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Rede von Hermann Neusser, Vorsitzender Kuratorium für den Theodor-Wolff-Preis, anlässlich der Preisverleihung am 6. September 2011 in Bonn

Es gilt das gesprochene Wort

Was bedeutet Journalismus heute? Kein Zweifel, der Beruf hat sich verän­dert, Theodor Wolff würde staunen. An Apps, E-Reader, Tablets, iPhone konnte der Chefredakteur des „Berliner Tagblatts“, der seine Leitartikel und Feuilletons am Stehpult schrieb, noch nicht denken.

Dass die Zeitungsbranche seither, vor allem in den letzten drei Jahrzehn­ten, auf technischem Gebiet revolutionäre Entwicklungen durchlaufen hat, versteht sich von selbst. Aber ist für den Beruf des Journalisten damit ein Paradigmenwechsel verbunden, was seine öffentliche Wirksamkeit angeht? Ich meine, nein.

Mein Gewährsmann soll heute Abend Klaus Harpprecht sein, den die Jury des Theodor-Wolff-Preises für sein Lebenswerk ehrt. Sie, lieber Herr Harpprecht, haben mit einer Portion Ironie den Journalismus den „schöns­ten, den schrecklichsten aller Berufe“ genannt, der zudem die Chance biete, „viele Leben zu leben“. Und dann haben Sie, im Mai 2004, in Ihren Wiener „Vorlesungen zur Poetik des Journalismus“ eine anspruchsvolle Forderung an sich, an Ihre Kollegen, an uns alle gerichtet: „Journalismus muss eine Leidenschaft sein, die sich aus zwei Hauptleidenschaften speist: aus der Leidenschaft zum Wort und aus der Leidenschaft zur Wahrhaftig­keit. Wir haben als Journalisten und durch unser seltsames Handwerk un­serer Pflicht als Bürger zu genügen: einer freilich besonderen Bürger­pflicht.“

Als Journalisten unserer Pflicht als Bürger genügen … Das gilt besonders in Zeiten großer Ungewissheiten und Unübersichtlichkeiten, mit denen wir aktuell konfrontiert sind. Dass Redaktionen einer Tyrannei der Aktualität unterworfen sind, ist nicht zu leugnen. Schnell fehlt dann die Zeit zum gründlicheren Recherchieren und – zum Zweifeln. Dabei ist der Zweifel eine der höchsten journalisti­schen Tugenden, oder sollte es doch zumindest sein. Das Prüfen von Fakten ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für qualitätsvollen Journa­lismus.

Die globalisierte, komplexe Welt schreit nach Übersetzern und Vermittlern. Vor allem angesichts der wirtschaftlichen und finanzpolitischen Verwerfun­gen ist eine glaubwürdige Reflexionsinstanz gefragt. Die politischen globa­len Vorgänge sind immer weiter weg vom Erfahrungswissen der Menschen: Wie deuten wir Phänomene wie den „arabischen Frühling“, wissen wir ge­nug über die Bewegungen, die in islamischen Ländern momentan den Ton angeben? Gelingt es, über einen Massenmord wie den in Norwegen so zu informieren, dass die Diskretion den Opfern und deren Angehörigen ge­genüber gewahrt bleibt, dass der Täter nicht heroisiert wird? Diesen Fragen müssen wir uns stellen, bevor wir unseren Lesern, Hörern, Zuschauern, Nutzern Antworten geben, die sich womöglich als allzu leichtfertig, ja leicht­gewichtig herausstellen. Daraus resultiert eine gestiegene Verantwortung der Medien.

Das bedeutet gleichermaßen einen gestiegenen Anspruch an die Arbeit der Journalisten. Und damit bin ich auch schon bei dem eigentlichen Anlass unserer heutigen Zusammenkunft, nämlich bei der Freude und dem Privi­leg, sechs Damen und Herren mit dem Theodor-Wolff-Preis für herausra­gende journalistische Leistungen auszeichnen zu dürfen. Sie, liebe Preis­träger, haben journalistische Meisterstücke abgeliefert, die über den Tag hinaus wirken. So unterschiedlich die von Ihnen bearbeiteten Themen und Stoffe auch sind: Sie bestechen allesamt durch Kreativität, eine beeindru­ckende Beobachtungsgabe, sprachliche Brillanz. Und sie sind authentisch.

Beginnen wir mit dem Kernstück der Zeitungen, mit dem Lokalen. Da hat Rena Lehmann für die „Rhein-Zeitung“ in Koblenz am Beispiel einer falsch ausgegebenen Schulmahlzeit aufgezeigt, welche Unsicherheiten und Vor­urteile in der deutschen Gesellschaft gegenüber dem Islam herrschen – und umgekehrt! Und welche aberwitzigen Folgen deshalb ein simples Schweineschnitzel nach sich ziehen kann. 

Bei Jan Rübel lernen wir in der „Berliner Morgenpost“ die Tänzer von Zeh­lendorf kennen. Ältere Herrschaften zumeist, die an Alzheimer erkrankt sind, und die einmal im Monat mit Hilfe von Musik und Tanz ein gutes Stück ihres alten Lebens wiederfinden. Dieser Bericht voller Sympathie und ohne falsches Mitleid für die Dargestellten enthält über die eigentliche Story hin­aus die Botschaft, dass sich auch mit einer schweren Krankheit ein le­benswertes Leben leben lässt.

Rena Lehmann und Jan Rübel also sind die diesjährigen Gewinner im Lo­kalen. Erfreulicherweise konnte die Jury 2011 aber nicht nur über diese zwei entscheiden, sondern über eine Vielzahl anspruchsvoller und preis­würdiger Beiträge gerade aus den Lokalteilen unserer Zeitungen. Ich freue mich über die erneut hohe Zahl und die Qualität der Beiträge für die Kate­gorie „Lokales“. Ich wünsche mir, dass wir diesen erfreulichen Trend in den kommenden Jahren fortsetzen können.

Sie können diese Artikel übrigens, meine Damen und Herren, allesamt und in voller Länge kennenlernen, wir haben sie auf der Website des Theodor-Wolff-Preises eingestellt. Sie können die preisgekrönten Artikel aber auch in die Hand nehmen. Beim Hinausgehen erwartet Sie eine Broschüre mit allen Texten, die wir heute Abend hier auszeichnen.

Dort werden Sie zum Beispiel auch noch einmal nachlesen, wie Kirsten Küppers für die Berliner „taz“ über Jahre eine durch Folter und Misshand­lung in türkischen Gefängnissen furchtbar entstellte Frau begleitete, die dank glücklicher Zufälle und deutscher Ärzte ein neues Gesicht erhielt. Am Schicksal dieser, ja, Heldin nehmen wir Leser dank der Kunst der Autorin hoffend und fiebernd teil – die Sache muss einfach „gut“ ausgehen! 

So, wie wir uns auch mit dem Zugnomaden ins Abteil setzen, den Uwe Ebbinghaus für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ porträtiert hat. Eine kleine Strecke des Weges dürfen wir mitfahren und müssen - bei aller Neu­gier auf einen Menschen, der sein Leben in Zügen verbringt - die Diskretion des Autors bewundern, der das Wieso und Warum für diese unbürgerliche Existenz zwar streift, der aber dem Protagonisten sein Geheimnis lässt.

Sehr ungewöhnlich in der Form ist schließlich Mely Kiyak ihren preisge­krönten Kommentar angegangen, in dem sie sich mit dem Urteil „Tod durch Steinigung“ eines iranischen Gerichts für eine angebliche Gattenmörderin auseinandersetzt: Mely Kiyak hat dieser zum Tode verurteilten Frau in der „Berliner Zeitung“ und der „Frankfurter Rundschau“ einen Brief geschrie­ben. Dazu später mehr.

Zum neunten Mal wird heute Abend auch ein journalistisches Lebenswerk mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Die unabhängige Jury würdigt damit, ich erwähnte das bereits eingangs meiner Rede, die Arbeit von Klaus Harpprecht. Er hat sich als Journalist, als Buchautor, als Verleger und als Redenschreiber und Berater Willy Brandts einen Namen gemacht. Seine Artikel erschienen und erscheinen in namhaften Zeitungen und Zeit­schriften. Klaus Happrecht wurde bereits vor 45 Jahren, 1966, erstmals mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Wir werden gleich noch mehr von den Autoren selbst hören. Zunächst aber möchte ich Ihnen, liebe Preisträger, zu dieser Leistung herzlich gratulieren. Es ist der Glückwunsch aus rund 300 Verlagen, die den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis mittragen.

Mein Glückwunsch gilt auch den Redaktionen und Verlagen, die hinter die­sen Autoren stehen und damit die Rahmenbedingungen für solch heraus­ragende Arbeiten schaffen. Denn machen wir uns nichts vor: Solche Stücke entstehen nicht einmal so eben in der tagtäglichen Redaktionshektik, dafür braucht es Zeit - und dazu braucht es auch Ruhe. Beides ist ein knappes Gut in unseren Häusern. Umso wichtiger sind die Ressortleiter, Chefre­dakteure und Verleger, die solche Projekte fördern – zum Wohl der Zeitung.

Denn unsere Zeitungen müssen ihre inhaltliche Leistung immer wieder und zunehmend intensiver unter Beweis stellen, um ihren Preis zu rechtfertigen. Ich bin sicher, dass uns dies gelingen kann und gelingen wird – gerade auch angesichts so herausragender Beiträge, wie wir sie heute Abend fei­ern.

Die Zeitungsbranche steht seit Jahren in einem Transformationsprozess, das ist eine Binsenwahrheit. Die Tageszeitung entwickelt sich in all ihren Erscheinungsformen – gedruckt, online und mobil – immer stärker zu einem Hintergrund- und Analysemedium. Gleichzeitig wird das alte angelsächsi­sche Prinzip der strikten Trennung von Nachricht und Meinung zunehmend aufgeweicht. Das stellt an den Journalisten, an seine Professionalität, an seine Fähigkeit, das Relevante auszuwählen, erst recht Anforderungen: Er muss den Tatsachen, den Dingen wie sie sind, auf der Spur bleiben.

Die Damen und Herren, die mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet werden, haben beispielhaft gezeigt, wie man subjektive Beobachtungen abliefern kann, ohne dem Leser eine Meinung aufzuzwingen. Ganz im Sinne des Namensgebers dieses Journalistenpreises.

Es waren 452 Autoren, die unserer Ausschrei­bung mit insgesamt 432 Einsendungen gefolgt sind. Hinter den 432 Ein­sendungen stehen 110 Verlage. Beides stellt einen erfreulichen Rekord in der Geschichte des Theodor-Wolff-Preises dar.

Im nächsten Jahr feiern wir das 50-jährige Bestehen des Theodor-Wolff-Preises in Berlin. Das wäre eine gute Gelegenheit, durch die Teilnahme al­ler oder doch nahezu aller Zeitungen an diesem renommierten Preis die hohe Wertschätzung journalistischer Qualität noch eindrucksvoller zu do­kumentieren.

Freilich können immer nur wenige gewinnen. Doch auch in diesem Jahr gab es viel, viel mehr preisverdächtige Artikel. Und ich weiß, dass die Jury unter Vorsitz von Ulrich Reitz wieder mit großem Engagement um die Bes­ten der Besten gerungen hat.