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Ohne Arg dem Menschen zugewandt

Ohne Arg dem Menschen zugewandt

Von Wilm Herlyn über Nina Grunenberg

Auszeichnung für das Lebenswerk: Das ist die öffentliche Würdigung für überragende Erfolge, für Leistungen weit über die Norm hinaus, für das Setzen von neuen Maßstäben.

Ein Mensch, der sich für andere Menschen vorurteilsfrei interessiert. Ein Mensch, der völlig uneitel ist. Ein Mensch, der fair ist im Umgang mit seinen Mitmenschen. Kein Journalist also. Oder doch? Doch! Nina Grunenberg.

Welch ein Glück für uns, dass die gelernte Buchhändlerin aus Dresden den Weg in den Journalismus fand. In Köln schrieb sie für Heinz. D. Stuckmann, der für den »Länderspiegel« der Wochenzeitung Die Zeit frei arbeitete. Als dieser Ferien machte, verfasste sie unter seinem Namen die Berichte. In Hamburg fiel auf: die Texte waren viel besser als die ihres Chefs. Das war das Ende für Stuckmann, der Anfang für Nina Grunenberg bei der ZEIT.

Theo Sommer, Editior-at-large, charakterisiert seine langjährige Stellvertreterin in der Chefredaktion treffend, sie habe die unschätzbare Gabe, Vertrauen zu erwecken, Menschen aufzuschließen, ihnen zuzuhören und auf sie einzugehen.

Mit ihren Porträt-Reportagen setzte sie Wegmarken für Journalisten. »Hast Du schon das Stück von der Grunenberg gelesen?« fragten wir uns als junge Redakteure donnerstags ab. Sie skizziert nüchtern und mit Anteilnahme, dennoch distanziert, verständnisvoll, kritisch. Sie ist klug in der besten Bedeutung dieses Wortes. In der Tat fragt sie zielsicher, weil sie interessiert ist und sich mit dem Menschen und den Fakten intensiv beschäftigt. Es ist ihr ungeheurer Fleiß und ihre unendliche Neugierde, sich mit allen Dingen vertraut machen zu wollen. Sie kümmert sich um Authentizität: als sie eine Serie über Diplomaten recherchierte, verwühlte sie sich in Akten und vertiefte sich in Bismarck. Oder als sie an der Reihe »Die Generäle« schrieb, las sie nächtlings Clausewitz. Für Nina Grunenberg so selbstverständlich – aber wer macht es ihr heute noch nach?

Nina Grunenberg schaut ihre Gesprächspartner offen an – auch bohrend wie ihre Fragen, doch nie hinterrücks. Und so sieht sie sich auch um, Details registrierend, weil sie weiß, dass die Umgebung eines Chefs in der Vorstandsetage so viel aussagt über die Persönlichkeit. Mit dieser Attitüde schafft sie es immer wieder, dass sich ihre Gesprächspartner öffnen und ihr Dinge sagen, die sie nie vorgehabt hatten zu sagen. Weil sie merken: Nina Grunenberg ist ohne Arg dem Menschen zugewandt. Sie gibt keine Antworten, bevor sie gefragt hat, sie gibt nicht vor, etwas zu wissen, bevor sie sich informiert.

Gewiss: einen Namen machte sie sich zunächst als Expertin für Bildungs- und Hochschulfragen – und so ist es kein Zufall, dass sie in den Wissenschaftsrat berufen wurde. Ausdrücklich ist nicht auszuschließen, dass Gespräche mit ihrem Mann, dem Astrophysiker Professor Reimar Lüst, von so hochgradiger Qualität sind, dass man am liebsten dabei wäre zum Zuhören. Und kein Wunder, dass sie sich von der Journalistin zur Buchautorin entwickelte – seit 1972 auch Mitglied im PEN ist.

Macht zog sie immer an: das Netzwerk von persönlichen Beziehungen zu durchdringen, Sieger in ihren Siegen und Verlierer in ihren Niederlagen zu beobachten und zu beschreiben. Ihr tiefes Graben zu den Wurzeln des deutschen Wirtschaftswunders machte sie zu einer anerkannten Historikerin. Die Väter des Wirtschaftswunders, so sagte sie, waren »die Buben von Albert Speer, eine braune Mannschaft« und schrieb: »Nirgendwo war die Kontinuität so ungebrochen wie in der Wirtschaft. … Schwächlinge waren sie nicht, und gut trainiert hatten die Nazis sie auch. Ungerührt wie eine Büffelherde zogen sie weiter in die Bundesrepublik.« Und die Historikerin wies als erste nach, dass das Dritte Reich die Modernisierungsschmiede für den Wiederaufbau war.

Der Preis für das Lebenswerk ehrt den Menschen. Dazu gehört es, in Nina Grunenberg nicht nur die herausragende und Beispiel gebende journalistische Persönlichkeit zu sehen. Denn zu ihr kamen die Kolleginnen und Kollegen mit Kummer, Sorgen, Problemen. Sie vertrauten sich ihr an, fühlten sich aufgehoben – und sie waren es auch. Nina Grunenberg hat diese Menschen reich belohnt mit ihrem Verständnis und manch klugem Rat, genährt aus ihrer Zugewandtheit, ihrem sicheren Instinkt, ihrem analytischen Verstand.

Uns alle beschenkt sie auch: beim Nachlesen ihrer großartigen Reportagen und durch ihre zahlreichen Bücher. Und durch Begegnungen mit ihr, dem Menschen Nina Grunenberg.

Kurzbiographie

Nina Grunenberg

1936 in Dresden geboren und dort von 1942 bis 1950 zur Schule gegangen, 1950 bis 1954 Ursulinen-Gymnasium in Köln. 1954 bis 1957 Buchhändler-Lehre.

1958 bis 1965 freie Journalistin, u.a. für den Westdeutschen Rundfunk und die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. 1965 bis 1969 Länderspiegelkorrespondentin der Zeit für Nordrhein-Westfalen. Seit 1969 Redakteurin in Hamburg: bis 1974 als Redakteurin für Bildungs- und Hochschulpolitik, von 1974 bis 1984 politische Reporterin, von 1984 bis 1987 mit Sitz in Paris.

Von 1987 bis 1995 stellvertretende Chefredakteurin der Zeit, von 1992 bis 1994 zugleich Ressortleiterin der Redaktion Wissen, von 1995 bis 2001 Chefreporterin, seitdem Autorin.

Verheiratet mit dem Astrophysiker Professor Dr. Reimar Lüst.

Auszeichnungen: Theodor-Wolff-Preis 1974 und Quandt-Medienpreis 1990.

Buchveröffentlichungen:

Die Journalisten, 1967

Vier Tage mit dem Bundeskanzler, 1976

Schweden-Report (Co-Autorin), 1981

Japan-Report (Co-Autorin), 1981

Reise ins andere Deutschland (Co-Autorin), 1986

Die Chefs, 1990

Wo die Macht spielt, 2000

Die Wundertäter. Netzwerke der deutschen Wirtschaft, 2006

Mitgliedschaften:

Mitglied im PEN seit 1972

Mitglied im Wissenschaftsrat von 2000 bis 2009.