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Prämierter Text

Die Weihnachtsgeschichte von dem Kind, das in der Zehlendorfer Babyklappe lag

Von Regina Köhler

In der Nacht vor dem Heiligen Abend wird ein namenloser Junge im Krankenhaus Waldfriede abgegeben. Seine Mutter hat ihn wenige Stunden zuvor allein im Badezimmer ihrer Wohnung zur Welt gebracht. Sein Vater hat nicht einmal gewusst, dass seine Frau schwanger ist.

Die Nacht des 23. Dezember 2002 ist kalt und sternenklar. Peter friert in seiner viel zu dünnen Jacke. Er hat einfach die erstbeste gegriffen, die am Haken im Flur seiner Wohnung hing. Jetzt bibbert der 20-Jährige geradezu. Seine Zähne schlagen aufeinander, die Beine scheinen kurz davor, ihm den Dienst zu versagen. Doch es ist nicht die Kälte, die ihn derart mitnimmt. Es ist das winzige Bündel in seinen Armen, das möglichst schnell ins Warme muss. Das Bündel, ein großes Handtuch, in das ein nackter Säugling eingewickelt ist – sein Sohn.

Er darf jetzt nicht stolpern, nicht so sehr zittern, dass er womöglich die Beherrschung verliert. Er muss sich konzentrieren. Seine Frau ist einfach im Auto sitzen geblieben. Ohne ein Wort zu sagen. Stumm hat sie ihm angedeutet, dass er allein den Weg zur Babyklappe finden und das Neugeborene hineinlegen soll. Ganz weiß war seine Frau im Gesicht. Und so starr. So hilflos, wie er sie noch nie erlebt hatte.

Peter hat sich erst mal nach allen Seiten umgesehen und erleichtert festgestellt, dass die Argentinische Allee vor dem Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede offenbar menschenleer ist. Etwa 30 Meter sind es bis zum Eingang des Krankenhauses. Er sieht ein grünes Schild mit der Aufschrift »Babyklappe«. Ein Pfeil zeigt ihm an, wie er weiterlaufen soll. Ganz kurz kommt Panik in ihm hoch. Er hat Angst. Angst davor, dass er jemanden treffen könnte. Davor, dass das Kind zu weinen anfängt. Und auch, dass er plötzlich keine Kraft mehr hat. Sein Herz schlägt schnell – und so laut. Jeder, der jetzt an ihm vorbei ginge, würde es hören, denkt er. Sonst ist es absolut still in dieser Nacht vor Weihnachten. Nur das trockene Laub der Buchenhecke, die sich um einen Teil des Krankenhausgeländes zieht, raschelt leise. Und die Wipfel der Kiefern, von denen mehrere auf dem Gelände stehen, rauschen. Peter hat dafür kein Ohr.

Noch einmal diese langen 30 Meter, dann ist der schlanke junge Mann an einer kleinen Pforte angelangt. Sie ist offen. Noch ein grünes Schild. Zehn Treppenstufen führen auf einen Plattenweg hinab. Peter drückt seinen Sohn noch fester an sich. Dann geht es etwa 20 Meter an einer Hauswand entlang, bis plötzlich ein leuchtend grüner Kasten zu sehen ist. »Babyklappe« steht darauf, sonst nichts. Peter atmet schwer. Er nimmt das Bündel in den linken Arm. Mit der rechten Hand öffnet er die Klappe. Das geht ganz einfach und ist völlig lautlos. Im Inneren des Kastens, der mit Schaumstoff ausgekleidet ist, liegt ein Schaffell, darauf noch eine weitere Decke. Durch einen kleinen Lüftungskanal kommt warme Raumluft aus dem Zimmer. Bevor er seinen Sohn dort hineinlegt, hält Peter ihn noch einmal kurz in beiden Händen. Scheu schaut er dem Kind in das schlafende Gesicht: Ein winziges Gesicht, so klein die Nase, so weich der Mund, so zart der blonde Haarflaum, der auf dem Köpfchen schimmert. Er hat Simones Ohren, schießt es ihm durch den Kopf. Zwei, vielleicht drei Minuten verharrt er so mit dem Baby. Dann reißt er sich los von diesem Anblick und schiebt das Kind in den schützenden Kasten. Schnell schließt er ihn wieder. Es ist so kalt und der Kleine so zerbrechlich. Peter handelt wie in Trance. Er blickt auf seine Hand und sieht einen weißen Umschlag. Der muss in der Klappe gelegen haben. Er kann sich gar nicht daran erinnern, dass er ihn herausgenommen hat. Später wird er ihn Simone geben, wortlos.

Der Rückweg zum Auto dauert wenige Augenblicke. Dann sitzt Peter wieder neben seiner Frau. Er startet den Wagen und fährt los. Beide bleiben stumm. So wie schon auf der Hinfahrt zum Krankenhaus – dieser Fahrt mit dem Baby auf dem Rücksitz, dieser Fahrt, die wie ein Albtraum war.

Im Krankenhaus Waldfriede hat zu diesem Zeitpunkt längst die Alarmglocke geläutet. Keine zwei Minuten, nachdem der junge Mann sich von der Klappe entfernt hat, ist sie im Pförtnerhäuschen losgeschrillt. Auf dem Überwachungsmonitor kann Pförtner Uwe Schmidt sehen, dass ein Kind in der Klappe liegt. Sofort wählt er die Nummer der Wochenstation. Dort klingelt das besondere Telefon. Es ist natürlich rot. Schwester Bärbel nimmt die Meldung entgegen. Automatisch greift sie zur Schublade, in der der Schlüssel zum Anästhesieraum liegt, in dem sich die Babyklappe befindet. Zusammen mit Hebamme Galina, auch sie hat in dieser Nacht Dienst auf der Wochenstation, läuft Bärbel los. Den Gang entlang, dann die Treppe vom zweiten Stock hinunter ins Erdgeschoß, an der Anmeldung zur Ersten Hilfe vorbei bis zum Anästhesieraum.

Wenn es möglich ist, gehen sie immer zu zweit zur Babyklappe, seitdem vor einem halben Jahr ein totes Baby darin lag. Jedes Mal stockt ihnen nun der Atem, wenn sie den Alarm des Pförtners hören. Hoffentlich geht es dem Kind gut, denkt Schwester Bärbel. Dann öffnet sie die Klappentür. Erleichtert spürt sie die Wärme des Säuglings, als sie ihn vorsichtig herausnimmt. Galina steht dicht hinter ihr. Sie muss lächeln. Der Kleine zieht sein Näschen kraus und öffnet die Augen. So als wollte er sehen, mit wem er es nun zu tun hat. Schnell laufen die beiden zur Station zurück.

Die Babys, die sie hier in der Klappe finden, sind meist etwas ausgekühlt und brauchen dringend ganz viel Wärme. So ist es auch dieses Mal.

Im Auto von Peter und Simone ist es immer noch eisig kalt. Keiner von beiden denkt daran, die Heizung einzuschalten. Sie zittern. Stumm beißt Simone sich auf die Lippen. Sie würde am liebsten ganz laut schreien. Tränen hat sie nicht. Ihre Gedanken kreisen um den Vormittag. Sie denkt daran, wie sie im Badezimmer ihrer Wohnung den Jungen zur Welt gebracht hat. Ganz allein.

Zuerst hat sie gar nicht glauben wollen, dass es schon soweit ist. Die Geburt werde wahrscheinlich Mitte Januar sein, hatte ihr die Ärztin gesagt, die sie ein einziges Mal aufgesucht hatte. Vor fünf Wochen war das. Sie wollte Gewissheit haben, dass mit dem Kind alles stimmt. Und nun ist es gerade mal einen Tag vor Heiligabend und sie spürt dieses Ziehen im Bauch und im Rücken. Ausgerechnet jetzt, wo sie gerade dabei ist, sich auf den Weg zur Arbeit zu machen.

Simone versucht, die Schmerzen zu ignorieren. Sie sucht ihre Sachen zusammen. Die Tasche, die Frühstücksdose, eine Flasche Saft. Als sie sich gerade die dicke Jacke überziehen will, läuft ihr Wasser die Beine hinunter. Die Fruchtblase ist geplatzt. Simone erinnert sich an Erzählungen von Freundinnen, die bereits eine Geburt erlebt haben. Ihr wird plötzlich ganz heiß. Angst kriecht in ihr hoch. In ihrem Kopf hämmert ein Gedanke: Was soll ich jetzt tun? Sie hat niemanden in ihre Schwangerschaft eingeweiht, nicht einmal ihren Mann.

Die letzten Wochen hat sie nur noch ganz weite Sachen getragen. Und sie hat sich eine ganz besondere, nach vorn gebeugte Haltung angewöhnt. Die Schultern nach vorn gedrückt und den Bauch eingezogen. Und allen hat sie etwas vom vielen Essen erzählt und dass sie so zugenommen hat. Simone ist eine große Frau mit breiten Hüften. Da fällt der runder werdende Bauch nicht so sehr auf wie bei schlanken, zierlichen Frauen.

Tatsächlich hat keiner etwas gemerkt. Und am Ende hat Simone es eigentlich selbst geglaubt, dass der Bauch von der vielen Schokolade kam. Sie hat ihre Schwangerschaft verdrängt. Ein Kind, das durfte einfach nicht wahr sein.

Nicht jetzt. Sie und ihr Mann sind 20 Jahre alt. Gerade hat sie einen Ausbildungsplatz gefunden. Endlich, nach langem Suchen. Und Peter ist ständig als Lkw-Fahrer unterwegs. Er ist ihr keine Hilfe. Sie will dieses Kind nicht.

Ein rhythmisch wiederkehrendes, immer stärker werdendes Ziehen im Unterbauch zwingt Simone, sich auf das zu konzentrieren, was nun vor ihr liegt. Sie wird ein Kind gebären, wahrscheinlich schon in den nächsten Stunden. Noch immer läuft Fruchtwasser aus ihr heraus. Im Flur, wo sie steht, hat sich längst eine große Pfütze gebildet. Simone gerät in Panik. Sie geht ins Badezimmer. Dort setzt sie sich auf den gekachelten Fußboden und schiebt sich ein Handtuch unter den Po. Die Wehen werden stärker. Am liebsten würde sie schreien. Doch niemand darf sie hören. Simone beißt sich immer wieder auf den Handrücken und stöhnt leise vor sich hin. Schweißperlen rinnen ihr über das Gesicht, die Beine zittern. Das Herz klopft wild. Wenn es ganz schlimm wird, steckt sie sich einen Waschlappen in den Mund. Über Monate verdrängte Gedanken kommen plötzlich an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Sie hat Schmerzen. Und sie hat Angst. Was kann nicht alles passieren bei so einer Geburt. Wie gut wäre es, könnte jetzt jemand ihre Hand halten. Einfach nur da sein und Mut machen. Ihre Mutter vielleicht oder die Schwester oder eine ihrer Freundinnen.

Verzweifelt klammert Simone sich am Rand der Badewanne fest. Neben sich die Toilette, unter sich das Handtuch, das längst nass und blutverschmiert ist. Jede neue Wehe nimmt ihr fast die Luft. Ein bisher vollkommen unbekannter Schmerz lässt sie immer wieder fast ohnmächtig werden.

Nach drei Stunden setzen die Presswehen ein. Simone denkt jetzt an gar nichts mehr. Sie hechelt und keucht und ist ganz bei sich und dem Kind, das da auf die Welt will. Ein letzter riesiger Schmerz, dann liegt das feuchte, weiße Bündel vor ihr auf dem Badezimmerboden. Sie will erst nicht hinsehen. Doch sie kann nicht anders. Es ist ein Junge: ihr Sohn. Er hat schon die Fingerchen im Mund und lutscht daran. Weil alles so still ist, hört sie das zarte, saugende Geräusch.

Müssen Neugeborene nicht schreien? fragt sich Simone und beginnt zu zittern. Atmet das Kind überhaupt? Nach etwa drei Minuten zappelt der Säugling plötzlich und schreit. Nicht so laut, wie Simone sich das vorgestellt hat, aber doch mit fester Stimme.

Erschöpft lehnt die Zwanzigjährige sich zurück. Sie kann nicht mehr. Dabei muss sie doch irgendetwas tun, schließlich ist das Kind noch immer durch die Nabelschnur mit ihr verbunden. Während sie krampfhaft versucht, einen klaren Gedanken zu fassen, spürt sie noch eine Wehe. Die Nachgeburt trennt sie von ihrem Sohn. Ohne nachzudenken nimmt sie das große Badehandtuch, das neben ihr am Haken hängt und wickelt den Kleinen und die Nachgeburt darin ein. Dann legt sie das Bündel vorsichtig in die Badewanne, wäscht sich gründlich und verlässt den Raum. In der Küche werden ihr die Beine weich. Simone lässt sich auf einen Stuhl fallen und bleibt einfach sitzen. Sie ist so schwach und sie fühlt sich wie ausgehöhlt. Nichts ist mehr so, wie es vorher war.

Irgendwann bleibt ihr Blick an der Uhr hängen. Sie schreckt zusammen. Mehr als eine Stunde sitzt sie schon auf dem harten Küchenstuhl. In der Wohnung ist es mucksmäuschenstill. Das Baby, schießt es Simone durch den Kopf. Vielleicht ist es ja tot. Da ist wieder dieses Zittern. Langsam steht sie auf und geht zurück ins Badezimmer. Lautlos öffnet sie die Tür und schielt in die Badewanne. Dort schläft ganz still ihr neugeborener Sohn.

Drei Stunden vergehen. Simone hat das Gefühl, das mindestens ein ganzer Tag vorbei ist. Dann kommt endlich Peter nach Hause. Wie immer zieht er sich umständlich die Schuhe aus und hängt seine Jacke an den Haken im Flur. Dabei fällt ihm auf, dass die Wohnung dunkel ist. Seine Frau müsste doch längst zu Hause sein. Er ruft ihren Namen. Sie antwortet nicht. Er öffnet die Tür zur Küche und sieht sie dort sitzen. Bewegungslos, das Gesicht zu einer Maske erstarrt.

Sie schaut ihn nicht an. Ist etwas passiert?, fragt er erschrocken. Simone bleibt stumm. Peter geht zu ihr und nimmt ihre Hände. Sie ist ganz kalt. Er fragt noch einmal, was geschehen ist. Eindringlich jetzt und lauter als beim ersten Mal. Simone stammelt einen einzigen Satz. Er versteht sie nicht. Dann schüttelt er sie. Was ist los?, schreit er nun. In der Badewanne, sagt sie da plötzlich laut und deutlich, da liegt dein Kind. Der Satz trifft Peter wie ein Schlag. Er hat es geahnt, seit Wochen schon. Doch er hat nicht gefragt. Wenn Simone nichts sagt, hat er immer wieder gedacht, dann ist das auch nicht wahr. Er hat es verdrängt. Wie seine Frau. Denn es sollte ja nicht sein.

Siedend heiß kommt jetzt alles in ihm hoch. Fast rennt er die wenigen Meter bis zum Badezimmer. Vor der Tür aber bleibt er stehen, unfähig, sie aufzumachen. Fünf Minuten vergehen. Erst als Simone plötzlich heftig zu schluchzen anfängt, kann er sich wieder bewegen. Er reißt die Tür auf und sieht sofort das Bündel in der Badewanne. Vorsichtig kniet er sich daneben. Seine Hände zittern, als er den Zipfel des Handtuchs zur Seite schlägt. Ein Köpfchen wird sichtbar. Das Kind hat die Augen geschlossen. Sein Atem ist kaum wahrnehmbar. Jetzt ist Simone hinter ihm. Du musst es abnabeln, flüstert sie. Peter begreift zuerst gar nicht, was er da hört. Dann fällt ihm ein, dass er irgendwann in einem Film gesehen hat, wie man das macht. Plötzlich wird er ganz ruhig. Simone soll einen Bindfaden holen und eine Schere, sagt er bestimmt und wickelt das Kind aus dem Handtuch. Er nimmt das Garn und schnürt es um die Nabelschnur dicht am Bauch des Kleinen. Den Rest schneidet er ab.

Dann spült er die Nachgeburt in die Toilette. Simone ist da schon längst nicht mehr im Badezimmer.

Als alles vorbei ist, packt Peter den Kleinen wieder fest in das Handtuch ein und holt noch eine Decke aus dem Schlafzimmer nebenan. Die legt er unter seinen Sohn. Dann setzt er sich erschöpft auf den Fußboden neben die Wanne und blickt starr geradeaus Richtung Küche. Von Simone ist nichts zu hören, auch das Kind ist merkwürdig still. Eine weitere Stunde vergeht. Irgendwann muss er kurz eingenickt sein. Als er Simone rufen hört, zuckt er zusammen. Wie ein scharfes Messer durchfährt ihn der Gedanke an das Baby. Mühsam steht er auf und geht in die Küche. Simone sitzt am Tisch, ohne Tränen jetzt und sagt mit tonloser Stimme: Das Kind muss weg. Wir bringen es in die Babyklappe. Peter ringt nach Luft, dann nickt er ergeben. Er hatte keine Zeit, sich auf das hier vorzubereiten. Er weiß nicht, was er Simone erwidern soll. Er hat Angst um seine Frau, die aussieht, als würde sie gleich zusammenbrechen. Wie in Zeitlupe sieht er, dass Simone aufsteht, in den Flur geht und sich die Jacke anzieht. Auch er nimmt nun eine Jacke und das Bündel aus der Badewanne in den Arm.

Inzwischen ist es Nacht geworden. So leise es geht, verlassen die beiden das Mietshaus am Stadtrand, schleichen die Treppe hinunter, ohne Licht zu machen. Zwei ungleiche Gestalten. Vollschlank mit blondem langen Haar die Frau, zart und zerbrechlich wirkend der Mann. Zum Glück ist das Auto unmittelbar vor der Tür geparkt. Es ist kalt. Ein leichter Frost hat sich auf Bäume und Sträucher gelegt. Mit dem Kind im Arm öffnet Peter das Auto, dann legt er das Bündel auf den Rücksitz ab und steigt ein. Simone sitzt bereits neben ihm.

Wohin müssen wir, fragt er. Sie starrt geradeaus. Wie hieß noch gleich das Krankenhaus, von dem sie gehört hatte, es habe eine Babyklappe? Es fällt ihr nicht ein. Ich weiß nicht, flüstert sie und zwingt sich, ruhig zu bleiben. Fahr einfach los, sagt sie dann. Schon als Peter den Motor startet, fällt ihr der Name wieder ein. Wir müssen nach Zehlendorf, sagt sie. Peter nickt. Nach einer Dreiviertelstunde sind sie dort, den Weg zum Krankenhaus aber finden sie nicht. Die Straßen sind menschenleer, und selbst wenn jemand vorbeikäme, sie würden nicht fragen. Viel zu groß ist die Angst, entdeckt zu werden. Peter parkt das Auto am Straßenrand und versucht, sich zu orientieren.

Als kurz darauf ein Polizeiauto neben ihnen hält, sind beide vor Schreck wie gelähmt. Ob er ihnen helfen könne, fragt ein freundlicher Polizist. Beide schütteln den Kopf, doch plötzlich ist Peter alles egal. Im Auto ist es viel zu kalt für das Kind, sie müssen endlich zum Krankenhaus. Wir suchen die Babyklappe, sagt er zu dem älteren Mann in Uniform. Nur diesen einen Satz, seine Stimme ist heiser. Zwei Schrecksekunden vergehen. Der Polizist scheint kurz nachzudenken, dann erklärt er den beiden ganz ruhig den Weg zum Krankenhaus Waldfriede. Die haben dort eine Babyklappe, sagt er noch. Das klingt eindringlich. Er wünscht eine gute Fahrt, wendet sein Auto und ist schon auf der Gegenfahrbahn, als Peter erleichtert den Motor startet und weiterfährt. Zehn Minuten später parken sie in der Nähe des Krankenhauses.

Pastorin Gabriele Stangl sitzt in dieser Nacht zum 24. Dezember noch immer in ihrem Arbeitszimmer. Sie hat die Babyklappe des Krankenhauses Waldfriede vor einem Jahr eingerichtet und damit Berlinweit die erste Möglichkeit geschaffen, sein Kind anonym abzugeben. Es ist 22.30 Uhr als Schwester Bärbel sie anruft. Komm schnell, sagt sie, wir haben ein Kind in der Klappe. Gabriele Stangl läuft sofort los. Fünf Minuten, nachdem Bärbel und Galina den Kleinen aus der Klappe geholt, nach oben getragen und auf den Wickeltisch unter die Wärmelampe gelegt haben, ist sie da. Sie sieht ein strammes blondes Kerlchen, das seelisch stabil und äußerlich völlig gesund scheint. Es ist ganz still. Ab und zu blinzelt es vorsichtig. Bist du süß, dich holt man sicher wieder zurück, sagt sie da. Die Worte kommen einfach so aus ihr heraus. Sie wird auch später nicht sagen können, wieso. Nun steht sie dabei, als der diensthabende Kinderarzt Siegbert Heck den Kleinen untersucht wie jedes Neugeborene auf der Station – ihn abhört, seine Temperatur misst, ihn wiegt. Das Kind ist kerngesund, wiegt fast vier Kilogramm und muss jetzt nur noch einen Namen bekommen. Dafür ist Babyklappenmutter Stangl zuständig. Sie schaut sich den Kleinen noch einmal an, »Thomas«, sagt sie dann und alle sind sofort einverstanden. Hörte nicht einer der zwölf Jünger des Jesus von Nazareth auf diesen Namen? Und erinnert das alles nicht auch ein wenig an die Weihnachtsgeschichte, an das Kind in der Krippe.

Im Auto von Simone und Peter ist es noch immer totenstill. Simone würde am liebsten weinen, aber sie reißt sich zusammen. Schließlich hat sie ihrem Mann heute bereits Unerträgliches zugemutet. Zu Hause angekommen, ziehen sie sich mechanisch aus und verkriechen sich in ihrem Bett. Nur jetzt nicht die Bilder hochkommen lassen. Bloß nicht daran denken, was geschehen ist. Peter legt seine Hand auf Simones Arm. Mehr Nähe ist in diesem Moment nicht möglich. Miteinander reden können sie immer noch nicht. Erschöpft und ausgelaugt schlafen sie irgendwann ein.

Der nächste Morgen ist die Hölle. Simone wandert wie betäubt durch die Wohnung. Unfähig, auch nur den kleinsten Handgriff auszuführen. Immer wieder bricht sie schluchzend zusammen. Peter streichelt sie dann und redet beruhigend auf sie ein, bis er schließlich selbst zu weinen anfängt. Am Abend ist der Bann gebrochen. Simone beginnt zu reden: Wir können doch jetzt kein Kind bekommen, sagt sie verzweifelt. Du bist ständig unterwegs, ich will meine Ausbildung machen. Außerdem haben wir viel zu wenig Geld. Peter hört zu. Irgendwann fragt er leise, warum Simone die ganze Zeit nicht mit ihm geredet hat. Warum hast du nicht wenigstens mir etwas gesagt? Er ist fassungslos.

Simone weiß keine Antwort. Ich hatte solche Angst, dass du mich nicht verstehst, sagt sie schließlich. Doch der kleine Junge geht ihr nicht mehr aus dem Kopf. Sie sieht ihn immer wieder vor sich. Seine blonden Härchen, die blauen Augen, das schöne Gesicht. Wie wird es ihm gehen? Wo wird er sein? Wer wird ihn beschützen?

Drei Tage geht das so, aufstehen, weinen, reden, wenig essen, nicht ans Telefon gehen, auf das Klingeln an der Tür nicht reagieren. Weil Weihnachten ist, müssen Simone und Peter nirgendwo hin. Am Abend des dritten Tages weiß Simone, dass sie das alles nicht mehr länger aushalten kann. Sie will ihren Sohn sehen, will wissen, dass es ihm gut geht. Eigentlich möchte sie ihn nach Hause holen. Das zu denken, traut sie sich aber nicht. Ob wir mal im Krankenhaus anrufen? Simone flüstert, doch Peter hört sie trotzdem. Ich habe auch schon daran gedacht, sagt er und fühlt plötzlich eine große Erleichterung. Simone kramt den Umschlag aus ihrer Jackentasche hervor. Den Umschlag, den Peter an jenem Abend aus der Babyklappe mitgebracht hat. Mit zitternden Fingern öffnet sie ihn. Ein Brief ist darin, vom Krankenhaus. Sie könnten sich melden, wenn ihnen danach ist. Simone diktiert Peter die Telefonnummer, die auf dem Briefkopf steht. Es tutet. Peter legt wieder auf. Er sieht Simone an und beginnt zu weinen. Was soll ich denn sagen? fragt er. Sie werden böse mit uns sein. Simone ist das jetzt alles ganz egal. Sie wählt selbst die Nummer. Der Pförtner meldet sich. Dürfen wir unser Kind sehen, fragt Simone und hat einen Kloß im Hals. Babyklappe sagt sie noch, da hat der Pförtner sie schon weiter verbunden.

Am Telefon meldet sich ein Doktor Siegbert Heck. Simone kann plötzlich nichts mehr sagen, sie weint nur noch. Peter nimmt ihr den Hörer wieder aus der Hand. Mit belegter Stimmte erzählt er dem Arzt, dass sie vor drei Tagen ihren Sohn in die Babyklappe des Krankenhauses gelegt haben und ihn nun sehen wollen. Jetzt wird es Vorwürfe hageln, denkt er. Doch der Arzt bleibt ruhig. Natürlich könnten sie kommen, gleich morgen früh. Und dann noch: Wir freuen uns auf Sie. Peter legt auf und schaut Simone an, die abwartend neben ihm steht. Morgen früh, sagt er nur, dann liegen sich beide in den Armen.

Im Arbeitszimmer von Pastorin Gabriele Stangl sitzen an diesem Morgen des 27. Dezember 2002 mehrere Mitarbeiter des Krankenhauses zusammen. Es ist neun Uhr. Draußen fallen große nasse Flocken vom grauen Himmel, die am Boden angekommen, sofort verschwunden sind. Nur auf den Buchsbaumhecken im Garten des Krankenhauses, auf die man vom Zimmer aus sehen kann, bleiben weiße Spuren zurück. Alle reden wild durcheinander. Das hat es noch nicht gegeben, dass Eltern, die ihr Kind in die Babyklappe legten, sich melden und das Kleine sehen wollen. Wie erwartet man so ein Paar? Wie werden die beiden sich verhalten? Und was werden sie sagen, wie mit dem Kind umgehen? Der Säugling liegt, schön angezogen und in eine weiche Decke eingehüllt, in Gabriele Stangls Armen. Er schläft. Gegen 9.30 Uhr klopft es zaghaft an die Tür. Draußen stehen Simone und Peter. Beide sind unheimlich blass und sehr verängstigt. Pastorin Stangl weiß sofort – Mutter und Kind, das ist ein Gesicht. Als die junge Frau den Kleinen sieht, schießt ihr die Milch in die Brust. Zaghaft fragt sie, ob sie ihn auf den Arm nehmen darf. Gabriele Stangl reicht ihr das Kind, zitternd nimmt sie es entgegen und drückt ihren Sohn zum ersten Mal an sich, ganz fest. Von diesem Augenblick an weiß sie, dass sie ihn nie wieder hergeben wird.

Drei Tage soll es noch dauern, bis alle Formalitäten erledigt sind. Einen Tag vor Silvester holt Simone ihren Sohn aus dem Krankenhaus ab. Peter kann dieses Mal nicht dabei sein, weil er arbeiten muss. Zu Hause haben sie inzwischen alles erzählt, ihrer Mutter und der Schwester, seinen Eltern, ihrem Chef und den Nachbarn. Wie schon im Krankenhaus, haben sie überall nur Verständnis und Herzlichkeit erfahren. Immer wieder haben ihnen Gabriele Stangl und die Krankenschwestern versichert, dass sie in einer für sie ausweglosen Situation im Sinne des Kindes gehandelt und es dort abgeben haben, wo sie sicher sein konnten, dass man sich um es kümmert.

Sechs Jahre ist das jetzt her. Thomas ist ganz verschwitzt und außer Atem, als er mit einer Hand die Küchentür aufstößt, seinen geliebten Fußball unter dem Arm. Die kurzen blonden Haare sind feucht, auf der Stirn glänzen winzige Schweißperlen. »Mama, ich hab Hunger!«, ruft er und schaut seine Mutter erwartungsvoll an. Die drückt ihn kurz an sich, küsst seine nasse Stirn und zeigt auf den gedeckten Abendbrottisch. »Wasch dir schnell die Hände«, sagt sie und greift sich den Ball. Thomas flitzt ins Badezimmer. Fünf Minuten später ist auch der Papa da und die kleine Familie sitzt um den Abendbrottisch. »Ich hab drei Bälle von Papa gehalten«, erzählt Thomas stolz seiner Mutter. Die nickt und schaut ihren Mann an. Beide sind voller Stolz auf den Sohn. Eine Szene wie sie an vielen Tischen in vielen Familien passiert, einfach so. Alltag eben, Alltag mit Kind.

In diesen Tagen, so kurz vor Weihnachten, wenn der Geburtstag ihres Sohnes naht, sind die jungen Eltern voller Dankbarkeit. Sie denken oft daran, wie es damals war, als Thomas auf die Welt kam und sie völlig überfordert waren. Doch da gab es die Babyklappe. Und die Menschen im Krankenhaus Waldfriede, die ihnen niemals Vorwürfe gemacht, sondern immer nur geholfen haben.

Thomas weiß inzwischen, dass er die ersten Tage seines Lebens bei Gabriele Stangl, Doktor Heck und den Krankenschwestern im Waldfriede war. Und er kennt sie alle. Immer mal wieder besucht er sie zusammen mit der Mama im Krankenhaus. Auch die Babyklappe hat er bereits gesehen, als er vier Jahre alt war. Wie ein Backofen sieht das aus, hat er damals gesagt. Noch heute erzählt er gern, dass Gabi Stangl am Anfang auf ihn aufgepasst hat, weil es Mama nicht gut ging.

Thomas ist ein munteres, aufgewecktes Kind, das gern zur Schule geht und neugierig ist. Er spielt am liebsten Fußball und freut sich schon sehr auf die Rennbahn, die er sich in diesem Jahr zu Weihnachten wünscht. Damit will er dann gemeinsam mit dem Papa spielen.

Mama hingegen muss ihn abends immer ins Bett bringen. Dann liegen die beiden noch ein halbes Stündchen zusammen, kuscheln und sprechen über den Tag. Thomas erzählt, was er alles erlebt hat. Manchmal liest Mama vor. Oder sie singen etwas. Wenn Thomas dann eingeschlafen ist, sitzen Simone und Peter oft noch ein bisschen beisammen. Sie sprechen über dies und das, lachen über den Unfug, den ihr kleiner Wirbelwind mal wieder angestellt hat – und manchmal reden sie auch darüber, dass sie all das Glück mit ihrem Thomas fast nicht erlebt hätten.

BERLINER MORGENPOST

Nr. 353 vom 24. Dezember 2008

Bewertung der Jury

Regina Köhler erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2009 in der Kategorie »Lokales« für den Beitrag »Die Weih nachtsgeschichte von einem Kind, das in der Zehlendorfer Babyklappe lag«, erschienen in der Berliner Morgenpost am 24. Dezember 2008.

Allein bringt eine junge Frau in ihrer Wohnung ein Kind zur Welt. Gemeinsam mit ihrem Mann entscheidet sie, das Neugeborene noch in derselben Nacht in die Babyklappe zu legen. Dort wird der gesunde Junge versorgt, bis sich die verzweifelten Eltern nach drei Tagen im Krankenhaus melden und ihren Sohn heim holen. Packend schildert Regina Köhler die Zerrissenheit von Mutter und Vater und ihr Gefühl der Ausweglosigkeit. Zugleich erzählt sie mit großer emotionaler Dichte, wie dem Baby und den Eltern Hilfe zuteil wird. Zur guten journalistischen Recherche kommt eine brillante Erzählform, die von einem starken Spannungsbogen lebt.

Kurzbiographie

Regina Köhler

Geboren am 17. Juni 1956 in Wiesenhagen (Mark Brandenburg).

Nach dem Abitur von 1975-1979 Lehramts-Studium in den Fächern Germanistik/ Anglistik an der Berliner Humboldt-Universität. Abschluss des Studiums mit einer Diplomarbeit über frühe Erzählungen Heinrich Manns.

Von 1981 bis 1992 als freiberufliche Journalistin tätig vor allem für die Tageszeitung Neue Zeit im Bereich Kultur/Soziales sowie für verschiedene Magazine. Von 1992 bis 1997 Pressesprecherin des Berliner Kinder- und Jugendtheaters »carrousel«, nebenbei journalistische Tätigkeit u.a. für die Berliner Morgenpost.

Seit 1998 zunächst freiberuflich für die Berliner Morgenpost tätig, seit 2000 festangestellt in der Lokalredaktion, seit 2007 dort zuständig für das Thema Bildung.

Verheiratet mit einem Musiker, zwei Söhne (19/27 Jahre alt).