runter. Auf Teufel komm rein, einer von den vielen temporär eingesetzten Wohnungsmanagern formulierte damals unter Zeugen, dass hier an jeden vermietet würde, "der nicht mit Haftbefehl gesucht wird". Frau Hohmann sagt, dass auch das nicht gestimmt habe. Sie gründete einen Mieterbeirat.

Griffin-Wohnungen, die leer standen, wurden kurzfristig aufgehübscht, um überhaupt noch Mieter zu finden. Makler bekamen üppige Provisionen, um die Leerstände zu drücken. Es war ein Kommen und Gehen. Die Gemeinschaft, die einmal bestanden hatte, war in aller Gründlichkeit zerschlagen worden.

Das grüne Umfeld um die Häuser herum verwucherte, heute sind teilweise Straßenschilder überwachsen. Die ehemaligen Spielplätze sind tot, sie erinnern mit ihren Kreisformen an Münder mit kariösen Zahnstumpen und riechen nicht besser. In vielen Ecken zwischen den Häusern liegt Sperrmüll, neben alten Autos, an denen die Nummernschilder fehlen. Der Sperrmüll hat seinen eigenen Kreislauf, er wird gelegentlich abgeholt und ist dann ein, zwei Tage später wieder da. 2012 wurden 30.000 Euro für den Abtransport von Sperrmüll zwischen den Häusern ausgegeben, 2013 50.000 Euro. Ist der Müll weg, bleiben die Ratten, die dort leben und warten auf den nächsten. Den Ratten geht es glänzend.

Anfang des Jahres 2008 wurde Westerfilde zusammen mit dem benachbarten Stadtteil Bodelschwingh zu einem der insgesamt 13 "Aktionsräume Soziale Stadt" ernannt. Aktionsräume sind Gebiete, für die die Stadt Dortmund einen erhöhten Förderbedarf erkannt hat. Eine Fallstudie für die Enquetekommission des Landtags, die sich mit dem Einzug der Finanzinvestoren in den NRW-Mietmarkt beschäftigte, urteilte im Juli 2012: Nach mehr als vierjähriger Umsetzung zeige sich, "dass der Aktionsraum Soziale Stadt aufgrund seiner begrenzten Ressourcen nicht in der Lage ist, substanzielle Verbesserungen der Situation im Gebiet zu bewirken". Es gebe zwar inzwischen eine hohe Sensibilität für die im Stadtteil bestehenden Problemlagen, heißt es weiter. Eine abgestimmte Strategie für die langfristige Entwicklung des Stadtteils und der hierfür notwendigen Maßnahmen gebe es allerdings nicht. Monika Hohmann war zwei Mal bei der Enquete-Kommission des Landes zu Gast, um die Sicht der Dinge für den Mieterbeirat zu schildern. "Um Himmels willen, warum wohnen Sie da noch?", fragte man da.

Hohmann war auch bei der für Westerfilde zuständigen Bezirksverwaltungsstelle im Nachbarstadtteil Mengede. "Sie reden den Stadtteil schlecht!", hieß es dort.

Sie schrieb Anfang 2012 einen Brandbrief an den damaligen Dortmunder Ordnungsdezernenten Wilhelm Steitz, um auf die Probleme aufmerksam zu machen. Die Antwort des Grünen lautete sinngemäß: Ein Einschreiten im Stadtteil sei nicht erforderlich, das Gelände sei in einem sauberen Zustand, Hinweise auf Abfalllagerungen oder abendliche Trinkgelage seien nicht festgestellt worden. Auch aus polizeilicher Sicht sei die Siedlung eher unauffällig.

Ein Großteil der Wohnblöcke, die den Bereich der Westerfilder Straße zunächst nur optisch umzingelt hatten, drücken ihm inzwischen die Luft zum Atmen ab. Der Stadtteil hat Krebs und die Metastasen tauchten an unerwarteten Stellen auf: Verlässt man den Kernbereich von Westerfilde, steht man schnell in Straßen, in denen Einfamilienhäuser stehen. Erbaut nach dem Krieg und inzwischen von der Folgegeneration erworben und aufgemöbelt. Einer dieser Eigenheimer, er will seinen Namen nicht lesen, kaufte hier 2005. Sein Haus ist von oben bis unten komplett renoviert. Dazu 900 Quadratmeter Garten. Der Mann schätzt, dass er unter normalen Dortmunder Umständen rund 320.000 Euro bekommen würde, wenn er verkaufen würde. Umgerechnet in Westerfilder Umstände seien für dieses Haus an diesem Standort vielleicht 220.000 Euro erlösbar.

Es gibt viele Eigenheimer hier. In vielen kleinen Straßen.

Westerfilde ist kein Spannungsfeld ausschließlich zwischen Mietern und Vermietern in einem begrenzten Areal mehr. Inzwischen sind alle betroffen.

Wenn man sich auf den Straßen umhört, nachfragt, dann kommt man schnell auf "die". Die Rumänen und die Bulgaren. Die Libanesen. Die, die kamen, als der Wohnraum verramscht worden war. In der Tat ist Dortmund von der Armutsmigration aus Südosteuropa betroffen. 2007 wurden Bulgarien und Rumänien Mitglieder der Europäischen Union.

Die Zahl der Rumänen und Bulgaren stieg bereits im Jahr 2007 auf 1.600, der damals noch größte Straßenstrich in der Region war eine Existenzmöglichkeit für Menschen, die in ihrer Heimat de facto nichts und vor allen Dingen keine Zukunft hatten. 2008 lief die Wanderbewegung auf Hochtouren. Aus 1.600 Menschen wurden 2.500, Stand September 2012 waren es 3.200, heute geht man von über 6.500 Menschen aus, die alleine in Dortmund leben.

In Westerfilde verlangte Griffin in seiner Endphase deutlich unter vier Euro für den Quadratmeter.

Die ersten Roma sah Frau Hohmann im Sommer vor drei Jahren, eine Großfamilie zog aus der Nordstadt hierher, ihren Umzug machten diese Menschen mit der Straßenbahn. Inzwischen wohnten hier, sagt Frau Hohmann, ganze Clans, ihre Kinder würden nicht in die Schule gehen, der Lebensunterhalt würde aus Schrottsammeln und Kleidercontainer-Plündern bestehen. "Alle wissen das", sagt Frau Hohmann, "aber keiner greift tatsächlich einmal ein."

Es ist wirklich so, alle, mit denen man spricht, sagen Ähnliches. Sprechen von verwahrlosten Kindern. Von Geschrei und Gezeter in den Abend- und Nachtstunden. Von Erpressungsversuchen, bei denen Kinder von Rentnern für die Benutzung des Bürgersteigs Geld verlangten.

Vom Kindergeld würden "die" leben, Hartz-IV bekämen sie auch. Es scheint, wenn man auf den Straßen zuhört, ein rechtsfreier Raum zu sein, der da in Westerfilde mit dem Zuzug von Bulgaren und Rumänen entstanden ist.

Gemeldet waren in Westerfilde, Stand Dezember 2013, 13 Bulgaren und 7 Rumänen.

Vielleicht resultiert der Widerspruch zwischen Zahlen und gefühlter Wirklichkeit einfach aus zwei Dingen: Einerseits kann es eine Differenz zwischen Meldezahlen und Realität geben. Andererseits die sozialen Verhältnisse im Stadtteil: Knappe 20 Prozent der Menschen in Westerfilde sind arbeitslos, sieben Prozent mehr als in ganz Dortmund. Die Menschen hier haben in den letzten 15 Jahren immer nur verloren, erst die Arbeitsplätze, dann die Nachbarn, dann irgendwann den Stolz. Kohle, Stahl und Bier, der alte Dortmunder Dreiklang, wurde hier abgelöst durch Arbeitslosigkeit, Armut und Zorn.

Zorn auf die da oben, in Stadtspitze und Verwaltung, die sich, so wird es hier wahrgenommen, nicht kümmern.

Und Zorn auf die da unten, die noch ärmer sind und jeden Tag, wenn man sie sieht, zeigen, dass der Weg nach unten noch weiter gehen kann und viele Facetten hat.

Die ersten, die begriffen, dass man aus der tatsächlich bestehenden Verwahrlosung politisches Kapital schlagen konnte, waren in Dortmund die Rechtsradikalen. Ein Versagen, das sich neben der Lokalpolitik auch die Öffentlichkeit an ihr Revers heften darf. Denn die Zeichen für den Niedergang Westerfildes, maßgeblich befeuert durch die Klammer der Finanzinvestoren, waren deutlich zu sehen. Für die, die ihn sehen wollte.

Die passenden Zahlen liegen seit Langem vor. Es gibt zwei städtische Quartiersanalysen über Westerfilde, die Ergebnisse lesen sich miserabel. Hoher Migrantenanteil, hohe Arbeitslosenquote, ein "anhaltender Abwärtstrend" für zwei größere Gebäudebestände in Westerfilde. Die vielleicht größte Katastrophe aber beschreibt die Analyse in 26 nüchternen Worten: "Westerfilde als Meldeadresse ist für Schulabgänger ein Hindernis bei Bewerbungen. Aufgrund des schlechten Außenimages finden laut Experten Bewerbungen von Westerfilder Schülern kaum bis gar keine Berücksichtigung."

Griffin musste schließlich seine Wohnungsbestände im Mai 2013 auf Druck der Banken verkaufen, die Dänen konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen. Der Wert des Wohnungspaketes wurde laut Geschäftsbericht von Griffin mit 134,5 Millionen Euro ausgewiesen, die ausstehenden Kredite beliefen sich auf 180,6 Millionen Euro. Käufer war erneut ein Finanzinvestor: Corestate Capital Partners. Auch hier wurde das Geschäft als Share-Deal gemacht.

Wie viele Aufmärsche von Rechtsradikalen, ob groß oder klein, mittlerweile durch Westerfilde gezogen sind, weiß Hohmann nicht mehr. Vor zwei Jahren begann das, sagt sie, die letzte Demo war die größte. Wenn die Rechten aufziehen, erkennt sie immer mehr Nachbarn in ihren Reihen. Es gab aber nicht nur Demonstrationen. Ende Februar 2014 fand ein sogenanntes Sicherheitsgespräch mit Anwohnern über die allgemeine Situation in Westerfilde statt. Das Gespräch mit Vertretern der Stadt und der Polizei wurde in einem Raum der Arbeiterwohlfahrt geführt. Es kamen auch sechs, sieben jüngere Männer vorbei. "Erst haben wir uns gewundert, so viele junge Leute hier, die man gar nicht einordnen kann", sagt Frau Hohmann. Einer von ihnen habe sich als Dennis Giemsch vorgestellt, er und seine Begleiter würden den Bewohnern gerne helfen, es könne ja nicht sein, dass Westerfilde immer mehr vermülle, so etwas könne man als Deutscher nicht dulden. Es war die Rede von einer Bürgerwehr, die sich selber kümmern sollte. Giemsch fand Zustimmung unter vielen, die da waren. Er würde, sagte er dann noch, in Westerfilde aktuell ein Büro suchen. Wenn er das habe, sei auch mehr Polizei vor Ort.

Es könnte sein, dass Giemsch damit nicht falsch liegt. Er war Führungskader des mittlerweile verbotenen rechtsradikalen Nationalen Widerstands Dortmund. Nachdem diese "Kameradschaft" 2012 verboten worden war, suchten dessen Mitglieder Schutz bei der Partei "Die Rechte". Giemsch ist Landesvorsitzender der Rechten in NRW, auf der Liste bei der Kommunalwahl stand er auf Platz zwei. Inzwischen ist er als Nachfolger von Siegfried Borchardt alias SS-Siggi in den Rat der Stadt nachgerückt. Nicht wenige halten Giemsch für die intellektuelle Spitze der Dortmunder Rechten.

Sie bieten einfache Lösungen für komplexe Problemlagen an. "Das Problem dabei ist, dass komplexe Problemlagen auch komplexe Problemlösungen erfordern." Sagt Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zoerner.

Im Januar 2014 etablierte Corestate Capital Partners einen Sicherheitsdienst, der die Lage vor Ort beruhigen und sich unter anderem um Streitigkeiten unter den Bewohnern kümmern soll. Laut Anwohnern hätten sich die Sicherheitsleute nur zu viert und in der Regel mit Hund an ihre Arbeit gemacht. Zu der Zeit weigerten sich bereits Zeitungsboten, die ein Anzeigenblatt austrugen, in die Wohnwürfel zu gehen. Inzwischen werden die Zeitungen nach Beschwerden wieder zugestellt - der Sicherheitsdienst ist aktuell wieder eingestellt worden. Und der einzige Vollversorger vor Ort, ein Rewe-Supermarkt, ist seit Ostern dieses Jahres geschlossen.

Wie sich die Spirale in Westerfilde weiterentwickelt? Schwer zu sagen, viel hängt von Corestate ab. Schlechter als unter Griffin sei es nicht geworden, sagen Anwohner - aber das ist auch immer eine Frage des Blickwinkels. Wie viel schlechter kann schlecht noch werden? Corestate hat sich, so heißt es, den Ruf erworben, sogenannte gekippte Wohnungsbestände drehen zu können, um sie dann wieder weiterzuverkaufen. Die Frage ist, wie viel Geld das Unternehmen mit Sitz in der Schweiz für ein temporäres Engagement in die Hand nehmen will.

Auf Anfrage heißt es von Corestate, dass diese Frage einerseits von der individuellen Substanz der Wohnungsbestände und andererseits von externen Faktoren abhänge. Eine Summe könne nicht beziffert werden. Ein wenig konkreter wird das Unternehmen bei der Frage, wie lange sie in Westerfilde Besitzer bleiben wollen: Üblicherweise würde ein Zeithorizont zwischen zwei und fünf Jahren anvisiert.

Unklar ist im Moment auch, wie sich die Stadt Dortmund verhält. Im Herbst 2014 soll der Rat der Stadt ein "Integriertes Handlungskonzept" verabschieden, um so Fördergelder für den Stadtumbau beantragen zu können. Es geht um 11,4 Millionen Euro in zehn Jahren, gefördert werden sollen unter anderem ein Familientreff, die Neugestaltung des Marktplatzes oder etwa Quartiershausmeister.

Das Problem des Stadtteils ist inzwischen im Rathaus angekommen: Es gab die beiden kleinräumigen Quartiersanalysen, es gab 2013 und 2014 zwei Bürgerdialoge vor Ort, Workshops, und eben das "Integrierte Handlungskonzept". Das unterstützt eher soziologische Hebel, setzt auf neu zu weckenden Gemeinsinn vor Ort und auf die Mitarbeit von Finanzinvestoren. Doch neben den begleitenden soziologischen Möglichkeiten hat eine Kommune für Verhandlungen mit Finanzinvestoren auch das Ordnungsrecht auf ihrer Seite. "Die meisten Schwerter sind stumpf", sagt dazu Sozialdezernentin Zoerner.

Bisher ist Westerfilde ein "einfaches Stadtumbaugebiet". Um daraus ein "Stadtumbaugebiet mit Satzung" zu machen, was die städtische Verhandlungsposition gegenüber den Finanzinvestoren deutlich stärken würde, bedarf es personellen Einsatzes und Geld. Man könnte, um im Bild zu bleiben, die städtischen Schwerter schärfen. So sieht es der Mieterverein. Außerdem müsse man über Rückkäufe durch das städtische Wohnungsunternehmen Dogewo21 nachdenken. Die Frage wäre hier dann letztlich die gleiche wie bei Corestate: Wie viel Geld will die Verwaltung für Westerfilde in die Hand nehmen?

Statistisch gesehen hatte die Süddeutsche Zeitung recht, als sie Westerfilde Dortmunds "neue Nazi-Hochburg" nannte: 13,5 Prozent wählten hier bei der letzten Kommunalwahl, in einem Wahllokal im Schatten der Wohnwürfel, rechtsextrem. Mehr Prozente holten die Rechten nirgends in Dortmund. Allerdings gingen hier auch nur 25,3 Prozent von denen, die wählen durften, wählen. Man kann das Westerfilder Wahlergebnis als eine Antwort sehen. Auf die Frage, was passiert, wenn Bewohner eines Stadtteils das Gefühl haben, über Jahre alleine gelassen worden zu sein.

Die Stadt sagt, sie glaube an den Wohnstandort Westerfilde. Es werde ein langer Weg werden, der nicht von Montag auf Dienstag funktioniere. Man brauche, sagt Zoerner, einen sehr langen Atem. Und zitiert dann Johannes Rau: "Die Kommune ist der Ernstfall der Demokratie."

Auf die Frage, warum sie nicht die einfachen Antworten der Rechtsextremen übernimmt, sagt Hohmann, dass das, was vor über 70 Jahren passierte, nicht noch einmal passieren dürfe. "Wie leicht schlägt der Missmut von den Leuten in jetzt nicht vorstellbare Aktionen um." Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Monika Hohmann will aus Westerfilde nicht weggehen.

Wenn sie auf ihrem Balkon steht, sieht sie nur wenige Meter entfernt davon einen massiven Metallzaun. Er kommt von links aus einem Gestrüpp und verläuft an dem Balkon nach rechts vorbei, wiederum in ein Gestrüpp. Ein Anfang oder ein Ende des Zauns sind vom Balkon aus nicht zu sehen. Er steht seit sieben Jahren. Der Zaun trennt ihren Wohnblock, im Besitz eines Finanzinvestors, von den benachbarten Häusern im Besitz eines größeren Privatvermieters. Dessen Bewohner sollen durch den Zaun geschützt werden, sie wurden bedroht und erpresst.

Also kam der Zaun, er ist grün. Grün, heißt es, ist die Hoffnung. Grün wird auch als Signal für das Unproblematische, Positive und Ordnungsgemäße betrachtet.

Allein die Farbe des Zauns ist ein schlechter Witz.

 

Ruhr Nachrichten

Nr. 124 vom 29. Mai 2014

Bewertung der Jury

Tobias Großekemper erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2015 in der Kategorie »Lokaljournalismus« für den Beitrag »In der Westerfilder Spirale«, erschienen in den Dortmunder Ruhr Nachrichten am 29. Mai 2014.


Westerfilde. Der Name des Dortmunder Stadtteils steht für verrotteten Wohnraum, Straßenkriminalität, Aufmärsche von Rechtsradikalen – oder wie Tobias Großekemper schreibt: »Kohle, Stahl und Bier, der alte Dortmunder Dreiklang, wurde hier abgelöst durch Arbeitslosigkeit, Armut und Zorn.« Was ist hier passiert, dass bei der letzten Kommunalwahl 13,5 Prozent rechtsextrem wählten? Tobias Großekemper hat konsequent nachgefragt, den Reporterblick geradeaus gerichtet auf das Ziel, die Ursache. Der Lokalredakteur legt eine Kette von Spekulationsverkäufen frei, die den Stadtteil immer tiefer in die Abwärtsspirale gezogen haben. Dabei lässt er nie die Frage aus den Augen: Was hat diese Entwicklung mit den Menschen gemacht, die dort leben? Mit seiner faktenreichen Reportage zeichnet Tobias Großekemper ein eindringliches Bild von Hilflosigkeit, Wut und einem winzigen Rest Hoffnung. Mit ausdauernder Recherche-Kraft und gekonnt klarer Sprache setzt er einem schwerkranken Stück Heimat ein Denkmal – absolut preiswürdig.

Kurzbiographie

Tobias Großekemper

Geboren 1973 in Bochum.


Nach einer abgeschlossenen Ausbildung zum Krankenpfleger begann Tobias Großekemper im Jahr 2000 ein Journalistik-Studium an der TU Dortmund. Nach dem Vordiplom absolvierte er ein Volontariat bei den Ruhr Nachrichten und arbeitet seit dem Jahr 2003 als Redakteur in verschiedenen Redaktionen des Hauses. Seit 2009 ist er in der Lokalredaktion Dortmund angestellt, dort war er zunächst als Editor tätig und ist dann, wie er selbst sagt, »zum Glück wieder Reporter geworden «.


Glücklich verheiratet, zwei Kinder, Fliegenfischer.