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Prämierter Text

Liebe Sakineh Ashtiani

Von Mely Kiyak

Die 43 Jahre alte Frau aus dem Iran soll gesteinigt werden. Sie kann nur auf wachsenden Protest hoffen.

Ich stelle es mir vor: Ich stehe vor einem iranischen Gericht. Ich werde nicht angehört. Der Richter spricht das Urteil.

Die Zelle verwandelt alle Frauen zu Freunden. Mal ist es laut. Dann leise. Manchmal fühle ich Trost. Manchmal bin ich stark und tröste. Manche starren zu sehr. Die Zelle macht aus Freundinnen Feinde.

Die Angst dehnt sich im ganzen Körper aus. Der Magen will die Angst herausdrücken. Der Bauch wird für die Angst zu eng. In anderen Nächten zieht die Einsamkeit gleichmäßige Kreise im Kopf. Dann wieder kriecht sie nur stumpfsinnig hin und her. Am linken Ohr angekommen, dreht sich die Einsamkeit um und schleppt sich zum rechten Ohr. Das geht so lange, wie eine Fliege fliegen kann.

Im Morgengrauen öffnet sich das Gefängnistor. Bin ich erleichtert, weil es endlich geschieht? Ein weißes Tuch wird mir um den Körper gewickelt. Auch um das Gesicht. Der letzte Streifen Leben, den ich sehe, ist ein frischer Zweig, an dem eine errötete Aprikose hängt. Schaut man am Ende wirklich hoch? Der letzte Blick bleibt wohl doch nur am Schnürsenkel eines Schuhs hängen. Schnürsenkel. Dunkelheit.

Das Auto. Die Schlaglöcher der Straße. Der Körper rumpelt jede Bewegung mit. Nach der Fahrt eine Strecke zu Fuß. Erst wenn man nichts sieht, merkt man, wie uneben die Erde ist. „Los“. Der Schubs eines Unbekannten ist die letzte Berührung.

Spielt die Himmelsrichtung eine Rolle? Muss das Gesicht sich nach Osten wenden? Nickt Gott zurück? Stand der anwesende Richter zuvor Probe in der Grube?

Ich fühle, wie der Boden unter meinen Füßen Halt bekommt. Sand schmiegt sich um meine Beine. Da es noch früh am Morgen ist, fühlt er sich frisch an. Ob ich das wirklich merke? Vielleicht verpasse ich auch die feste Umarmung des Sandes, weil meine Gedanken nun woanders sind? Als ob die Erde es nicht ganz geschafft hat, mich zu verschlucken, schauen jetzt nur noch Brüste, Schultern und Kopf heraus.

Dann das erste Allah-uh-akbar. Kapitel für Kapitel arbeitet der Kadi gewissenhaft die Strafe ab. Stein für Stein wacht er über das Gesetz. Der Schmerz tritt verzögert ein. Der Sand hält mich zu fest. Er hindert mich am Ausweichen. Jeder Stein prallt mit voller Wucht auf. Vielleicht eine Stunde lang. Vielleicht zwei Stunden lang. Der Schleier klebt in den Nasenlöchern. Kleidet die Mundhöhle aus. Sand gerät unter den Stoff. Schmirgelt die Augenwinkel ab. Weil die Arme nichts abwehren können, bleibt nur, den Schmerz aus dem Schritt zu drücken. Jeder Atemzug wird durch einen Stein aufgehalten. Der Atem staut sich in alle Richtungen. Oben im Gehörgang knirscht der Druck. Weiter unten, im Busen, bleibt der Atem einfach stecken. Glück ist, wenn das Ich vor dem Körper geht. Bevor nach vier Stunden der zuckende Hügel aufgibt, verbeugt er sich ein letztes Mal vor dem Leben, neigt sich über die blutige Erde und bleibt liegen. Dann endlich wird auch der Lärm aufhören. Denn sie haben die ganze Zeit gebrüllt und gebetet. Sie haben vor Gott angegeben. Sie glauben, dass er lobend zuschaut.

Sie soll die Nächste sein: Sakineh Mohammadi Ashtiani. Alter: 43. Vorwurf: Ehebruch. Urteil: Tod durch Steinigung.

Ihre beiden Kinder, die 17-jährige Farideh und der 22-jährige Sajjad bitten verzweifelt um Hilfe: freesakineh.org.

Ihre Mely Kiyak

BERLINER ZEITUNG

Nr. 128 vom 7./8. August 2010

Bewertung der Jury

Mely Kiyaks erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2011 in der Kategorie »Kommentar/Glosse/Essay« für den Beitrag »Liebe Sakineh Ashtiani!«, erschienen in der Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau am 7. August 2010.

Mely Kiyaks in der Berliner Zeitung und der Frankfurter Rundschau veröffentlichte Kolumne »Liebe Sakineh Ashtiani!« geht unter die Haut, zeigt ungeschminkt und schnörkellos das Unbarmherzige, für das es keine akzeptable Rechtfertigung gibt. Sie liefert den Leser einer Realität aus, die ihm fremd ist und erschreckt, die in einer aufgeklärten Welt als abscheulich bewertet wird, andernorts aber zur Normalität grausamer Strafjustiz zählt. Mit ihrer Kolumne ist es Mely Kiyak gelungen, im positiven, aufklärerischen Sinn zu emotionalisieren. Ihre Kolumne geht keinem Leser schnell wieder aus dem Kopf.

Kurzbiographie

Mely Kiyak

Jahrgang 1976, ist Publizistin. Ihre Texte schreibt oder spricht sie unter anderem für die Wochenzeitung Die Zeit (Hamburg), Die Welt, taz – die tageszeitung oder Deutschlandradio Kultur (alle Berlin). Sie hat eine eigene Politikkolumne, die jeden Samstag in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung gedruckt wird.

Mely Kiyak hat in zahlreichen Anthologien veröffentlicht und Sachbücher zum Thema Integration und Migration geschrieben. Zuletzt erschienen: »10 für Deutschland. Gespräche mit türkeistämmigen Abgeordneten«, edition Körber, Hamburg 2007, und »Ein Garten liegt verschwiegen ...« Von Nonnen und Beeten, Natur und Klausur, Hoffmann und Campe, Hamburg 2011.