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Rede des Vorsitzenden des Kuratoriums Theodor-Wolff-Preis, Hermann Neusser, anlässlich der Preisverleihung am 9. September 2015 in Koblenz

Es gilt das gesprochene Wort

Ich freue mich, dass wir den Theodor-Wolff-Preis erstmals in Koblenz verleihen. Unser Fest ist einmal mehr ein Treffen, bei dem Journalisten, Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft zueinanderfinden. Herzlichen Dank, dass Sie alle unserer Einladung gefolgt sind.

Ein Dankeschön auch dem Theater Koblenz, in dem wir heute Abend feiern dürfen. Lassen Sie sich von diesem herrlichen barocken Interieur nicht in die Irre führen. Dahinter verbirgt sich eine hoch moderne Institution. Und vom Intendanten über die Darsteller bis zum Pressesprecher hat die gesamte Mannschaft daran mitgewirkt, dass unsere Autoren heute Abend im Rampenlicht stehen. Eine Bühne für die Besten der Besten – so wie man sich das für einen solchen Anlass nur wünschen kann.

Mein ganz besonderer Dank gilt natürlich dem Mittelrhein-Verlag in Koblenz, der in diesem Jahr die Rolle der Gastgebers übernommen hat. Aus diesem Haus kamen – mein Kollege und Freund Walterpeter Twer erwähnte es gerade – bereits vier Preisträger. Die bisher letzte und jüngste unter ihnen, Rena Lehmann, konnten wir 2011 in Bonn auszeichnen, sie ist heute Korrespondentin in Berlin. So beginnen Karrieren.

Der Theodor-Wolff-Preis gilt als Gradmesser für den publizistischen Anspruch, dem sich alle unsere Zeitungen jeden Tag stellen. Er belohnt die hohe Qualität einer redaktionellen Leistung. Und genau diese Qualität ist das zentrale Kriterium für den Erfolg unseres Mediums – ganz gleich, ob es auf Papier oder auf einem Display gelesen wird.

Der publizistische Anspruch und die Leistung der Zeitung wird in diesen Tagen beim Umgang mit dem Flüchtlingsthema wieder besonders deutlich. Die Situation in den Herkunftsländern, einzelne Schicksale, Fluchtwege, die Herausforderungen für die europäische und die deutsche Politik, die Anstrengungen für Länder und Kommunen, Angst und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung – alles wird beleuchtet, erzählt, erklärt und der Journalist wird zum Vermittler einer aus Krieg, Terror und Not geborenen Völkerwanderung. Großartig und nachahmungswürdig finde ich zum Beispiel die Idee des Hamburger Abendblatts, Flüchtlinge als Reporter einzusetzen und ihnen damit eine eigene Stimme zu geben. Was wird wohl unsere Jury im nächsten Jahr  an Beiträgen über diese Ereignisse zu lesen bekommen?

Das führt uns auch schon zum eigentlichen Anlass unserer  Zusammenkunft: Wir - Jury und Kuratorium - haben die Freude und das Privileg, heute sieben Damen und Herren mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausragende journalistische Leistungen auszuzeichnen.

Sie, liebe Preisträger, haben beeindruckende journalistische Stücke vorgelegt, die über den Tag hinaus wirken. Bei aller Verschiedenheit der von Ihnen bearbeiteten Themen und Stoffe bestechen Ihre Texte durch Kreativität, Beobachtungsgabe, gründliche Recherche, sprachliche Brillanz und Originalität. Obendrein waren Sie selbstkritisch und selbstbewusst genug zu beurteilen, dass Ihnen mit diesen Beiträgen etwas ganz Besonderes gelungen ist, wert, einer sehr anspruchsvollen Jury vorgestellt zu werden.

Lassen Sie mich mit dem Kernstück der Zeitungen, mit dem Lokalen, beginnen. Da hat sich also Tobias Großekemper für die „Ruhr Nachrichten“ gefragt, warum in Dortmund so viele Bürger rechtsradikal denken und wählen – und was das mit einem verfallenden Häuserblock „in der Westerfilder Spirale“ zu tun haben könnte. 

Für das Online-Angebot der „Südwest Presse“ in Ulm haben Rudi Kübler und Christine Liebhardt „Die Nacht der 100.000 Bomben“ geschildert. Die beiden Autoren rufen mit Hilfe von Zeitzeugen und zahlreichen Archivfunden den 17. Dezember 1944 in Erinnerung, als 330 britische Bomber die Stadt Ulm in Schutt und Asche legten. Diese großartige Leistung zeigt, was digitaler Online-Journalismus kann.

Das also sind die diesjährigen Gewinner im Lokalen. Erfreulicherweise konnte die Jury 2015 aber nicht nur über diese drei entscheiden, sondern über eine Vielzahl anspruchsvoller und preiswürdiger Beiträge gerade aus den Lokalteilen unserer Zeitungen. Wir sind stolz auf die hohe Zahl und die Qualität der Einreichungen für diese Kategorie.

Exzellenter Journalismus ist ein wirksames Plädoyer für unser Medium. Die ausgezeichneten Beiträge heute Abend beweisen das einmal mehr auf das Schönste. 

Sie können diese Artikel übrigens, verehrtes Publikum, allesamt und in voller Länge kennenlernen. Sie finden sie auf der Website des Theodor-Wolff-Preises eingestellt.

Sie können die preisgekrönten Artikel auch in Ruhe zuhause nachlesen. Beim Hinausgehen erwartet Sie eine Broschüre mit allen Texten, die wir heute Abend hier auszeichnen.

Und Sie können die Text-Passagen, die gleich vorgetragen werden, sogar noch einmal nachhören. Das Theater Koblenz stellt uns freundlicherweise die entsprechenden Audiofiles für unsere Website zur Verfügung.

Dann werden Sie zum Beispiel miterleben, wie einem von Roland Schulz für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ porträtierten Kriminalhauptmeister in München zwei Mordfälle zur Lebensaufgabe wurden. Sie werden in Gedanken bei den ukrainischen Demonstranten am Maidan stehen, über deren politischen Einstellungen und Motive Konrad Schuller für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtete. Und Sie werden über Bernd Ulrichs Essay für die „Zeit“ nachdenken. Darin analysiert der Autor die Vielzahl der aktuellen Krisen und Kriege von der Ukraine über Gaza bis zu Syrien und dem Irak und fordert insbesondere den Westen dazu auf, vermeintliche politische Gewissheiten zu überprüfen und gesellschaftliche Ideale neu zu justieren.

Heute Abend wird auch ein journalistisches Lebenswerk mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Die unabhängige Jury würdigt damit die Arbeit einer Journalistin und Autorin, die sich ebenso geistreich wie streitbar seit Jahrzehnten für die Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses einsetzt und sich obendrein als Medienkritikerin insbesondere bei Fragen rund ums Fernsehen einen Namen gemacht hat.  Es ist uns ein großes Vergnügen, Sie, liebe Frau Sichtermann, heute Abend bei uns zu sehen!

Herzlich willkommen auch der Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Sehr geehrte Frau Nahles, wir freuen uns, dass Sie unserer Bitte gefolgt sind und heute die Laudatio halten auf diese ungewöhnliche Journalistin, Kolumnistin, Autorin, Ex-Schauspielerin...  Wir sind gespannt, sehr geehrte Frau Nahles, auf Ihre Worte.

Meine Glückwünsche verbinde ich mit denen der rund 280 Zeitungsverlage, die den Theodor-Wolff-Preis tragen. Sie gelten den Preisträgern, sondern auch den Redaktionen und Verlagen, die hinter diesen  Autoren stehen und damit die Rahmenbedingungen für solch herausragende Arbeiten schaffen.

Preisverleihungen, meine Damen und Herren, sind ja immer auch eine gute Gelegenheit, über die eigene Branche nachzudenken, gleichsam Rechenschaft abzulegen über alte Ziele und neue Herausforderungen, über wichtige Ereignisse, schmerzhafte Niederlagen und grandiose Siege. Das haben wir auch beim Theodor-Wolff-Preis stets so gehalten. Selten allerdings befanden sich Medien und ihre Macher nach meiner Erinnerung in Deutschland in einer solchen Verteidigungshaltung wie heute. Und zwar nicht etwa gegen diejenigen Menschen, die Medien nutzen, sondern ganz offenkundig gegenüber Leuten, die nichts mit ihnen zu tun haben ... wollen.

Das begann mit den Pegida-Aufmärschen in Dresden und anderswo, als Tausende „Lügenpresse halt die Fresse“ skandierten, die Foren von Presse und Rundfunk in den sozialen Medien mit primitiven Hass-Meldungen überschwemmten und Journalisten in Cottbus wie in Dortmund massiv bedroht wurden.

Das endet nicht mit ratlosen oder vielleicht doch eher unberatenen Strafverfolgungsbehörden, die gegen zwei Blogger von der Plattform Netzpolitik.org wegen Landesverrats ermitteln, weil die einen Haushaltsplan des Verfassungsschutzes aus unbekannter Quelle durchgestochen hatten. 

Landesverrat, meine Damen und Herren? Musste es wirklich die ganz große Kanone sein, um zwei Blogger mächtig einzuschüchtern? Landesverrat? Das ist ein Vorwurf, der sonst bei schwerer Spionage und in Kriegen erhoben wird. 

Es ist höchste Zeit für Abrüstung, nicht nur im Denken und Tun, auch in der Sprache, in der wir miteinander kommunizieren - und die nach meinem Eindruck eben immer kriegerischer, drastischer, undifferenzierter wird. Vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, aber doch auch in Presse und Rundfunk.

Dabei geht es mir gerade nicht um Beschönigung; es ist gut, wenn aktuell über den gedankenlosen Gebrauch verschleiernder Begriffe wie Asylkritiker oder besorgte Bürger diskutiert wird, wo eigentlich Asylverweigerer und militante Rechtsradikale gemeint sind. Wobei ich mir sehr wohl im Klaren bin, dass nicht alle Asylkritiker Asylverweigerer und die Mehrzahl der besorgten Bürger keine militanten Rechtsradikalen sind.

Hinsehen, nachdenken, recherchieren – und dann klar sagen, was ist und was das alles zu bedeuten hat. Das ist die Aufgabe.

Damit komme ich nun zurück auf das Ereignis, das uns hier zusammengeführt hat, nämlich die Auszeichnung der Besten des Jahres 2014. Ich wünsche uns allen einen unterhaltsamen, einen inspirierenden Abend und gebe das Wort jetzt an Jörg Thadeusz, der uns durch das Programm führen wird.