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Prämierter Text

Wolfskind

Von Kai Strittmatter

Er ist 15 und denunziert  seine Mutter. Sie wird hingerichtet im China Mao Zedongs.

Das war 1970. Heute fragt sich der Sohn, was ihn damals zum Tier machte Guzhen - An dem Tag, an dem der Junge seine Mutter in den Tod schickt, liegt Schnee in der Luft von Guzhen, dem kleinen Flecken in der südchinesischen Provinz Anhui. 

Eine glückliche Familie seien sie gewesen, sagt Zhang Hongbing. Erfüllt vom Geist der Revolution, aber wer war das nicht? Er erinnert sich: eine Mutter, die dem Sohn den Fieberschweiß von der Stirn tupft; ein Vater, der in Winternächten die Bettdecke über den Kindern zurechtzieht. Eine große Schwester, ein kleiner Bruder, in der Mitte er, großgezogen mit der Liebe zum Vorsitzenden Mao. 

Mit Wolfsmilch, wie Zhang Hongbing heute sagt. 

59 ist er jetzt, und da liegt seine Geschichte: Zerfledderte Kladden, die Tinte so frischblau, als wäre sie von gestern. 

Aus den Notizen des Vaters: "Sie wurde mir 1951 vorgestellt. Sie war als Modellarbeiterin ausgezeichnet worden. Da entwickelte ich Gefühle für sie." 

Aus dem Tagebuch der 13-jährigen Schwester: "Heute haben wir das entlaufene Kaninchen zurückgebracht. Ich will doch dem Volke dienen. Wir hatten keine Ahnung, wem das Kaninchen gehörte, keiner wollte es, wir dachten schon daran, aufzugeben. Da fielen uns die Worte des Vorsitzenden Mao ein: "Entschlossen voranstürmend, ohne Angst vor Opfern den Sieg erringen!" So fassten wir neues Vertrauen und fanden schließlich den Besitzer." 

Aus dem handschriftlichen Protokoll des Abends vom 13. Februar 1970, erstellt vom Schüler Zhang Hongbing: "Anzeige und Enthüllung der himmelschreienden Verbrechen der Konterrevolutionärin Fang Zhongmou." 

Fang Zhongmou, das war seine Mutter. 

Es ging ein kalter Wind, die Mutter war von zehn Stunden Arbeit aus dem Krankenhaus zurückgekommen. Nun saß sie auf einem Schemel und walkte die Wäsche, sie war müde. Der Sohn spülte das Geschirr vom Abendessen. Nachher wird er sagen, es sei dieser Satz der Mutter gewesen, der ihn so schockiert hätte: "Ich möchte aber wirklich, dass Liu Shaoqi rehabilitiert wird." 

Liu war Staatspräsident, als sein alter Kampfgenosse Mao Zedong ihn 1967 verhaften und zwei Jahre später im Gefängnis umkommen ließ. Liu hatte Mao kritisiert für dessen Politik, die Millionen in den Hungertod schickte, er war also ein bürgerlich-reaktionärer Verräter. "Ich war entsetzt. Meine Mutter war eine Klassenfeindin!", schreibt Zhang in den Aufzeichnungen, die er am Tag nach seinem Verrat zu Papier brachte. "Noch im Moment des Schocks spürte ich plötzlich: Ich war ein Rotgardist, ein Wächter Maos. Ich begann noch zu Hause eine Kritik- und Kampfsitzung gegen meine Mutter." 

Die Mutter zeigte keine Einsicht. 

"Kind", sagte sie: "Du hast doch keine Ahnung vom Klassenkampf." 

Der Sohn sah rot. "Wer ist hier dein Kind? Wir sind die roten Garden Mao Zedongs", rief er. "Wenn du weiter Gift verspritzt, zerschmettere ich deinen Hundeschädel!" 

Gut, sagte die Mutter, dann werde sie eben jetzt den großen Mao von der Wand reißen. Nun mischte sich der Vater ein: "Fang Zhongmou", sagte er: "Du bist eine unverbesserliche Konterrevolutionärin und gehörst von nun an nicht mehr zu uns. Du bist der Feind. Wir bekämpfen dich."   Der Vater ging weg, die Mutter anzuzeigen beim örtlichen Armeekomitee. Der Sohn zitterte vor Wut. Er hatte Angst. Angst, der Vater könne die Mutter beim Komitee vielleicht doch heimlich in Schutz nehmen. Also schrieb er an Ort und Stelle seine eigene Anklageschrift. "Verteidigt den Vorsitzenden Mao bis zum Tod!", stand da. Und: "Richtet Fang Zhongmou hin!" 

Die Mutter hatte sich da schon im Schlafzimmer eingeschlossen, sie war dabei, die Mao-Bilder von der Wand zu nehmen und zu verbrennen. Er lief zum Haus eines Armeeoffiziers und schob die Anzeige gegen seine Mutter unter der Türe durch. 

Zhang Hongbing war 15 Jahre alt, als er die Hinrichtung seiner Mutter verlangte. Und bekam. 

Zhang Hongbing. So hieß er noch nicht lange. Seine Eltern hatten ihn getauft auf Zhang Tiefu. Dann rief der große Mao 1966 die Kulturrevolution aus und empfing auf dem Platz des Himmlischen Friedens seine neue Streitmacht: die jungen Rotgardisten. Ein Mädchen durfte Mao eine rote Armbinde umlegen. Er fragte sie, wie sie heiße. "Song Binbin", antwortete sie: die Ausgeglichene. "Das ist nicht gut", sagte Mao. "Nenn Dich lieber "die Kriegslüsterne"." So geschah es: Aus Song Binbin wurde an Ort und Stelle Song Yaowu. Und 1000 Kilometer weiter im Süden legte der tief bewegte kleine Tiefu den Namen ab, den seine Eltern ihm gegeben hatten und nannte sich fortan Hongbing, "roter Soldat". 

Vater und Mutter waren selbst glühende Kommunisten, stammten aus armen Bergdörfern in Anhui, beide hatten sie mit der roten Armee 1949 China befreit. Ihr Glaube war stark, zu Beginn auch der der Mutter. Der Vater Zhang Yuesheng war Parteifunktionär im Krankenhaus. Er wankte nicht, als zwischen 1959 und 1961 die Menschen in den Dörfern bei Maos "Großem Sprung nach Vorn" vor Hunger verreckten. Er wankte nicht, als er bei der Inspektion eines Bauernhauses den Deckel eines Kochtopfs hob und darin die Leiche eines Babys entdeckte. 

Er wankte nicht, als er die wahren Zahlen der Hungertoten nach oben meldete, und dafür von der Partei als "Rechtsabweichler" bekämpft wurde: Mao war unfehlbar, seine Politik konnte nicht falsch sein. Er wankte auch dann nicht, als die Roten Garden ihm 1967 einen hohen Papierhut aufsetzten, ein Schild umhängten und ihn durch die Straßen trieben, ihn bespuckten und verprügelten. Die Kinder waren da längst keine Kinder mehr. "Alle Unschuld hatten wir verloren", sagt Zhang. 

Wann die Mutter erstmals zweifelte? Als ihr eigener Vater 1951 von der Partei als angeblicher Spion hingerichtet wurde? Als sie 1967 mit ihrem eigenen herzkranken Körper die Tritte und Schläge des roten Mobs gegen ihren Ehemann abzufangen versuchte? Ja, die Mutter warf sich vor den Mann, der sie drei Jahre später gemeinsam mit dem Sohn anzeigte. 

Die Mutter hatte gezweifelt. Die Mutter war Mensch geblieben. Die Mutter musste sterben. 

"Manchmal kommt mir das vor wie ein Traum." Der Bruder der Mutter sagt das, ein Mann Mitte sechzig, Fang Meikai: "Unwirklich." Er spricht langsam: "Was die Menschen einander antaten, die Brüder ihren Schwestern, die Kinder den Eltern. Ein Leben war das nicht." Er hält inne. Ein dunkles Bauernhaus am Rand von Guzhen. Betonfußböden. Über der Tür Überbleibsel vom Frühlingsfest, zwei Lampions, ein Banner: "Möge dieses Heim glücklich sein". 

Die Große Proletarische Kulturrevolution. Ein teuflischer Schachzug Mao Zedongs. Machtpolitisch grandios, menschlich eines seiner größten Verbrechen. Mao entledigte sich seiner Rivalen und schickte dafür sein Land in den kollektiven Wahnsinn. "Bombardiert die Hauptquartiere!" rief er, und schickte die ihm blind ergebene Jugend des Landes zum Sturm auf die Autoritäten. 1966 war das. Die ihm schon entglittene Parteibürokratie war sein erstes Ziel. Dann alles, was nach Bildung roch. 

Dreizehn- und Vierzehnjährige schon formten sich zu Roten Garden, Mao ließ Lehrer durch die Straßen jagen, Schriftsteller foltern, Professoren totprügeln, Tempel niederreißen, Gräber schänden. 

Jetzt sitzen sie einander gegenüber in der Bauernkate, der Sohn und der Bruder der Mutter, so viele Jahre später. Neben dem Tisch an der Wand Zhang Hongbing, weißes Hemd, blaues Jackett, Brille. Ein Rechtsanwalt ist er geworden. Auf dem Sofa Fang Meikai, der Bauer in der grauen Windjacke, sein Onkel. Sie schauen aneinander vorbei. 

Warum? Warum haben Sie damals die Hinrichtung Ihrer Mutter gefordert, Zhang Hongbing? 

Mit einem Ruck richtet der sich auf und deklamiert in erregtem Stakkato: "Um Mao zu schützen! Um Mao zu schützen!" - "Ach, sei doch still", ruft der Bruder. Dann wieder leise: "Verrückt. Ganz China war verrückt. Groß und Klein waren verrückt." Er wischt sich Tränen aus den Augen. 

Warum, Zhang Hongbing? "Man hatte mich neu formatiert. Man hatte uns die menschliche Natur ausgetrieben." 

Warum? "Ich suche doch selbst seit 34 Jahren die Antwort auf diese Frage. Wie konnte ich mich von einem wachen, gesunden Jungen in ein wildes Tier verwandeln? Was hat mich zu einem Wolfskind gemacht?" 

Lautsprecher an jeder Straßenecke bellten "rote Lieder" in die Wohn- und Schlafzimmer: "Die Liebe zu Mutter und Vater ist nichts gegen die Liebe zu Mao Zedong!" 

Kinder brachten ihre Eltern ins Arbeitslager, Eheleute einander in den Folterkeller. Und als die Jungen ihren Dienst getan hatten, und ihre Orgie der Gewalt in einen Bürgerkrieg umschlug, da ließ Mao sie von der Armee zusammenschießen. Am Ende hatte der Große Vorsitzende die Macht zurückerobert. Und China lag in Ruinen. Millionen Menschen waren misshandelt und umgebracht, die Überlebenden seelische Krüppel. 1976 war die Kulturrevolution offiziell vorüber, aber ihr Erbe vergiftet China bis heute. Wenn noch heute in diesem Land ein Mensch dem anderen nicht vertraut, dann liegen die Wurzeln auch hier. 

Fang Meikai war dabei, als seine Schwester sich um Kopf und Kragen redete. Er wollte sie retten, lief am Abend des Streits zu einem Nachbarn um Hilfe, dem Brigadenführer, der aber schlief schon und öffnete die Tür nicht. Wenig später wurde die Mutter abgeführt. "Acht Wochen war sie in einer Zelle eingesperrt." Der Bruder starrt Zhang Hongbing an, dann sagt er tonlos: "Und ihr habt sie ein zweites Mal zurückgeschleppt!" Stille. Zurückgeschleppt? Der Angesprochene zögert, rückt seine Brille zurecht. Ja, sagt Zhang, einmal sei der Mutter die Flucht gelungen aus dem Gefängnis. Sie sei nach Hause gekommen. 

Und?  "Da haben Vater und ich sie gepackt und zurückgebracht." Das sagt der Sohn. 

Die spätere Ehefrau des Bruders war am Richtplatz am 11. April 1970. Eine öffentliche Hinrichtung. "Wir wurden hinbefohlen", erzählt sie: "Als ich ankam, lag sie schon auf der Erde. Tot. Hatte nur einen Schuh an." Die Menge rief: "Lang lebe die Kommunistische Partei!" Einige flüsterten: "Sie war eine gute Frau". Der Bruder arbeitete auf dem Feld, ihm hatte keiner Bescheid gesagt, wenig später kam ein Vorgesetzter: "Deine Schwester ist tot. Kümmerst du dich um die Leiche?" Aber der Bruder war allein, hatte keinen Karren, besaß nicht einmal eine Bambusmatte, um darin die tote Schwester einzuwickeln. 

Und Vater und Sohn, warum kümmerten sie sich nicht um die Leiche? Der Vater habe schon die Scheidung eingereicht gehabt, sagt Zhang Hongbing: "Rechtlich gesehen war es nicht mehr seine Pflicht." Zufällig vorbeikommende Arbeiter verscharrten den Leichnam auf freiem Feld. Im Moment der Hinrichtung war Zhang selbst in der Nähe des Richtplatzes. Er habe es nicht über sich gebracht, zuzuschauen, sagt er. Als der Vater und er zu Hause waren, durchsuchten sie alle Schubladen, verbrannten die Fotos der Mutter. Zhang Hongbing nahm einen Pinsel, durchblätterte alle Bücher der Mutter und übermalte mit Tinte sorgfältig jedes Schriftzeichen, das sie an den Rand gekritzelt hatte. 

Gut erging es der Familie danach nicht. Solchermaßen war die Logik der Kulturrevolution, dass Zhang nun als Sohn einer Konterrevolutionärin galt, immerhin galt er als "besserungsfähig". Er wurde aufs Land verschickt, arbeitete als Schlosser in einer Werkstatt. Und doch, sagt er, sei ihm ein Jahrzehnt lang nicht der Hauch eines Zweifels an seinem Tun gekommen. 

1979, Mao war tot, die Kulturrevolution längst vorüber, begann er auf Drängen seines Onkels, bei den Behörden einen Antrag auf posthume Rehabilitierung der Mutter zu schreiben. Aber noch in diesem Moment plante er, auf ihre geistige Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren. Die Mutter musste verrückt gewesen sein, nicht er. 

Dann die ersten Risse. 

Er begann ein Fernstudium, recherchierte für den Antrag. Langsam sickerte das Entsetzen über seine Tat ein. Warum jetzt? "Es war die Bildung. Sie öffnete mir die Augen", sagt Zhang Hongbing. Die Bildung. Der Onkel sitzt stumm auf dem Sofa. Nie hat er irgendeine Bildung genossen, er war sein Leben lang einfacher Bauer und Arbeiter, und wusste doch von Anfang an, was recht und was unrecht, was menschlich und was unmenschlich war. 

1981 verpassen die Führer der KP der Kulturrevolution einen neuen Namen, sie heißt nun offiziell: "Zehn Jahre Chaos". Und Mao? Die Partei rechnet nach und befindet, Maos Handeln sei "zu 70 Prozent korrekt und zu 30 Prozent falsch" gewesen. 

Zhang Hongbing ging tagsüber in die Werkstatt und holte abends sein Studium nach: 1987 Juraexamen, 1988 Abschluss in chinesischer Literatur. Zhang ist Parteimitglied, seit 1985, seine Vorgesetzten hätten ihn zum Eintritt gedrängt, sagt er. Glaubt er an die Partei? "Ich glaube an das Recht", sagt er: "Mein Traum ist es, aus China einen Rechtsstaat zu machen. Die Macht in einen Käfig zu sperren." Zhang Hongbing klammert sich heute an Paragrafen und Gesetze, an Indizien und Belege, er springt nach jedem Satz auf, zerrt ein altes Buch, ein altes Notizheft, eine alte Ortschronik aus dem Bücherschrank, blättert, zitiert, triumphiert: "Sehen Sie?" 

Seit 34 Jahren nun recherchiert er die Geschichte seiner Familie und seiner Tat. Wir sitzen am Küchentisch. Zhang hat seinen alten Werkstattmeister zum Essen eingeladen, den 73-jährigen Wang Yunxiang. Manchmal bricht Zhang in Tränen aus, manchmal ruft er aus: "Ich bin nicht so viel wert wie ein Tier." Oder: "Meine Name soll in die Geschichte eingehen als ewige Schande." Es ist eine Buße, die nach Publikum verlangt. Der alte Wang schaut verlegen. "Das ist doch vergangen", sagt er leise. "Darüber sollten wir nicht mehr sprechen." Zhangs Ehefrau nickt: "Was sollen die alten Geschichten? Geht es uns nicht gut heute?"   Vor vier Jahren beschloss Zhang, an die Öffentlichkeit zu gehen. Seiner Familie ist es eine Pein. Aber er war im Internet auf Seiten gestoßen, die Mao und die Kulturrevolution zu preisen begannen. Er seufzt: "Warum bloß verstehen die Söhne und Töchter des chinesischen Volkes so wenig?" Er führt einen Feldzug. Einen persönlichen, der ihm, der keine Vergebung je erlangen wird, den Schmerz ein wenig betäubt. Und einen öffentlichen gegen das kollektive Vergessen. Ein Vergessen, das in China mehr ist als nur menschlich. Es hat System: Die Partei verordnet dem Volk die historische Amnesie, wieder und wieder. Sonst müsste sie sich ihren Verbrechen stellen. 

Und so schweigt China über die mehr als 30 Millionen Hungertoten während des Großen Sprungs, es schweigt über die Wurzeln der Kulturrevolution, es schweigt über das Massaker vom Tiananmenplatz 1989. Und unter bleiernem Schweigen gärt ein Sud aus Schmerz, Schuld und Bitterkeit und schickt giftige Blasen an die Oberfläche des heutigen China. Eine der giftigsten ist die Nostalgie, der es an Erinnerung mangelt. Im letzten Sommer, bei den Protesten gegen Japan, zog wieder ein Mao-Plakate schwenkender Haufen durch die Straßen Pekings. "Mao, komm zurück", war auf Bannern zu lesen. 

Der im letzten Jahr gestürzte Gouverneur Bo Xilai hatte in den Parks Chongqings die Volksmassen wieder die "roten Lieder" singen lassen: "Die Liebe zu Mutter und Vater gleicht nicht der Liebe zu Mao Zedong." Und eine Clique intellektueller Neulinker hatte ihn zu Chinas Hoffnung hochgejubelt. Chinas Schulen, sagt Zhang Hongbing, trügen eine große Schuld: "Sie ziehen noch heute ergebene Untertanen heran. Sklaven. Wolfskinder."    

Wieder und wieder, sagt er, habe er diesen Traum: Die Mutter kehrt zurück. Sie ist noch jung, so wie kurz vor ihrem Tod. Er nimmt ihre Hand, möchte ihr etwas sagen, bringt keine Worte heraus. Die Mutter bleibt stumm, blickt ihn nur an. Dann ist sie wieder verschwunden. 

Ein Vorort von Guzhen. Urbaner Wildwuchs. Ein Kanal. Ein Hof: Gestrüpp, rostige Drähte, Müll, ein paar Hühner. Mittendrin ein staubiger Hügel, davor ein Grabstein. "Der Märtyrerin Fang Zhongmou", steht darauf. Einen Steinwurf von hier nur streckten die Kugeln sie nieder. Damals war hier freies Feld. 

Zhang Hongbing wirft sich auf die Knie, drückt die Stirn in den Staub. "Mama!", ruft er: "Mama! Wir werden deine Geschichte erzählen." Er steht auf, klopft sich die Hose aus. Der Schriftsteller Ba Jin forderte schon 1986 ein Museum für die Kulturrevolution, bis heute gibt es keines, aber Zhang sammelt für jenen Tag. Wenn es je ein solches Museum gibt, dann soll es ihn ausstellen, ihn und seine Tat. 

"Ich bin einer der Mörder von damals", sagt er. "Sollen sie mich verachten, beschimpfen, verfluchen. Aber alle sollen es sehen. Es soll ihnen eine Lehre sein."

Er schrie: "Wenn du weiter

Gift verspritzt, zerschmettere

ich deinen Hundeschädel!"

Der Bruder besaß nicht einmal

eine Bambusmatte, um darin

die tote Schwester einzuwickeln"

Was sollen die alten Geschichten?

Geht es uns nicht gut heute?"

Das ist es, das süße Vergessen

Bewertung der Jury

Kai Strittmatter erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2014 in der Kategorie "Reportage/Essay/Analyse" für den Beitrag "Wolfskind", erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 5. April 2013.

Wolfskind" von Kai Strittmatter ist eine herausragende Auslandsreportage, die versucht zu erklären, warum ein Junge die eigene Mutter der Konterrevolution bezichtigt und ihre Hinrichtung verlangt hat. Obwohl der Einzelfall im Mittelpunkt steht, erfahren die Leserinnen und Leser viel über die Zeit der Kulturrevolution in China. Strittmatter beschreibt detailliert eine unfassbare Geschichte aus dem Jahr 1970 und dokumentiert, was aus dem Jungen geworden ist und wie er heute im Alter von 59 Jahren mit den Vorgängen von damals umgeht. Er nimmt die Leserinnen und Leser seines Beitrages mit auf eine Zeitreise nach China und fesselt bis zum Schluss. Der Beitrag von Kai Strittmatter mit seiner ausgezeichneten Erzählweise in einer klaren und verständlichen Sprache ist vorbildlich und preiswürdig.

Kurzbiographie

Kai Strittmatter

Geboren 1965 im Allgäu.

China treibt Kai Strittmatter schon lange um. Er studierte Sinologie und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München, bevor er 1995 in der Re­dak­tion Außenpolitik der Süddeutschen Zeitung anfing. 1997 schickte ihn die SZ erstmals als Korrespondent nach Peking, damals blieb er acht Jahre. Von 2005 bis 2012 berichtete Strittmatter aus Istanbul und Athen. Vor zwei Jahren dann ging er zurück nach Peking, wo der heute 49-Jährige mit seiner Familie lebt.