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Prämierter Text

Wie Ken den Kopf verlor

Von Volker Zastrow

„Connecting the dots“ hat Steve Jobs das genannt: die Punkte verbinden. Die Wegpunkte des Lebens. Was wird aus mir? Was soll aus mir werden? Was ist aus mir geworden?

Jobs sprach 2005 vor dem Abschlussjahrgang der Elite-Uni Stanford. Natürlich kannten ihn alle Studenten, der Apple-Gründer ist weltberühmt, so etwas wie der Heilige Vater einer techno-ästhetischen Community, und was er in seinem Leben berührt hat, ist Gold geworden. Wie die Graduates trug er Talar und Doktorhut, als er ihnen unter der Sonne Kaliforniens drei Geschichten ankündigte. Keine große Sache: „No big deal. Just three stories.“

Die erste also über „connecting the dots“. Die Studenten feixten, als Jobs sagte, dass er die Uni vorzeitig verlassen hatte. „Ich hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, und keine Ahnung, wie die Uni mir dabei helfen sollte, es rauszukriegen. Aber währenddessen gab ich das Geld aus, das meine Eltern, Leute aus der Arbeiterklasse, ihr Leben lang zusammengespart hatten.“ Jobs warf das Studium hin, und er hatte Angst. „Im Rückblick war es eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.“

Er begann, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihn wirklich interessierten. Als Beispiel nannte er seinen jungen Zuhörern so brotlose Künste wie Kalligraphie. Zehn Jahre später, bei der Erschaffung des ersten Macintosh-Computers, hat er das alles genutzt. Und es war bahnbrechend für den Heimcomputer-Markt. Es sei natürlich unmöglich gewesen, das vorherzusehen, erzählte er. Aber aus der Rückschau war es kristallklar. „You can't connect the dots looking forward; you can only connect them looking backwards.“ Ihr könnt euren Weg nicht vorher abstecken, sagte Jobs den jungen Leuten, nicht alles durchplanen, berechnen: Ihr müsst darauf vertrauen, dass sich die Wegpunkte früher oder später von selbst verbinden.

Jobs’ zweite Geschichte handelte von „love and loss“, Liebe und Verlust: Wie er mit dreißig Jahren von Apple, seiner eigenen Firma, gefeuert wurde. Es war eine öffentliche Demütigung durch einen Manager, den er selbst eingestellt hatte, verbunden mit dem Verlust des Mittelpunkts seiner beruflichen Existenz. Er dachte daran wegzulaufen. Aber: „I still loved what I did.“ So entschloss er sich zu einem neuen Anfang. Mit Pixar, dem Unternehmen, das den ersten computeranimierten Film machte: „Toy Story“. Jobs konnte den Erfolg von Apple wiederholen, im Grunde rang Pixar den damals im Animationsfilm noch übermächtigen Disney Studios die Vormachtstellung ab. Nicht nur, weil der Zeichentrick plötzlich alt aussah. Nein, Pixar erzählte auch die besseren Geschichten.

Jobs kehrte zu Apple zurück und führte die Firma mit iBook, iPod, iTunes, iPhone, iPad in ihren zweiten, alles Frühere übertreffenden Aufschwung. Über die Entlassung, die dem voranging, sagte er seinen Zuhörern: „Es war eine abscheulich bittere Medizin, aber ich glaube, der Patient hatte sie nötig. Manchmal haut einem das Leben einen Ziegelstein vor den Kopf. Dann darf man seinen Glauben nicht verlieren.“ Die Liebe zu seiner Arbeit habe ihn damals aufrecht gehalten. „And the only way to do a great work is to love what you do.“ Nur wenn man seine Arbeit liebe, könne man etwas Großes schaffen. Und wie bei allen Herzensangelegenheiten spüre man es, sobald man diese Liebe gefunden habe. Bis dahin, riet Jobs seinen Zuhörern: Gebt nicht auf. „Don’t settle.“

Schließlich die dritte Geschichte: der Tod. Jobs berichtete von seiner Krebsdiagnose ein Jahr zuvor. Der Arzt schickte ihn nach Hause, um seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. „Prepare to die.“ Den Kindern in ein paar Monaten sagen, was man sich eigentlich für die nächsten zehn Jahre vorgenommen hatte. Alles für die künftig Hinterbliebenen regeln. „It means to say your goodbyes.“ Jobs sagte in Stanford: „Niemand will sterben. Selbst Leute, die in den Himmel wollen, möchten nicht sterben, um dorthin zu gelangen. Und doch ist es das Ziel, das wir alle teilen. Niemand ist ihm je entkommen. Und so, wie es ist, soll es auch sein, denn der Tod ist tatsächlich die beste Erfindung des Lebens.“ Weil er alles verändere, alles Alte abräume, um Platz für das Neue zu schaffen. „Heute seid ihr das Neue, aber eines nicht besonders fernen Tages werdet ihr das Alte sein, das abgeräumt wird. Sorry to be so dramatic, but it is quite true. Eure Zeit ist begrenzt, also verschwendet sie nicht, indem ihr das Leben eines anderen lebt.“

Der Redner hatte keine Witze gemacht, doch an mehreren Stellen der Rede hatte das Auditorium munter gelacht. Auf nicht wenigen Gesichtern stand leeres Befremden. Was redete der da, dieser Nerd? So krauses Zeug hatten die meisten noch nie gehört.

Connecting the dots.

Am Freitag vor zwei Wochen stand fest, dass der Bundesminister der Verteidigung, Dr. Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, hin war, jedenfalls in seiner bisherigen politischen Gestalt. An diesem Tag, noch bevor Guttenberg seine erste Einlassung – die Plagiatsvorwürfe seien „abstrus“ – korrigierte, war für jeden, der ernsthaft nachgeschaut hatte, eines klar: Die zu diesem Zeitpunkt bereits aufgedeckten Fälschungen in der Doktorarbeit des Bundestagsabgeordneten Guttenberg waren entschlossen und umfangreich, sie waren außerdem, zwar nachlässig, aber unverkennbar getarnt worden, und sie betrafen Wichtiges.Irrtümer, Flüchtigkeitsfehler, Kleinkram? Ausgeschlossen. Was nachhaltige Anstrengung und Konzentration erfordert, lässt sich nicht unbewusst tun; genauso gut könnte man behaupten, man habe unbewusst ein Auto angeschoben oder versehentlich seiner Schwiegermutter die Weisheitszähne gezogen. Man kann so etwas nicht machen, ohne es selbst mitzukriegen.

Und wenn doch? Noch schlimmer. Niemand kann sich in einem der wichtigsten Ämter, das die Bundesrepublik Deutschland bereithält, einen somnambulen Minister wünschen. Überdies lag die Fälschung erst kurze Zeit zurück. Als die Dissertation eingereicht wurde, 2006, war Guttenberg kein Jungakademiker in spätadoleszenter Blüte, sondern schon weit über das Alter hinaus, in dem man normalerweise promoviert. Natürlich gab es noch eine weitere Möglichkeit, über die an diesem Freitag in allen Parteien und Redaktionen gesprochen wurde: dass Guttenberg die Fälschungen nicht selbst angefertigt hat. Aber auch das hätte nur wieder bedeutet, dass er in dieser Sache ein Betrüger war. Vermutlich stimmte beides, fälschen und fälschen lassen. Es schließt sich ja nicht aus.

Es ist nicht schön, adlig und reich zu sein, das denken sich nur Leute so, die es selbst nicht sind. Schönheit, Reichtum und Ruhm machen allerlei im Leben einfacher, aber eines nicht: das Leben selbst. Man kann in einem Schloss wohnen und trotzdem obdachlos sein und innerlich frieren. Von außen ist das schwer zu erkennen durch all den Glanz.

Wer sich nicht blenden lässt, kann sehen, dass Guttenberg, gemessen an den üblichen, erst recht den an ihn angelegten Maßstäben, in seinem Leben nicht viel auf die Reihe bekommen hat. Er ist ein auffallend intelligenter Mensch, aber seine äußeren, zertifizierten Leistungen lagen deutlich unter diesem Niveau. Durchgestartet ist er erst in der Politik, dort aber mit ungeheurem Druck.

Er hat sein zweites Staatsexamen als Jurist nicht gemacht, was einem Abbruch der Ausbildung gleichkommt, hat es nicht zum Offizier gebracht, hat die Diss, wie auch das Datum der ersten Fälschungen zeigt, zu einer Zeit begonnen, als das Internet als Steinbruch noch nicht existierte. Dann hat er, so kann man vermuten, auch dieses Angefangene nicht zu Ende gebracht, nicht etwa, wie er später behauptete, jahrelang daran weitergearbeitet, sondern es liegenlassen.

Das Bohren dicker Bretter ist nicht seine Sache, und das ist keine Schande. Nicht jeder muss alles können. Erst später wurde die Dissertation, mit sprunghaft gewachsenen Bordmitteln, nämlich denen des Deutschen Bundestages, dann wohl zurechtgeschustert, wobei auch von den neuen Kopiermöglichkeiten des Internets rücksichtslos Gebrauch gemacht, aber eben auch das liegengebliebene alte Zeug eingetragen wurde – von jemandem, der selbst nicht mehr erkennen konnte, woher es stammte. Die einfache Frage, ob das wirklich der Autor selbst war, ob Guttenberg sich also fremder Hilfe bediente, hat er später in der aktuellen Stunde des Bundestags ausweichend beantwortet. Ein „Nein“ hätte genügt, das vermied er.Da war der Krieg um Guttenberg schon in vollem Gange. Doch die Grundlinien standen alle schon an jenem Freitag vor zwei Wochen fest. Weil Guttenberg den einzig halbwegs ehrenvollen Ausweg, Rückzug ins Glied, auf den Abgeordnetensitz, bereits verpasst hatte. Dabei war klar, dass Guttenberg als Minister nicht lange zu halten sein würde oder nur um einen ungeheuer hohen Preis. Einem Mann, der kurz zuvor einen veritablen Betrug begangen hat, kann man nicht Führungsaufgaben anvertrauen, schon gar nicht an der Spitze des Staates und in der Armee. Jeder weiß das.

Jeder weiß, dass Lügen, Betrügen, Stehlen böse ist. Wir tun es, in Maßen, vermutlich alle, weil wir mit Intelligenz geschlagen, weil wir politische Wesen sind. Aber wir dürfen es uns nicht durchgehen, unsere Beziehungen davon nicht überwältigen lassen – oder es gar feiern. Sonst drohen die Feuer der Hölle. Auf Erden. Natürlich gibt es Schlimmeres, als sich einen Doktortitel durch Fälschung zu erschleichen. Trotzdem: Wer es für belanglos erklärt, lügt. Und weiß das.An jenem Freitag begann das große Lügen. Wie immer man Guttenbergs Leistungen bewertet, diese gehört dazu: Er hat die halbe Republik und fast die ganze Union zum Lügen gebracht.

Love and loss.

Guttenberg war also schon da entzaubert – bei allen, die genau hingesehen hatten. Die Frage war nur, was das bei jemandem bedeutet, der aktuell den Spitzenplatz in „Deutschland sucht den Superstar“ hält, jener großen Schau, die inzwischen mit Politik verwechselt wird. Oder vielleicht schon die Politik ist. Darum nämlich ging es. Nicht mehr um eine Doktorarbeit. Nicht darum, ob Guttenberg Minister bleibt. Sondern ob wir, mit der Hauptstadt wieder in Berlin, ganz zur Talmi-Republik werden. Ob wir, wie in den „goldenen“ zwanziger Jahren, den Schein anbeten, den Glanz.

Denn Guttenberg ist kein „guter Mann“, wie die Bild-Zeitung, die ihn sich seit langem wie ein Haustier hielt, sofort orgelte. Dass jemand gut aussieht, auf Fotos „bella figura“ macht, auf afghanischen Feldherrnhügeln staubfrei posieren kann wie ein Filmschauspieler, ob er für jede Lebenslage das passende Outfit besitzt – das macht ihn nicht zu einem guten Mann. Er kann auch ein böser Mann sein.Wie Guttenberg mit Wichert und Schneiderhan umgegangen ist, war jedenfalls nicht gut. Es kam nur gut an. Er hat die alten Herren gefeuert, das darf er. Wenn man weiß, dass der Umbau der Ministeriumsspitze, affärenunabhängig, schon längst beschlossen war, nimmt es sich allerdings weniger dramatisch aus. Doch Guttenberg benutzte die Schwächeren zur Demonstration seiner Stärke. Schön für jeden, der drauf reinfällt.

Aber er hat die beiden, auch seiner Fürsorge anvertrauten Männer später, hinter ihrem Rücken, zusätzlich entehrt. Guttenberg hat Journalisten erzählt, dass er von den beiden belogen worden sei. Ein Vorwurf, den der Minister nie offen erhob – wenn er aber zutreffend gewesen wäre, hätte er das machen müssen. Er hat ihn auch den beiden nie ins Gesicht gesagt; im Gegenteil schenkte er ihnen warme Worte. Und sie waren zum Schweigen und Stillhalten verpflichtet – während an ihnen ein Exempel statuiert wurde, das in Wirklichkeit nur dazu diente, die Sprunghaftigkeit des Ministers unsichtbar zu machen.

Guttenberg wählte dafür ein Verfahren, das zwischen Politikern und Presse üblich ist: Wer uns Journalisten vertrauliche Informationen gibt, genießt Quellenschutz. Darauf ist die Presse angewiesen, deshalb gibt ihr die Verfassung dieses Recht. Politik ist Camouflage, die Journalisten sind dazu da, sie immer neu zu durchsäuern, zu durchdringen – wir sollen das Spiel nicht spielen, sondern sichtbar machen, wie es gespielt wird.

Aber der uns gesetzlich zugebilligte Vertrauensschutz wird oft zur Denunziation missbraucht. „Üble Nachrede“ ist ein Straftatbestand, darauf glaubte Guttenberg in eigener Sache hinweisen zu müssen; aber beim Umgang von Politikern mit Medien ist üble Nachrede oft im Spiel. Man kann andere von hinten beschießen, und die Journalisten bilden die Hecke. Weil sie sonst ihre Quelle verlieren. Besonders, wenn es eine so bedeutsame Quelle wie ein Minister ist.

Das ging in dieser Sache nicht nur dem Spiegel so, sondern auch anderen. Und wir müssen uns die Frage stellen, ob es wirklich zu den „ungeschriebenen Gesetzen“ des politischen Journalismus gehören kann, im Schutze sogenannten „Vertrauens“ nur benutzt zu werden. Ist das überhaupt Vertrauen?

Sprunghaftigkeit in seinen Entscheidungen, Härte im Umgang mit Schwächeren: Beides hat Guttenberg wiederholt gezeigt. Den Maßstab, den er an den Kommandanten der „Gorch Fock“ anlegte, hat er für sich selbst jedenfalls nicht anerkannt. Auffallend war auch sein Spiel mit unernsten Rücktrittsdrohungen. Aus der Rückschau wird es verständlicher; mit der Last einer gefälschten Doktorarbeit musste der Spannungsbogen dieser politischen Existenz stets zum Zerreißen gespannt sein. Aber nach außen benutzte Guttenberg die Rücktrittsattitüde zum Generieren von Zustimmung für sich und von Druck für andere – zuletzt, als er sie im Juni über diese Zeitung lancierte.

Gerade diese Rücktrittsdrohung kann Angela Merkel nicht gleichgültig gewesen sein. Es war eine offene Herausforderung über die Presse, nicht etwa die Ankündigung eines Rückzugs, sondern gerade im Gegenteil das Lösen aus der Loyalität eines der Richtlinienkompetenz unterworfenen Kabinettsmitglieds.

Dasselbe hatte Guttenberg, ebenfalls im Sprung von der eben noch vertretenen Gegenposition, bei der Wehrpflicht getan, deren Abschaffung er Merkel gegen Parteiprogramm und Koalitionsvertrag aufgenötigt hat. Auch wenn es sonst niemand mitbekommen haben sollte: Merkel hat bestimmt nicht übersehen, dass der Baron sich frei gemacht und die Voraussetzungen für den Kampf ums Kanzleramt geschaffen hatte.

Deshalb hat sie ihn jetzt gestürzt. Natürlich war auch Merkel klar, was an jenem Freitag klar war. Wobei ein kleiner Stubs genügte. Sie hat sich ihr Alibi verschafft, durch Äußerungen fürsorglichster Art wider das bessere Wissen, das sie zweifellos hatte. Ihr Alibi waren ihre eindeutigen Äußerungen zugunsten des Ministers, sogar auf Kosten der eigenen Reputation. Den Stoß aus dem Kabinett ließ sie eine treue Vasallin setzen: Annette Schavan, die ihre Scham über Guttenberg bekundete, als der Wind sich bereits deutlich gegen ihn gedreht hatte. Das war das Signal: freie Fahrt für freie Bürger, nun auch in der Union. Nach dem Rücktritt brachte Merkel die Partei wieder auf Linie, schloss die Reihen wieder gegen die Opposition. Hinter sich.

Man muss keine Doktorarbeit schreiben. Ein Guttenberg schon gar nicht, sollte man meinen. Ein Doktortitel ist ein soziales Attest und, an manchen Türen, die berufliche Eintrittskarte. Er beglaubigt nicht wissenschaftlichen Verstand oder originäre Gedanken, aber er verlangt bestimmte Eigenschaften: Neben Intelligenz, grundlegenden akademischen Fertigkeiten und der Bereitschaft, eine Weile ohne Luft und Licht zu leben, sind das vor allem Konzentrationsfähigkeit, Selbstdisziplin und Geduld. Das sind nützliche und zum Teil wertvolle Gaben. Es gibt auch andere, nicht minder wertvolle, wie etwa: Mut.

Ein Politiker braucht keinen Doktorhut. Politik, das ist soziales Entscheiden, in der Demokratie durch Kompromiss; der Kompromiss fügt die Interessen fein wie Schneekristall. Aber die Kompromisse werden aus Kompromissen aus Kompromissen gemacht, die Zeit verdichtet die Schneeflocken zu Gletschereis.In dieses System Bewegung bringen zu wollen heißt, allenthalben an knallharte Kanten von Normen, Interessen und Traditionen zu stoßen. Es ist verletzend und gefährlich, und die Leute, die darin überleben und darin sogar besonders gut sind, die sind oft hart und grau. Sie sprechen in tiefgefrorenen Sätzen und kommen im ewigen Eis ohne Sauerstoff und Sonne klar – das ist der administrative Politikertyp. Er bildet in all seiner Überlebensfähigkeit den Hintergrund für die bunten Popstars der Politik. Die mit der kurzen Lebenserwartung.

Denn da soll man sich nichts vormachen: Politik ist auch Pop. Politiker sind jeden Tag in den Nachrichten. Merkel steht öfter in den Zeitungen als Lady Gaga, nämlich, zumindest in Deutschland, täglich in jeder. Politik ist die Chance für Leute, die nicht gut aussehen und weder singen noch tanzen können, sehr, sehr prominent zu werden, und wenn sie dann noch, wie Guttenberg, gut aussehen, singen und tanzen, dann sind sie kaum noch aufzuhalten. Bis sie an sich selber scheitern.Singen und tanzen: Das ist in der Politik die Fähigkeit, die Bedürfnisse der Leute herauszufühlen. Eines davon ist das Bedürfnis nach Bewegung. Es ist die Sehnsucht nach Politikern, die Entscheidungen aus dem Eis der Kompromisse lösen, Politik als Kunst des Möglichen treiben, in dem sie es im scheinbar Unmöglichen erkennen. Leute, die so etwas können, sind oft Spielernaturen. Mitunter sind sie Hochstapler. In das ebenfalls kristalline Gefüge einer Partei sind sie nicht allzu stark eingebunden, deshalb können sie sich Bekanntheit und Zuneigung vor allem dadurch verschaffen, dass sie sich vom eigenen Laden abheben, gegen ihn abgrenzen. Von der eigenen Partei, manchmal von der Politik insgesamt.Solche Politiker haben ein ausgesprochenes Geltungsbedürfnis, sind innerlich rastlos und unzufrieden. Manche von ihnen wollen Übermenschen sein, nicht in einigem besser als viele, sondern in allem besser als alle. Deshalb schrauben sie bis an den Rand der Fälschung oder darüber hinaus an ihren Lebensläufen herum, streben nach den Epauletten und Ordensspangen der Exzellenz auch dort, wo es niemand verlangt hat – außer vielleicht irgendwann in ihrer Vergangenheit ein böser Geist. Inzwischen verlangen sie es selbst: Leben als Kunst des Unmöglichen.

Und ihre ganze Empathie, ihr unglaubliches Einfühlungsvermögen ist darauf abgestimmt, sich Beifall zu verschaffen. Sie riechen jede Möglichkeit dazu, so wie der Bär den Honig.

Im Kabinett sitzt noch eine Politikerin mit feiner Nase und ewigem Lächeln, bei der das ähnlich ist: Ursula von der Leyen. Auch sie stilisiert sich zum Übermenschen, fummelte an ihrem Lebenslauf, erzielte ihre Erfolge im Grunde gegen ihre Partei, organisierte sich ihre Zustimmung gleichsam direkt im Volk – mit dieser ungemein feinen Nase, dieser traumwandlerischen Sicherheit für das, was gefällt. Und dieser Gleichgültigkeit dagegen, wie man es hinkriegt, wer es bezahlt und wem man damit in die Quere kommt.

Die Wähler lieben Politiker, die Knoten durchschlagen, Unmögliches möglich machen oder auch nur Mögliches möglich. Schnell wird dabei die Grenze zu einem Deal überschritten: Jene, die Übermenschen sein wollen, beweisen denen, die an Übermenschen glauben wollen: dass es sie gibt. Und jene, die an Übermenschen glauben wollen, beweisen denen, die es sein wollen, durch ihre Anhänglichkeit und Begeisterung: dass sie es sind.

Sehr belastbar sind solche Deals natürlich nicht. Aber es reicht, um eine Menge Schaden anzurichten.Death.

Als Guttenberg vor einigen Monaten wieder als „Mann des Jahres“ gehuldigt wurde, wollten wir als F.A.S. nicht mitmachen. Wir haben uns für einen Unbekannten entschieden, einen ehemaligen Odenwaldschüler, ein tapferes und zähes, missbrauchtes Kind. Beim Ehepaar Guttenberg interessierte uns etwas anderes: Der ganze Zirkus um dieses Traumpaar der Politik hatte, unablässig angestachelt vom Boulevard, inzwischen schon Züge der Lady-Di-Hysterie angenommen – und ehrlich gesagt war Lady Di es ja nun auch nicht wert. Königin der Herzen? Eigentlich war sie doch eher ein armes Ding und ziemlich bösartig dazu.

Wie viele Popstars. Das Öffentliche zieht Durchgeknallte nun einmal an, wo sonst kann man sich auf derart einfache Weise Geltung verschaffen? Und wer nicht von Anfang an verschroben ist, braucht schon eine ausgesprochen gefestigte Persönlichkeit, damit ihm das Feedback des Erfolgs, zweifellos eine der stärksten Drogen, nicht die letzten Sicherungen wegschmort.

Unser Stück über die Guttenbergs schrieb Dr. Richard Wagner, und um die Illustration hatte ich einen begnadeten und erfolgreichen Künstler gebeten, der in einem früheren Leben anderer Leute Hauswände oder U-Bahnhöfe aus Dosen vollgesprüht hat. Also nicht unbedingt die Art Mann, dessen Herz CSU-Politikern zufliegt. Ein Freak. Doch unser Illustrator fing gleich an, von Guttenberg zu schwärmen. Das sei ein Mensch, nehmt alles nur in allem, einen besseren fände man nicht in der Politik. Wie er darauf komme? Na, eben so.

Gerade lief „Toy Story 3“, um auf Steve Jobs zurückzukommen, und in diesem Film, der Spielzeug zum Leben erweckt, hatte der gute alte Ken endlich mal eine Hauptrolle – dieser Typ, der eine Schattenexistenz hinter Barbie fristet und bei dem man sich fragt, warum man nicht schon immer gemerkt hatte, dass er eigentlich ganz anders drauf ist. Ich gebe zu, dass mir bei diesem Film die Idee kam, Ken-Theodor und Barbie zu Guttenberg zu machen. Sie sprang mich geradezu an, da passte einfach alles.

Schon am nächsten Tag stand ich im Spielzeugland und suchte nach Puppen. Barbies gab es reichlich, aber ich fand nur zwei Kens. Der eine war blond (der, den wir in der vorvorletzten Ausgabe als Johannes B. Kerner auftreten ließen), der andere, immerhin, trug einen Smoking und rosa Fliege.

Wir taten aber anderweitig noch zwei alte Kens auf, nackt, ohne Geschlechtsteile, FSK 12, und mit Plastik-Waschbrettbäuchen. Der Kopf des einen passte besser zu Guttenberg. Den galt es also mit dem Smoking vom Ken aus dem Spielzeugland zu kombinieren – was Art-Director Peter Breul und mich auf die brillante Idee brachte, den Kens die Köpfe abzuschrauben und sie auszutauschen. (Eine Frau hätte vermutlich vorgeschlagen, dem nackten Ken einfach den Anzug überzuziehen, aber es war gerade keine in der Nähe.) Die Köpfe saßen unglaublich fest, ich weiß noch, wie entkräftet ich war, als ich ihn meinem Ken endlich abgerissen hatte. Aber ich wusste noch nicht, dass es ein Menetekel für die „gnadenlose Hetzjagd“ sein würde, die wir in den Augen einiger Leser auf Guttenberg demnächst machen würden. Unsere Absicht war vielmehr, die Guttimanie in ein heiter besinnliches Licht zu tauchen. Wie es unsere Art ist.Der kopflose Ken stammte übrigens von 1968 und war nur geliehen. Wir klebten den Kopf wieder an. Nun musste Breul, mit Photoshop, aus dem Ken noch einen Guttenberg machen. Er montierte ihm eine passende Brille auf die Augen und gelte ihm mit Software die Haare. Das war’s. Jeder erkannte Guttenberg auf den ersten Blick. Bei Barbie mussten wir gar nichts tun.

Dafür können die beiden Echten vielleicht nichts. Aber es lohnt sich trotzdem, einmal kurz darüber nachzudenken, warum das funktioniert hat. Oder zweimal.Vielleicht sogar für jene Leser, die uns diese hassglühenden Briefe schrieben. Darin war meist von Hetzjagd die Rede, von Meute und dergleichen. Warum man Fischer und Trittin ihre Sauereien habe durchgehen lassen, Guttenberg seinen winzigen Ausrutscher hingegen nicht. Minutiös wurden Fischers und Trittins Verfehlungen ausgebreitet. Warum wir darüber nicht geschrieben hätten? Wir hatten darüber geschrieben. Warum die noch da seien? Pardon, falsche Adresse. Darüber entscheiden nicht Zeitungen. Manche möchten womöglich darüber entscheiden, wir nicht.

Weiter: Den letzten Konservativen würden wir erledigen. Was daran konservativ sein soll, eine Doktorarbeit zu fälschen, haben wir immer noch nicht verstanden. Einige wütende Leser, nicht selten: Leserinnen, gaben am Telefon freimütig zu, dass sie unseren Dreck gar nicht erst gelesen hatten. Sie wussten schon vorher: Wir hätten, was auch immer, gar nicht erst schreiben sollen. Und dann dieser respektlose Comic mit Ken-Theodor und Barbie und Johannes B. Ken.

Offenbar verwechselten uns einige Leser mit der publizistischen Außenstelle einer Partei, dazu noch einer, die zu dieser Zeit wirklich schräg drauf war. Vielleicht glaubten auch manche, wir würden bedeutsame Grundsätze verraten. Aber Loyalität an sich ist kein bedeutsamer Grundsatz.

Eine politische Partei wird zum Selbstzweck, wenn sie Loyalität über alles stellt, auch über das, wofür sie angeblich eintritt. Die Neigung, sich so zu verhalten, gehört zu den Selbsterhaltungsroutinen von Institutionen in Krisenzeiten. Aber in einer Demokratie existieren Institutionen nicht um ihrer selbst willen, zur bloßen Ausübung von Macht.

In diesen Tagen vollzog Guttenberg eine typische Bewegung: Er folgte der ihm aufgezwungenen Aufklärung gerade so weit wie unbedingt nötig. Dabei zeigte er von vielen bislang übersehene Züge. Er wagte nicht, sich einer Presse zu stellen, die dazu übergegangen war, kritisch zu fragen. Er musste wiederholt die gerade gemachten Aussagen als unwahr kassieren – damit erwies er sich vor aller Augen als genau das, was ihm vorgeworfen wurde. Und den Übergang zur Wahrheit schaffte er nie.

Guttenberg führte höchstpersönlich die Bewegung derer an, die nicht hinschauen wollten, unterstützt von zahllosen Unionspolitikern, die damit beschäftigt waren, der Öffentlichkeit einzureden, dass Lügen und Betrügen vielleicht nichts Großartiges ist, aber bei großartigen Menschen nicht weiter ins Gewicht fallen. Sie machten sich zu Einpeitschern von Personen, die unübersehbar das Urteil durch den Affekt ersetzten.Schon nach dem ersten Krisen-Wochenende war auf der GuttenPlag-Seite im Internet sehr genau dokumentiert, was Guttenberg in seiner Dissertation angerichtet hatte. Dort konnte man ein kleines Abbild der Seiten sehen; vollständig ohne Quellenangabe abgeschriebene Seiten waren rot, teilweise abgeschriebene hellrot eingefärbt. Es war nicht einmal mehr ein Drittel weißer Seiten übrig. Man konnte die Fälschungen im Einzelnen mit dem Original vergleichen. Der Befund an diesem Montag war unzweideutig: Hier ist mit System und vollem Bewusstsein gefälscht worden, von allen bekannten Plagiats- und Tarnmethoden wurde nicht eine ausgelassen.

Am Abend dieses Tages gestand Guttenberg in Kelkheim aber nur „gravierende Fehler“ ein, unbewusst gemachte, wie sie halt jungen Familienvätern unterlaufen. Zu den „Hell’s Bells“ von AC/DC und mit deren gesungenen Versprechen, das Auditorium in die Hölle zu führen, holte Guttenberg zum Gegenschlag aus. Er brachte die toten Soldaten ins Spiel. Wer den Verteidigungs-minister kritisierte, verweigerte seinen Gefallenen die Ehre. Sind sie für seine Ehre gefallen? Ein Akkord, den auch sein Hausblatt schon angeschlagen hatte. Die biederen Menschen von der Kelkheimer CDU sangen und feierten und tanzten mit.Nicht nur sie: Ein beträchtlicher Teil der Nation tanzte jetzt zu den Höllenglocken. Es war, als feiere das Böse sich selbst. Wie wunderbar, dass es Menschen gibt, für die keine Regeln mehr gelten! Die so stark sind, so schön, dass sie sich hinwegsetzen dürfen über den ganzen Mist, der, geben wir es doch zu, uns alle immer irgendwie bedrückt. Einen solchen Mann lassen wir uns nicht kaputtmachen! Auf Facebook vernetzten sich flackernde Guttenberg-Fans in Echtzeit. Und wer noch auf das Telefon angewiesen war, rief bei Springer an und stimmte für ihn ab – das war es, was Bundestagspräsident Norbert Lammert den „Sargnagel“ der Demokratie genannt hatte.

Kurz darauf generierte der Seriendarsteller Charlie Sheen, nachdem er sich und andere mal wieder mit Drogenexzessen nicht nur an die Grenze des Anstands, sondern des Todes geführt hatte, auf Facebook und Twitter noch mehr Follower als Guttenberg. Eine Million an einem Tag. Und sagte über seine Horror¬partys: „Ich bin stolz auf das, was ich geschaffen habe. Das war radikal. Ich verzaubere die Menschen. Ich zeige ihnen etwas, das sie sonst nie gesehen hätten – in ihrem langweiligen, normalen Leben.“

Ungefähr diesen Ton schlug auch Guttenberg in seiner Rücktrittserklärung an, nur etwas distinguierter, nicht ganz so schonungslos. Schließlich ist er kein Crack-Junkie. Falls er zurückkehren will, vielleicht zusammen mit Sarrazin – die Probebohrung gab es in Kelkheim –, hätte er sicher sehr gute Erfolgsaussichten. Der Union könnten die beiden das Kreuz brechen, und einen mächtigen Medienkonzern hätten sie auch schon auf ihrer Seite.

Pixar war nicht die einzige Firma, die Jobs nach seinem Rausschmiss bei Apple gründete. Die andere hieß „Next“. Auf diesen Computern und mit dem darauf laufenden Betriebssystem entwickelte der britische Informatiker Tim Berners-Lee die Grundlagen des Internets.

Die Schwarmintelligenz im Netz benötigte gut zwei Tage, um Guttenbergs Dissertation bis auf die Knochen abzunagen. Wie Piranhas. Es gibt im Netz aber auch Schwarmdummheit. Und es gibt Schwarmeinsamkeit. Die Bindekraft der Institutionen und der Halt von Beziehungen gehen schon länger zurück. Die Menschen leben isolierter. Das macht sie spontan assoziationsfähig wie nie, sie können sich im Nu vor ihren Monitoren über die Kabelnetze zusammenschließen und im Nu wieder auseinanderfallen. Viele sind einsam und wütend. Tun sie, was sie lieben? Lieben sie, was sie tun?Eine neue Zeit hat begonnen.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Nr. 9 vom 6. März 2011

Bewertung der Jury

Volker Zastrow erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2012 in der Kategorie „Allgemeines“ für den Beitrag „Drei Geschichten: Der verschleppte Rücktritt eines Ministers oder Wie Ken den Kopf verlor“, erschienen in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ am 6. März 2011.

Was für eine Komposition! Drei Geschichten und ein Rücktritt. Volker Zastrow hat einen außerordentlichen, einen exzellenten Beitrag über Karl-Theodor zu Guttenberg geschrieben. Sein roter Faden sind drei Punkte („Just three stories!“) einer Rede von Apple-Gründer Steve Jobs vor Studierenden der Elite-Universität Stanford, die er als Titel seiner drei Kapitel nimmt.

Das passt. Das funktioniert. Das ist nicht künstlich und nicht konstruiert. Zastrow liefert die Grundlagen, die zu einem Meisterstück gehören: klare Analyse, genaue Beobachtung, die Veredelung des scheinbar nebensächlichen Details, die brillante Sprache und die Souveränität ganz und gar vorhandener Unabhängigkeit unter Verzicht auf falsche Rücksichtnahmen - auf wen auch immer, den parteiisch nörgelnden Leser eingeschlossen.Und er schenkt uns einen Blick hinter die Kulissen, wenn er verrät, wie er auf die Idee kam, die Guttenbergs als Ken und Barbie illustrieren zu lassen, inklusive Besuch im Spielzeugladen. Das ist das krönende Element der ausgezeichneten Leistung: Originalität.

Kurzbiographie

Volker Zastrow

Geboren 1958 in Niebüll.

Studierte an der Freien Universität Berlin, währenddessen schon freie journalistische Tätigkeit für Zeitungen und Rundfunk. Zusammenarbeit mit Arnulf Baring und Sebastian Haffner. Seit 1985 freier Mitarbeiter der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. 1990 Eintritt in die politische Redaktion, seit 1993 in verantwortlichen Positionen, seit 2006 Politikchef der Sonntagszeitung. Kolumnen, Geschichten, Bücher.

Auszeichnungen: 2009 „Politik-Redakteur des Jahres“, 2012 mit den Kollegen als „Redaktion des Jahres“ geehrt (beide „medium-magazin“), desgleichen mit dem „Leuchtturm" des „netzwerks recherche" für besondere publizistische Leistungen.

Volker Zastrow ist verheiratet und hat zwei Kinder.