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Prämierter Text

Die Tänzer von Zehlendorf

Von Jan Rübel

Jeden dritten Montag im Monat treffen sie sich zum Tanzcafé: Damen in roten Roben und Herren mit Tuch im Revers. Sie leiden an Alzheimer. Die Musik soll sie zurück in ihre Jugend wiegen

Das Wunder von Zehlendorf ereignet sich jeden dritten Montag im Monat um kurz nach vier. Wie still es zunächst in diesem Saal voller Menschen ist. Wie sie in ihren Kaffeebechern rühren. Jeder Löffel kreist und kreist, streicht übers Porzellan – ein sanftes Surren wie ein großes Insekt steigt in die Luft. Drückend warm bollert es von den Heizkörpern. Eigentlich soll im Saal des Mittelhofs ab vier Uhr nachmittags getanzt werden. Doch die rund 50 Gäste sitzen in sich versunken an hölzernen Tischen. Es ist dreiviertel vier. Jeder schaut in eine andere Richtung. Da fährt ein alter VW Polo vor. Zwei Männer wuchten kurze Zeit später Kisten aus dem Wagen und tragen sie in die Gründerzeitvilla. Drei Handgriffe später ein kleiner Ruck am Kabel, zwei Fender-Gitarren heulen auf. Keine Handvoll Akkorde vergeht, schon ist das Tanzparkett gefüllt. An den Tischen hält es jetzt kaum jemanden mehr. Die Paare drehen sich auf samtenen Ballerinas und aufgerauten Sneakern zu California Blue, es riecht nach frisch gebügelten Hemden und Halstüchern, nach Lavendel und Kölnisch Wasser. Nach Mottenkugeln. Und nach Babycreme auf alter Haut.

Stolz schweben die Tänzer übers Parkett. Auf ihren Lippen liegt ein Jugendlächeln.

Tief schaut Heinz Nowak, 75, seiner Brigitte in die Augen. Die rechte Hand an der Hüfte, die linke in ihrer Hand, geleitet er sie entlang der olivgrünen Wände. „Dass ich dich hab“, sagt er etwas laut, „mein Dickchen“. Ihre Nasen berühren sich fast. „Rechts eins, rechts zwei“, raunt sie ihm zu. Am großen Tisch neben dem Fenster schluchzt eine Frau in türkisfarbenem Hosenanzug. Hört nicht mehr auf, Tränen laufen die Wangen herab. „Cindy, oh Cindy“, stimmen die beiden Musiker von der Beat-Band „Little Rock“ auf der Bühne an, „dein Herz muss traurig sein, der Mann, den du geliebt, ließ dich allein.“ Mit Mädchenstimme singt die Dame den Refrain. Neben ihr zappelt ein Mann im Rollstuhl. „Ich will aufstehen“,ruft er, rote Flecken im Gesicht. Pfleger eilen herbei, schon stützen sich seine Hände an den Lehnen ab, stolz drückt er seine Knie durch, richtet sich auf. Dieses Café ist anders als andere. Es bringt Menschen zum Sprechen, die sonst kein Wort sagen. Es lässt aufstehen, wer nur noch sitzt oder liegt. Die Musik macht die Herzen leicht und gibt ihrem Schlag eine Richtung.

Anmutig führt Heinz Nowak seine Frau an den Tisch zurück, streicht sich dabei langsam über die goldfarbenen Hosenträger am gestreiften Hemd. Sein graumelierter Schnurbart ist frisch gestutzt. Er lächelt still über den Tanz, den er gleich vergessen haben wird. Was kann er auch für die vielen Eiweißpartikel im Inneren seines Kopfes? Die sich in diesem leicht gebogenen Stück Hirn auf Höhe der Ohren ansammeln und im Hippocampus eine Nervenzelle nach der anderen töten – den Kurzzeitspeicher des Gehirns lahm legen. Der Hippocampus ist schon um die Hälfte geschrumpft; nun greifen die Eiweiße auch andere Bereiche des Gehirns an, zersetzen und verklumpen sie.

Noch immer kann Heinz Nowak sehen, hören, sprechen. Aber irgendwann wird diese Krankheit, die der deutsche Psychiater Alois Alzheimer vor rund 100 Jahren entdeckte und an der mittlerweile rund 1,2 Millionen Deutsche leiden, ihn niederringen, das Kauen nehmen, das Schlucken und zuletzt das Atmen. Alzheimer raubt das Wissen zu leben.

Davon will Brigitte Nowak nichts hören. Seit 53 Jahren seien sie jetzt verheiratet, sagt sie. Immer wieder aufgepäppelt hat sie ihren Mann, auch nach den vier Schlaganfällen, die der Demenz vorangingen. „Wenn ich meinen Heinz bei mir habe, wird es vielleicht nicht schlimmer“, sagt sie. Die Kaffeetasse hält sie mit beiden Händen ganz fest. Auf dem Parkett bildet ein Dutzend Tänzer eine Polonaise und schunkelt durch den Raum. „Aber der Wagen, der rollt“, singen sie. Es klingt trotzig. Neben den Kuchentresen stampft ein Mann seinen Stock zur Musik und schaut der jungen Kellnerin ungeniert ins Dekolleté. „Was tanzen die so wild heute“, sagt Brigitte Nowak. Ihren Heinz hatte sie beim Tanz kennen gelernt. Sie war 15, und als der 19-Jährige sie beim Pommerntreffen am Wittenbergplatz zum Foxtrott aufforderte, da funkte es zwischen beiden. Noch am gleichen Abend küssten sie sich. Die Monteurin bei Bosch und ihr Maurer – in den folgenden Jahrzehnten tanzten sie sich durch Berlins Bars: das „Resi“ und die „Neue Welt“ in Neukölln mit ihren Tischtelefonen, oder der „Prälat“ in Schöneberg. In den tiefen Westen der Stadt, wo sich der Grunewald auftürmt, fahren sie noch heute. Nur eben nicht zum Picknick im Grünen wie früher, sondern in den Mittelhof, den die „Alzheimer-Angehörigen-Initiative“ einmal im Monat nutzt. Zwischen zwei Tänzen zündet sich Gitarrist Hans-Holmer Graetsch eine Zigarette an. Er zieht seiner Fender eine neue Saite auf. Ein besseres Publikum als dieses kenne er nicht, sagt er. „Wo bittschön ist in Berlin, an einem Montag um fünf, mehr Freude zu finden?“ Seit Beginn des Tanzcafés vor acht Jahren tritt das Duo hier auf. „So viel Schwung, so viel Wille“, sagt er über die Tanzgäste. Anfangs spielten er und sein Partner nur Beat, ihre Lieblingsmusik. Doch dann merkten sie, wie gut deutsche Texte ankamen, wie die Gäste bei Schlagern in Fahrt kamen. Seitdem spielt „Little Rock“ auch Hoch auf dem gelben Wagen.

„Musik ist die versteckte arithmetische Tätigkeit der Seele, die sich nicht dessen bewusst ist, dass sie rechnet“, schrieb schon Gottfried Wilhelm  Leibniz. Das Erfolgsgeheimnis des Tanzcafés im Mittelhof: Der Körper vergisst nicht, was der Kopf längst aufgegeben hat. Er tanzt mit. Eine Erkenntnis, welche die Medizin bei der Behandlung von Alzheimerkranken meist Angehörigen-Initiativen überlässt; Tanz aber beansprucht beide Gehirnhälften. Das ist besser als jedes Gedächtnistraining, um die verdammten Löcher, die Alzheimer schlägt, zu überwinden. Jedes erinnerte Wort lässt die Gehirnhälften besser durchbluten.

Zwar hält Musik den Verfall des Gehirns nicht auf. Gegen Alzheimer helfen keine Operation und kein Medikament. Aber Musik mobilisiert Kräfte, schafft Bewusstsein, Haltung und Würde. Alzheimerkranke brauchen Impulse von außen, um ihre schlummernden Fähigkeiten zu wecken. Little Rock liefert sie ihnen im Viervierteltakt.

Drinnen steht Brigitte Nowak auf, sie will auf der Toilette ihren Lidschatten nachziehen. Einen ganz sachten, der sich den Konturen ihres sanft gezeichneten Gesichts unter dem kurzen Blondschopf fügt. Heinz Nowak hält sie am Arm fest. „Verlass mich nicht“, ruft er ängstlich, er steht auf: „Wo gehst du hin?“ Sie streichelt ihm über die Wange, sie seufzt – und setzt sich. Seit er sich verlaufen hat in seiner inneren Welt, braucht er sie ohne Unterlass. Geht nicht schlafen ohne sie, drückt sie dann fest an sich. Er, der nie krank war und die schwersten Steine tragen konnte und auch am Wochenende auf dem Bau malochte, für ein Extrageld. Der heute so schwach ist wie aus Papier. Nicht nur am Gehirn zerren die giftigen Eiweißmoleküle. Die Seele stirbt mit.

„Herr Nowak, tanzen Sie gern?“

„Ich glaube, ja.“

„Welchen Tanz mögen Sie denn am liebsten?“

„Aber sicher doch. Na klar.“

Mit Floskeln rettet sich Heinz Nowak durch den Alltag, müht sich um Brücken über die Löcher im Kopf hinweg. Zu Besuch in der Altbauwohnung in Schöneberg kommen längst nur noch enge Verwandte. Die Freunde blieben alle weg. „Du kannst kommen, aber nicht dein Mann“, erinnert sich Brigitte Nowak an die letzten Einladungen. „Ich liebe Heinz, mehr als mich.“ Seit bald 17 Jahren pflegt sie ihn, zieht ihn an, wäscht und ernährt ihn. „Ich schalte kaum ab, immer frage ich mich, wie es ihm geht.“ Das Tanzcafé tut auch ihr gut. Hier findet sie Ruhe, „ich tausche mich aus“. Lacht. Weint. Ist nicht allein.  Ihr gegenüber sitzt Raimund Cichos. Wie so oft erzählt er einen Witz. „Sagt eine Siebzigjährige: ‚Ich bin so vergesslich. Habe ich einen Mantel an, weiß ich nicht, ob ich komme oder gehe.’ Antwortet die Achtzigjährige: ‚Toitoitoi, bei mir ist da oben noch alles in Ordnung’, und klopft sich an den Schädel.“ Raimund Cichos schaut erwartungsvoll in die Runde. „Dann sagt sie: ‚Herein, da ist jemand an der Tür!’“

Raimund Cichos, 60, zeigt stets Helles her. Die Laune: „Bestens.“ Das Wetter: „Die paar Wolken stören doch kaum.“ Die Kleidung: ein zarter Vanilleton im Hemd über wasserblauer Jeans. Raimund Cichos lächelt viel. „Wir haben immer Glück gehabt“, sagt er und wischt mit einem Taschentuch über die Lippen einer Frau im Rollstuhl. „Auch heute, Margried und ich sind ja immer noch zusammen.“ Einen Moment später verfällt er in eine stumme Zwiesprache mit ihr. Als würden ihre beiden Mundwinkel versteckte Botschaften aussenden. Dann beugt er sich, legt seine Stirn an ihre.

Brigitte Nowak besucht das Tanz-Café auch wegen Margried Cichos. So sieht sie, was ihren Heinz erwartet. Sie kann sich wappnen, worüber sie nicht spricht.

Nach einer Rückenmarkspunktion entdeckten die Ärzte bei Margried Cichos die giftigen Einweißmoleküle im Nervenwasser. Ins Krankenhaus gegangen war sie wegen „gewisser Vorkommnisse“, wie ihr Mann sagt: Neue Kunden wollte sie im gemeinsamen Friseursalon plötzlich nicht mehr bedienen. Immer öfter verlegte sie Scheren, und Raimund Cichos wunderte sich über den offen gelassenen Gefrierschrank daheim. Dann kam der 15. Januar 2003. Margried Cichos verpasste auf dem Weg zur Arbeit die richtige Haltestelle. Irrte durch die Straßen. Acht Stunden später hielt sie in Tegel ein Taxi an und nannte ihre Adresse in Lichtenrade am anderen Ende der Stadt.

Cremeweiß und glatt ist ihre Haut, wie Elfenbein. Margried Cichos ist 66, sie fixiert mit ihren blassblauen Augen einen Punkt an der Gardine, als würde sie in ein Feuer schauen. Seit einem halben Jahr lacht sie nicht mehr. Gibt kaum einen Laut. Arme und Beine sind erstarrt, ebenso das Gesicht; als hätte man sie mitten im Gespräch plötzlich unterbrochen. Vor fünf Jahren gab Raimund Cichos den Salon auf, er pflegt nun seine Frau. „Wir haben früher immer alles gemeinsam gemacht. Nun muss ich allein entscheiden.“

Alle zehn Minuten ändert er ihre Position im Rollstuhl. Erzählt ihr stundenlang. Setzt ihr den Liter Nahrungsflüssigkeit an die Kanüle. Dreht sie dreimal in der Nacht. Raimund Cichos’ Helligkeit strahlt weit. Er hat viele Freunde. Nachbarn und auch die Tochter bringen Essen. Die Jungs von der Wandergruppe schauen oft rein. Nur manchmal kann er nicht mehr.

Wenn er fürchtet, sie nicht mehr hochziehen zu können. Wenn ihm das alles zuviel wird und die Gedanken über das Ende sich einschleichen, dann weint er. Sechs Jahre schon leben sie mit Alzheimer. Im Schnitt sterben die Erkrankten nach sieben bis zehn Jahren. Er nimmt aus der Weste seines weißen Leinenjacketts eine längliche Plastikdose, darin weiße Pillen.

Amitriptylin gegen die Depressionen, Tramadol und Naproxen gegen die Rheumaschmerzen – und eine Magentablette, damit er das Zeug auch verträgt. Über Alzheimer hat er mit Margried kein Wort gewechselt. „Das ist wie Aids, darüber spricht man nicht. Sie war doch immer so stark.“

Als sie im April 1970 den Salon Jansen in Kreuzberg betrat, die neue Halbtagskraft, da verliebte sich der 19-Jährige sofort; in diese allein erziehende Mutter einer Tochter, in dieses elfenbeinfarbene Gesicht. Eine Scheidung musste noch durchgestanden werden, aber als Margried acht Monate später ihren Geburtstag im Salon feierte und beide danach gemeinsam durch Kreuzberg spazierten, da warf sie an der Kottbusser Brücke den Teller mit Kuchen weg und umarmte und küsste ihn zum ersten Mal.

Draußen stauen sich dunkle Wolken. „Little Rock“ spielt den Rausschmeißer. Die Tanzgäste bilden einen großen Kreis, innen drin Raimund und Margried Cichos. Sachte drückt er ihren Rollstuhl nach hinten, dreht eine Pirouette. Ihre Augen glänzen. Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, bleib nicht so lange fort, singen die Besucher den Gassenhauer aus den Dreißigern, Denn ohne dich wär’s halb so schön, darauf hast du mein Wort.

Als sich die Eingangspforte öffnet, tanzen den Gästen Schneeflocken entgegen. In der linken Hand den Regenschirm, schiebt Raimund Cichos mit der rechten Margried im Rollstuhl. Da heult ein Wind an der Magnolie auf, saugt den Schnee zu einer Rose heran. Plötzlich hebt Margried Cichos ihre Hand, führt sie an den Kopf. Die Mundwinkel haben sich zu einem breiten Lächeln auseinander geschoben. Kein Wetter zum Sterben. So viel Leben. Raimund Cichos stockt, geht in die Knie. Und nimmt sein Glück fest in den Arm.

BERLINER MORGENPOST

Nr. 51 vom 21. Februar 2010

Bewertung der Jury

Jan Rübel erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2011 in der Kategorie »Lokales« für den Beitrag »Die Tänzer von Zehlendorf«, erschienen in der Berliner Morgenpost (Berliner Illustrirte Zeitung) am 21. Februar 2010.

»Die Tänzer von Zehlendorf« ist eine besonders lesenswerte Geschichte überTanzveranstaltungen einer Alzheimer-Angehörigen-Initiative in Berlin. Jan Rübelist ein guter Beobachter, der unzählige Details zu einem klaren Gesamteindruckverdichtet. Er liefert überraschende Einblicke in das Leben und die Lebensumständeder Akteure, die er beschreibt. Dabei verwendet er eine schöne und klareSprache. Beispielhaft ordnet er wichtige Informationen zur Krankheit undihren Auswirkungen ein. Dennoch ist es eine ermutigende Geschichte, die zeigt,dass trotz starker Einschränkungen noch vieles möglich ist. Für die Jury ist dieseArbeit vorbildlich und preiswürdig.

Kurzbiographie

Jan Rübel

Geboren 1970 in Aurich/Ostfriesland.

Studierte Islamwissenschaft und Nahostgeschichte in Hamburg, Beirut und Tel Aviv; war ein Jahr als Länderreferent beim Nah- und Mittelost-Verein in Hamburg tätig; volontierte dann bei der Journalistenschule Axel Springer und arbeitete zwei Jahre als Politikredakteur für die Tageszeitung Die Welt (Berlin). Anfang 2005 Übertritt zur Welt am Sonntag, zweieinhalb Jahre Parlamentskorrespondent zu CDU, CSU und FDP. Im Mai 2007 Mitglied einer Entwicklungsredaktion der Axel Springer AG.

Anfang 2008 Wechsel zur Agentur Zeitenspiegel Reportagen. Seit April 2011 dort Partner.