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Prämierter Text

Ein gefundenes Fressen

Von Lars Fischer

Massen von Lebensmitteln in den Müllbehältern der Supermärkte: Ein Mitarbeiter der Wümme-Zeitung und seine Tochter leben eine Woche lang aus dem Container – Tagebuch eines Selbstversuchs.

Wir leben im Überfluss, keine Frage. Aber was macht ein Lebensmittel zu Müll, welches ist der Punkt, an dem eine Ware ihren Wert verliert, ohne ihre Funktion eingebüßt zu haben? Um das herauszufinden, muss man in die Abfallcontainer der Supermärkte gucken. Es gibt Menschen, die davon leben. Statt einzukaufen, gehen sie containern. Kann man davon satt werden ohne Ekel? Und liegt tatsächlich so viel im Müll, wie behauptet wird? Probieren geht über theoretisieren: Eine Woche lang versuche ich, mich selbst so zu ernähren.

Sonntag, 23. Oktober

19.30 Uhr – der erste Markt in Borgfeld. Für den Anfang ist die Dunkelheit ganz beruhigend, man muss sich ja nicht gleich beim ersten Mal auf Diskussionen mit Passanten, Sicherheitsdienst- oder Marktmitarbeitern einlassen. Die Rampe allerdings ist hell erleuchtet. Auch nicht schlimm, das macht das »Tauchen« einfacher. Auch, dass direkt neben der gut gefüllten grünen »Bioabfall«-Tonne eine zweite leere steht, erweist sich als günstig und erledigt die Frage, wo eigentlich die Dinge bleiben, die oben liegen und die da bleiben sollen. Der Geruch, der einem entgegenkommt, wenn man den Deckel öffnet, ist nicht weiter schlimm, die kühlere Jahreszeit ist sicher auch die angenehmere Container-Saison. Was Plastikverpackungen zwischen all dem Obst und Gemüse, das tatsächlich größtenteils nicht mehr genießbar ist, zu suchen haben, ist schleierhaft. So wird das sicher nicht kompostiert. Und es gibt klassische Fälle von kosmetischen Wegwürfen: die Gurke mit einer kleiner Blase in der Schale, der Bio-Kürbis, der mit seinen Verwachsungen kein Schmuckstück ist, oder die Dreier-Packung Paprika in Ampelfarben, in der nur der gelbe Vertreter eine Matschdelle hat. Eine Schale mit Suppengemüse enthält topfitte Möhren. Dazu gibt sogar eine unerwartete Bereicherung der Container-Küche: einen Brühwürfel. Nur der Sellerie hinterlässt einen penetranten Geruch, und der zunächst noch ganz gut aussehende Brokkoli wandert nach der Geruchsprobe auch zurück. Das Containern hier ist kinderleicht, die Hemmschwelle gering. Das macht Mut für den nächsten Markt im Stadtteil, der hat allerdings die meisten Müllbehälter unter Verschluss. An einem großen Container fällt auf, was wir vergessen haben: Außer Tüten, Gummihandschuhen und Taschenlampe bräuchte man hier eine Art Angel, will man nicht selber in den Behälter klettern. Ein herumliegender Draht tut es auch, mit ihm lässt sich immerhin ein Joghurt-Becher herausfischen. Der Boden ist ein bisschen aufgeplatzt. Fast schon beim Weggehen fällt der Blick auf einen Plastikbeutel, der vor dem Altglas steht – mit zehn fertig gerollten Lahmacun, auch bekannt als »türkische Pizza«. Ein bisschen hart am Rand, aber bedenkenlos essbar, weil ohne Füllung. Darf man sich darüber freuen oder sollte man entsetzt sein? Natürlich setzt jenes Hochgefühl ein, das die meisten von einem famosen Sperrmüllfund her vielleicht kennen. Irgendwo sind wir immer noch Jäger und Sammler. Andererseits stellt sich die Frage, was soll dieser Irrsinn? Warum liegt unverdorbenes Essen im Müll, und warum wird anderswo tatsächlich gammeliges Fleisch umetikettiert und weiterverkauft? Man muss gar nicht bis zu den hungernden Menschen in gar nicht so weit entfernten Ländern denken, um zu merken, dass hier etwas völlig aus dem Ruder läuft. Geschätzt wird, dass weltweit rund ein Drittel aller Lebensmittel auf dem Weg zwischen Erzeuger und Verbraucher weggeworfen wird. In den Industrieländern dürfte der Wert um die 50 Prozent betragen. In Deutschland wandern rund 20 Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich in den Abfall. Zusammen mit meiner 16-jährigen Tochter hatte ich beschlossen, das Containern selbst auszuprobieren. Wir gaben uns selbst folgenden Kompromiss vor: Die letzten Reste, die wir noch im Kühlschrank haben, werden mit verbraucht, Gewürze werden benutzt, aber wir kaufen eine Woche lang keine Lebensmittel für uns ein. Zurück am Container. Die Essensplanung kommt schnell voran: Auch wenn bei den folgenden vier Läden entweder die Tonnen leer, hinter Gitter weggeschlossen oder in der Obhut eines Lieferwagenfahrers sind – Teigfladen mit Gemüsefüllung sind ja keine Vorstellung, bei der einem bange werden muss. Der gefundene Kürbis hält sich länger, der kann später zu Suppe werden. Zwei Bananen mit relativ wenig Flecken kommen dann doch noch dazu – aus den uns schon bekannten grünen Tonnen, dieses Mal hinter einem Lilienthaler Discounter. »Pure Biokraft« steht darauf. Das klingt schon fast nach Hohn. »Die Bananen esse ich in meinem Müsli«, meint meine Tochter. Bloß welches Müsli? Was uns bislang fehlt, ist eindeutig etwas, was zum Verfrühstücken taugt. Also ist der letzte Stopp des Abends bei einem Bäcker. Ein Volltreffer: In der Mülltonne sind locker 100 Brötchen, die nicht älter als einen Tag sein dürften. Auch gefüllte Croissants sind dabei, so dass sich das Problem der Auflage auch schon geklärt hätte. Ein Franzbrötchen versüßt die Heimfahrt, und es schmeckt nicht anders als ein gekauftes, außer, dass ein paar Mohnspuren dran kleben. Eigentlich schmeckt es sogar ein bisschen besser, das kommt wohl von der Euphorie des Erfolgs. Wir werden vom Containern satt werden die nächsten Tage, ganz ohne Ekel. Das ist beruhigend.

Montag, 24. Oktober

Das Frühstück ist mehr als akzeptabel. Die Fundbrötchen werden kurz aufgetoastet, zum Glück ist auch noch etwas Kaffee da, allerdings keine Milch mehr. Heute hilft noch der letzte Tropfen Sahne. Aber ist es wirklich so schlimm, wenn das, was vermeintlich immer da sein muss, mal nicht da ist? Im Urlaub oder zu Besuch bei Freunden geht das schließlich auch. Und genau das Konsumentendenken, dass alles jederzeit verfügbar sein muss, dass die Regale beim Bäcker auch kurz vor Feierabend noch voll zu sein haben, führt ja erst zu diesen aberwitzigen Überproduktionen. Ist es wirklich ein Einschnitt in unsere Lebensqualität, wenn wir einfach mal das essen, was noch da ist und sich nicht mehr ewig hält, anstatt es wegzuwerfen und etwas anderes zu kaufen? Mit Brötchen, dem Jo¬ghurt aus der angedetschten Packung und den Bananen, die drinnen noch hell und fest sind, lässt sich der Tag ganz gut beginnen, und auch an der ersten warmen Mahlzeit mit türkischer Pizza ist nichts auszusetzen. Abends dann der zweite »Einkauf« ohne Geld. Bei diesem Supermarkt gibt es reichlich, was unsere Kühlschrankfüllung perfekt ergänzt: jede Menge eingeschweißte Kuchenteile für zwischendurch, zwei Mini-Packungen Nutella und gekochten Schinken als Auflage, dazu ein paar Gläser Meerrettich, Müsliriegel und gar eine Tafel Schokolade. Das meiste ist einen Tag über dem Mindesthaltbarkeitsdatum, was nicht spürbar ist. Auffällig ist, dass fast alle diese Artikel offensichtlich kurz vorm Ablauftermin reduziert wurden. Das belegen zahlreiche Aufkleber. Ein geplatzter Topf Rote Grütze sorgt für mächtig klebrige Handschuhe, dafür ist die Packung daneben unversehrt und noch zwei Monate haltbar. Der Supermarkt ist noch geöffnet, sonst käme man nicht durch das Tor auf den Hinterhof zu den Containern. Weiterhin ziehen wir die Dunkelheit für unsere Beutezüge vor, und es ist schon ein wenig kribbelig, als eine Mitarbeiterin in einem der erleuchteten Hinterräume des Markts auftaucht. In Einzelfällen sind schon Mülltaucher angeklagt worden. Diebstahl ist es streng genommen schon, aber der Warenwert wird mit Nullkommanull beziffert. Jede Staatsanwaltschaft stellt ein solches Verfahren deshalb sofort ein. Hausfriedensbruch bleibt es aber wohl doch. Die Mitarbeiterin sieht uns im Dunkeln nicht. Zum Glück, denn wir angeln eine Packung Dosenmilch. Nicht mein Favorit im Kaffee, aber immerhin. Beim zweiten Container geht es ganz schnell, denn obenauf liegen Fleischereiabfälle. Das sieht nicht so verlockend aus, als dass man den Gestank länger als einige Sekunden aushalten möchte. Deckel wieder drauf!

Dienstag, 25. Oktober

Der Kühlschrank ist noch voll, containerfreier Tag. Kuchen und einige Stückchen Schokolade gibt es zwischendurch und mittags Möhrchen in Meerrettich-Sauce – wieder mit türkischer Pizza. Die riecht allmählich nicht mehr ganz so lecker, und ehrlich gesagt kann ich diese Teigfladen auch nicht mehr sehen. Also dann doch wieder auf den Müll damit? Verdorben sind sie nicht, also werden sie gerecht zwischen Hund, Katze und Huhn aufgeteilt. Natürlich werden die Tiere nicht ausschließlich von Resten ernährt, und sie sind auch nicht als Müllschlucker angeschafft worden, aber sie helfen doch, den Abfall an Essensabfällen deutlich zu reduzieren. Das gute alte Resteschwein hat ja nicht zufällig Tradition auf dem Lande. In der Stadt ist das sicher schwieriger. Bei uns wird das harte Brot für das Huhn eingeweicht, und es gibt uns dafür ein frisches Ei zurück: Nicht der schlechteste Tausch. Nebenbei hilft es tatsächlich Geld zu sparen, und das ist gerade bei der Ernährung offensichtlich immer wichtiger. Lebensmittel können uns gar nicht billig genug sein. Aber: Wie kann es sich rentieren, ein halbes Hähnchen für zwei, drei Euro zu verkaufen? Wie wenig darf da Futter, Stallung, Schlachtung und Transport eigentlich kosten, damit für diverse Beteiligte auf der Verwertungskette immer noch Profit übrig bleibt? Vor 50 Jahren wurden in Deutschland rund 40 Prozent des Einkommens fürs Essen ausgegeben, heute sind es gerade mal zehn Prozent. Deshalb kostet Obst so wenig. Und es lohnt sich für einen Supermarkt gar nicht, einen Angestellten die Stiege durchsuchen zu lassen, um einzelne schlechte Exemplare auszusortieren. So ist es auch in dem Netz, das wir finden: zwei gammelige, acht gute Mandarinen. Darüber freut sich auch der Besuch. Die sechsjährige Tochter einer Freundin steht vor dem Kühlschrank und meint: »Das soll alles Müll sein? Ist doch noch gut.« Stimmt! Ich hatte versprochen, dass sie bei uns kein containertes Essen bekommt und extra für sie eingekauft. Aber das Obst lacht die Kleine an, und nach zwei Stück zum Nachtisch traut sie sich auch an die Müsliriegel, die sowieso eigentlich nur aus Keks und Schokolade bestehen. »Kann ich noch zwei Mandarinen mitnehmen, damit Mama auch sieht, was die alles wegwerfen?«, fragt sie zum Abschied. Kann sie.

Mittwoch, 26. Oktober

Ich kaue beim Frühstück auf mittlerweile doch reichlich trockenen Brötchen rum und hätte schon mal wieder Lust auf einen frischen »Weltmeister«. Aber es gibt ja reichlich Alternativen, und über eine warme Waffel mit Roter Grütze braucht man sich wirklich nicht zu beschweren. Man muss bei den eingeschweißten Gebäckteilen allerdings schon genau hinsehen: Bei zwei Packungen hat sich zwischen dem Puderzucker Schimmel gebildet. Sie sind weder für Mensch noch Tier mehr zu gebrauchen. Aber mit offenen Augen und Nase lässt sich allemal feststellen, was genießbar ist und was nicht mehr. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist da bestenfalls eine grobe Orientierung. Allein dieses Wort ist ja ein Monster, und es bedeutet nichts anderes als: Bis zu diesem Tag ist die Ware garantiert in der bestmöglichen Verfassung. Die Engländer schreiben einfach »best before« drauf, danach ist es immer noch gut und nicht etwa schlecht. Wir reden immer von Verfallsdaten und dass danach etwas »abgelaufen« sei. In Wirklichkeit denkt sich der Hersteller – und nicht eine Behörde, wie man meinen könnte – aus, wie lange etwas »haltbar« sein soll. Kein Wunder also, dass die Fristen immer kürzer werden. Ob die Kunden das Produkt essen oder wegwerfen ist ja egal, solange sie sich wieder ein neues kaufen. Wer hat nicht im Kühlregal schon selber mal ganz hinten nach dem frischesten Joghurt gesucht? Die niederländische Supermarktkette Jumbo versucht dieses Käuferverhalten umzukehren: Wer dort ein Produkt findet, das laut Aufdruck nur noch einen Tag haltbar ist, bekommt es billiger oder geschenkt. Während man hierzulande irgendwo in einer Ecke die reduzierten Artikel mit dem Schild »MHD abgelaufen« wenig attraktiv anpreist, bekommt da die Suche nach den Ladenhütern einen echten Reiz.

Donnerstag, 27. Oktober

Es ist garantiert keine gute Idee, mit knurrendem Magen morgens mal spontan das Frühstück containern zu wollen. Vielleicht haben wir einfach nur Pech, oder in Worpswede ist nicht viel zu holen für Mülltaucher. Fünf Packungen frischer Oregano und eine mit Bohnenkraut helfen im Moment gar nicht weiter. Warum die in den Müll gewandert sind, lässt sich nur erahnen: Es sieht so aus, als ob die Etikettiermaschine falsch eingestellt war. Die Barcodes sind abgeschnitten, und das Haltbarkeitsdatum fehlt ganz. Am tadellosen Zustand der Kräuter besteht jedenfalls kein Zweifel. Während der Geschäftszeit gucken wir bei einem Bäcker in den Müll und finden einen riesigen Klumpatsch aus ungebackenen Teiglingen, Sahnestücken und belegten Brötchen. Mehrere Mitarbeiter sehen uns, keiner sagt etwas, also fragen wir nach dem Chef. Wir wollen mit ihm über seinen Abfall reden. Der findet es allerdings gar nicht gut, dass Fremde auf seinem Grundstück nach Essbarem suchen, pocht auf das Hausrecht und ruft die Polizei. Da helfen alle Erklärungen nichts, der Bäckermeister verlangt, dass man sich im Laden anmeldet, wenn man bei ihm containern möchte. Der Ordnungshüter erscheint, zieht aber nach kurzem Gespräch wieder ab. Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch möchte der Geschäftsmann dann doch nicht stellen. Später stellt sich heraus, dass auf seinem Hof wohl schon häufiger randaliert wurde, und nachdem sich das Gemüt ein wenig beruhigt hat, erklärt er seine Müllwirtschaft: hier die Tonnen für das, was zu Paniermehl verarbeitet werden kann, dort alles, was ein Bauer sich täglich abholt. Der verfüttert es, nachdem er es abgekocht hat. Brot vom Vortag gehe an Altenheime, die es lieber als ganz frisches hätten, erklärt der Bäcker. Was dann noch übrig bleibe, das dürfe laut Lebensmittelrecht nicht weiter verwendet werden. Kommt Sahne ins Spiel, dürfe die Ware nur einen Tag lang angeboten werden, essen könnte man sie ohne weiteres noch länger. Noch ganz anders geht es bei einem kleinen Bio-Mitgliederladen zu. Dort gibt es schlichtweg keine Mülltonne für Lebensmittel. Verpackungen werden recycelt, und Ware, die nicht mehr perfekt ist oder abläuft, wird direkt im Laden verschenkt. Statt in der Tonne zu tauchen, kann man sich eine Kiwi oder Paprika aus dem Korb mit dem Schild »Gratis« vom Tresen nehmen. Ein kleiner Laden mit enger Kundenbindung, da lässt sich offensichtlich besser planen. Und warum können wir Satelliten und Roboter millimetergenau steuern, unzählige Flugzeuge durch Lufträume leiten, aber unsere Nahrungsproduktion nicht vernünftig planen? Jeder Einkäufer eines Industrieunternehmens, der für so viel Ausschuss sorgt, würde umgehend gefeuert. Der Bioladen-Inhaber lädt zu Kaffee mit frischer Vollmilch ein – was für ein wunderbarer Luxus! Mittags gibt es dann die Kürbissuppe mit Croutons aus etwas hartem Graubrot, aber mit Kräutern obendrauf – lecker!

Freitag, 28. Oktober

Langsam kennen wir die Märkte zwischen Borgfeld und Tarmstedt, Lilienthal, Grasberg und Worpswede gut genug, um zu wissen, wo was zu holen ist. Bei einem neuen Geschäft guckt man nicht mehr nach dem Eingang, sondern danach, wo die Rampe ist. Außerhalb der Geschäftszeit heißt für uns: Es ist geöffnet! Bei unserem Favoriten sind die Tonnen wieder gut gefüllt – drei Tage nach dem letzten Besuch schon wieder mit komplett anderen Waren. Kartoffeln, Bio-Möhren, Lauch, Zwiebeln, Brot. Das reicht locker übers Wochenende, sodass wir die Beutezüge einstellen können.

Epilog

Ob ich weiter containern gehe? Ich bin mir nicht sicher. Hier und dort einfach mal in die Tonnen zu schauen, das ist jedenfalls verlockend. Beim ersten Einkauf »danach« stehe ich an der Kasse und suche das Portemonnaie. Taschenlampe, Gummihandschuhe und Draht habe ich in der Jackentasche, Geld nicht. Um am Konsum wieder teilnehmen zu können, muss man wohl umdenken. Sowieso.

Wümme-Zeitung (Regionalausgabe des Weser-Kurier, Bremen)

Nr. 253 vom 29. Oktober 2011

Bewertung der Jury

Lars Fischer erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2012 in der Kategorie „Lokales“ für den Beitrag „Ein gefundenes Fressen“, erschienen in der „Wümme-Zeitung“ (Lilienthal) am 29. Oktober 2012.

In „Ein gefundenes Fressen“ geht es um unsere Wegwerfgesellschaft. Wie schnell wird aus Lebensmitteln Müll? Kann man sich von dem, was weggeworfen wird, noch ernähren?  Der Text erschien am 29. Oktober 2011 einer Regionalausgabe des „Weser-Kuriers“, der „Wümme-Zeitung“. Deren freier Mitarbeiter Lars Fischer hat sich zusammen mit seiner Tochter eine Woche lang aus Abfallcontainern von Supermärkten ernährt. Er nimmt seine Leserinnen und Lesern mit auf die Nahrungssuche. Der Autor ist ein guter Beobachter, der unzählige Details zu einem spannenden Gesamteindruck verdichtet, der nachdenklich macht, Selbst ohne Fotos entstehen aussagekräftige Bilder. Der Beitrag ist ein gutes Beispiel dafür, dass eine intensive Recherche vor Ort besonders interessante Eindrücke zu Tage fördern kann. Die Jury würde sich wünschen, dass mehr Lokalredakteure und freie Mitarbeiter so viel Zeit in einen Beitrag investieren können. Genaue Beobachtung, intensive Beschreibung und gelungene Einordnung in einer klaren und verständlichen Sprache machen diese Arbeit von Lars Fischer vorbildlich und preiswürdig.

Kurzbiographie

Lars Fischer

Geboren am 27. September 1969 in Bremen.Studierte Sprach- und Literaturwissenschaft sowie Kulturwissenschaften in Bremen. War daneben Gründer beziehungsweise Herausgeber und Chefredakteur des Kulturmagazins „UnARTig“ und des Fanzines „Limit“ (beide Bremen). Arbeitete seit 1996 als Labelmanager für die Plattenfirma Red Sun Records, ab 2002 als freiberuflicher Tourveranstalter und -manager sowie bis 2006 als Promoter; daneben freie redaktionelle Mitarbeit unter anderem für die Musikmagazine „Notes“ (Hamburg, 2002 bis 2009) und „Dynamite!“ (Mannheim, seit 2008). Seit 2006 freie redaktionelle Mitarbeit für verschiedene Publikationen der Bremer Tageszeitungen AG. 2010 veröffentlichte Lars Fischer gemeinsam mit Fritz Dressler das Buch „Music Hall Worpswede“ (Verlag Bremer Tageszeitungen AG).