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Prämierter Text

Vater Morgana

Von Jana Hensel

Der moderne Papa nimmt Elternzeit, wickelt, kocht Brei und redet gern darüber wie Cem Özdemir. Aber nach ein paar Wochen ist er wieder verschwunden.

Prompt haben wir Streit, mein Freund und ich. Der Vater meines Kindes möchte den folgenden Text nicht als Kommentar auf unsere private Situation verstanden wissen. Was sollen die anderen, die Freunde und Kollegen, dann wieder von ihm denken?, zerbricht er sich den Kopf. Schließlich halten sie ihn doch alle für einen engagierten neuen Vater! Warum muss ich dieses Bild jetzt beschädigen? Und so muss ich versuchen, ihn zu besänftigen. Ich sage zu ihm: Elternleben gleichen sich, in Deutschland zumal. Wenn ich von uns erzähle, erzähle ich auch von vielen anderen, die ähnlich leben wie wir. Einverstanden? Einverstanden.

Über die Von-der-Leyen-Väter ist in den drei Jahren nach der Einführung des Elterngeldes am 1. Januar 2007 viel Gutes geschrieben worden. Väter, die nach der Geburt eine Auszeit nahmen und zu Hause blieben, waren die Stars der letzten Saison. Was aber ist aus ihnen geworden?

Die Fakten sind ernüchternd. Sie lassen die Elternzeit-Utopie wie einen Luftballon platzen, um es in der Sprache der Kinder zu sagen. In der Sprache der Väter muss es heißen: Die Elternzeit-Utopie ist abgestürzt wie eine Aktie, die an der Börse zu hoch gehandelt wurde. Die ehemalige Familienministerin und jetzige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat sich verspekuliert.

Denn nach der Elternzeit kehren die neuen Väter an ihre Arbeitsplätze zurück, als sei nichts gewesen. Für sie gilt: Nach der Elternzeit ist vor der Elternzeit. Eine bereits im August im Auftrag des Familienministeriums erschienene Evaluationsstudie über die Auswirkungen des Elterngeldes auf die Erwerbstätigkeit und die »Vereinbarkeitsplanung«, die bisher ohne Resonanz geblieben ist, belegt: Fast 90 Prozent aller Väter nehmen die alte Arbeit uneingeschränkt wieder auf. Damit wird die männliche Beschäftigungsquote vor der Geburt auch hinterher wieder erreicht.

Das Leben der Mütter unterdessen wurde binnen eines Jahres auf den Kopf gestellt. Während 55 Prozent von ihnen vor dem ersten Kind in Vollzeit beschäftigt waren, rutscht die Quote danach in den Keller. Nur 14 Prozent kehren in die Vollbeschäftigung zurück; nach zwei Kindern sind es nur noch 6 Prozent.

Die Situation bleibt so anachronistisch wie zuvor. Papa bringt das Geld nach Hause und macht Karriere. Mama verdient dazu und kümmert sich um den Nachwuchs. An diesem Zustand hat das neue Elterngeld nichts geändert. Wobei wahrscheinlich jeder dieser Väter seinen Schritt mit persönlichen Gründen belegen kann. Wobei wahrscheinlich jede Mutter glaubt, sich ganz individuell für das Kind und gegen die Karriere entschieden zu haben. Alle werden bestreiten, nach traditionellen Mustern gehandelt zu haben, obwohl die Zahlen nichts anderes als deren Fortwirken belegen.

Natürlich hat das Elterngeld etwas verändert: die Stimmung, könnte man sagen, das gesellschaftliche Klima. Die prinzipielle Bereitschaft einiger Männer, sich auf ihre Kinder einzulassen, hat zugenommen. Ebenso wie die Bereitschaft der Arbeitgeber und der Politiker, sie dabei zu unterstützen und ihr familiäres Engagement nicht länger als Flucht vor der Arbeitsverantwortung zu diskreditieren.

Die ungeschriebenen Gesetze der Political Correctness wurden während der ersten Amtszeit einer Bundeskanzlerin endlich auch auf die Themenbereiche Gleichberechtigung der Geschlechter und Vereinbarkeit von Beruf und Familie angewendet. Die »Gedöns«-Sätze ihres Vorgängers wären heute nicht mehr denkbar. Im Gegenteil: Alle jubeln, wenn Cem Özdemir als Parteivorsitzender der Grünen sich nach der Geburt des zweiten Kindes eine Auszeit nimmt. »Ich werde einfach sechs Wochen lang mein Programm runterfahren und mich vornehmlich um die Erziehung meines Sohnes kümmern«, hat er sein Vorhaben angekündigt und versichert: »Ich will das ernsthaft machen.« Sechs Wochen lang! Weihnachten und Silvester inbegriffen.

Unser Traum vom neuen Vater, er sah anders aus.

Natürlich, die Von-der-Leyen-Väter haben in den letzten drei Jahren einen großen historischen Schritt gemacht: Sie sind von abwesenden Vätern zu symbolischen Vätern geworden. Die symbolischen Väter wissen, wie man ein Baby wickelt, wie man Breichen kocht und Schnuller auswäscht. Sie schreiben Bücher über ihre Einsätze an der Wickelfront. Dort haben sie erfahren, dass der Alltag einer Mutter ebenso stressig sein kann wie der im Büro. Denn auch das belegt die Studie: 75 Prozent der Mütter sagen, dank des Elterngeldes hätten ihre Männer mehr Zeit mit dem Kind verbracht als ohne Elterngeld.

Diese Männer werden auch nach der Elternzeit ihre Frauen, so gut es eben geht, bei der Erziehung unterstützen. Ein Kind aber kann mit 14 Monaten leider noch nicht ganz für sich sorgen. Es kann sich noch nicht allein anziehen, noch nicht mit Messer und Gabel essen, geschweige denn sich die Schuhe zubinden. Das bringt ihm nach wie vor nicht die Kindergärtnerin, sondern lieber die Mutter selber bei.

Die symbolischen Väter kommen im Gegenzug gern eine halbe Stunde eher von der Arbeit nach Hause, sie verzichten freiwillig auf den einen oder anderen Abendtermin. Sie gehen mit ihren Kindern auch in der Woche mal auf den Spielplatz, überhaupt lieben sie es, sich in der Öffentlichkeit als Vater zu inszenieren. Sie haben auch kein Problem damit, ohne ihre Frau zum Elternabend zu gehen. Im Gegenteil, sie bestärken ihre Partnerinnen darin, doch einmal übers Wochenende mit der besten Freundin zu verreisen. Sie meistern das mit den Kindern an diesen Tagen allein.

Die symbolischen Väter sind tolerant und einfühlsam, sie denken mit und packen an, sie können kochen und wissen, wo das Waschmittel steht. Und das unterscheidet die meisten von ihnen von den meisten ihrer Väter. Alles gut, alles schön.

Aber reicht das? Oder anders gefragt: Wann werden die symbolischen Väter zu realen Vätern? Wann wird für sie der Entschluss, eine Familie zu gründen, auch einen realen Verzicht, Einschnitte und Kompromisse nach sich ziehen?

Vor gut einem Jahr ist der Vater meines Kindes in vollem Umfang an seinen Schreibtisch zurückgekehrt. Seine Elternzeit dauerte sogar acht Monate, meine nur sechs. Damit gehört er einer Minderheit an. Rund 60 Prozent der Von-der-Leyen-Väter bleiben nur zwei Monate zu Hause, viele von ihnen parallel zu ihren Partnerinnen. Zwei Monate – das ist die Mindestzeit, die der Vater nehmen muss, damit das Paar in den Genuss von vollen 14 Monaten Elterngeld kommt; geht nur ein Elternteil in Auszeit, werden nur 12 Monate gefördert.

Mein persönlicher Jahresrückblick sieht so aus: Ich habe wie ein Roboter gelebt. Jeden Tag habe ich zur selben Zeit dasselbe wie am Tag zuvor getan. Meine Tage kannten keine Abweichungen, denn ich gehöre ebenfalls einer Minderheit an. Ich bin auch in die Vollzeitbeschäftigung zurückgekehrt. Ich habe diesen Zustand frei gewählt.

Morgens um neun bringe ich das Kind in die Kita, dann arbeite ich bis 16 Uhr, hole das Kind, das um diese Uhrzeit bereits eines der beiden Letzten im Kindergarten ist, wieder ab, verbringe mit ihm die Zeit, bis es um 20 Uhr zu Bett geht. Danach setze ich mich noch einmal an den Schreibtisch. Mit diesem Rhythmus bringe ich es auf die Wochenarbeitsstunden eines normalen Arbeitnehmers. Ich arbeite keine Stunde mehr und keine weniger, als die meisten Männer und auch mein Freund es tun.

Und ein Blick in meinen Kalender bescheinigt mir folgende private Statistik: In den vergangenen vier Monaten habe ich wochentags an drei Abenden Freunde gesehen. Ich war kein einziges Mal im Kino, im Theater, im Fitnessstudio oder in der Sauna. An den restlichen knapp 85 Abenden habe ich am Schreibtisch gesessen und gearbeitet. Genau so, wie ich es auch im Moment wieder tue.

Es gibt nur einen Grund, warum ich so leben kann: weil ich meine Arbeit und mein Kind gleichermaßen liebe. Weil die Arbeit mir trotz der Begrenztheit meiner Umstände ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit gibt, das Gefühl dazuzugehören.

Viele werden sich jetzt denken, dass die Beziehung, die mein Freund und ich führen, außergewöhnlich schwierig ist, dass sie großen Belastungen standhalten muss. Ich aber kann versichern, dass ich viele Paare kenne, die so leben. Denen die moderne Arbeitswelt ein hohes Maß an Organisationstalent, Zeitmanagement und logistischem Aufwand abverlangt. Das Technische an diesen Beziehungen ist oft zur dominierenden Kategorie geworden. Früher war es das Emotionale.

Kann das gut gehen?

Während im ersten Jahr nach der Einführung der Elternzeit 10,5 Prozent der Väter zu Hause blieben, waren es im Frühjahr 2009 schon 18,4 Prozent. Tendenz steigend. Mit den Zahlen aber werden sich auch die Erwartungen an die Väter erhöhen. Die Auseinandersetzungen, die Frustrationen werden zunehmen, das zeigt sich schon heute.

Es muss also etwas passieren, damit auch die Frauen endlich von dieser neuen Entwicklung profitieren. Damit auch die Männer begreifen, und fast schäme ich mich, es so explizit sagen zu müssen, wie viel Spaß Kindererziehung machen kann.

Folgt man den Ratschlägen der Studie, dann sollen die Arbeitgeber ihr Angebot an flexiblen Teilzeitlösungen, an Zeitkonten und an sogenannter Telearbeit, also der Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, entscheidend ausbauen. Das antwortet auch ein Großteil der Mütter auf die Frage, wie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Zukunft erreicht werden kann.

Es ist stark anzunehmen, dass die meisten der Frauen bei dieser Frage an Telearbeit für sich selber dachten und nicht für ihre Männer. Viele von ihnen werden hoffen, so die Karriereambitionen des Partners noch besser kompensieren zu können.

Während der Von-der-Leyen-Wickel-Papa in den letzten drei Jahren ein Liebling der Medien war, kam der Teilzeit-Vater, der auf einen Teil seines Gehalts und auf einen Teil seines beruflichen Einflusses zugunsten des familiären verzichtet, in den öffentlichen Debatten nicht vor. Der Teilzeit-Vater existiert nicht. Er lässt sich mit der Selbstbeschreibung eines symbolischen Vaters nicht vereinbaren.

Wie aber wäre es, wenn auch er, sagen wir, an zwei Tagen der Woche die Kinder von der Kita abholte, wenn er mit den Älteren Schularbeiten machte? Wenn er nicht nur ein Einzelfall wäre, der die Regel bestätigt? Der reale Vater würde beginnen, die Familienarbeit nicht länger auf die Schultern der Frau abzuladen, er würde eine wirkliche und auch messbare Verantwortung übernehmen. Und er müsste seine Partnerin nicht länger mit symbolischen Gesten bei Laune halten.

Stattdessen aber sehe ich im Moment um mich herum viele Beziehungen zerbrechen. Paare, bei denen die Kluft zwischen erträumter und tatsächlicher Realität zu offensichtlich wurde. Bei denen sich der Widerspruch zwischen symbolischen und wirklichen Kompromissen unübersehbar zeigte. Paare, die der Spagat, den viele zu leben versuchen, überforderte. Nach der Trennung tritt häufig ein, was vorher unmöglich schien: Erst jetzt taucht der Papa zweimal in der Woche in der Kita auf, um das Kind abzuholen. Um dann mit ihm allein in seine Wohnung zu gehen.

DIE ZEIT

Nr. 1 vom 30. Dezember 2009

Bewertung der Jury

Jana Hensel erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2010 in der Kategorie »Kommentar/Glosse/Essay« für den Beitrag»Vater Morgana«, erschienen in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit am 30. Dezember 2009.

Wo steht eigentlich geschrieben, dass ein Essay nichts enthüllen darf? Jana Hensel hat sehr glaubhaft aus persönlicher Erfahrung gesellschaftspolitisch Relevantes enttarnt. Symbolische Familienpolitik, Ursula von der Leyens Elterngeld, hat zu einem neuen Phänomen geführt – dem symbolischen Vater. Dessen aus emanzipatorischen Gründen erwünschter Gegenentwurf ist der reale Vater. Aber von dem einen bis zum anderen ist es, so der ernüchternde Befund, noch ein weiter Weg. Sprachlich eindringlich, einfühlsam, mutig – Jana Hensel hat sich mit ihrem Stück »Vater Morgana« den Theodor-Wolff-Preis couragiert erschrieben.

Kurzbiographie

Jana Hensel

Geboren am 3. Juli 1976 in Borna in der DDR, aufgewachsen in Leipzig.

Während des Studiums der Romanistik und Neuen Deutschen Literatur in Leipzig, Marseille, Berlin und Paris war sie 1999 Herausgeberin der Leipziger Literaturzeitschrift EDIT und mit Thomas Hettche der Internetanthologie Null (2000).

Jana Hensel hat mehrere Bücher veröffentlicht: 2002 erschien der Erinnerungsband Zonenkinder (Rowohlt), in dem sie ihre Erfahrungen mit der kulturellen Anpassung der DDR-Jugend an die westdeutsche Gesellschaft nach der Wiedervereinigung beschreibt. 2008 veröffentlichte sie das mit Elisabeth Raether geschriebene Buch Neue deutsche Mädchen (Rowohlt). 2009 erschien der Essayband Achtung Zone – Warum wir Ostdeutschen anders bleiben sollten (Piper).

Jana Hensel lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin.