Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Künstlerin im Zeitungshandwerk

Künstlerin im Zeitungshandwerk

Von Uwe Vorkötter

Die Zeitungen, ihre Zeitungen, haben Sibylle Krause-Burger viel zu verdanken: großartige Reportagen, brillante Porträts, dezidierte Meinungsbeiträge. Die Zeitungen, ihre Zeitungen, haben sich nicht immer angemessen revanchiert. Den Status der Redakteurin, den die Autorin Krause-Burger in früheren Jahren anstrebte, haben sie ihr jedenfalls verwehrt. Ganz anders der Rundfunk: Zwölf Jahre lang war Sibylle Krause-Burger Redakteurin in der Chefredaktion Politik des früheren Süddeutschen Rundfunks und späteren Südwestrundfunks. Auch das Radio ist also ihr Medium; dort hat sie Kommentare gesprochen, politische Features gemacht und sehr intensive Interviews geführt. Aber trotz allem: Ihre Liebe galt und gilt dem gedruckten Wort, vor allem dem in der Tageszeitung.

Sibylle Krause-Burger wurde in Berlin als Tochter einer jüdischen Mutter und eines schwäbischen Vaters geboren. Im Südwesten wuchs sie auf. Kein Wunder also, dass ihr vor allem die Stuttgarter Zeitung eine Sache des Herzens ist. Die Geschichte dieses schwäbisch-liberalen Blattes hat sie über Jahrzehnte mitgeprägt, mit dieser Zeitung ist ihr Name untrennbar verbunden. 1975 ist ihr erster Artikel in der Stuttgarter Zeitung erschienen, seit 1997 schreibt sie für das Blatt regelmäßig politische Kolumnen. Daneben hat sie Beiträge in anderen Zeitungen und Magazine veröffentlicht.

Sie ist eine durch und durch politische Autorin, die wie wenige andere die Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz zu denen beherrscht, über die sie schreibt. Sie hat die Präsidenten und die Kanzler der Republik porträtiert, sie hat Joschka Fischers Weg von der Straße durch die Institutionen kontinuierlich verfolgt. Und jeder ihrer Texte beruht auf der genauen Beobachtung, auf dem persönlichen Gespräch, auf der gründlichen Recherche. Und auf dem Wissen über die Funktionsweisen der Politik, die sie in Tübingen bei Theodor Eschenburg studiert hat. Die Nähe zu den Mächtigen macht diese Autorin nicht korrumpierbar: Das Ergebnis ihrer journalistischen Arbeit kann eine Hymne sein, oder ein Verriss. Niemand weiß das vorher, auch nicht sie selbst. Zur Recherche gehört schließlich auch die Fähigkeit, das eigene (Vor-)Urteil zu revidieren.

Das Porträt ist über Jahre das Markenzeichen von Sibylle Krause-Burger gewesen – nicht nur das Politiker-Porträt. Sie hat als eine der ersten die Spitzenmanager der Wirtschaft beschrieben, die Personen hinter der Funktion kenntlich gemacht. Herrhausen, Reuter, Bennigsen-Foerder: Die ganze Führungsriege der alten Deutschland AG hat sie als Gesprächspartner gewinnen können. Und manches dieser Porträts ist zum Psychogramm eines Mächtigen geworden. Der Mächtige sah, seiner Funktionsmacht entkleidet, nicht immer gut aus dabei.

Es muss an dieser Stelle von der Sprache die Rede sein, die der Journalismus zu pflegen vorgibt, die er aber Tag für Tag auch zu verhunzen pflegt. Unter den Journalisten gibt es Handwerker der Sprache, gute und weniger gute. Es gibt Kunsthandwerker. Und es gibt einige wenige Künstler. Sibylle Krause-Burger ist eine Künstlerin, die sich nie verkünstelt. Ihre Sätze entfalten Wucht, ohne dass sie Pathos dafür bräuchte. Sie lesen sich dabei so leicht und selbstverständlich, dass der Leser nichts ahnt von der Anstrengung, die das Werk erfordert hat. Ganz wie in der Musik oder im Tanz. Solche Kunst wirkt in der Tageszeitung, diesem nie fertigen, stets fehlerhaften und leicht vergänglichen Produkt, bisweilen fremd. Faszinierend fremd.

Kein Wunder, dass aus ihren Recherchen und Zeitungsartikeln Bücher geworden sind. Zum Beispiel: „Helmut Schmidt – aus der Nähe gesehen“ im Jahre 1980, das Porträt des Kanzlers in der Spätphase seiner Amtszeit. „Wer uns jetzt regiert“ im Jahr 1984, nachdem Kohl das Ruder übernommen hatte. Oder Joschka Fischers „Marsch durch die Illusionen“ 1997, oder die Analyse „Wie Gerhard Schröder regiert“ im Jahre 2002. Die Texte von Sibylle Krause-Burger sind meistens für den Tag geschrieben. Aber sie kennen kein Verfallsdatum. Weil sie ein Stück Zeitgeschichte beschreiben und für den Leser erlebbar machen. Erst recht gilt das für das persönlichste Werk von Sibylle Krause-Burger, das im Herbst 2007 erscheinen wird: „Herr Wolle lässt noch einmal grüßen – meine deutsch-jüdische Familiengeschichte“: Die Autorin hat sich auf die Spuren ihrer Großeltern begeben und vor allem den umfangreichen schriftlichen Nachlass einer durch Krieg und Auswanderung zerrissenen Familie ausgewertet.

Sibylle Krause-Burger hat sich bereits zahlreiche Preise erschrieben, den Karl-Hermann-Flach-Preis und den Quandt-Medien-Preis ebenso wie den Theodor-Wolff-Preis. Unseren Preis erhielt sie 1978 für eine Reportage über die Beerdigung von Ernst Bloch. Es ist eine Reportage über die aufbegehrende Jugend, über die Suche nach der anderen, besseren Welt, über politische Illusionen und politischen Pragmatismus. Als sie den Text damals ablieferte, dachte sie selbst, an der Aufgabe gescheitert zu sein. Als der zuständige Redakteur sich begeistert zeigte und seiner Reporterin ein Riesenkompliment machte, war sie verblüfft. So wie jetzt, als Sibylle Krause-Burger den Theodor-Wolff-Preis noch einmal zugesprochen bekam, diesmal für das Lebenswerk. Ein Lebenswerk übrigens, das noch längst nicht abgeschlossen ist. Alle zwei Wochen, immer dienstags, erscheinen die Kolumnen von Sibylle Krause-Burger.

Kurzbiographie

Sibylle Krause-Burger

Geboren 1935 in Berlin, aufgewachsen in Württemberg.

Abitur in Stuttgart, Studium der Politischen Wissenschaften bei Theodor Eschenburg in Tübingen. Freie Mitarbeiterin verschiedener Rundfunkanstalten sowie überregionaler Zeitungen und Zeitschriften, vor allem der Stuttgarter Zeitung, aber auch der Süddeutschen Zeitung, München, des Berliner Tagesspiegel und des Manager Magazin.

Ihre Schwerpunkte sind politische Reportagen, Porträts der Mächtigen in Politik und Wirtschaft, Hintergrundberichte, Analysen. Von 1988 an zwölf Jahre lang Redakteurin in der Chefredaktion Politik des Süddeutschen Rundfunks und des Nachfolgers Südwestrundfunk. Seit 1997 politische Kolumnistin der Stuttgarter Zeitung.

1978 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet für einen Aufsatz in der Stuttgarter Zeitung über die Beerdigung von Ernst Bloch; 1989 mit dem Karl-Hermann-Flach-Preis und 1994 mit dem Herbert-Quandt-Medien-Preis geehrt.

Sibylle Krause-Burger hat zahlreiche Bücher veröffentlicht; darunter 1980 »Helmut Schmidt – aus der Nähe gesehen«; 1984 »Wer uns jetzt regiert«; 1989 »Die andere Elite«; 1996 »Wider den Zeitgeist«; 1997 »Joschka Fischer – Der Marsch durch die Illusionen«; 2000 »Wie Gerhard Schröder regiert«; 2002 »Schau ich auf Deutschland« und 2005 »Ein einig Volk von Träumern«.

Im Herbst 2007 erscheint »Herr Wolle lässt noch einmal grüßen – Meine deutsch-jüdische Familiengeschichte« bei dva, München.