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Prämierter Text

Der Zugnomade

Von Uwe Ebbinghaus

Er hat keine Wohnung, aber er ist kein Obdachloser. Er lebt und schläft in Zügen. Für die Fahrkarte sammelt er Pfandflaschen. Von einem Leben mit Stopps, aber ohne Halt.

Sieben Uhr morgens ist die Lounge im Bahnhof noch leer. Ein paar Pendler sitzen auf den roten Ledergarnituren des mit Parkett ausgelegten Warteraums, schlürfen in halbgeöffneten Outdoor-Jacken ihren Gratiskaffee oder blättern in den ausliegenden Zeitungen mit dem Aufkleber "Wir bitten um Rückgabe". Auf den Fernsehern unter der Decke läuft n-tv, immer ohne Ton.

    Wer hineinmöchte, in den Comfort-Bereich der Deutschen Bahn, braucht entweder eine Bahncard für Vielfahrer oder eine Fahrkarte der ersten Klasse. Beim Eintritt wird die Berechtigung am Service-Desk mit fast übertriebener Aufmerksamkeit geprüft. Doch dann schlurft ein Mann ohne Jacke mit Arbeitsschuhen und schmutzigen Taschen hinein, grüßt die Lounge-Mitarbeiter freundlich, lächelt wissend und geht einfach durch.

    Er legt sein Gepäck ab, holt sich mehrere Zeitungen, setzt sich in die hinterste Ecke, legt mit flüssigen Handgriffen einen Wissenschaftsteil frei und beginnt mit der Lektüre. Irgendwann steht er auf und löst sich am Automaten eine Bouillon. Er wirkt müde, beachtet niemanden. Mit seiner abgetragenen Hose, dem gestreiften, etwas speckigen Hemd und dem nicht eben sauberen Pullover sieht er aus wie ein Obdachloser. Er ist aber keiner. Die Deutsche Bahn ist sein Obdach.

    Friedhelm W. ist Zugnomade. Er besitzt eine von 35 000 "Mobility Bahncards 100", die es ihm ermöglicht, ein ganzes Jahr lang mit der Deutschen Bahn an jedes gewünschte Ziel zu fahren, ohne einen einzigen Fahrschein zu lösen. Doch Friedhelm W. ist nicht einfach nur unterwegs. Er lebt, schläft und arbeitet in Zügen. Die DB-Lounge ist seine Küche, sein Wohnzimmer und sein Bad.

    Als er die Bouillon ausgetrunken hat, wird er hektisch, schultert seinen Rucksack, nimmt seine beiden Taschen und verlässt in sonderbar pendelnden Schritten die Lounge, wieder grüßend. Sein Kopf hängt versonnen schief in die Welt hinein, sein Körper ist vom vielen Tragen ein wenig eingesunken. Er nimmt die Treppe, tritt in die Kälte, registriert die Anzeigetafel, verfällt in einen leichten Laufschritt Richtung Bahnsteig. Fast in letzter Sekunde springt er auf den Zug, wie ein Hobo im Wildwestfilm, nur wirkt er dabei überfordert. Gezielt steuert er den Rollstuhlsitz in Wagen 22 an, da hat er den Platz, den er braucht. Er setzt sich, breitet Zeitungen aus, gräbt eine medizinische Schere aus einer der Taschen und beginnt, einzelne Artikel auszuschneiden.

    Friedhelm W. wartet immer, bis andere Menschen auf ihn zukommen. Er selbst kommt auch alleine klar, er fragt sich nur, sobald sich jemand eingehender für ihn interessiert: "Kann der mich verletzen?"

    Seine Handinnenflächen sind grau, seine Fingernägel haben Schatten, trotzdem gibt man ihm gerne die Hand. Spricht man ihn an, schärft er seinen abwesenden Gesichtsausdruck, schaut beherrscht und dann freundlicher. Ein Aufnahmegerät lehnt er ab. Er möchte nicht, dass man ihn wiedererkennt, Friedhelm W. ist auch nicht sein richtiger Name. Als er sich entschieden hat zu erzählen, beginnt er, als habe er nur darauf gewartet. Mit ruhiger Stimme, manchmal weit ausschweifend, aber immer wie auf einen Punkt gerichtet, den nur er kennt. Unterbrechen lässt er sich nicht, versucht man es, erhebt er seine Stimme, bis sein Gedanke zu Ende geführt ist. Mitschreiben kommt nicht in Frage, weil er mit seinem leicht fränkischen Zungenschlag eine unfassbare Realienflut über den Zuhörer ausschüttet.

    Seit zehn Jahren lebt Friedhelm W. schon in Zügen. Keinen einzigen Tag war er krank. Kranksein kann er sich nicht leisten, er ist nicht versichert. Hartz IV beantragt er nicht, weil er unabhängig sein will, arbeiten im Gesundheitswesen, wie er es früher getan hat, kommt für ihn nicht mehr in Frage. "Ich will nichts mehr tun", sagt er.

    In seiner Brusttasche befinden sich Verzehrgutscheine der Deutschen Bahn für verspätet eingetroffene Züge, ein Kugelschreiber und eine Liste mit den Wunschzeitungen der Woche. Die Taschen, die er mit sich herumschleppt, enthalten neben der Schere Toilettenartikel, Waschzeug, eine zweite Garnitur Kleidung, ein Handy mit leerer Karte, einen Schirm, weitere Taschen und Zeitungen über Zeitungen. Sein ganzer Stolz ist eine Tasche, in die vierhundert Pfandflaschen passen. "Mein Goldstück" nennt er sie. Friedhelm W. lebt vom Flaschensammeln in Zügen. Alles Geld, das er damit verdient, bekommt dann die Deutsche Bahn. Für die 3800 Euro teure "Bahncard 100" muss er täglich zehn Euro Pfand einlösen, was etwa fünfzig Flaschen entspricht. "Das ist zu machen", sagt er. Sein Rekord liegt bei über vierzig Euro am Tag.

    Er unterteilt seinen Tag strikt in Freizeit und Arbeit. Freizeit hat er, wenn andere arbeiten, wie jetzt, da würde er nie eine Flasche einsammeln. Am Wochenende beginnt er die Arbeit dafür schon um vierzehn Uhr. Am Karfreitag und an Weihnachten ist auch für ihn Feiertag.

    Seine Tageseinteilung entspricht zwei Kreisläufen auf Schienen, die auf der Landkarte in etwa eine Acht bilden. Im ersten befindet er sich gerade, es ist seine Freizeitstrecke, die ihn, das sei aber Zufall, über seine Geburtstadt und die Stadt, in der er aufgewachsen ist, zurück zu seinem Ausgangsbahnhof führen wird. Der zweite Kreislauf wird dann später dem deutschen Pfandsystem folgen.

    Schon als junger Mann hat Friedhelm W. einen Mobilitätstick. Während seines Zivildienstes geht der Abiturient oft zu Fuß zu seinem vierzig Kilometer entfernten Einsatzort, die ganze Nacht hindurch, und schläft zuweilen, einfach, um es auszuprobieren, in Zügen, die auf den Gleisen abgestellt worden sind. Morgens zeigt er dem Schaffner eine Fahrkarte vor, als wäre nichts geschehen.

    Später, mehr durch Zufall im Gesundheitswesen gelandet, löst er, obwohl nicht schlecht verdienend, stehengelassene Pfandflaschen ein, um sich von dem Geld hin und wieder ein besonderes Kantinenmenü zu gönnen. All das hat ihm, sagt er, den Einstieg in sein jetziges Leben erleichtert. Aus der Bahn geworfen und dann wieder wörtlich in die Bahn hineingeführt aber hat ihn der Tod seiner Freundin im Jahr 2001.

    Als sie an einem Schlaganfall stirbt, sitzt er plötzlich in einer hundertzwanzig Quadratmeter großen Wohnung fest, die er allein nicht halten kann. Ihm wird klar, dass er jede Form von Stillstand nicht aushalten kann. Er besitzt keinen Führerschein, aber er hat immer schon mit einer Netzkarte der Bahn geliebäugelt. Jetzt heißt sie Bahncard und kommt ihm gerade recht. Niemanden zu brauchen und trotzdem beweglich zu sein, dazu Zeitungen, Gourmetkaffee und Säfte umsonst, im Sommer Eis, Ruheliegen, zwei Fernsehprogramme mit kabellosen Kopfhörern - Friedhelm W. fühlt sich wie im Hotel. "Mit den damals 250 Euro im Monat konnte ich plötzlich wieder mein ganzes Leben gestalten. Die Bahncard war für mich Freiheit." Wenn er nicht arbeitet, ist er auf Bahnhöfen und in Zügen unterwegs. Das Zugfahren hilft sogar gegen die Depression. Die Behandlungsmethode nennt er "mobil ambulant".

    Als seine Freundin von ihrer schweren Erkrankung erfuhr, infolge von Diabetes hatten sich Stenosen in ihren Halsarterien gebildet, wünscht sie sich von ihm, dass er sich eine neue Frau sucht. Er findet das richtig und für sich auch komfortabel. Eine verheiratete Kollegin gefällt ihm, die beiden kommen sich näher, trennen sich nach einiger Zeit aber wegen seiner Eifersucht, er fühlte sich nicht genug geliebt. Monate später verwickelt sie ihn in einen Prozess wegen Körperverletzung. Sie sagt als Zeugin gegen ihn aus und trägt damit erheblich zu seiner Verurteilung auf Bewährung bei. Er sagt, er habe nichts getan, er sei gewaltlos, und auch, dass er sich wohl umgebracht hätte, wenn er nicht ein Dokument in seinen Besitz gebracht hätte, aus dem für ihn persönlich einwandfrei seine Unschuld spricht: ein medizinisches Gutachten, in dem die "blutende Kratzwunde" fehlt, wegen der er verurteilt wurde.

    Während sich der Prozess über Jahre hinzieht, arbeitet er noch "im Betrieb", wie er sagt, doch er hat sich von seinem Beruf längst innerlich verabschiedet. Nicht nur, dass sein Arbeitsplatz der angebliche Tatort ist, er hat das immer so gemacht. Wenn er zur Arbeit nicht "wie zu Freunden" gehen konnte und irgendwer Druck auf ihn ausübte, ist er immer irgendwann gegangen. Wie durch ein Wunder ergaben sich neue Anstellungen in den achtziger und neunziger Jahren. Einmal hat er nebenbei ein naturwissenschaftliches Studium begonnen. Doch nach der Verurteilung ist mit alldem Schluss. Die Kündigung kommt mit der Post. Er gibt sofort seine Schlüssel bei der Sekretärin ab und geht, für immer aus dem Arbeitsleben, erleichtert. Da der Fall arbeitsrechtlich fragwürdig ist, kann er eine Abfindung aushandeln.

    In der ersten Nomaden-Zeit, als er noch arbeitete, und später, als ihn die Abfindung über Wasser hielt, fuhr er in die großen deutschen Städte, zur Tour-Etappe nach Karlsruhe und auf das Turner-Fest in Leipzig. Unter dem Brandenburger Tor verpasste ihm einer eine Platzwunde am Kopf, seitdem meidet er Volksfeste. Dann sind die Ersparnisse aufgebraucht, und er muss überlegen, wie es weitergeht. Er kommt auf das Flaschensammeln zurück, anfangs noch ganz schüchtern, doch im WM-Jahr 2006 fallen ihm die Flaschen nur so in den Schoß. Er nimmt den Zug jetzt auch, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

    An Wochentagen führt ihn die erste Zugfahrt in Richtung Norden. Würde er nicht erzählen, schnitte er weiter Zeitungsartikel aus den Bereichen Finanzen ("das brauche ich für mein Leben"), Gesundheit, Gerichtsurteile, Wissenschaft und "Sentimentales" zurecht. "Wenn man eine Zeitung liest, kann man sich verlieren, man ist in seiner Welt", sagt er. Er macht keinen Hehl daraus, dass das Ganze zwanghafte Züge trägt, er bezeichnet sich selbst als Zeitungsmessi. Das Schneiden hält ihn wach, in letzter Zeit überfällt ihn immer wieder diese Müdigkeit.

    Der Schaffner kommt ins Zwischenabteil und kontrolliert die Fahrscheine, nur Friedhelm W. nickt er ab. Er kennt ihn.

    Manchmal beschwert sich jemand in der Comfort-Zone über seine Scherengeräusche. Dann sagt er: "Sie haben eine negative Aura, mit Ihnen unterhalte ich mich nicht." Danach gucken die Leute groß, manche beschweren sich beim Zugbegleiter, doch der hält meist zu W., der im Recht ist. "Ich will gebildete Menschen um mich haben", sagt W.

    An seiner ersten Haltestelle des Tages, es ist seine Geburtsstadt, hält er sich in einem Bahnsteigräumchen warm oder trinkt einen Kaffee in der Bahnhofsmission. Dann besteigt er einen Zug in Richtung Süden, wo er Christoph M. trifft. Die beiden haben einander im Sommer in einem überfüllten Zug auf dem Fußboden kennengelernt und sich angefreundet. Christoph ist Theologiedozent, hat früher ehrenamtlich für die Telefonseelsorge gearbeitet und bringt ihm jeden Tag etwas Gesundes zu essen mit, diesmal Öko-Äpfel, Karotten, ein Vollkornbrot mit Käse und Schokoladentäfelchen. W. überreicht ihm im Gegenzug Zeitungsausschnitte und Magazine. "Mit ihm ging es bei mir aufwärts", sagt W., "vorher war ich ziemlich am Boden." Die beiden flachsen viel, Christoph vertreibt die irrationalen Anflüge Friedhelms, der zu esoterischen Gedanken neigt und menschliche Beziehungen etwa auf Sternbilder zurückführt. Christoph, der Friedhelms Sternbild teilt, hilft ihm, klar zu denken. Er wird dann richtig geistreich, sprüht vor Witz. "Er strahlt eine gewisse Würde aus", sagt Christoph.

    In der Universitätsstadt trennen sich Christoph und Friedhelm. W. geht zum Essen in die Bahnhofsmission oder eine andere karitative Einrichtung. Gegen Mittag macht er sich auf den Weg in sein Elternhaus, das heute das Haus seines Bruders ist und das er nur betritt, wenn dieser nicht da ist. Die beiden gehen sich aus dem Weg, die Gründe seien kompliziert, sagt er. Für seine Artikel-Sammlungen nutzt W. den Keller, der immer enger wird. Das erschreckt ihn selbst. Bald muss er ans Wegwerfen denken, mit dem Sortieren hat er schon begonnen.

    In einem der Zimmer kann er schlafen. Er benutzt keinen Strom und kein Wasser. Er zahlt nichts, also will er auch nichts verbrauchen. Selbst die Blase leert er nach Möglichkeit vorher. Er kann sich nichts kochen, nicht waschen und bricht im Winter recht früh auf, weil es im Haus stockdunkel wird. Er ist trotzdem gern hier, sagt er, hier kann er zwischentanken. Im Bauch hat er zu diesem Zeitpunkt das Essen von Christoph, einen "Apfeltraum", eine Schinken-Käse-Zunge, ein Marzipan-Croissant und ein Quarkbällchen, alles vom Vortag. Manchmal begleitet er einen Freund auf Aktionärstreffen. Er zieht sich fein an, lauscht den Reden der Vorstände und genießt die reichhaltigen Speisen und Getränke, die in den austragenden Hotels gereicht werden. Das sind seine kulinarischen Höhepunkte.

    Von seinem Elternhaus geht er direkt zur Arbeit, die das Flaschensammeln inzwischen für ihn geworden ist. "Ich bin als Sammler nur in Zügen unterwegs, nicht in Bahnhöfen, nicht in Stadien, nicht auf Flugplätzen. Ich brauche keinen Ärger mit Sicherheitskräften", sagt er. In Mülleimer, in die er nicht hineinschauen kann, greift er nicht mit der Hand. Das widerspräche auch der Hausordnung der Bahn. Flaschen auf Tischen oder in Gepäcknetzen nimmt er nur, wenn sie eindeutig herrenlos sind. Manchmal fragt er auch nach. Pfandflaschen der Bahn lässt er liegen, Fundsachen wie Geldbörsen oder Handys gibt er ab. Zeitschriften nimmt er auch mit, die schenkt er weiter, die jungen Servicekräfte aus der Lounge freuen sich über Sachen wie InTouch oder Glamour. "Das sind meistens Auszubildende, die verdienen ja nichts."

    Gegen achtzehn Uhr ist Friedhelm W. in den zweiten Kreislauf seines Tages eingetreten. Für sein Auskommen braucht er drei flaschenvolle Züge. Meist nimmt er die gleichen. Es sind extralange ICs, die gut zugängliche Gepäcknetze haben und auf denen es vor allem keine Reinigungskräfte der Bahn gibt, seine größten Konkurrenten. Die Züge fahren eine vergleichsweise kurze Strecke, kommen nicht aus dem Osten und sind nicht allzu voll, sodass er gut von vorn nach hinten durchkommt. An den Endbahnhöfen hat er jeweils geeignete Möglichkeiten zum Einlösen der Flaschen, zum Ausgangsbahnhof kommt er schnell zurück. Friedhelm W. versteht es, nicht unangenehm aufzufallen, er darf sich hier aufhalten, er hat eine Fahrkarte, und die sichert ihm sogar den Comfort-Status zu, ein Anrecht auf markierte Sitzplätze und bevorzugte Serviceinformationen.

    Unterwegs nimmt er einen Bekannten auf seine Bahncard mit in die Lounge, die jetzt wieder leer ist. Für die Lounge-Mitarbeiter gehören er und Stefan zum Inventar. "Die haben sogar schon Fotos mit uns gemacht. Zum Geburtstag singen sie uns ein Ständchen." Wenn Friedhelm zur Flaschentour aufbricht, liest Stefan oder sieht fern. Anschließend schläft er an einem geheimen Ort. Lange halte er das nicht mehr durch, sagt er.

    In seiner Freizeit wirkt Friedhelm W. fast selbstlos. Nur bevor er beruflich einen Zug betritt, wird er unruhig, weil ihm jemand sein Revier streitig machen könnte. Es geht dann um seine Existenz, und er weiß, dass seine Stimmung abhängig vom Ertrag ist. Sein Gesicht bekommt ein professionelles, witterndes Lächeln, wenn er Reisende mit flaschenträchtigen Taschen auf dem Bahnsteig sieht, und er macht sich im Abteilgang breit, wenn ihn einer von denen überholen will, denn die besten Wagen kommen zum Schluss.

    Nach getaner Arbeit wird er, um schlafen zu können, einen der wenigen Nachtzüge nehmen. Morgens hängt alles von seinem Handywecker ab, der das Durchfahren verhindert und damit Freizeitverlust und Verdienstausfall. Unpünktlichkeit bringt seinen gesamten Tagesplan durcheinander, und er nimmt es sich bitter übel, wenn er die Treffen mit Christoph oder Stefan verpasst. An diesem frühen Morgen wird er pünktlich an seinem Ausgangspunkt anlangen, zunehmend mit geschwollenen Beinen, was ihn beunruhigt. Ein neuer Tag wird anbrechen. Er wird die letzten Flaschen abgeben und in die Lounge fahren, wo er sich seine Bouillon auflöst - das erste Ritual des Tages.

    Friedhelm W. findet sein Leben "o.k.", würde es aber, wie er sagt, niemandem empfehlen. "Die Zeit geht nicht spurlos an einem vorüber, der ganze Elektrosmog." Er wartet in der schummrigen Hallenbeleuchtung des Bahnhofs auf den nächsten Zug. "Man verschwendet sich auch irgendwie", sagt er. "Ich für mich kann nichts ändern", sagt er, "dazu bräuchte ich wieder eine Freundin, aber ohne Arbeit hat man keine Chance, eine Frau zu finden, wie ich sie mir vorstelle." Bis er fünfundsechzig wird, muss er durchhalten. Dann bekommt er eine kleine Rente und eine erhebliche Versicherungssumme ausgezahlt. Von der will er sich eine Eigentumswohnung kaufen, für sich und wenn nötig auch für seinen Bruder.

    Wieder im Zug, setzt er müde seine Brille ab. Sie ist geradezu seriös, hat mehrere Stürze überlebt, braucht aber dringend stärkere Gläser. "Man gibt sich auch irgendwie auf", sagt er, und sein Gesicht wirkt plötzlich grau. "Natürlich kann man sagen, mein Leben ist eine Schwäche. Wäre ich stark, hätte ich damals nach meiner Verurteilung gesagt: Denen zeig ich's, ich mach weiter. Aber deswegen habe ich letztlich meine Geschichte erzählt: Auch als Schwacher kann man so etwas überleben, wenn man sich nur einschränkt."

    Friedhelm W. stemmt seine Taschen empor, mit denen er ohne anzustoßen kaum durch den Gang kommt. Beim Aussteigen winkt er linkisch und lächelt. Dann ziehen ihn die Taschen nach draußen, der nächste Anschluss wartet. Er hat noch zwei Flaschenzüge vor sich. Ein Leben in leeren Zügen und manchmal auch in vollen, er trägt es immer mit sich herum.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG,

Nr. 300 vom 24. Dezember 2010

Bewertung der Jury

Uwe Ebbinghaus erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2011 in der Kategorie »Allgemeines« für den Beitrag »Der Zugnomade«, erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 24. Dezember 2010.

Dieses Stück hat alles, was man gemeinhin als »preisverdächtig« bezeichnet: Es ist eine zutiefst menschliche Menschengeschichte, dem Leben selbst abgeschaut und nah am Erzählgegenstand recherchiert. Die Geschichte ist handwerklich sauber umgesetzt; sie ist anrührend, aber dezent in der Sprache und überhaupt nicht kitschig. Und sie ist spannend – von der ersten bis zur letzten Zeile.

Die Geschichte war für Uwe Ebbinghaus nicht leicht zu erzählen, denn die Hauptperson wünschte absolute Anonymität. In der Beschreibung bleibt vieles daher unpräzise: Namen, Orte, Szenen bleiben diffus. Trotzdem atmet und lebt dieser Text. Er berührt, obwohl und weil die Geschichte völlig unromantisch ist. Eine Erzählung, die man weitererzählt, weil sie fast unglaublich ist und zugleich mitten aus unserem Alltag stammt.

Kurzbiographie

Uwe Ebbinghaus

Geboren 1971 in Boppard, aufgewachsen im Westerwald.

Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Bonn, Freiburg und an der University of Notre Dame in der Nähe Chicagos. Dissertation über »Sprachskepsis im deutschen Drama«. Während des Grundstudiums journalistische Arbeiten für die Rhein-Zeitung (Koblenz) und den General-Anzeiger (Bonn).

Der Entschluss, Journalist zu werden, fällt nach einer Hospitanz bei FAZ.NET. Nach dem Studium freier Autor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und andere Medien. Seit 2006 Feuilleton-Redakteur. Der von Uwe Ebbinghaus entwickelte und betreute F.A.Z.-Lesesaal gewinnt im Jahr 2008 den Bayerischen Printmedienpreis.

Zusammen mit Norbert Oellers Autor des Hörbuchs »Schiller. Höhepunkte aus Leben, Werk und Wirkung« (2005).

Uwe Ebbinghaus ist verheiratet und hat zwei Söhne.