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Laudatio auf Nina Grunenberg von Wibke Bruhns


   Die Journalistin Wibke Bruhns würdigte das
    Lebenswerk von Nina Grunenberg

Lebenswerk – liebe Nina Grunenberg, das sind in Ihrem Fall fünfzig Jahre im schönsten Beruf der Welt, ein halbes Jahrhundert Neugier, Lernen, Begreifen, das große Privileg, hinter in der Regel verschlossene Türen blicken, mit Menschen reden zu können, die nicht für jedermann zugänglich sind.

Lebenswerk heißt aber auch,  fünf Jahrzehnte lang um den  - immer -schrecklichen ersten Absatz ringen zu müssen, sich dumm und dußlig zu recherchieren, bloß um die Stunde der Wahrheit noch ein bißchen rauszuzögern, wenn nämlich aus der Recherche ein anständiges Stück entstehen muß. Lebenswerk heißt Selbstzweifel – „das will doch keiner wissen, was ich hier aufschreibe!“, die erstmal vergebliche Suche nach schönen und besonderen Formulierungen – „das klingt doch alles staubtrocken“, der Kampf mit den deadlines und dem jeweiligen Ressortleiter oder Chefredakteur, die nichts, aber wirklich gar nichts von dem kapieren, was ich erzählen will. Fünfzig Jahre Masochismus -  puha! Aber wenn die Geschichte druckt, ist alles wieder gut. Bis zum nächsten Mal.

Sie, liebe Nina Grunenberg, werden heute geehrt für die wunderbaren Ergebnisse dieser Tortur, und ich freue mich sehr, daß ich Sie deswegen „würdigen“ darf. Wir kennen uns gar nicht, was eigentlich merkwürdig ist, denn ich bin etwa so lange in unserem Gewerbe zugange wie Sie. Aber ich war halt so viele Jahre im Ausland, habe mich in so vielen Medien rumgetrieben, daß die ZEIT für mich Basis-Lektüre war aus der Distanz, was es mir aber in all den Jahren ermöglichte, Nina Grunenberg zu lesen.

Und das war ein Vergnügen, immer. Zum einen, weil Sie zu der raren Species Kolleginnen gehörten – Sie und ich können ein Lied davon singen, wie wenige Frauen, sieht man mal ab von der Gräfin oder Carola Stern, in den frühen Jahren im politischen Journalismus eine Rolle spielten. Zum anderen aber war meine Neugier auf Sie auch ein bißchen Neid-besetzt, weil Sie so schöne Themen hatten: die Generäle, die Botschafter, die Chefs, sprich die großen Players der Wirtschaft, die Gewerkschafter... Sie haben sich auch auf den kommunalen Ebenen getummelt –„der Staat ganz unten“ hieß das und war hoch spannend. Ganze Serien waren das jeweils, so was machte auch nur die ZEIT. Doch als ich mich jetzt noch mal -  aus diesem Anlaß hier -  durch das Archiv wühlte, erlebte ich ein Phänomen: ich war auf der Suche nach Nina Grunenberg, und ich erwischte mich dabei, daß ich an den Geschichten hängen blieb. Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen, weil mich der jeweilige Stoff gepackt hatte, die Art, wie er beschrieben war, die Analysen. Nina Grunenberg, die Person, verschwindet hinter dem Inhalt

Das kommt daher, daß Sie, hochgeschätzte Kollegin, die hohe Schule des Berufs perfekt umgesetzt haben: von sich abzusehen. Sie haben nicht recht um jeden Preis. Sie ergreifen nicht Partei. Sie lassen den Leser urteilen. Sie denunzieren nicht. Nirgendwo bei ihnen habe ich Häme gefunden, Polemik, oder die allfällige Besserwisserei, die besonders zu Zeiten der 68er Bewegung in der politischen Berichterstattung um sich gegriffen hatte, als viele immer schon die Antworten parat hatten, bevor noch die Fragen gestellt waren.

Dabei gehörte die ZEIT damals durchaus zur sogenannten Kampfpresse. An der Seite von Spiegel, Stern, Frankfurter Rundschau, aber auch der ARD und dem Rowohlt-Verlag mischte sie kräftig mit im verbalen Schlagabtausch gegen Springer, Burda, Bauer, nicht zu vergessen das ZDF mit seinem unsäglichen Herrn Löwenthal. ZEIT- Protagonisten tummelten sich als Wortführer auf den Podien studentischer Sit-ins oder  beim „Kongreß für die Freiheit der Kultur“ – der CIA sei Dank. Das war eine schöne Einrichtung.

Nina Grunenberg hielt sich zurück, was auch dazu führte, daß sie in allen politischen Lagern als Beobachterin zugelassen war. Von Helmut Schmidt bis zu Helmut Kohl haben die Herren ihr Einlaß gewährt, und Nina Grunenbergs Präferenzen sind allenfalls an der Frequenz der Artikel abzulesen. Es gibt kaum einen relevanten Politiker in all den Jahren, den sie nicht portraitiert hat. Immer in geschliffenem Stil, immer mit erstaunlichen Beobachtungen – sie redet nicht viel, aber sie guckt genau. Neunhundert und ein paar zerquetschte Artikel von ihr habe ich im ZEIT-Archiv gefunden. Wahrscheinlich sind es mehr, auf alle Fälle sind es viele, vor allem, wenn man bedenkt, wieviel Tortur im oben beschriebenen Sinn für jeden in Kauf genommen worden ist.

Daneben kommen Nina Grunenbergs Bücher ins Spiel – acht habe ich gezählt, manche sind Zusammenfassungen von ZEIT-Geschichten, manche eigenständig. Jedes ist Arbeit – ich weiß wovon ich rede. Aber jedes profitiert von Nina Grunenbergs nie zu befriedigender Neugier, von ihrer Wißbegier, dem Zwang zu fragen. Immer lernt sie, immer staunt sie, immer, auch heute noch, ist sie Novizin, die anderer Menschen Kenntnisse und Erfahrungen aufsaugt. Sie setzt sie um und übersetzt sie in ihren Geschichten – da ist, bis heute, nichts Neunmalkluges dabei, höchstens mal Verblüffung darüber, daß Einfaches so kompliziert daher kommen kann.

Nina Grunenbergs zweites (drittes?) Standbein war früh schon die Hochschulpolitik, dann die Wissenschaft. Sie mußte zum Jagen getragen werden, höre ich aus der Redaktion. Spontane Liebe zum Sujet war es wohl nicht. Aber was für eine Kompetenz ist daraus erwachsen! Die gelernte Buchhändlerin, die selbst nie studiert hat, grub sich in diese schwierige Thematik ein -  mit durchschlagendem Erfolg. Ich habe es aufgegeben, die verschiedenen Themen, die sie in diesem Bereich bearbeitet hat, irgendwie zuzuordnen. Das ist nicht mein Beritt. Aber wenn ich denn den einen oder anderen Artikel zwischendurch gelesen habe, kompliziert, wie das Thema klang – das war so nicht. Ich habe – ich!!  die ich zwei und zwei nicht zusammenzählen kann – ich habe verstanden, was Nina Grunenberg für mich aufgeschrieben hat. Das nenne ich journalistische Qualität.

Im Jahr 2000 hat der Bundespräsident Nina Grunenberg in den Wissenschaftsrat berufen – haben wir je eine Journalistin dort gesehen, ohne akademische Vorbildung, eine schlichte Autodidaktin? Aber eben trittsicher auf dem glatten Parkett der Wissenschaftspolitik. Dazu braucht es keine Quantentheorie, wohl aber den Durchblick im Gestrüpp der widerstreitenden Ambitionen in der Bildungswirtschaft. Bei den Raufereien der Platzhirsche in den rivalisierenden Hochschulen und unter den Präsidenten der Wissenschaftsgesellschaften geht es um Geld, natürlich. Gleichzeitig aber auch um Inhalte, Prioritäten, Platz und Sieg. Da heißt es, sich nicht vereinnahmen zu lassen, bloß weil die anderen ihre vielen akademischen Titel ins Feld führen, da muß der Kopf in der kühlen Distanz verbleiben. Nina Grunenberg hat das offensichtlich bewältigt, denn ihr Mandat ist nach drei Jahren auch noch verlängert worden – vielleicht erzählen Sie mir jetzt, das sei üblich so. Ich finde es beeindruckend.

Nun kann man sich natürlich – bei dem Ehemann – in puncto Wissenschaft fragen: wo ist die Henne und wo ist das Ei. Ich weiß jetzt nicht, was ursächlicher ist, Henne oder Ei. Aber was ich weiß – ich kann schließlich Daten vergleichen: Nina Grunenberg hat sich mit Wissenschaft beschäftigt, bevor Reimar Lüst ins Spiel kam, - ja, der Verdacht liegt nahe, daß Reimar Lüst auftauchte WEGEN Nina Grunenbergs Beschäftigung mit Wissenschaft. Macht ja nichts, er ist jedenfalls da. Und alle erzählen mir, daß der jeweilige Freundeskreis sich ungeheuer bereichert habe durch die vom jeweils anderen  eingebrachten Menschen. Wir alle hier können uns vorstellen, was das heißt, wenn die normalerweise sehr inzüchtig gehandhabten Umgangskreise von Journalisten einerseits und Astro-Physikern andererseits plötzlich auf einander losgelassen werden: da gibt es völlig neue Perspektiven, ganz neues Sich-aufeinander-Einlassen. Da muß man hinhören, die eigenen Maßstäbe vom Nabel der Welt befreien, auch der Weltraum wird wahrscheinlich ziemlich irdisch.

Apropos Weltraum: Reimar Lüst hat einen Stern, wirklich wahr, einen Asteroiden, der da oben irgendwo herumschwirrt und in Anerkennung von Reimar Lüsts großen Verdiensten nach ihm benannt ist. Verzeihen Sie, liebe Nina Grunenberg – Sie wären auch nicht an diesem Stern vorbei gegangen. Irgendwie mußte ich ihn unterbringen, denn das ist ja schon was: wer hat schließlich einen Stern? Aber was macht man damit? Ich kann mir allerlei Romantisches vorstellen, aber seien wir ehrlich: So ein Stern ist weit weg, aus Stein vermutlich, ziemlich leblos auch.

Hier aber haben wir es mit einem Star zu tun, mit einem Menschen aus Fleisch und Blut und einem halben Jahrhundert Lebenswerk.  Allerdings: „Lebenswerk“ klingt irgendwie endlich, finde ich, und ich würde gern ein „bis jetzt“ damit verbinden, oder es „vorläufig“ nennen. Ich komme auch gern in zwanzig Jahren wieder und dann machen wir das Ganze noch mal. Denn dies hier ist kein Nachruf, sondern ein Zwischen-Triumph auf dem Weg zu dem, was wir von Nina Grunenberg weiterhin erhoffen wollen. Fünfzig Jahre sind – zugegeben -  eine lange Zeit,  und jeder, der über eine solche Distanz Maßstäbe gesetzt hat, muß sich zurücklehnen dürfen und sagen können: Das war’s. Aber schöner wäre es für uns alle, liebe Nina Grunenberg, Sie würden damit noch ein bißchen warten.