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Prämierter Text

Dann nehmen sie Anlauf und werfen

Von Konrad Schuller

In Kiew brennen die Barrikaden. Eine Hausfrau mischt Molotow-Cocktails für Bankangestellte und Studenten. Die Wut auf die Regierung treibt sie an.

Eine schwarze Wand. Rauch in quellenden, schnell wachsenden Türmen, dicht, zuckend, warm wie Samt. Die Männer werfen und werfen. Alles schluckt diese Wand: die hoch fliegenden Steine des Kiewer Pflasters, die scharf gerade­aus pfeifenden Kugeln der Zwillen, die Feuerwerkskörper. Brandflaschen fliegen mit feurig gewölbter Spur auf die zuckenden Schwaden zu, dann hat die Wand sie verschluckt.

 

Die Wand ist unten glutrot. Autoreifen brennen heiß, schnell und mit diesem dicken, pechschwarzen Qualm. Im flackernden Licht tragen beladene Männer immer neue aus der Nacht herbei, rollen sie ins Feuer. Weiß Gott, wo einer auf die Schnelle so viele Reifen herkriegt. Jetzt liegen sie jedenfalls quer über der Gruschewski-Straße, und sie brennen gut.

 

Die Gruschewski-Straße in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ist ein schöner Boulevard mit alten Häusern, hinter dem Majdan gleich rechts, am Nationalmuseum vorbei und dann den Berg hinauf zum Parlament und zum Marijinskj-Park hoch über dem Fluss. Eigentlich ist sie eine der zentralen Adern der Stadt. Seit einer Woche aber, seit die friedliche Revolution des Majdan zu Ende ging und die Gewalt begann, ist die Ader verstopft. Ein halbes Dutzend überfrorener Buswracks, dunkelgrau metallische Trophäen der ersten Kampfnacht, liegt ausgebrannt und starrend quer über der Fahrbahn. Unmittelbar vor den Wracks, gleichsam an der Frontlinie zwischen Opposition und Regime, steigt die Rauchwand hoch. Dahinter, dem Majdan zu, nehmen sie Anlauf mit ihren Feuergeschossen, meist junge Kerle, oft aber auch gestandene Männer, Familienväter. Kaum losgeschleudert, verschwindet die Brandspur im Qualm. Wo die Molotow­cocktails aufschlagen werden, weiß keiner. Man weiß nur, dass drüben, jenseits des Rauchs, der Feind steht, die Sondermiliz Berkut, wahrscheinlich keine zehn Schritt entfernt, Schild an Schild dicht gepackt, die schwarzen Helme eingezogen im Hagel der Geschosse, zusammengekauert, auf Befehle wartend.

 

Viktoria hat ihren Platz ein wenig abseits. Während die Männer werfen, während weiter hinten die anderen Frauen mit ihren Knüppeln auf den Feuertonnen der Wachposten den ewig gleichen Rhythmus dieser Revolution schlagen, einen monotonen, blechern aufpeitschenden Zweivierteltakt, hat sie sich außerhalb der Schusslinie ihr Plätzchen gesucht, in Deckung hinter den prachtvollen Säulen am Eingang des Dynamo-Stadions. Hier kommen die Gummigeschosse und die Gasgranaten nicht durch, die manchmal sporadisch, manchmal aber auch als dichter Hagel durch die Schwärze herüberkommen, das einzige Lebenszeichen der Miliz auf der anderen Seite.

 

Viktoria ist eine Frau mitten im Leben, Typ arbeitende Mutter, Innenarchitektin, der Lidstrich frisch nachgezogen, ein Lammfelljäckchen mit Kapuze gegen die Kälte. Jede der Frauen hier an den Barrikaden hat ihre Aufgabe. Die älteren halten die Feuer in Gang, die Nacht hindurch, damit den Kämpfern nicht die Füße erfrieren, die Jüngeren hacken die Pflastersteine klein, damit sie besser fliegen, und Viktoria hat die Cocktailküche übernommen. Rechts der Kanister, links die Flaschen, und dazwischen reißt sie gerade sorgfältig ein Unterhemd in schmale Streifen - Material für den Stoffverschluss im Flaschenhals, für die kleine Benzinfahne, welche die Männer gleich anzünden werden. Viktoria, anpackend, sorgsam, ganz Hausfrau, reißt, zwirbelt, stopft - Flasche nach Flasche, die Männer stehen Schlange, und bevor sie dann Anlauf nehmen, um sie in die Rauchwand zu schleudern, sagen sie zueinander: Verzeih, hast du Feuer? Sie hat sich einen Helm geschnappt, von den Beständen der Revolution drüben am Majdan, dem verrammelten Hauptlager der Revolution, ein paar hundert Meter die Gruschewski hinab. Er ist orange, aus Plastik, mit einem lustigen Stofftier obenauf - ein letzter Gruß jener Zeit, als diese Revolution gegen das Regime des Präsidenten Viktor Janukowitsch noch eine Party sein wollte, ein allabendliches fröhliches Fest mitten in der Stadt. Das war, als es noch keine Toten gab.

 

Weiß Viktoria, was sie tut? Hat sie eine Vorstellung, was hinter der Rauchwand mit diesen Flaschen geschieht, die sie so umsichtig füllt, verschließt, verteilt? Weiß sie, was brennendes Benzin mit einem menschlichen Gesicht macht? Das Innenministerium hat es vor ein paar Tagen auf seiner Website gezeigt. Da konnte man sehen, was passiert, wenn ein Polizist einen Treffer abbekommt, wie er schreit, wie er rennt, wie er um sich schlägt, bis er eingefangen und gelöscht wird. Ja, sagt sie. Ja. Sie spreizt die gepflegten Hände, die jetzt allerdings nass sind von Benzin und vom Ruß ein wenig schwarz unter den Nägeln. Ich weiß, dass das eine tödliche Waffe ist, ich weiß, dass manche von diesen Männern hinter der Wand Frauen und Kinder haben. Dass sie vielleicht selbst fast noch Kinder sind. Ich weiß, dass sie Angst haben - vor unseren Flaschen, vor ihren Vorgesetzten. Aber sie haben es so gewählt. Ich will kein Schmiergeld mehr zahlen müssen, wenn die Finanzkontrolle kommt, ich will diese Bande nicht mehr. Ich bin eine gesetzestreue Frau. Wir alle müssen wählen, und sie haben es so gewollt.

 

Die Männer nehmen ihr die Flaschen aus der Hand. Ein Student, ein Bauarbeiter, ein Bankangestellter. Dann nehmen sie Anlauf und werfen.

 

Wer verstehen will, wieso Nachbarn, Kollegen, Passanten, Menschen des Alltags, jetzt in Kiew Molotowcocktails werfen, muss nur ein wenig zurückblicken, zum Beispiel zum 24. Dezember. Wieder ist eine Frau die Heldin, Tanja Tschornowol, eine bekannte oppositionelle Journalistin. Immer wieder hat sie die Korruption der Macht offengelegt, die verdeckten Paläste der Präsidentenfamilie, Janukowitschs Uferpavillon in Gestalt einer spanischen Galeone auf seinem märchenhaften Anwesen draußen vor der Stadt, kostbar ausgeführt in edlen Hölzern. In dieser Nacht Ende Dezember also fährt sie in ihrem Kleinwagen heim, die Flughafenstraße hinaus vor die Stadt, als plötzlich ein dunkler Porsche Cayenne Turbo ihr Auto rammt und von der Straße drängt. Männer steigen aus, holen sie aus dem Fahrzeug und beginnen wortlos und gewissenhaft, mit den Fäusten ihr Gesicht zu zerschlagen. Tanja Tschonrowol, eine außergewöhnlich zarte Frau mit langen lockigen Haaren, sagt ebenfalls nichts. Wozu auch. Später berichtete sie, während sie gespürt habe, wie ihre Nase unter den sorgfältig gezielten Hieben der Männer zerbrach und in ihr Gesicht sank, sei sie einfach nur mit herabhängenden Armen dagestanden. Als sie dann nicht mehr stehen konnte, hätten die Männer sie bewusstlos, mit Blut in den Lungen, am Straßenrand liegen lassen. Tags darauf sah dann die Nation ihr Bild auf den Websites der oppositionellen Presse: Eine blauschwarz gequollene Masse, dem schmalen, markanten Gesicht Tanja Tschornowols, das jeder kannte, nicht mehr ähnlich.

 

Oder der Fall von Ihor Luzenko und Jurij Werbitzkij. Werbitzkij hatte als Demonstrant gegen das Regime bei den Kämpfen auf der Gruschewski eine Augenverletzung abbekommen, und Luzenko, ein Kiewer Bürgerrechtler, den die Zeitung Kyiv Post kürzlich als "eine Person von großer Würde" beschrieben hat, als "einen der eindrucksvollsten Führer, welche die Zivilgesellschaft in den letzten Monaten hervorgebracht hat", las ihn auf und fuhr ihn zum nächsten Krankenhaus. Als dann die diensthabende Ärztin sich um Werbitzkij kümmerte, erschienen fremde Männer im Raum. Luzenko erinnert sich, es seien etwa zehn gewesen. Vor den Augen der Ärztin packten sie den Patienten und seinen Begleiter, zwangen sie in einen Bus und fuhren mit ihnen in ein Waldstück. Auf seiner Facebook-Seite hat Luzenko die Stunden danach wie folgt beschrieben: Die beiden Gefangenen wurden von ihren Entführern zu Boden geworfen und geschlagen. Luzenko hatte eine Tüte über dem Kopf, er sah nichts, fühlte aber einen harten, kühlen Boden.

 

Er hörte die Gespräche der Männer, die ihn schlugen, und er schloss aus ihren Gesprächen, dass diese Leute so etwas öfter taten: Menschen schnappen, sie verprügeln, und hinterher zur Miliz bringen, in die Arrestzelle.

 

Als die Männer die Prügel beendet hatten, setzten sie Luzenko in einem Wald aus. "Sie zwangen mich auf die Knie, den Sack immer noch über den Kopf gezogen, die Stirn gegen eine Fichte gepresst. In dieser Nacht habe er dem Leben mindestens dreimal adieu gesagt.

 

Doch die Hinrichtung blieb aus, und während Luzenko noch an seiner Fichte kniete, sind die Männer verschwunden. Danach ist er dann, zerschlagen und halb ohnmächtig, mit einem fehlenden Schneidezahn, noch eine Strecke durch das Schneegestöber gewankt, mehr kriechend als gehend, und um sich bei Bewusstsein zu halten, sang er Kosakenlieder. Als er auf eine Datschensiedlung stieß, war er gerettet.

 

Werbitzkij hatte weniger Glück. Die Männer hatten ihn mit Klebeband verschnürt, bevor sie auch ihn in der Schneenacht aussetzten. Man fand seinen erfrorenen Leichnam im Wald, nicht weit von der Stelle, wo Luzenko sich gerettet hatte.

 

Seither ist viel geschehen. Demonstranten sind erschossen worden, mit scharfer Munition, und die Miliz sagt nur, das habe die Opposition sicher selbst getan, um Hass zu schüren. Auf der Gruschewski-Straße hat ein hagerer Mann mit ernstem Gesicht und vorstehenden Rippen, ein Gefangener der Miliz, sich unter offenem Frosthimmel, im Eis unter Schlägen und Püffen, restlos entblößen und den grienenden Milizionären ein Liedchen singen müssen, bevor sie auch ihn verprügelten. Ein durchgesickertes Video der Szene empörte die Nation so tief, dass sogar die Miliz selbst erschauerte. Eine Internetzeitung berichtet jedenfalls von einem Polizisten, der seinen Arbeitsplatz quittierte, nachdem er das Video gesehen hatte. Schon Christus der Erlöser, so begründete er seinen Schritt, habe nackt und entblößt den Spott der Welt ertragen müssen. Wenn jetzt Polizisten wie er diese Tat wiederholten, könne er den Menschen nicht mehr in die Augen sehen.

 

An der Barrikade fliegen die Feuerbrände ins Schwarze, in hohem Bogen, bis der Qualm sie lautlos schluckt. Die Frauen im Hintergrund, manche in Filzjacken, manche auch in den kostbaren Pelzen, die bis heute der Stolz der Ukrainerin sind, trommeln an den Feuertonnen den dröhnenden Zweivierteltakt der Revolution. Viktoria füllt ihre Flaschen, sorgsam und schnell. Selbst als Kameras kamen, hat sie ihr Gesicht nicht verdecken wollen. Wozu auch. Andrij Parubij, der "Kommandant" des Majdan und seiner Hundertschaften, hat kürzlich gesagt, nach all dem, was schon geschehen sei, bleibe seinen Leuten ohnehin nur die Wahl zwischen Sieg und Gefängnis.

 

Vor der Rauchwand mitten im Trommeln plötzlich ein Tippen an der Schulter. Eine kleine Frau in der Winternacht, rot und rund wie ein Apfel. Sie trägt einen Kanister mit Uswar, dem altukrainischen Dörrobstkompott, das hier zu jeder Kindheit gehört. Möchtest du? Es schmeckt selbstgemacht. Das ganze Wissen, die ganze Fürsorge einer ukrainischen Großmutter strömt in einen hinein. Ihor Luzenko, der Überlebende unter den beiden Entführten im Wald, berichtete später auf seiner Facebook-Seite, wie er an seiner Fichte kniete, den Kopf in der Tüte. "Sie befahlen mir, zu beten", schrieb er. "Und ich lehnte nicht ab."

 

Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Nr. 4 R vom 26. Januar 2014

 

 

Bewertung der Jury

Konrad Schuller erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2015 in der Kategorie »Reportage/Essay/Analyse« für den Beitrag »Dann nehmen sie Anlauf und werfen«, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 26. Januar 2014.

Konrad Schuller gelingt es, mit seiner Geschichte über den Kampf der Ukrainer auf dem Majdan einen Sog zu entwickeln, dem man sich nicht entziehen kann. Man liest nicht über den Majdan, man ist selbst dort. Spürt die Kälte, riecht den Rauch, erahnt die Angst und sieht den Mut. Schuller ist ganz nah an den Menschen und entwickelt aus seinen präzisen Beobachtungen ein Panorama des Kampfes und der Hoffnung. Am Ende zittert man fast wie die Kämpfenden vor den Barrikaden.

Kurzbiographie

Konrad Kuller

Geboren 1961 in Rumänien, in der siebenbürgischen Stadt Kronstadt, die heute Braşov heißt.

Als Konrad Schuller sein Herkunftsland, noch zur Zeit der Diktatur, verließ, hatte er erfahren, dass Armut lästig ist, ideologische und nationale Ausgrenzung aber unerträglich. Deutschland empfing den Einwanderer mit Großzügigkeit, und er fand, dass dies seinem neuen Land gut anstand. Prägende Jugendeindrücke waren Thomas Manns »Zauberberg« und Andrej Tarkowskijs »Solaris«. Nach einem Studium der Neueren Geschichte und der Volkswirtschaftslehre erlernte er seinen Beruf an der Münchner Journalistenschule und verbrachte Wanderjahre in Rom sowie beim BBC World Service in London. In die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung trat er 1992 ein. Ab 1995 verfolgte er als Korrespondent in Berlin den Weg der Stadt aus der Teilung in die Einheit, setzte sich mit den Folgen der SED-Diktatur auseinander und beschrieb als bekennender Kreuzberger die Lebenswelten der muslimischen Einwanderer. Als im Jahr 2001 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung entstand, gehörte er zum Gründungsteam der Berliner Parlamentsredaktion. Seit 2004, dem Jahr des polnischen
EU-Beitritts und der ukrainischen »Revolution in Orange«, ist er Korrespondent in Osteuropa. Buchveröffentlichungen in Deutschland und Polen.


Konrad Schuller lebt in Warschau.