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Prämierter Text

Chronik einer Messerstecherei Es war ein schöner Tag

von Kai Müller

Auf einem Bolzplatz in Neukölln bricht Streit aus. Eigentlich geht das nur zwei Leute an. Doch immer mehr Menschen werden von einem unbegreiflichen Sog erfasst. Im Recht fühlt sich jeder und schlecht behandelt sowieso. Am Ende liegt ein Jugendlicher tot am Boden. Eine Rekonstruktion.

Das Wichtigste ist untergegangen. Das, was alles verändert hat.

  • „Es ging viel zu schnell.“
  • „Ich habe nur gehört, wie Jusef einen Ton von sich gab. So ,Ah’, so.“
  • „Das Messer habe ich gar nicht bemerkt.“

Drei junge Männer sitzen auf einer beigefarbenen Ledercouch. Auf dem flachen Tisch vor ihnen stehen Feigenlimonade und Honiggebäck, aber Riza, Kvin und Easy rühren es nicht an. Ihre Jacken haben sie anbehalten, Riza trägt zudem eine schwarze Baseballkappe. Manchmal beugt er sich vor, verbirgt sein Gesicht hinter dem Schirm. Dann wieder legt er einen Arm um Kvin, der neben ihm Platz genommen hat, und fährt ihm versonnen über den kurz geschorenen Hinterkopf.

Sie sollen über Gefühle reden. Die Jacken sind ihre Panzer.

Riza, Kvin und Easy sind Anfang 20, und sie haben ihren Freund Jusef El-A. sterben sehen. Eigentlich wollen sie die Sache vergessen. Keinen Wirbel mehr. Weshalb sie sich diese Namen ausgesucht haben. Ihr Freund Jusef, ein 18-jähriger Deutschlibanese, war hier zu Hause. Seine Mutter sitzt mit am Tisch. In Schwarz. Ihre Augen ruhen auf den Männern, die sie hat aufwachsen, erwachsen werden sehen. Nun versuchen sie, noch einmal genau den Moment zu erfassen, der ein tiefer Einschnitt in ihr Leben war.

  • „Jusef drehte sich weg.“
  • „Er rief noch: ,Passt auf, er hat ein Messer!’“
  • „Welche Kraft er aufbrachte, dass er seine Freunde warnte. Dann legte er sich hin.“
  • „Der mit dem Messer war weg, abgehauen durch einen Tunnel.“
  • „Der war uns scheißegal. Jusef war verletzt.“ „Er lag da, atmete schwer.“
  • „Wir haben alles versucht.“Das Messer zerteilte ihre Welt in das, was sie gewollt hatten – und das, was daraus geworden war.

Am Tag nach Jusefs Tod wird es in den Medien heißen, dass eine Gruppe ausländischer Jugendlicher am 4. März 2012 zwei Deutsche nach einem Streit auf einem Fußballplatz durch Neukölln gejagt habe, dass die beiden Männer bei sich zu Hause von einem Mob bedroht worden seien und dass sich einer von ihnen mit einem Küchenmesser gewehrt habe. Jusef wird in der Brust getroffen. Die Klinge schneidet in lebenswichtige Gefäße. Weil die Staatsanwaltschaft von Notwehr ausgeht, wird der mutmaßliche Täter Sven N. auf freien Fuß gesetzt, während die Familie El-A. mit dem Schock und der Trauer weiterkämpft. Die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen und ziehen sich hin.

Was passieren müsste, um diese Sicht auf die Geschehnisse zu ändern, ist unklar. Aber schwer erträglich ist sie für alle Beteiligten. Für die Familie El-A., die ihren Ältesten verloren hat und damit hadert, dass ein tödlicher Messerstich direkt ins Herz ihres Sohnes als ein Akt der Verteidigung durchgeht. Für Jusefs engste Freunde, die sich zu Unrecht als Unruhestifter bezeichnet sehen. Und für den mutmaßlichen Täter, der in ständiger Furcht lebt, aufgespürt zu werden.

In der Gegend rund um die Weiße Siedlung, die wie eine Felsenburg den Neuköllner Nordosten überragt, kennen sie ihn unter dem Namen Percy. Als er später gefragt wird, warum er angesichts des Mobs nicht auf das Eintreffen der Polizei gewartet habe, wird er sagen, dass er ein Mann sei, der so was selber kläre.

Die Polizei. Sie ist für den 34-Jährigen offenbar gleichbedeutend damit, Scherereien zu bekommen. Schon in den 90ern hat er Jugendstrafen verbüßt unter anderem wegen Raub. 2006 wurde er wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Mit einem Messer stach er einem Angreifer in den Hals, es ging um Schutzgelderpressung. Nun lebt er an einem geheimen Ort, reden will er nicht.

„Okay, Hilal, ich foul dich nicht!“

Dafür ist Olli bereit zu reden. Er war der andere Deutsche. Der, hinter dem sie ebenfalls her waren. Dass er nur Olli genannt werden will, ist eine Vorsichtsmaßnahme. Am Treffpunkt wartet ein Mann mit kurzen Haaren und einem sorgfältig gestutzten langsam ergrauenden Bart. Ein unauffälliger Vierziger. Olli ist der beste Freund Percys, er habe sich stets wie ein Bruder um den sechs Jahre Jüngeren gekümmert, wird er erzählen, denn Percy habe es in seiner Jugend nicht leicht gehabt.

Jusef und seine Freunde, das war die eine Seite des Konflikts.

Percy und Olli die andere, auch sie haben Freunde.

Einer heißt Sascha und begleitet seinen Kumpel Olli jetzt. Seine langen blonden Haare fallen zu einem Zopf gebunden über den Rücken. Auch sein Kinnbart ist zu einem Zopf gezwirbelt. In den Schilderungen derjenigen, die ihm am fraglichen Tag begegneten, taucht er als „der Rocker“ auf. Er redet ohne Härte im Ton. Jetzt trägt er, 40 Jahre alt, ein schwarzes Sweatshirt mit dem geschwungenen Logo einer berühmten Street-Wear-Marke.

Wenn man sie fragt, wo sie anfangen würden, um die Ereignisse zu erklären, dann holen die beiden Männer tief Luft. Ollis Stimme flattert, er verschränkt die Arme vor der Brust. Dann zeichnet er das Bild eines Viertels, in dem er und Sascha geboren wurden, aufwuchsen und als Deutsche „schnell mal“ Probleme bekamen. Meist haben sie das zurechtgebogen. Diesmal schafften sie das nicht. Kann sein, das deutet Olli an, dass die Zündschnur für diesen speziellen Konflikt vor eineinhalb Jahren gelegt wurde. Und dass sie seither glomm, obwohl es eigentlich darum ging, Spaß zu haben.

Dazu muss man wissen, dass sich Olli und Percy jeden Sonntag auf dem Bolzplatz in der Aronsstraße trafen. Es ist ein Käfig mit rotem Kunststoffbelag, umgeben von einem hohen Gitterzaun. Er, Olli, sei gar kein guter Fußballer, sagt er, aber ein Kämpfer und in der Mannschaft, die fast immer gewinne, so dass sie das Platzrecht behalten.

Als er dann einmal Hilal* den Ball abjagt, „schreit der, dass es ein Foul gewesen sei. Aber er selbst weiß, dass es keins war.“ Der 20-jährige Türke gilt als Hitzkopf. Und Olli pflegt ihn von da an aufzuziehen mit Sprüchen wie: „O. k., Hilal, ich foul dich nicht!“ Oder: „Ich mach auch nicht so doll.“ Hilal als der viel bessere Fußballer reagiert gereizt. Sogar seine eigenen Leute sollen sich über Hilals Großspurigkeit amüsieren. Ist das die Lunte?

Oft ist es bei einem Konflikt erst eine dritte Partei, die ihn gefährlich macht. Die dritte Partei nimmt dem Streit die Übersichtlichkeit. Und was von der Wahrheit übrig bleibt, ähnelt – ja, was? Einem Mosaik?

Was wirklich zu Jusefs Tod geführt hat, kann man nicht nacherzählen. Es sei denn, die Beteiligten erzählen es selbst.

Die Älteren wollen nicht verlieren

DAS SPIEL

Am 4. März standen Percy und Olli wieder auf dem Fußballplatz. Auch Hilal war mit seiner Mannschaft dort.

DIE MUTTER Man kann den Platz hier vom Flurfenster aus sehen. Da ist sonntags immer etwas los. Jusef lag noch im Bett, da ging der Kleine zum Fußballspielen hinunter. Die spielen so lange, bis sie von den Älteren verjagt werden.

DER BRUDER An dem Tag durfte ich bei den Großen mitspielen.

Jusefs Bruder hat in der Tür zum Wohnzimmer gestanden. Nun wird er von seiner Mutter gebeten, Teewasser aufzusetzen. Als er das getan hat, kehrt er zurück, aber das Zimmfer betritt er nicht. Er verharrt auf der Schwelle, nestelt an seinem Mobiltelefon. Dann sagt er, dass ab einem bestimmten Alter, „also mit 15, 16 Jahren, wenn die sehen, dass du nicht schlecht bist“, auch einer wie er habe mitmachen dürfen. Denn die Älteren wollten nicht verlieren. Früher habe er deshalb nur zugesehen. An diesem Tag aber sei er mit Olli und Percy in einer Mannschaft gewesen.

DIE MUTTER Als der Kleine wiederkam, sagte er, dass es Streit gegeben habe. Ein paar hätten sich geprügelt. Ich fragte, wer.

DER BRUDER Ich kannte die nicht.

OLLI Seit 15 Jahren spielen Percy und ich sonntags Fußball. Fünf Mann bilden ein Team, wir sind das einzige gemischte. Früher haben wir mit den Vätern der Jugendlichen gekickt, die heute immer kommen.

DER BRUDER Ich stand daneben, als in der gegnerischen Mannschaft Streit aufkam.

OLLI Ein Araber namens Black* hatte von Hilal einen schlechten Pass zugespielt bekommen, so dass er den Ball wütend wegdrosch und sagte: „Mit dir spiel ich nicht mehr, geh nach Hause.“ Hilal ging, telefonierte und kehrte dann zurück: „Nee, ich spiel doch mit.“ Klar, macht jeder so.

DER BRUDER Plötzlich tauchte Hilals großer Bruder auf.

OLLI Er ging auf Black zu und klatschte ihm eine. Black hielt sich die Wange, blickte zu Boden: „Ist ja gut, ich lass deinen Bruder in Ruhe.“ Aber Hilals Bruder fand, dass das nicht genügte. Er krempelte die Ärmel hoch. Da mischte sich einer von uns ein. Antoni*: „Ey, wir kennen uns doch alle! Ich kenn dich als kleinen Jungen!“ Daraufhin der Bruder: „Wer bist du denn, was bildest du dir ein, mit mir zu reden?“ Er ging auf Antoni los. Der aber packte ihn am Hals und drückte ihn gegen den Maschendrahtzaun. Ich dazwischen: Hey, was soll denn das? Dann war auch Hilal mit von der Partie. Ich: Schluss jetzt! Schluss jetzt!

DER BRUDER Hilals ganze Familie tauchte auf. Olli und Percy stellten sich hinter Black, den sie wohl kannten, obwohl er bei den Gegnern gespielt hatte.

OLLI Cousins und Onkel, ältere Burschen, bestimmt elf Mann waren aufgelaufen. Da deutete Hilal plötzlich mit dem Finger auf Percy und mich und sagte „Die beiden Deutschen, der und der.“

DER BRUDER Black, der den Streit mit Hilal gehabt hatte, war abgehauen. Es hieß, Hilals Klan gegen Olli und Percy.

OLLI Ein kleiner Glatzkopf kam auf mich zu. Er fummelte an seinem Handy, als sei das gerade besonders wichtig. – „Komm, lass mal reden!“ – Nee, du kommst mir nicht zu nah. – Ich kenn das. Erst wollen sie Vertrauen wecken, und plötzlich hat man ihren Kopf im Gesicht. Ich hielt Distanz, indem ich rückwärts vor ihm weg bin.

DER BRUDER Richtig eskaliert ist die Sache, als Hilals Mutter erschien.

OLLI Hilal stand vor mir, ich hielt seine Arme fest. Seine Mutter stand neben uns. Und er schrie immer: „Meine Mutter ist da, hast du kein’ Respekt vor meiner Mutter?“ – Doch, hatte ich und ließ ihn los. Ich ahnte, dass er aus der Lautstärke, mit der er brüllte, Kraft zu schöpfen versuchte für einen Kopfstoß, der auch prompt kam. Da habe ich ihm eine mitgegeben.

DER BRUDER Der Kampf verlagerte sich auf die Straße. Wir Jüngeren, die wir nicht gemeint waren, hinterher.

OLLI Percy ist wie ein Pitbull. Wenn ihn jemand schlägt, dann gibt es für ihn nur noch diesen einen Typen, auf den er sich stürzt. Er riss dem Glatzkopf am Mund. Während er mit Schlägen traktiert wurde. Er kam hoch, mit zerzaustem Kopf, sein Auge war geschwollen, sein Gesicht matschig. Und er sagte: „Die wollen nicht aufhören, ich kann nicht mehr.“ Aber die waren nun auch benommen. Mit der Gegenwehr hatten die nicht gerechnet.

Sie spielen mit der Playstation und lachen.

DIE FREUNDE

Olli und Percy mussten ihre Jacken am Sportplatz zurücklassen. Antoni würde sie ihnen nachbringen, vereinbarten sie und liefen nach Hause, die Sonnenallee runter. Bis jemand sagte, dass sie die Straße meiden sollten. Welche seien in einem schwarzen Wagen und mit einer scharfen Knarre hinter ihnen her.

OLLI Antoni brachte uns die Jacken. Er und ich hatten einen heftigen Streit, weil ich ihm erklärte: Das war Rassismus. Er wollte das nicht wahrhaben. Verschließ nicht die Augen, sagte ich. Warum hat es auf dem Platz plötzlich geheißen, „die beiden Deutschen“, he? Du warst auch dabei. Warum ging es nicht gegen dich?

DIE MUTTER Jusef hat den Bericht seines Bruders nicht mitbekommen. Und ich habe ihm davon auch nicht erzählt. Er wusste von gar nichts. Nichts von Knarren und von der Prügelei. Um 14 Uhr war er noch gar nicht aus seinem Zimmer gekommen. Hatte lange am Computer gesessen, im Pyjama. Dann ging er ins Bad.

RIZA Wir hatten am Abend zuvor lange bei mir gesessen. Ich habe ein großes Zimmer und Playstation. Es war ein lustiger Abend, Fifa-Game.

KVIN Ein Turnier. Es wurde spät, weil jeder gegen jeden spielte.

DIE MUTTER An Sonntagen lassen wir uns mit allem Zeit. Relaxen. Jusef stand in der Küchentür und sagte: „Ich habe Hunger, wann ist das Essen fertig?“ Er war gestylt, parfümiert, kam aus der Dusche. – „Mama, beeil dich, ich habe Hunger.“ – Ich machte sein Lieblingsessen. Nuggets wie es sie bei Kentucky Fried Chicken gibt, aber selbst gemachte. Ich sagte: Dauert noch’n bisschen. – „Ich geh kurz raus.“ – Nimm dir was mit. – „Nein, entweder wir essen zusammen oder gar nicht.“ – So war er.

KVIN Um 14.30 Uhr habe ich Jusef getroffen. Wir sind nach vorne zur Sonnenallee spaziert, waren im Schulenburgpark, haben geredet. Weitere Freunde kamen.

RIZA Wir haben unsere Tage damit verbracht, uns zu sehen. Denn wir sind Brüder.

DIE MUTTER Nach einer halben Stunde rief er an. – „Mama, bist du fertig?“ – Noch nicht, aber in einer halben Stunde kannst du kommen. – Aber er kam nicht.

RIZA Es war ein schöner Sonntag.

DIE MUTTER Ich war sauer. Erst drängelte Jusef, hetzte mich, dann ließ er uns warten. Sein Portemonnaie hatte er zu Hause liegen lassen, da war doch klar, er würde sich nirgendwo anders etwas zu essen kaufen. Seine BVG-Karte hatte er auch nicht dabei. Nur Schlüssel und Handy.

RIZA Es ist schwer für einen von uns, sich von den anderen loszureißen. Es gibt immer etwas, über das wir reden. Ich kannte Jusef seit der 7. Klasse. Wir waren auf der Realschule am Britzer Damm und lernten gemeinsam für Prüfungen. Wir sahen uns auch beim Fitness. Muskeln aufbauen, sich schön machen, die Mädchen stehen drauf. Jusef war für dich da. Mehr an schlechten als an guten Tagen. Es war ein guter Tag. Und er blieb bei uns hängen.

KVIN Dann kam der Anruf.

RIZA Hilal wollte mit uns reden. Wir trafen uns in dem Kiosk an der Bushaltestelle. Dort erklärte uns Hilal, dass seine Mutter, sein Bruder und er selbst Schläge bekommen hätten.

EASY Seine Ehre war gekränkt worden. Ich hätte das auch klären wollen.

RIZA Hilal sagte: „Riza, kannst du mitkommen und hinter mir stehen? Falls mir etwas zustößt.“ Sein Auge war bereits dick. Er meinte, ältere Männer seien das gewesen. Da bekam ich ein bisschen Angst. Aber man denkt, die Älteren werden gegenüber Jüngeren schon Respekt zeigen. Die müssen wissen, wie das abläuft.

DIE MUTTER Ich war mir sicher, dass er jeden Moment zur Tür hereinkommen und sagen würde: „Tschuldigung Mama, bin aufgehalten worden.“ Ich wusste nicht, mit wem Jusef unterwegs war.

RIZA Es ist bekannt, dass ich schlichten kann. Wie meine Eltern immer sagen: Das Wichtigste ist reden, reden, reden. Da ich ein bisschen mehr überlege und schneller ticke, hoffte Hilal wohl, dass ich das Reden für ihn übernehmen würde. Immerhin hatte er eine Schlägerei hinter sich. Leider wollten die Älteren nicht reden.

Jusef sagte: "Ihr geht jetzt."

KVIN Bevor Hilal uns anrief, hatte er die mobilisiert, mit denen er eng ist. Wir kannten ihn als Nachbarn, den man trifft und grüßt. Ein Hallo-und- Tschüss-Freund.

RIZA Er wollte so viele dabeihaben wie möglich, damit es ihn stärker aussehen ließ. Ich dachte, dass ich die Deutschen, die Schläger, wie Hilal sagte, vielleicht kennen würde. Wenn ich sie kannte, hätte ich vermitteln können.EASY Niemand sagte, das sei Hilals Sache, nicht unsere.

DIE MUTTER In Neukölln muss man wissen, wo die Kinder sind. Ist eine harte Gegend, wir haben es als Eltern nicht einfach, hier Kinder zu erziehen.

RIZA Eigentlich hätten Hilals Eltern ihn zu Hause behalten müssen.

EASY 2008 war das, wir waren gerade vor den Häusern, als ein Mann auf uns zukam und sagte: „Wir wollen hier was aufmachen, was fehlt euch?“ Meinten wir: ein Jugendklub. Wir haben mitgeholfen, den aufzubauen, zu streichen, mit Möbeln einzurichten. So sind wir zusammengewachsen. Hilal gehörte nicht dazu.

DIE MUTTER Die Jugendlichen müssen für sich selbst herausfinden, was sie hier wollen. Der Klub war ihr Treffpunkt und für mich als Mutter eine Sicherheit.

RIZA Die Betreuer ticken dort wie unsere Eltern. Nur wir hören ihnen viel eher zu, weil wir Gedanken mit ihnen teilen können, mit denen wir an unsere Eltern niemals herantreten könnten.

EASY Die waren früher so wie wir und haben auch schon mal Mist gebaut. Sie kapieren einfach, was wir durchmachen und wie sie mit uns umgehen sollen.

DIE MUTTER Jusef war selbstbewusst, kein ängstlicher Typ. Einmal habe ich, von ihm selbst unbemerkt, eine Szene beobachtet, die sein Wesen gut beschreibt. Jugendliche schubsten einen alten Mann, der angetrunken war, hin und her. Sie fanden das komisch. Ich sah Jusef auftauchen und mit den Jugendlichen diskutieren. Der Mann lag bereits am Boden. Es wurde laut. Jusef sagte: „Ihr geht jetzt!“ Er hatte eine Präsenz. Ich fand das gut, denn ich sage meinen Kindern: Ihr könnt laut werden, sogar schreien. Aber niemals schlagen und anderen wehtun. So hat Jusef dem Mann geholfen.

Im Jahr 2008 war Jusef mit Riza, Kvin und Easy dem Jugendbeirat der Weißen Siedlung beigetreten. Ein Jahr später nahm er das Angebot an, bei einer Mediation teilzunehmen. Das für Jugendliche konzipierte Konflikttraining erstreckte sich über 30 Wochenstunden. Sie lernten, auf provozierende Sprache zu verzichten, die eigene Position neutraler vorzutragen. Aber die wichtigste Leistung sei gewesen, sagt eine Ausbilderin, „überhaupt anzuerkennen, dass das Gegenüber ein Problem hat“.

DIE MUTTER Wie oft Jusef nach Hause kam mit diesem Herzwehtun. „Oh, Mama, die haben sich geprügelt“, sagte er häufig, er sah dann bedrückt aus.

EASY Hilal meinte, er kenne jemanden, der wisse, wo die Typen wohnen würden. Also sind wir in Autos gestiegen und hinterher. Aber wir haben uns nicht beeilt oder so.

Der Kerl war nur so Hallo-und-Tschüss.

DIE KLÄRUNG

Es liegt eine Zwangsläufigkeit über dem Tag, die keiner Eile, keiner Hast bedurfte. Immer mehr Jungs aus der Gegend schlossen sich Hilals Streitmacht an. Einige gingen mit, weil sie ihre Freunde beschützen wollten. Andere aus Neugier. Alle gaben sich zufrieden mit dem, was Hilal ihnen erzählte. Es war von ihnen keiner auf dem Fußballplatz gewesen. Und obwohl es manchen von ihnen wohl dämmerte, dass Hilal auf eine Revanche aus war, für die er jeden brauchen würde, zogen sie mit.

RIZA Später haben uns die Leute gefragt, warum lasst ihr euch in so etwas hineinziehen? Warum von einem Kerl, der nur Hallo-und-Tschüss ist? Wir wären nicht mitgegangen, wenn wir gewusst hätten, dass er mit dem Streit angefangen und selbst zugeschlagen hatte.

Erst wenige Tage vor seinem Tod hat Jusef bei der Handelskammer eine Prüfung fürs Wach- und Sicherheitsgewerbe abgelegt. Dafür musste er sich auskennen mit dem BGB, mit Straf- und Verfahrensrecht, dem Umgang mit Waffen, er sollte die Grundzüge der Sicherheitstechnik kennen sowie geübt sein im Umgang mit Menschen, insbesondere in Deeskalationstechniken.

Er kannte welche, sagt seine Mutter, „für die er als Baustellenaufsicht arbeiten konnte und in Kaufhäusern an der Tür“. Seine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann hatte Jusef kurz zuvor aufgegeben. An seinen Computerkenntnissen lag es nicht. Er wusste nur nicht genau, was er machen sollte. Die Berufsschule hat gelangweilt. „Er mochte wohl auch die Anzüge, die er als Wachschützer getragen hätte“, sagt die Mutter.

OLLI Dass nach dem Streit vom Nachmittag noch was kommen würde, war mir klar. Antoni hatte gesagt, die wüssten gar nicht, wo ich wohne, und es würde ihnen auch niemand verraten. Aber ich glaubte das nicht. Die wissen jetzt schon, wohin sie müssen, meinte ich.

Olli hat erst Maler und Lackierer gelernt und dann eine zweite Ausbildung zum Mediengestalter gemacht. Über Fortbildungsmaßnahmen rutschte er in die Rolle eines Sozialassistenten. An einer Neuköllner Privatschule hilft er Schulverweigerern, einen Abschluss zu machen. „Die Rektorin hätte mich nicht mit 25 Chaotenschülern, die überall anders gescheitert waren, auf Ausflüge geschickt, wenn sie nicht gewusst hätte, dass ich die im Griff habe“, sagt er, um zu unterstreichen, dass er ein Geradeaus-Typ sei. Heute meint er, dass ihm an dieser Schule jederzeit dieselbe Art Konflikt hätte blühen können, wie er sich nun vor seiner Wohnungstür zusammenbraute.

RIZA Wer jetzt noch dazustieß, war schwer auszumachen. Jungs vom Sonnencenter. Hilals Freunde. Man weiß doch, bei einem Autounfall kommen auch hundert Menschen zusammen, um zu wissen, was Sache ist.

EASY Ich kann mich nicht erinnern, dass jemand laut geworden wäre. Oder das Beleidigungen gerufen worden wären. Wir waren da nicht als aufgebrachter Mob, der Rache fordert. Gar nicht.

RIZA Wenn wir auf Gewalt aus gewesen wären, hätten wir doch einfach durch die Haustür brechen und die Leute hinauszerren können. Aber wir wussten, dass Kinder in der Wohnung waren.

EASY Aus Respekt haben wir Abstand gehalten, 20, 30 Meter. Nur Hilal und Riza sind zur Haustür gegangen und haben geklingelt.

OLLI Ich war in der Badewanne. Meine Frau sagte: „Komm schnell runter, nix Gutes.“ Ich kam in Unterhose an die Wohnungstür, vor mir etwa sieben Mann, die anderen drückten sich in die Ecken. Ich schob die Tür zu und sagte jaja und dass ich gleich käme.

RIZA Olli sagte: „Ihr kommt zu meiner Wohnung, wartet mal ab, was jetzt passiert.“

"Im Flur lehnte mein Baseballschläger."

KVIN Nach diesem Spruch schloss er die Tür. Aber kurz darauf erschien Percy. Allein.

RIZA Es kam der Falsche raus, der, den ich nicht kannte. Und der ein bisschen kaputt am Kopf war. Dem war sein Leben egal.

OLLI Die hatten gesehen, dass sich eine Frau mit Kindern in der Maisonettewohnung befand. Sie mussten damit rechnen, dass die Sache eskaliert. Meine drei Kinder habe ich nach oben geschickt. Hatte ich vielleicht irgendwo einen Knüppel, mit dem ich mich wehren konnte? Nichts. Alles, was ich fand, war ein Metallkettchen, mit dem wir Blumentöpfe aufhängen. Das habe ich mir in die Hosentasche gestopft.

SASCHA Wenn man einmal ein Problem mit denen hat, wird man es so lange haben, bis niemand mehr da ist, der es mit Interesse verfolgt. Das ist nicht mit ein bisschen Rumrangeln erledigt.

Sascha, den sie Rocker nennen, schaut jetzt, Monate später, erneut in seinem Smartphone nach, wann er den Anruf erhielt, der ihn in den Strudel hineinzog. 18.50 Uhr war es. Ollis Lebensgefährtin rief ihn an. Neun Minuten zuvor hatte sie bei der Polizei einen Notruf abgesetzt. Aber dem Beamten in der Zentrale schien die Dringlichkeit zu entgehen. In ihrer Not fiel ihr Sascha ein, der hatte es nicht weit. Von seiner Wohnung aus konnte er den Menschenauflauf im Hof bereits sehen. „Ollis Frau sagte, du musst herkommen, hier machen 30 Leute Terror, die wollen auch in die Wohnung.“ Sascha sagt, dass er gar nicht anders gekonnt habe: „Ich habe mir meine Schuhe angezogen.“

Für ihn wiederholte sich in dem Moment eine Szene, die er und Olli vor 20 Jahren erlebt hatten. Damals war er es, Sascha, gewesen, vor dessen Tür eine Abordnung der Thirty-Six-Boys, einer türkischen Jugendbande, aufgetaucht war. Bis hinauf ins Treppenhaus belagerten sie ihn. Sascha bluffte, drohte mit einer Gang, die er gar nicht hatte, und sie zogen ab. Heute ist er Kung-Fu-Kämpfer und Gewaltpräventionstrainer.

OLLI „Der Sascha kommt rüber“, sagte meine Frau. Aber ich dachte nur, der kann doch da unmöglich in die Menschenmenge reinlaufen.

SASCHA Im Flur lehnte mein Baseballschläger, aber das wäre eine Provokation gewesen. Kurz vorher hatte ich mir zum Geburtstag eine Machete geschenkt. Die lag da jetzt. Egal, dachte ich. Die Machete konnte ich unter der Jacke verstecken. Wenn Sie sich in ein Rudel Wölfe begeben, sollten Sie wenigstens ein Plastikgebiss im Mund haben und zeigen: Ich habe auch spitze Zähne.

OLLI Um Sascha abzufangen, bin ich hinten über die Terrasse raus.

"Die waren jünger als wir, aber das zählt heute nicht mehr."

SASCHA Es war kein Problem, zu Ollis Wohnungstür zu gelangen. Dort habe ich den Wortführer gefragt, was los sei. Der natürlich gleich: „Wer bist denn du? Was geht es dich an?“ – Ich bin ein Freund der Familie, sagte ich. – „Was willst du, Kartoffel?“ – Ich will wissen, was los ist. – „Der Olli hat mich mit fünf Mann verprügelt.“ – Da wusste ich, dass etwas faul war, weil der das niemals machen würde. Der nicht. Ich kenne den seit über 30 Jahren. Dieser Jusef kam dazu, stellte sich schräg an meine Seite, drückte mich mit seinem Körper weg. Als ich wissen wollte, was er vorhabe, sagte er: „Was quatschst du mich hier voll?“ Ich sagte, ich wolle wissen, was das Problem sei. Worauf der mit der Wunde überm Auge meinte, er wolle, dass Olli jetzt herauskäme, der solle sich bei ihm entschuldigen. – Und danach ist die Sache erledigt? – „Ja.“

OLLI Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, wie stark die dort draußen bewaffnet waren.

SASCHA Olli war nicht da. Percy öffnete die Tür. Die wollen, dass du rauskommst, sagte ich. Ihr sollt euch entschuldigen. – „Und was würdest du machen?“ – Nicht rausgehen.

RIZA Percy war von der Prügelei am Nachmittag schwer angeschlagen. Ein Auge dick und blau angelaufen. Er blickte übelst böse.

SASCHA Percy fürchtete wohl, dass er die Familie in Gefahr bringen würde, wenn er nichts unternähme.

OLLI Die waren viel jünger als wir, klar. Aber das zählt heute nicht mehr. Die haben Messer in der Tasche. Da muss man die behandeln wie Erwachsene. Wenn Sie es nicht tun, fühlen sich die Jugendlichen erst recht provoziert.

SASCHA Percy sah fertig aus. Dass seine Kraft überhaupt noch ausreichte, die Stufen von der Wohnungstür herunterzukommen.

RIZA Ich habe Percy und Hilal gesagt: „Ihr habt beide ein Problem. Regelt die Sache.“ Wir hielten uns abseits. Ich nahm an, dass der Ältere das Wort ergreifen würde. Die sahen sich in die Augen, aber irgendwie haben sie nicht geredet. Percy verbarg seine Hand immer so verdächtig hinterm Rücken. Als würde er etwas festhalten, das in seinem Hosenbund steckte.

SASCHA Dass Percy sich ein Messer in den Hosenbund gesteckt hatte, habe ich nicht mitbekommen.

EASY Beide waren bestimmt 40 Meter von uns entfernt. Aber sie bekamen kein Wort heraus. Percy war ein bisschen aggressiver drauf. Es war purer Hass.

Jusef schlug zu, als erster, ins Gesicht.

DER STICH

Die Siedlung in der Fritzi-Massari-Straße besteht aus viergeschossigen Reihenhäusern in Rot und Gelb-Weiß. Von den Parterrewohnungen führen drei Stufen in den Innenhof, der mit Büschen und Bäumen bepflanzt ist, es gibt Metallzäune, Sandgruben, Kinderspielplätze und kaum freie Flächen. Die Gärten sind mit einem hohen Holzzaun gegen Blicke geschützt und kleine, in sich geschlossene Träume vom privaten Glück. Es ist verwinkelt, eng, man muss sich hier auskennen.

SASCHA Das Angebot lautete: reden. Dass das nur eine Finte darstellte, war jedem Beteiligten klar. Die sind beinahe sofort auf Percy los.

RIZA Jusef lief an mir vorbei auf die beiden zu. „Was hast du in der Tasche, Mann?“, rief er, „warum hast du deine Hand hinter dem Rücken?“ Percy drehte sich ein bisschen zu Jusef um, seine Hand zuckte. Da hat Jusef ihm eine geknallt. Ins Gesicht. Mit der Faust. Er kam dem anderen zuvor.

OLLI In diesem Moment erreichte ich den Hof.

SASCHA Percy kam zu Fall. Weil er rücklings die Treppe zu einem Durchgang hoch wollte, ist er gestolpert, und die sind über ihn hergefallen.

KVIN Ich war neben Jusef, als er ihm eine gegeben hat. Es wurde hektisch, und ich bin dazwischen. Wollte Jusef da rausholen. Percy hat mich erwischt. Am linken Oberarm. Ich hab den Schnitt nicht mitbekommen. Erst später. Es blutete stark.

RIZA Plötzlich zog der Rocker eine Machete und schwang sie über seinem Kopf.

SASCHA Ich habe laut gebrüllt: Hooooaaa ...

RIZA Er stand mitten unter uns. Alle nur: Whooow! Und wichen zurück. Warum hast du ein Messer, rief ich. Wenn du ein Messer hast, dann benutze es doch! – „Genau darum habe ich ein Messer, damit das nicht passiert.“

SASCHA Alle sind weggerannt. Nur fünf Burschen, die sich an mir vorbei auf Percy stürzen wollten, standen noch vor mir. Der, der sich Riza nannte, fragte: „Meinst du, ich habe jetzt Angst vor dir?“ Mir ging nur durch den Kopf: Scheiße, was machste jetzt? Den interessiert dein tolles Messer nicht. Aber dann hob er die Hülle auf, die in der Aufregung weggeflogen war, und gab sie mir zurück. So steckte ich das Ding wieder weg.

OLLI Einige von der Meute kamen in ihrer Panik in meine Richtung gelaufen. Auf einem Spielplatz konnte ich sie abschütteln. Dann bin ich hintenrum wieder in meine Wohnung. Percy war oben. Ich wollte wissen, was passiert war. Er sagte nur: „War zu viel, war zu viel.“

Einer liegt am Boden.

RIZA Wie kann man so viel Mut haben, so ein Ding durchzuziehen?

Es sei eine Dummheit gewesen, sagt Jusefs Mutter, die Wohnung in der Fritzi-Massary-Straße zu belagern. Die Frau stützt ihren Kopf mit einer Hand, als wollte sie sein Gewicht messen. Sie ist im Quartiersbeirat und Stadtteilmutter gewesen, hat sich für ihre Mitmenschen eingesetzt. Nun überlegt sie lange. Wiegt ein Schlag so schwer, sagt sie, wie der Gruppe bewaffnet gegenüberzutreten und in Kauf zu nehmen, dass jemand ernsthaft Schaden nimmt? „Wenn jeder Jugendliche, der sich prügelt, ein Messer zieht, dann haben wir ein Massaker“, sagt sie. Für die Mutter war es Jusef, ihr Sohn, der in Notwehr gehandelt hat. Er habe Hilal geschützt, indem er schneller als das Messer sein wollte.

Hilal war in dem Tumult verschwunden.

Ebenso Percy.

Und was ist passiert?

Drei oder vier gegen einen. Der stolpert, stürzt rücklings auf die Treppenstufen eines Durchgangs, durch den man auf die rückwärtige Seite der Häuserzeile gelangt. Er stößt die Klinge nach oben, vielleicht hält er sie auch nur von sich gestreckt, dabei wird Jusef vermutlich getroffen. Niemand weiß es genau. Schon springt das Menschenknäuel auseinander, denn Sascha hat seine Machete gezogen, die so abschreckend ist, dass sie in den Erinnerungen vieler das einzige Messer sein wird. Jusef bewegt sich noch einige Meter vom Tatort weg.

OLLI Normalerweise bleibt bei so was ein Deutscher liegen.

SASCHA Plötzlich wurde wieder laut gebrüllt. Einer lag am Boden. Zwei seiner Freunde schleiften ihn hin und her. – „Er hat einen Stich abbekommen.“ – Ich habe die angewiesen, mir zu helfen. Als Erstes schiebt man bei so etwas den Pullover hoch, um die Wunde zu finden. Ich sah den Einstich unterhalb des Rippenbogens.

RIZA Jusef hat nicht mehr geredet. Er lag da und atmete schwer

SASCHA Ich hab die Hosen voll gehabt. Da liegt ein Typ mit einem Messerstich, und ich habe dieses Riesenteil dabei. Also bin ich hoch, hab die Machete zu Hause deponiert, mir ein Handtuch geschnappt, um es auf die Wunde zu pressen. Ich habe meiner Frau zugerufen, sie solle den Notarzt verständigen. Meine Hände waren blutverschmiert. Beim Ziehen der Machete hatte ich mir die Finger an der geriffelten Klinge aufgerissen.

EASY „Ruf ’nen Krankenwagen.“ Mehr konnte Jusef nicht mehr sagen. Wir haben alles versucht. Seine Augen starrten geradeaus.

SASCHA Ich habe mich abgemüht, den Jungen zu reanimieren. Seine Freunde haben mich zum Teil massiv bedroht, hatten ein Messer in der Hand und sagten, wenn dem irgendwas passiert, bist du der Nächste. Während ich mit Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzmuskelmassage alles dafür tat, dass es besser wird. Als die Polizei eintraf, sagten sie, ich sei der mit dem Messer gewesen.

RIZA Der Notarzt kam erst nach 15 Minuten. Krass, wa? Trotzdem, wir haben nicht gedacht, dass Jusef da sterben könnte. Manche Menschen kriegen viel mehr Stiche ab und überleben.

EASY Jusef war stark. Nie hat er aufgegeben.

RIZA Wer für die anderen da ist, wenn sie es brauchen, der hat Stärke. Innerlich. Und so einer war Jusef.

DIE MUTTER Er hat sich überschätzt.

Der Tote, so erfährt er jetzt, ist der Cousin eines Freundes.

DIE NACHRICHT

DIE MUTTER Da kam ein Anruf von meiner Nachbarin, gegen 18.30 Uhr. Wo Jusef sei, fragte sie. Bis dahin hatte ich mir nichts gedacht. – „Weißt du gar nicht, wo er ist?“ – Sie klang besorgt. Ich ließ Jusef und seine Geschwister schon mal Besorgungen für die Nachbarin erledigen, wir helfen uns gegenseitig. Und ich dachte, sie wollte Jusef um einen Gefallen bitten. – Der wird bestimmt gleich kommen. – Sie druckste herum. Dann meinte sie: „Ich habe nur gehört, dass Jusef mit einem Messerstich im Krankenhaus liegt. – Was redest du da für’n Quatsch. – „Ich weiß auch nicht. Ist wahrscheinlich nichts. Nichts Schlimmes.“ – Mir war sofort klar, dass wir ins Krankenhaus mussten.

OLLI Der Hof zwischen den Häusern war taghell erleuchtet. Die Polizei suchte die Tatwaffe. Percy hatte das Küchenmesser im Garten in die Erde getreten, aber das verriet er erst, nachdem er sich am nächsten Morgen stellte. So fanden die Ermittler in den Gebüschen all die Messer, die die Jugendlichen hastig weggeschmissen hatten.

DIE MUTTER Es war so voll im Neuköllner Krankenhaus. Die Polizei ließ uns nicht zu ihm durch, weil er notoperiert wurde. Wir haben geschrien und wollten wissen, wie wir ihm beistehen könnten. Ich wollte den Polizisten sogar zur Seite schieben. – „Lassen Sie mich einfach hinein!“ – So aufgelöst waren wir. Jusef brauchte seine Mutter, ich kannte ihn doch. Er war so – „Mama“.

Olli wurde von der Polizei die Nacht über als möglicher Täter festgehalten. Seine Hände wurden zur Sicherung von DNA-Spuren mit Plastiktüten abgeklebt. „Aber ich hatte Jusef nie berührt“. Erst, als ihm ein Bild von dem Toten gezeigt wurde, erschrak er. Er erkannte auf dem Foto den Cousin eines guten Freundes. „Mir wurde schlecht.“

Für einen Augenblick wird es jetzt still in dem Zimmer, in dem Olli und Sascha berichten. Olli möchte etwas Versöhnliches sagen, aber ihm fällt nichts Überzeugendes ein. „Ich kann die Trauer der Eltern verstehen“, sagt er. „Auch meine Kinder hätten ihren Vater verlieren können.“ Deshalb fällt es ihm so schwer. Er fühlt sich im Stich gelassen. Auch von denen, die ihn besser kennen müssten, weil er für sie da gewesen war wie für jenen arabischen Jungen, den er durch Familientragödien begleitet hatte und der ihm nun am Telefon sagte, dass er ihn eigenhändig umbringen werde. „Mein Fehler war vielleicht zu glauben, dass er ein Guter war“, sagt Olli. „ Ich glaube es immer noch.“

Auch Sascha wurde in der Tatnacht von der Polizei vernommen. Auf die Frage, ob er ein Messer dabeigehabt habe, legte er ein Taschenmesser auf den Tisch. Noch eins? Sascha überlegte. Dann erwähnte er den Baseballschläger, aber noch während er log, trat ihm kalter Schweiß auf die Stirn, ihm wurde elend. Schließlich erzählte er von der Machete. Da soll man ihm entgegnet haben, dass man das längst wüsste und verstünde.

"Das hat so viel gekostet", stöhnt Sascha.

Als sich die Todesnachricht vor dem Neuköllner Krankenhaus verbreitete, entlud sich der Zorn noch vor Ort gegen Hilal. An den folgenden Tagen versammelten sich aber auch immer wieder aufgebrachte Jugendliche vor Ollis Wohnung und stießen Drohungen aus, Steine flogen. Um eine Eskalation zu verhindern, leitete die Polizei nach dem 4. März eine Reihe von „Interventionsmaßnahmen“ ein. Beamte kontaktierten den Jugendklub „Sunlight“, sprachen Vereine und Imame an.

DER VATER Später bin ich zu den Jungs in den Jugendklub gegangen, wo sie sich in Trauer versammelten. Niemand sollte etwas Unbedachtes unternehmen. Die Polizei kümmert sich, das macht der Staat, habe ich gesagt. Aber was hat es gebracht? Für mich ist dieser Mann nicht einer, der bloß mit einem Messer herumgefuchtelt hat.

Dem Untersuchungsbericht zufolge drang die Klinge in Jusefs rechte Herzkammer ein.

An der Beisetzung Jusefs nahmen 3000 Menschen teil, es war der größte Trauerzug dieser Art in Berlin. Und für Olli und Sascha war es eine einfache Rechnung. Wenn nur ein Einziger in der Lage gewesen war, 30 Freunde zusammenzutrommeln, auf die wiederum 3000 Trauergäste folgten, reichte nur ein Prozent davon aus, um sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein zu lassen. Sie rafften das Nötigste zusammen und flohen, mit ihren Frauen, die ihre Jobs verloren, mit ihren Kindern. „Das hat so viel gekostet“, stöhnt Sascha. Im vergangenen Jahr war sein jüngerer Bruder verunglückt. Jetzt verlor er über Nacht sein soziales Umfeld. Die Polizei habe ihnen geraten, bloß fortzubleiben.

Im Nachhinein sei viel erzählt, seien Gerüchte gestreut worden, meint Sascha. Es heiße, dass Kopfgelder ausgesetzt und übelste Araber aus Schweden angereist seien. „Man darf solche Geschichten nicht für wahr halten, man darf sie aber auch nicht ignorieren.“

DIE MUTTER Wer soll denn Kopfgelder zahlen?

Und Hilal? Gegen ihn und andere wird wegen besonders schweren Landfriedensbruch ermittelt. Über seinen Verbleib ist wenig in Erfahrung zu bringen. Ein Mitglied der Familie sagt am Telefon, man wolle sich zu dem ganzen Vorgang nicht äußern. Es sei schon so viel geschehen. „Ein Junge ist tot.“

Die Tatwaffe kann bis heute von den Ermittlern nicht zugeordnet werden.*

Name von der Redaktion geändert. Der Text ist auf den Mehr-Berlin-Seiten erschienen und mit dem Theodor-Wolff-Preis 2013 ausgezeichnet worden.

Bewertung der Jury

Kai Müller erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2013 in der Kategorie „Lokaljournalismus“ für den Beitrag „Es war ein schöner Tag“, erschienen im Berliner "Tagesspiegel" am 8. Dezember 2012.

„Es war ein schöner Tag“ ist die Rekonstruktion eines wie aus dem Nichts ausbrechenden und bis zum Mord eskalierenden Streits in Berlin-Neukölln. Die Leistung des Autors: Er hat den Fall so genau recherchiert, und zwar in beiden tödlich verfeindeten Lagern, dass ihm dies eine ungewöhnliche Erzählweise erlaubt. Im Wechsel lässt er Beteiligte und Zeugen der feindlichen Milieus sprechen und den gesamten Hergang erzählen. Auf diese Weise schafft er in seinem Text etwas, was in der Realität nicht stattfindet. Mit seiner Genauigkeit und seiner besonderen Dramaturgie blättert der Autor jenen Kosmos aus Hass und explosiver Gewalt auf, der täglich all die kleinen Meldungen in den Lokalzeitungen produziert.