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Prämierter Text

Aufnahme läuft!

Von Kerstin Kohlenberg

Der Produzent Stefan Arndt hat mit "Cloud Atlas" den teuersten deutschen Film aller Zeiten herausgebracht. Er braucht Zuschauer, die Kinokarten und DVDs kaufen. Das Geschäft funktioniert – bis Piraten illegale Kopien des Films ins Internet stellen. Aufzeichnung eines Raubzugs

Irgendwann wird jemand im Kino sitzen, vielleicht eine Popcorntüte mit Loch neben sich. In der Tüte steckt eine Kamera. Durch das Loch richtet er das Objektiv auf die Leinwand. Er drückt auf »Record«, und die Kamera läuft, bis der Abspann erscheint. So wird er Stefan Arndt seinen Film wegnehmen.

Das ist es, wovor Arndt jetzt Angst hat.

Ein Nachmittag Anfang August 2012. Arndt sitzt am Schreibtisch seines Berliner Büros, hinter ihm stehen goldene Trophäen. Der Deutsche Filmpreis für Lola rennt, für Good Bye, Lenin!, für Das weiße Band.

Stefan Arndt, 51, ist Filmproduzent, Miteigentümer der Firma X-Filme. Er streicht seine schütteren Haare zurück, erhebt sich schwer aus dem Stuhl und fragt: »Whisky?«

Dann lacht er und ruft seiner Assistentin zu: »Bianca, bringst du uns zwei Cappuccino?«

Die Filme, die Arndt bisher auf den Markt gebracht hat, haben meist etwa zwei Millionen Euro gekostet, manchmal fünf, einmal waren es zwölf. Kleinkram gegen den Film, den er jetzt gemacht hat.

Er heißt Cloud Atlas. Er basiert auf einem Roman des britischen Schriftstellers David Mitchell. Die Amerikaner Lana und Andy Wachowski, Schöpfer der Science-Fiction-Trilogie Matrix, und der Deutsche Tom Tykwer, Regisseur von Lola rennt und Das Parfum, führten Regie. Die Oscar-Preisträger Tom Hanks und Halle Berry spielten die Hauptrollen.

100 Millionen Euro hat die Produktion von Cloud Atlas gekostet. Die Dreharbeiten fanden größtenteils im Studio Babelsberg in Potsdam statt. Dazu kommen noch einmal etwa 100 Millionen für Werbung und Vertrieb. Es ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. ?Stefan Arndt benötigte zwei Jahre und 174 Verträge, bis er das Geld beisammenhatte. Er lieh sich die Millionen bei russischen Oligarchen und einem reichen Chinesen, die Deutsche Filmförderung und die ARD gaben etwas dazu, eine Schweizer Bank stieg ein, eine Investorin während der Dreharbeiten wieder aus, die Absage kam per SMS. Damit das Projekt nicht platzte, steckte Arndt sein eigenes Geld in den Film.

Das Geschäftsmodell eines Filmproduzenten ist schnell beschrieben: Er schafft die Millionen her, die der Film kostet, bringt ihn auf den Markt, kassiert die Einnahmen, begleicht Schulden und Zinsen, und was am Ende übrig bleibt, gehört ihm.

Wenn etwas übrig bleibt.

Früher hing das vor allem davon ab, ob der Film beim Publikum ankam. Mochten die Leute ihn nicht, wurde der Produzent arm. Gefiel er ihnen, machte der Produzent Gewinn. Er zeigte seinen Film erst im Kino, dann brachte er ihn als DVD heraus, schließlich verkaufte er ihn ans Fernsehen. Er hatte Zeit. Die Zeit brachte das Geld.

Heute kann es passieren, dass die Zuschauer Cloud Atlas lieben oder mit der Zeit lieben lernen und Arndt trotzdem umsonst arbeitet. Weil irgendjemand den Film heimlich kopiert und ins Internet stellt. Er wird womöglich tausendfach heruntergeladen, millionenfach angesehen. Es kann dann passieren, dass kaum jemand noch die DVD kauft, dass kein Fernsehsender noch viel Geld dafür bezahlt, dass er den Film zeigen kann. Dann macht Stefan Arndt Verlust, egal, wie lange er den Film vermarktet. ?Internetpiraten könnten ihm seinen Film stehlen. Das ist die Gefahr.

»Kann sein, dass wir daran pleitegehen«, sagt Stefan Arndt an jenem Nachmittag Anfang August 2012.

Zwei Wochen später sitzt Steffen Schuchhardt im Nachmittagszug von Berlin nach Leipzig, zweiter Klasse. Neben ihm liegt der Film, das 100-Millionen-Euro-Werk, gespeichert auf einer Festplatte, gebettet auf Schaumstoff, eingepackt in einen schwarzen Koffer.

Schuchhardt, 34, ist Angestellter von X-Filme. Eigentlich komponiert er Musik, aber weil er davon nicht leben kann, arbeitet er seit Jahren beim Film. Er war Fahrer am Set von Der Vorleser und Tage des Zorns.

Acht Wochen vor der Weltpremiere in den USA wird Arndt seinen Film in Deutschland vorführen. Eine Sondervorstellung für 20 Mitarbeiter der Mitteldeutschen Medienförderung. Ein Risiko. Jemand könnte den Film kopieren, ein Zuschauer, ein Angestellter des Kinos. Alles schon vorgekommen. Vor drei Jahren verbreitete sich eine Raubkopie des amerikanischen Actionfilms X-Men Origins: Wolverine im Internet, einen Monat vor der Premiere. Der Film wurde vier Millionen Mal heruntergeladen. Branchenexperten beziffern den dadurch entstandenen Verlust auf zwölf Millionen Dollar.

Arndt würde seinen Film am liebsten in den Tresor sperren. Aber das geht nicht: Die Medienförderung hat Cloud Atlas mitfinanziert, unter der Bedingung, die zweite Hälfte des Geldes nur freizugeben, wenn der Film gefällt. Deshalb sitzt Schuchhardt jetzt im Zug. Nur vier oder fünf enge Vertraute Arndts wissen von der Fahrt.

Die Leute von der Medienförderung sollen Cloud Atlas am nächsten Morgen um zehn Uhr im Leipziger CineStar sehen. Ursprünglich hatte Arndt ein anderes Kino gebucht, aber das informierte die Presse über die geheime Vorführung. Arndt tobte. Je mehr Leute davon wissen, desto eher wird das Ding abgefilmt, sagte er.

Etwas über eine Stunde dauert die Zugfahrt von Berlin nach Leipzig. Gleich nach der Ankunft fährt Schuchhardt zum CineStar. Der Filmvorführer überträgt Cloud Atlas auf den Server des Kinos, einen bunt blinkenden Turm aus Festplatten. Abspielen kann der Vorführer den Film noch nicht. X-Filme hat per E-Mail eine Art Passwort schicken lassen, mit dem sich der Film vorführen lässt, allerdings bloß ein einziges Mal, nur an dem vereinbarten Tag zwischen 8 und 14 Uhr. Davor und danach ist Cloud Atlas ein Datenwirrwarr.

Zu diesem Zeitpunkt haben sich bereits Tausende Menschen in den internationalen Internet-Tauschbörsen eingetragen. Sie warten auf einen illegalen Mitschnitt von Cloud Atlas. Sobald die erste kostenlose Kopie im Netz ist, werden sie benachrichtigt.

Um die Kosten wieder einzuspielen, muss Arndt den Film in möglichst vielen Ländern auf den Markt bringen. Cloud Atlas wird auf der ganzen Welt laufen. In Los Angeles und Moskau, in Berlin und Kiew, in Kapstadt und Peking. Aber je mehr Kinos ihn zeigen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgendjemand ihn abfilmt.

Stefan Arndt ist jetzt seit 35 Jahren im Filmgeschäft. Mit 14 Jahren hat er die Schule geschmissen, später mit Freunden ein Kino gegründet. Er hat Kurzfilme gedreht, gemeinsam mit zwei Regisseuren das Unternehmen X-Filme gegründet. Es gibt wenig auf der Welt, was er so liebt wie das Kino. Früher liebte er auch die Zuschauer. Heute muss er Angst vor ihnen haben.

Cloud Atlas ist ein komplizierter Film, über den man tagelang nachdenken kann. Ein fast dreistündiges Epos, das im Jahr 1849 beginnt und 500 Jahre später endet, lange nach dem Weltuntergang. Das Drehbuch hat 200 Seiten, doppelt so viel wie bei einem gewöhnlichen Film. Es geht um Macht, Seelenwanderung und den Kampf für einen freien Willen.

Arndt hat sich für diesen Film eine spezielle Vermarktungsstrategie überlegt. Er will Cloud Atlas in den USA in weniger Kinos als üblich anlaufen lassen, dafür soll der Film länger zu sehen sein als sonst. Die Leute sollen Zeit haben, über ihn zu diskutieren, ihn Bekannten zu empfehlen. Erst Wochen nach der US-Premiere soll Cloud Atlas in Europa starten. Die Deutschen, Italiener, Russen werden dann gespannt sein auf diesen Film, über den in Amerika so viele Leute reden. Die Zeit bringt das Geld. Arndt will es so versuchen wie früher. Das ist sein Plan.

Bis zu dem Tag, an dem das Telefon in seinem Berliner Büro klingelt. Sein russischer Partner ist dran.

»Stimmt es, dass du den Film erst zur Berlinale in Europa anlaufen lassen willst? Monate nach dem US-Start?«, fragt der Co-Produzent, der Cloud Atlas in Russland auf den Markt bringen wird.

»Der Film braucht Zeit, er ist anspruchsvoll, er muss sich erst langsam eine Fangemeinde aufbauen«, antwortet Arndt.

So viel Zeit hätten sie nicht, sagt der Co-Produzent. »Sonst verbreiten die Russen die englische Raubkopie mit selbst gemachten russischen Untertiteln, und der russische Markt ist tot, noch bevor Cloud Atlas überhaupt angelaufen ist.«

»Er kann Eröffnungsfilm der Berlinale werden«, versucht es Arndt noch einmal. Bei Deutschlands größtem Filmfestival sitzt genau das Publikum in den Sälen, das Cloud Atlas braucht.

Der Co-Produzent bleibt hart. Der Film müsse schnell anlaufen und so viel Geld wie möglich einspielen, bevor man ihn an die Piraten verliere. Arndt lässt sich überzeugen. Cloud Atlas startet in Russland schon eine Woche nach der Weltpremiere Ende Oktober, weitere zwei Wochen später in Deutschland und dem restlichen Europa.

Der Pirat läuft an einem Schild vorbei: Mitschneiden der Filme verboten

In den USA spielt Cloud Atlas am ersten Wochenende knapp zehn Millionen Dollar ein. Arndt hatte sich mehr erhofft. Der Film wird noch mehr Zeit als erwartet brauchen, um das Geld hereinzuholen. Aber wird er die Zeit haben? Arndt sitzt jetzt jeden Tag vor dem Bildschirm und tippt »Cloud Atlas Download«, »Cloud Atlas Raubkopie«, »Cloud Atlas Filesharing« in die Suchmaschinen. Er sucht nach Kopien seines Films. Er findet keine. Immerhin, Cloud Atlas gehört ihm noch alleine.

Am Nachmittag des 6. November läuft jemand, dessen Namen man wohl nie erfahren wird, auf den Eingang der Mega Mall der russischen Stadt Chimki zu, wenige Kilometer vom Moskauer Flughafen entfernt. Um das Einkaufszentrum herum stehen neue Hochhäuser. Wohnungen für die aufstrebende russische Mittelschicht.

Der Unbekannte tritt durch die gläserne Tür, blau leuchtet das Kinologo über den Schnellrestaurants im unteren Stockwerk, es riecht nach Chicken McNuggets und Essig. Über der Kasse hängt ein Plakat. Man sieht die Gesichter von Tom Hanks und Halle Berry. Darunter steht: Cloud Atlas.

Für 300 Rubel, umgerechnet 7,40 Euro, kauft der Unbekannte eine Karte. Seit Tagen ist auf russischen Kino-Blogs von diesem Film die Rede. Die Schlange am Einlass ist lang.

Der Besucher läuft durch einen orangefarbenen Gang auf den Kinosaal zu, vorbei an einem Schild mit einer durchgestrichenen Kamera, auf dem steht, dass das Abfilmen der Kinofilme verboten ist.

Er setzt sich auf einen der Sessel in dem steil aufsteigenden Saal. Es ist 16 Uhr, das Licht geht aus, die Werbung läuft, dann beginnt der Film. Er richtet die Kamera auf die Leinwand.

So in etwa muss es gewesen sein.

Man weiß das, weil jede im Kino gezeigte Kopie von Cloud Atlas eine eigene digitale Markierung aufweist, eine Art Wasserzeichen auf Film- und Tonspur. Die Zuschauer sehen davon nichts, mit speziellen Geräten aber lässt sich die Markierung auf jeder Raubkopie erkennen und einem bestimmten Kino, einer einzelnen Vorstellung zuordnen.

Zu Hause setzt sich der Internetpirat an den Computer. Er bearbeitet die Filmaufnahme, verbessert die Bildqualität. Womöglich ist er ein wenig aufgeregt, vielleicht stolz. Er wird sich im Netz umgesehen haben, er wird wissen, was ihm da gelungen ist: die erste Raubkopie von Cloud Atlas weltweit.

Um 23.28 Uhr drückt der Pirat die Enter-Taste. Cloud Atlas ist online, einen Tag nach dem offiziellen Kinostart in Russland, etwas mehr als eine Woche nach der Weltpremiere in den USA.

Der Film lässt sich jetzt auf einer russischen Website mit dem Namen Epidemz ansehen, einer Art riesigem Videothekenverzeichnis, über das man an die Raubkopien von 15.000 Filmen gelangen kann. 44.000 Besucher klicken die Seite jeden Tag an.

Als Stefan Arndt den illegalen Mitschnitt findet, ist er wütend, enttäuscht. Überrascht ist er nicht. Er ahnte schon, dass die Piraten seinen Film erbeuten würden. Deshalb hat er Helfer engagiert, Piratenjäger, in allen wichtigen Ländern. In Russland ist es Olia Valigourskaia. 10.000 Euro zahlt er ihr im Monat.

Schnee rieselt auf die Bahngleise des großen Verschiebebahnhofs, tief unter dem Büro von Olia Valigourskaia in einem ehemaligen sowjetischen Forschungszentrum. Valigourskaia zieht die Pulswärmer über ihre Handgelenke. Eine 33-jährige, zierliche Frau, Gründerin der kleinen Firma WebKontrol, die im Auftrag von Arndt und seinem russischen Co-Produzenten versucht, die Verbreitung der Raubkopien im Netz zu verhindern. Minütlich durchsucht ihre Software das russische Internet nach Links zu illegalen Kopien von Cloud Atlas. Ständig findet sie neue, oder eigentlich immer dieselbe: Die Kopie des Piraten aus Chimki hat sich im Internet wie ein Virus verbreitet.

Schon 5.500 Mal hat Olia Valigourskaia per E-Mail die Aufforderung verschickt, den Link zu löschen und die Kopie vom Netz zu nehmen. Cloud Atlas sei kein kostenloses Allgemeingut, schreibt sie in den E-Mails. »Alle Rechte an diesem Film sind geschützt.« Er gehört Stefan Arndt.

Manche Website-Betreiber ignorieren die Aufforderung. Manche halten sich daran und löschen den Link zum Film, oft aber taucht er kurz danach wieder auf.

Olia Valigourskaia sieht sich den Link an, der auf der Epidemz-Website zur Raubkopie von Cloud Atlas führt. Sie vermutet, der Pirat sei kein Hobbykopierer gewesen, sondern ein Profi. Einer, der fest für Epidemz arbeitet und Geld damit verdient.

Dafür spricht seine Signatur. So wie Graffiti-Sprayer individuelle Zeichen neben ihre Bilder auf den Häuserwänden sprühen, so hinterlassen auch Onlinepiraten oft ihre Unterschrift auf den Dateien. Die Raubkopie aus Chimki heißt

»Cloud.Atlas.2012.Russian.CAMRip.XviD«. Dann folgen die entscheidenden Buchstaben: »EPiDEMZ« – derselbe Name, den auch die Website trägt.

Als vor Jahren die ersten Internetpiraten ihre Kopien von Filmen und Popsongs im Netz herumschickten, erschienen diese Leute manchen als eine Art Wiedergänger von Robin Hood. Angetrieben nicht von Geldgier, sondern von purer Menschenliebe, nahmen sie den Reichen, den Film- und Musikproduzenten, und gaben den Armen – den Zuschauern und Zuhörern. So schien das zu sein, damals.

Heute fährt Olia Valigourskaia mit dem Cursor über die Epidemz-Website. Rechts und links neben den illegalen Filmangeboten sieht man lange, gut bestückte Werbeflächen. Es werben die größte russische Suchmaschine, der größte russische Online-Versandhandel, die größte russische Videoplattform. Daneben gibt es unzählige Barbusige, die auffordernd mit dem Hintern wackeln.

Zwölf verschiedene Werbeplätze bietet Epidemz an, sorgfältig wird auf der Website für jeden Platz der Preis aufgelistet. Umgerechnet 100 Dollar pro Woche kostet die Werbung am Kopf der Seite, 75 Dollar die am Rand. So nehmen die Epidemz-Piraten jeden Monat rund 10.000 Dollar ein. Sie müssen dafür nur regelmäßig ins Kino gehen und hinterher den Mitschnitt hochladen. Ein lukratives Geschäft.

Ähnlich wie ein Filmstudio hat Epidemz eine eigene Verwertungskette aufgebaut: von der Kopie über den Vertrieb bis zur Werbung. Und Epidemz ist nur eine von vielen Piratenseiten, die kopierte Filme verbreiten. Die russische Justiz lässt sie meist in Ruhe. Die Leidtragenden sind ja Amerikaner, Deutsche, Engländer. In Russland gibt es längst keine nennenswerte Filmindustrie mehr.

Sicherheitsleute überwachen die Kinosäle mit Nachtsichtgeräten

Selbst wenn die russische Polizei die Piraten erwischen wollte, wo sollte sie suchen? Die Sprache der Epidemz-Website ist Russisch, der zugehörige Server aber steht in den Niederlanden, die Website läuft über eine Verschlüsselungsplattform in Amerika.

Olia Valigourskaia sagt: »Russland ist der Wilde Osten. Hier macht jeder, was er will.« Sie spricht so schnell, wie sich in Russland der Kapitalismus ausgebreitet hat. Vor drei Jahren ging sie nach dem Jura-Studium in Amerika und England zurück nach Moskau. Auf die Idee, ihr kleines Unternehmen zu gründen, kam sie, als sie Freunde fragte, wo man in Russland am besten Kinofilme im Internet kaufen könne.

»Kaufen? Meine Freunde konnten sich kaum halten vor Lachen. Sie dachten, ich mache einen Witz.« In Russland, sagt Olia Valigourskaia, gilt das Internet als großer kostenloser Selbstbedienungsladen.

Um kurz vor acht am Abend des 14. November sitzt Stefan Arndt wieder am Computer. Cloud Atlas läuft jetzt in den USA, in Russland, Kroatien, Bulgarien, Tschechien, Österreich, Südafrika und der Ukraine. 35 Millionen Euro hat der Film bislang eingespielt. Am nächsten Tag soll Cloud Atlas in Deutschland starten.

In allen großen deutschen Zeitungen sind schon Rezensionen erschienen. Die Meinungen sind geteilt. Für manche ist Cloud Atlas ein Meisterwerk, der beste Film des Jahres 2012, anderen ist er zu ambitioniert, ein wüstes Durcheinander.

Arndt weiß aus Erfahrung, was das bedeutet: Der Film wird in Deutschland ein gutes Ergebnis einfahren, aber er wird kein Kassenschlager werden. Zeit wird immer wichtiger für den Film. Je weniger Geld er durch Kinokarten einspielt, desto länger dauert es, bis die Kosten über DVD-Verkäufe oder legale Onlineplattformen wie iTunes wieder hereingekommen sind. Aber jeden Tag steigt das Risiko, dass sich die Raubkopien im Internet weiterverbreiten. Jetzt, da die Bilder des russischen Mitschnitts kursieren, ist es für die Piraten ein Leichtes, dazu den deutschen, englischen oder französischen Ton zu beschaffen. Man braucht gar keine Kamera mehr. Zum Aufnehmen genügt ein iPhone.

Arndt hat schon überlegt, private Wachmänner zu engagieren. Manche Produzenten schicken inzwischen Aufpasser in die Kinos, die in den Taschen der Zuschauer nach versteckten Kameras suchen. In den USA observieren bei besonders teuren Filmen wie The Dark Knight Sicherheitsleute mit Nachtsichtgeräten die Besucher in den Vorführungen. Arndt könnte seinen Film auf diese Weise womöglich schützen. Aber die Durchleuchtung dunkler Kinosäle ist teuer und kommt in vielen Ländern nicht gut an. In Deutschland erstattete eine Zuschauerin Anzeige, weil sie während einer Harry Potter-Vorführung mit Nachtsichtgeräten beobachtet worden war. Die Polizei ermittelte wegen Verstoßes gegen das Bundesdatenschutzgesetz.

Stefan Arndt schreibt eine E-Mail. »Cloud Atlas – die letzte E-Mail eines Produzenten, der nichts versäumt haben will«. Das tippt er in die Betreffzeile. Er bittet darum, den Film anzusehen – im Kino, nicht im Internet. Die Nachricht schickt er an alle Adressen in seinem E-Mail-Verteiler, Freunde, Bekannte, Kollegen. Mehrere Hundert Leute. Dann geht er nach Hause.

Am nächsten Tag steht die erste englischsprachige Raubkopie im Netz. Mit dem Bild aus Moskau und dem Ton eines amerikanischen Kinos.

Erstellt wurde sie von einer Piratengruppe namens Matine. In der Info-Datei zur Raubkopie heißt es: »Matine proudly presents ›Cloud Atlas‹.« Darunter steht eine Art Stellenausschreibung: »Do you want to join a team that is up and coming?«, »Möchten Sie in einem aufstrebenden Team mitmachen?« Die Piraten suchen Helfer, die ihnen hochwertige Digitalkameras zur Verfügung stellen sowie Computerhardware. Und sie schreiben: »Wer sich über die Qualität von kostenlosen Filmen beschwert, sollte auf der Stelle erschossen werden.«

Wer sind diese Leute?

In Hausschuhen steht der Mann in der Tür, der sich wie kein anderer in der deutschen Szene der Filmpiraten auskennt. Er lebt im 13. Stock eines Hochhauses in einer süddeutschen Kleinstadt. Man folgt ihm durch eine sorgfältig aufgeräumte Wohnung in sein Arbeitszimmer. Auf seinen Bildschirmen studiert der Mann das Internet wie ein Meeresforscher den Ozean. Was für den Forscher die Fische im Meer, sind für den Mann die Daten im Netz. Er beobachtet, wie sie sich bewegen und vermehren, wo sie sich sammeln und wann sie sich trennen.

Der Mann ist Internetfahnder. Früher war er bei der Polizei, jetzt arbeitet er für die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, die im Auftrag der Filmindustrie versucht, die Verbreitung illegaler Filmkopien einzudämmen. Und weil er nur Erfolg hat, wenn niemand weiß, wer er ist, muss er in diesem Artikel einen anderen Namen bekommen. Nennen wir ihn Müller.

Der größte Fisch, den Müller entdeckt hat, war ein Fußbodenleger aus Leipzig. Der Mann hatte die Website kino.to mit Links zu illegalen Kopien Tausender Spielfilme betrieben. Jahrelang hatte Müller ihm im Internet nachgespürt, hatte die Spuren seiner Raubzüge verfolgt, nach Hintermännern gesucht. Während des Gerichtsverfahrens kam heraus, dass der Fußbodenleger, der längst keine Böden mehr verlegte, mit seiner Website in drei Jahren mehr als acht Millionen Euro an Werbegeld eingenommen hatte. ?Wenn Müller vor seinen Computern sitzt, hat er viele Namen. Manchmal ist er in Chatforen unterwegs, in denen sich Piraten über ihre neuesten Fänge unterhalten. Er will herausfinden, wer für wen arbeitet. Müller ist dann ein Fahnder in der Verkleidung eines Piraten.

Am 16. Dezember, nachts um 1.20 Uhr, bemerkt Müller auf diese Weise, dass die Piratengruppe NTG kurz zuvor die erste deutsche Cloud Atlas-Raubkopie ins Netz gestellt hat. Ein gewisser HarryPopper hat sie hochgeladen.

»NTG scheint gute Kontakte zu einem DVD-Vertrieb in Russland zu haben«, sagt Müller. Das Bild der Cloud Atlas-Raubkopie stammt von einer russischen DVD, so wie bei den meisten der 600 illegalen Kopien von NTG. Die DVD von Cloud Atlas ist noch gar nicht im Handel erhältlich. Die Piraten haben sie sich vorab beschafft und den Kopierschutz geknackt. Den Ton nahm NTG im CineStar am Alexanderplatz in Berlin auf. Das hat die Auswertung des digitalen Wasserzeichens ergeben.

Hätten die Piraten die Raubkopie nun auf ihre eigene Website gestellt, wäre das illegal. Stefan Arndt könnte sie anzeigen, die Justiz die Seite verbieten. Deshalb legte NTG den Mitschnitt von Cloud Atlas in einem sogenannten Online-Datenspeicher ab. Diesen kann man sich als eine riesige, über das Internet zugängliche Festplatte vorstellen, auf der jedermann gegen Bezahlung anonym seine Dateien speichern kann, egal ob Urlaubsfotos oder illegale Filmkopien. Meist handelt es sich um Letzteres. Nach einer Studie der amerikanischen Universität Princeton verstoßen rund 90 Prozent der auf allgemein zugänglichen Datenspeichern abgelegten Dateien gegen Urheberrechte. Die Datenspeicher sind also so etwas wie die Schweizer Schließfächer der Raubkopierer.

Auf der Piratenwebsite steht dann nur ein Link, der zu dem Mitschnitt von Cloud Atlas führt. Links sind nicht illegal. Fast alle Piratengruppen arbeiten nach diesem Prinzip, egal ob Epidemz, Matine oder NTG. Illegal wird es erst, wenn man ihnen nachweisen kann, dass sie zusammenarbeiten – die Piratenseiten und die Online-Datenspeicher, wie es bei dem Leipziger Ex-Fußbodenleger ausnahmsweise gelang.

Der Datenspeicher, bei dem NTG seine Kopien ablegt, heißt share-online.biz. Der Internetfahnder Müller hat herausgefunden, dass dieses Unternehmen in Deutschland am zweithäufigsten für illegal erstellte Kopien von Filmdateien genutzt wird. Tausende Mitschnitte liegen im Speicher des Unternehmens. Share-online.biz verdient viel Geld mit den Filmpiraten.

Müller beginnt wieder in seinen Computer zu tippen. Er findet heraus: Der Server von share-online.biz steht in den Niederlanden, als Betreiber ist eine Firma namens Xlice Corporation in dem mittelamerikanischen Kleinstaat Belize angegeben.

Müller tippt »share-online.biz« in ein spezielles Suchprogramm ein. Auf dem Bildschirm erscheint der Name Frederik Gielgud. Auf ihn ist der Netzname share-online.biz registriert, er wird auch als Ansprechpartner für die Xlice Corporation geführt. Müller tippt weiter, er findet zwei weitere Netznamen, die auf Gielgud registriert sind, share-links.biz und uploadking.biz. Beide unter derselben Adresse in Belize.

Die Spur der Piraten führt in den Kleinstaat Belize in Zentralamerika

Folgt man der Spur nach Mittelamerika, landet man auf der staubigen Flugpiste von Belmopan. Die Hauptstadt von Belize ist eine Kleinstadt mit flachen Häusern und 20.000 Einwohnern, von denen man nicht viele sieht. Ein paar stehen an der Bushaltestelle herum, ein paar kaufen Kartoffeln und Chilischoten auf dem Markt, nicht weit davon verläuft eine löchrige Straße, der Mountain Boulevard, an dem ein kleiner, zweistöckiger Büro- und Geschäftskomplex liegt. Außen steht mit blauen Buchstaben geschrieben: »Garden City Plaza«. Hier soll die Xlice Corporation ihren Sitz haben, so hat es Müller im Internet gefunden. Suite Nummer 5.

Geht man durch den Eingang, kommt man am »Herbal Health Food Store« vorbei, daneben ist ein Sandwichladen, dann folgen Büros. An der Tür von Suite Nummer 5 steht »Belize Offshore Services Limited«.

Drinnen: weiß gefliester Boden, schwere dunkle Holzmöbel, Bilder von der Akropolis. Auf dem Schreibtisch steht eine kleine griechische Fahne, dahinter sitzt David Jenkins, ein massiger, grauhaariger Mann im blauen Polohemd, der sagt, er habe lange in Griechenland gearbeitet, als britischer Diplomat.

Frederik Gielgud? Nie gehört, sagt Jenkins.

Xlice Corporation? Kurzes Nachdenken. Ja, an den Namen erinnere er sich. Aber Akten habe er keine mehr zu der Firma. Wer oder was sich hinter dem Unternehmen verberge, wisse er nicht, sagt Jenkins. »Ich treffe die meisten Leute niemals persönlich«, sagt er. Rund 2.000 ausländische Unternehmen seien unter seiner Adresse im Garden City Plaza registriert.

Jenkins macht kein Geheimnis aus seinem Geschäftsmodell: Gegen Bezahlung meldet er ausländische Unternehmen bei den Behörden in Belize an, erledigt Papierkram – und stellt seine Adresse zur Verfügung. Das ist sein Angebot. »Es ist sehr einfach, hier eine Firma registrieren zu lassen«, sagt Jenkins.

Das bedeutet: Es ist sehr einfach für Xlice, in Deutschland keine Steuern zu zahlen und sich der deutschen Justiz zu entziehen.

Anfang Januar. Cloud Atlas läuft nun auch in Südkorea, Mexiko, Uruguay, Venezuela, Brasilien und Singapur. Das Einspielergebnis liegt bei 70 Millionen. Es ist jetzt ziemlich genau drei Jahre her, da saß Stefan Arndt mit Tom Tykwer und den Geschwistern Wachowski in Hollywood zusammen. Warner Bros., eines der größten Filmproduktionsunternehmen der Welt, hatte abgelehnt, Cloud Atlas zu finanzieren, genau wie alle anderen bedeutenden Hollywood-Studios. Das Risiko, dass ein solcher Film heute sein Geld nicht mehr einspielt, war den Produzenten zu groß.

Seit die illegalen Kopien weltweit im Internet kursieren, ist der DVD-Verkauf der Filmindustrie um ein Viertel eingebrochen. Große Produktionsunternehmen wie Time Warner, Picturehouse, Universal haben inzwischen ihre Kunstfilm-Abteilungen geschlossen oder verkauft. Sie konzentrieren sich jetzt noch mehr auf einfach gestrickte Filme für das Massenpublikum, die innerhalb weniger Wochen ihre Kosten einspielen. Bevor der Mitschnitt im Netz kursiert.

Stefan Arndt aber versprach, das Geld für Cloud Atlas zu beschaffen, damals am Tisch mit Tykwer und den Wachowskis, im Hotel London in Los Angeles. Er hoffte, der Film werde schon genug Zeit bekommen, um die Millionen wieder hereinzuholen, so wie früher.

In Süddeutschland hat der Internetfahnder Müller inzwischen weiter das weltweite Netz durchleuchtet. Der Name Frederik Gielgud kommt ihm verdächtig vor. In keiner Datenbank taucht er auf. Müller ermittelt die IP-Adresse – so etwas wie die Postanschrift eines Computers im Internet – der auf den Namen Frederik Gielgud eingetragenen Websites. Ihm fällt auf, dass unter derselben IP-Adresse die Website eines Manuel C. aus Aachen registriert ist. Das bedeutet, entweder benutzen zwei Leute denselben Computer, oder Manuel C. ist Frederik Gielgud.

Manuel C. steht im Telefonbuch. Ein Anruf. Was weiß er über die Firma Share-Online?

Kurze Pause, dann: »Da sind Sie bei mir falsch.«

Aber das Unternehmen ist unter seiner IP-Adresse registriert.

»Ja, schon, aber wir machen nur die Buchhaltung für die Firma.«

Wer ist denn der Eigentümer?

»Das weiß ich nicht. Das ist eine ausländische Firma, die sitzt in Belize.«

Und wie stellt er dieser Firma, für die er angeblich die Buchhaltung übernimmt, seine Rechnungen? Wie kann man mit dieser Firma Kontakt aufnehmen?

»Dazu kann ich keine Auskunft geben. Ich muss jetzt auch in ein Meeting.« Dann legt er auf.

Es ist schwer, Datenströme juristisch zu überwachen. Das Datenpaket von Cloud Atlas gehörte einmal Stefan Arndt alleine. Dann kopiert es ein Filmpirat. Er drückt ein paar Tasten auf dem Computer, schickt die Daten um die Erde. Am Ende landen sie auf irgendeiner Festplatte, in irgendeinem Datenspeicher, irgendwo auf der Welt, vielleicht in Belize, vielleicht in Aachen. Und jetzt kann sich jeder, der will, Cloud Atlas ansehen. Ohne zu bezahlen.

Fragt man im Bundesjustizministerium nach, ob das Geschäft von Share-Online rechtmäßig ist, ob Datenspeicher-Unternehmen eine Verantwortung tragen, wenn auf ihren Festplatten illegale Dateien abgelegt werden, ob man sie also dafür haftbar machen kann, dann erhält man die Antwort: »Dafür sind wir nicht zuständig. Das macht das Wirtschaftsministerium.«

Der Internetkonzern Google profitiert von den kopierten Kinofilmen

Im Wirtschaftsministerium erfährt man, »dass Datenspeicher-Unternehmen grundsätzlich nicht für fremde Informationen verantwortlich sind, die sie im Auftrag eines Nutzers speichern«. So steht es im Telemediengesetz, in Kraft getreten im Jahr 2007. Im selben Jahr hat Share-Online seinen Betrieb aufgenommen.

Der Sprecher des Wirtschaftsministeriums sagt, die Bundesregierung habe sich damals dazu entschlossen, die Datenspeicher-Unternehmen zu schützen. Die Regierung habe befürchtet, sonst den gerade erst entstehenden Markt zu gefährden.

Es ging also nicht um die Frage, was rechtmäßig ist, sondern was marktfreundlich ist.

Der Markt floriert. Je mehr Kinofilme man im Internet kostenlos ansehen kann, desto mehr Geld verdienen die Raubkopierer. Weil es dann mehr Unternehmen gibt, die für sich auf den Websites der Piraten werben wollen.

Als die erste deutsche Kopie von Cloud Atlas an jenem Dezembertag ins Internet gestellt wird, landet sie schnell auch auf der Portalseite www.moviez.to.

Ruft man moviez.to auf, bemerkt man am Rand der Webseite das Logo von mobilcom-debitel, einem der größten deutschen Anbieter von Handyverträgen.

Unternehmen werben sonst eher im Fernsehen, in Zeitschriften oder auf seriösen Websites. Mobilcom-debitel scheint sich angepasst zu haben. Ob eine Million Zuschauer im Fernsehen oder eine Million Besucher auf einer Website mit Raubkopien von Kinofilmen: Eine Million bleibt eine Million, und wer ist mehr an Telekommunikation interessiert als Internetpiraten? Viel billiger als im Fernsehen ist die Werbung auf diesen Websites obendrein.

Auf der Piratenwebsite moviez.to findet sich der Name eines weiteren bekannten Unternehmens. Es ist der des mächtigsten Internetkonzerns der Welt. Google.

Das Unternehmen schaltet allerdings keine Werbung bei den Piraten. Sein Name findet sich lediglich im versteckten sogenannten Quelltext der Website. Zwei Tochterunternehmen von Google sind dort als Werbevermittler aufgeführt. Der Internetkonzern hilft den Filmpiraten dabei, Unternehmen zu finden, die bei ihnen Werbung schalten. Nicht nur auf dieser deutschen Piratenseite, sondern rund um den Globus. Nach einer Untersuchung der Universität von South Carolina in den USA verdient weltweit kaum ein anderes Unternehmen so viel Geld mit der Vermittlung von Werbung auf Piratenseiten wie Google.

Es mag sein, dass die Piraten vor allem Reichen etwas wegnehmen – Stefan Arndt ist kein armer Mann. Aber es sind nicht so sehr die Bedürftigen, die davon profitieren, sondern noch Reichere. Auf Anfrage der ZEIT war Google zu keiner Stellungnahme bereit. ?Jeanette Hofmann aber äußert sich. Die Politikwissenschaftlerin war Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages »Internet und digitale Gesellschaft«, die vor wenigen Tagen ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Hofmann besetzt bei dem im vergangenen Jahr gegründeten Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft einen der vier Direktorenposten. Das Institut ist der Berliner Humboldt-Universität angegliedert.

Hofmanns Hauptthema ist das Urheberrecht. Es geht um eine der größten Veränderungen in der Geschichte der Marktwirtschaft. Bisher basierte dieses System darauf, dass ein Produkt demjenigen gehört, der es hergestellt hat, egal, ob es sich um ein Auto handelt, eine Glühbirne oder einen Kinofilm. Die Hersteller dieser Produkte wurden vom Gesetz geschützt, vom Eigentumsrecht, vom Urheberrecht. Wenn es gut lief, wurden sie reich mit dem, was sie geschaffen hatten.

Hofmann beschäftigt sich mit Märkten, die ohne Urheberrecht auskommen. Für Witze oder Kochrezepte, sagt sie, braucht man kein Urheberrecht. Dennoch bestehe auf der Welt kein Mangel an Witzen und Kochrezepten, sie habe das selbst untersucht. Außerdem gebe es eine Studie, wonach ohnehin kaum ein Künstler von seiner Kunst leben könne. Trotzdem werde weiterhin Kunst produziert. Warum muss man Künstler also schützen? Warum ist es schlimm, ihre Produkte zu kopieren?

Man kann verwunderlich finden, wie kritisch die Wissenschaftlerin Hofmann das Urheberrecht beurteilt, obwohl auch Wissenschaftler von geistiger Arbeit leben. Das Institut, an dem Hofmann und 26 weitere Forscher seit dem vergangenen März arbeiten, wird nicht von der Humboldt-Universität bezahlt, sondern von einem großen internationalen Unternehmen. Von Google. Der Konzern ist derzeit der alleinige Geldgeber des Instituts, 4,5 Millionen Euro hat er investiert, für die ersten drei Jahre.

Anfang Februar, wenige Tage vor Beginn der Berlinale. Es gibt jetzt 20 verschiedene deutschsprachige Raubkopien und 16 englische, außerdem Mitschnitte auf Russisch, Ukrainisch, Italienisch und Thai sowie Kopien mit polnischen und japanischen Untertiteln. Die chinesische Version war schon im Netz, bevor der Film in China in die Kinos kam. Zwar konnte Cloud Atlas in Deutschland mehr als eine Million Zuschauer ins Kino locken. Das ist ganz ordentlich. Aber trotzdem hat er erst 85 der 200 Millionen Dollar eingespielt, die er gekostet hat. Der große Rest muss jetzt über DVDs, Fernsehrechte und andere Verwertungen hereinkommen. Es sieht also nicht gut aus für Stefan Arndt. Er hofft, irgendwann allen Investoren ihr Geld zurückzahlen zu können. Aber das könne Jahre dauern, sagt er.

In den nächsten Tagen wird Arndt nach London fliegen, zur England-Premiere seines Films, neben Frankreich der letzte große Kinomarkt, in dem Cloud Atlas noch nicht läuft. Tom Tykwer und die Geschwister Wachowski werden dann in dunklen Anzügen über einen roten Teppich laufen und lächelnd den Fotografen zuwinken. Stefan Arndt wird den Journalisten erzählen, wie es kam, dass er diesen Film gemacht hat. Und wie er ihm wieder genommen wurde.

Mitarbeit: Thorsten Schröder

Anmerkung der Redaktion: Aus rechtlichen Gründen wurde der Text im Vergleich zu der in der ZEIT gedruckten Version leicht verändert. 15.03.2013

Bewertung der Jury

Kerstin Kohlenberg erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2014 in der Kategorie "Reportage/Essay/Analyse" für den Beitrag "Aufnahme läuft!", erschienen in "Die Zeit" am 7. Februar 2013.

Kerstin Kohlenberg führt uns mit ihrem Stück "Aufnahme läuft" in eine Welt, die nicht nur für Angela Merkel "Neuland" ist, sondern selbst für diejenigen, die ausgiebig das Internet nutzen. Es ist die Welt der Raubkopierer, die unter dem Deckmantel, Filme kostenlos für alle nutzbar zu machen, fremdes geistiges Eigentum stehlen. Kohlenberg hat als Beispiel den deutschen Film "Cloud Atlas" gewählt, einen der anspruchsvollsten, aber auch teuersten Filme der letzten Jahre. Um sich zu refinanzieren, braucht er Zeit, die er nicht hat. Denn schon eine Woche nach dem Kinostart wird der Film in Russland illegal verbreitet, bald gibt es ihn auch in der englischen, deutschen, chinesischen Internet-Version. Kohlenberg  verfolgt die Internetpiraten von Berlin nach Moskau, über Belize bis zurück nach Aachen. Sie zeigt, warum die Piraten so problemlos agieren können und wer aus ihren Raubzügen Nutzen zieht. Am Ende dieser Recherche rund um die Welt steht die Konsequenz: Die großen Hollywood-Studios produzieren nur noch schnelle Filme, die ihre Kosten innerhalb weniger Wochen einspielen. Den Vertriebsweg für anspruchsvolle Stoffe haben ihnen die Piraten längst abgeschnitten. Kohlenberg entzaubert mit ihrer Reportage die selbst ernannten Robin Hoods des Internets und beschreibt das komplexe Thema "Schutz des geistigen Eigentums" so spannend wie einen Thriller.

Kurzbiographie

Kerstin Kohlenberg

Geboren 1970 in Koblenz.

Nach einem Au-pair-Jahr in Paris studierte sie Soziologie in Marburg, Berlin und New York. Sie arbeitete für das ZDF und den Tagesspiegel. 2004 wechselte sie in das Dossier der ZEIT. Dort wurde sie 2009 stellvertretende Ressortleiterin. 2011 wechselte sie in derselben Position ins neue Investigativ-Ressort der ZEIT in Berlin. Seit September 2014 ist sie Amerika-Korrespondentin der ZEIT.

Kerstin Kohlenberg hat unter anderem den Herbert-Riehl-Heyse-Preis, den Georg von Holtzbrinck-Preis und den Reporterpreis erhalten. Für den Henri-Nannen-Preis war sie gemeinsam mit Wolfgang Uchatius 2008, 2009 und 2011 nominiert. 2005 erschien von ihr das Buch "Leben ist verdammt schwer", das sie zusammen mit Stephan Lebert geschrieben hat.