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Prämierter Text

Warum uns Gerhard Schröder fehlt

Von Nikolaus Blome

Es ist nur so ein Gefühl. Aber manchmal vermisse ich Gerhard Schröder.

Eigentlich darf man das gar nicht sagen – bei dem monströsen Murks, den er in so vielem gemacht hat. Stimmt schon, Schröders Zeit war um. Das Land fährt besser ohne ihn.

Trotzdem. Es fehlt etwas. Es fehlt einer, an dem sich alle reiben wollen bis zur Weißglut, der Pfeile auf sich zieht und welche abschießt. Wetten, dass Guido Westerwelle und Oskar Lafontaine genauso denken? Und sogar Horst Köhler, der einen großen Schatten nur so lange warf, wie Schröders Sonne schien?

Das hängt nicht allein damit zusammen, dass Opposition gegen das Bündnis von Rot und Schwarz ein so außerordentlich undankbares Geschäft ist. Dass mangels Resonanzboden in einer großen Oppositionspartei auch die Medien es verdammt schwer haben, etwas zum öffentlichen Thema zu machen und zu erörtern, ob es sich um einen Missstand handelt. Unter diesen Bedingungen wird im Jahr 2006 die WM die größten politischen Emotionen erzeugen. Nicht die Mehrwertsteuererhöhung, nicht die Gesundheitsreform.

In solchen Zeiten ist es natürlich nur ein Zufall, aber ein bezeichnender, dass ein SPD-Vorsitzender wegen schweren Ohrensausens und anderer Leiden aufgibt – anstatt, so wie Schröder, einer stattlichen Parteiintrige zu weichen. Kurzum: Das Berlin der großen Koalition fühlt sich an wie nicht enden wollende politische Sommerferien, wo keiner die anderen stören mag, weil deren Ruhe auch seine eigene ist. So sehr das Erratische der Schröder-Ära an den Nerven zerrte – diese Form von Wachkoma tut es auf Dauer ebenso.

Aber nicht nur die schwarz-rot verklammerte Konstellation trägt dazu bei. Es liegt auch am Personal dieser großen Koalition: Mit Schröder ist der vorerst letzte politische Straßenfußballer verschwunden. Niemand schwitzt jetzt noch in der Arena, die darum den Namen nicht mehr verdient. Selbst der Herr Stiegler von der SPD atmet ruhig und der Herr Stoiber von der CSU auch, außer er muss um seine bayerische Kandidatur kämpfen. Warum sich in Berlin aufregen? Die anderen regieren zwar, aber man selbst ja auch, und bis 2009 ist es noch weit. Die Politik kommt solange aus dem Kühlfach. Die Wähler haben gewählt.

Das zu beklagen ist nicht eitle Wehmut einer Journaille, die sich nicht mehr am Krawall besaufen kann. Der man ihr Lieblingsspiel »Wer gegen wen« gestrichen hat. Es liegt an der völlig ungewohnten Anordnung einander ebenso ernährender wie lähmender Kräfte: Die große Koalition muss öffentliche Debatten nicht fürchten, weil ihre Mehrheit im Parlament übermächtig groß ist. Und weil sie öffentliche Debatten nicht fürchten muss, entstehen kaum noch welche. Denn eine öffentliche Debatte springt nur an, wenn Aussicht besteht, Entscheidungen maßgeblich zu beeinflussen. Die große Koalition verhält sich also zu politischem Streit wie ein Eimer schnell abbindender Zement zu den darin steckenden Füßen eines Mafioso – kurz bevor er ins Hafenbecken gestoßen wird.

Und weil das so ist, braucht die große Koalition kein Personal, das in öffentlichem Streit zu glänzen wüsste und dabei Charisma entwickelte. Eine satte Mehrheit macht nicht hungrig. Charisma ist aber das, was Politik zu jener großen Erzählung formt, die in Wahrheit alle hören wollen, nicht nur die Journalisten.

Für eine solche Erzählung braucht es eine gewisse Bedingungslosigkeit der handelnden Personen. Gilt das für Merkel, Steinbrück, Kauder und Co.? Oder könnten sie gut auch einen anderen Beruf ausüben als den des Politikers. Das ist keine Kritik, aber bei Gerhard Schröder war es eben anders. Authentisch kann er nur Politik. Deshalb wirkt er, früher so instinktsicher, heute so vollkommen deplaziert und nimmt seltsame Jobs in der Privatwirtschaft an. Seine Politiker-Attribute passen nicht in diese Landschaft, sie stoßen auf. Darum heißt er bislang nur »Ex-Kanzler« und nicht »Alt-Kanzler«. Das ist ein Unterschied.

Kurt Beck steht als sein Nach-Nach-Nachfolger an der Spitze der SPD. Er kommt aus kleinen Verhältnissen wie Gerhard Schröder. Beide haben sie eine harte Strecke hinter sich, geschenkt wurde ihnen nichts. Kurt Beck jedoch vermittelt den Eindruck, dass er auf jeder Stufe, die er erreichte, durchaus schon zufrieden war – und dann ging es halt noch weiter. Gerhard Schröder dagegen wollte mehr und mehr haben, solange er nicht alles hatte.

Nichts gegen Kurt Beck. Die Nummer Eins ist nicht nur in Deutschlands ältester Partei der, der fürs erste keinen anderen mehr fürchten muss. Und wen sollte dieser Kurt Beck in dieser SPD fürchten? Gäbe es einen, würde das den neuen Vorsitzenden zu noch größeren Leistungen anspornen. Wettbewerb nennt man das – passé. Ebenso im Bundestag: Selbst nur guter Durchschnitt am Pult, musste Angela Merkel vor allem einen fürchten: Gerhard Schröder, wenn er denn in Form war. Auch das ist passé. Und wozu eigentlich brauchen wir noch Franz Müntefering? Dessen Bodenständigkeit hatte ihren Reiz und Nutzen doch als Widerlager des Filous, des Hallodris, des Alles-auf-eine-Karte-Setzers namens Gerhard »Basta« Schröder. Das Duo Müntefering/Beck wirkt stattdessen wie Klone in Masken. Der eine ohne Bart, der andere mit. Neue Nüchternheit nennt das Angela Merkel, und es gefällt ihr, weil es ihr in die Karten spielt. Denn der Öffentlichkeit fällt es schwer, sich über eine Truppe aufzuregen, die sich selber über nichts aufregt.

Manch einer, der vom Krawall ansonsten nicht genug haben konnte, bestaunt inzwischen diesen stillen Stil ebenso bereitwillig wie zuvor die Kraftmeierei Schröders. Im Stern lobt Hans-Ulrich Jörges den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, weil der mit einiger Beharrlichkeit ein Scharmützel gegen die BILD-Zeitung durchgestanden hat. Das sei ein unerhörtes Novum, die kopernikanische Wende in der politischen Kultur des Landes. Wirklich? Einmal abgesehen davon, dass Lammert als stilbildende Figur keine wirklich inspirierende Aussicht bedeutet – bei Hartz IV und Praxisgebühr haben die Rot-Grünen gegen fünffach schärferen Wind Kurs gehalten.

Oder ist geräuscharmes Regieren inzwischen anerkannter Selbstzweck in Deutschland? Zunächst einmal dient es nur den Parteien, die in Umfragen gewinnen, wenn sie anhaltenden Streit vermeiden. Doch wenn der Preis für neue deutsche Stille Stillstand heißt, dann ist auf Dauer auch der politischen Kultur nicht gedient: Fünf Millionen Arbeitslose sind ein weit wirkungsvolleres Gift gegen Demokratie als der testosterongeladene TV-Auftritt eines derangierten Bundeskanzlers.

Überhaupt: Auf vielen Feldern bewegt sich die große Koalition zwar geradliniger als die rot-grüne Spaßtruppe. Aber auch auf den wichtigen? Bei der Energiepolitik? Fehlanzeige. Auf dem Arbeitsmarkt, bei Gesundheit oder Pflege? Fehlanzeige. In der Steuerpolitik? Wenn schon überwiegend zuwenig oder das Falsche geschieht, dann hatte das zu Gerhard Schröders Zeiten wenigstens einen gewissen Unterhaltungswert. »Der Mann bringt mich zum Lachen«, hat George W. Bush einmal über ihn gesagt. Das war ein ernstgemeintes Lob.

In der Sache dagegen geht es ohnehin auf den alten Bahnen voran: Die Rente mit 67 ist durch, von der Schröder wusste, dass sie sein muss, die er aber aus Schwäche nicht durchzusetzen vermochte. Die Mehrwertsteuererhöhung wird kommen, zum Teil wenigstens benutzt zur Senkung der Lohnnebenkosten. Das skandinavische Modell des Wechsels von Sozialabgaben zu indirekten Steuern zu kopieren ist Agenda 2010 pur.

Also wird sich eines Tages ein wieder halbwegs zur Besinnung gekommener Altkanzler Gerhard Schröder hinstellen und sagen: Ich musste damals im Herbst 2005 gar nicht weiter regieren. Das hat doch Frau Merkel für mich gemacht.

Was für eine Pointe.

DIE WELT

Nr. 101 vom 2. Mai 2006

Bewertung der Jury

Nikolaus Blome erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2007 in der Kategorie »Kommentar/Essay« für den Beitrag »Warum uns Gerhard Schröder fehlt«, erschienen in der Zeitung Die Welt (Berlin) am 2. Mai 2006.

Blomes Essay besticht durch seine schnörkellose, aber bildhafte und lebendige Sprache. Der Autor arbeitet analytisch scharfsinnig das veränderte politische Klima in der Anfangsphase der Großen Koalition heraus. Seine Erkenntnisse sind aber auch dazu geeignet, Widerspruch zu provozieren und eine Debatte über den Politikstil in Deutschland zu führen. Der Autor zeigt Mut zur Meinung, unterfüttert sie stil- und faktensicher mit Inhalten, charakterisiert treffsicher Politiker – und langweilt den Leser dabei keine Sekunde.

Kurzbiographie

Nikolaus Blome

Geboren am 16. September 1963 in Bonn, verheiratet, drei Kinder

Nach dem Magister-Studium der Geschichte, Volkswirtschaft und Politik in Bonn und Paris Besuch der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg (1990/91).

Nach Stationen in der Wirtschaftsredaktion des Berliner Tagesspiegel und als Korrespondent für mehrere Regionalzeitungen in Brüssel insgesamt gut acht Jahre bei der Tageszeitung Die Welt, Berlin, u.a. als Büroleiter Brüssel, als Leiter des Ressorts Innenpolitik/Parlamentsbüro und als stellvertretender Chefredakteur. Seit August 2006 Leiter des Hauptstadt-Korrespondentenbüros der BILD-Zeitung.

Ausgezeichnet 1994 mit dem Förderpreis der Friedrich und Isabel Vogel Stiftung, 1995 mit dem Förderpreis der Ludwig-Erhard-Stiftung und 1996 mit dem deutsch-französischen Journalistenpreis (ASKO-Sonderpreis Wirtschaft).