Empfehlen Sie uns weiter
  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Facebook übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Wenn Sie diesen Button anklicken, werden persönliche Daten an Twitter übertragen. Sind Sie damit einverstanden?

  • Zu Ihrer Information

    Hier können Sie mittels unseres Service-Formular eine Seite empfehlen. Es werden keine persönlichen Daten gespeichert.

Prämierter Text

Am Ende der Illusion

Von Marlon Gego

Gartenzwerge? Da muss Josefine Braun aber erst mal lachen. »Sie wollen also tatsächlich Gartenzwerge sehen?« Sie zieht einen am Ärmel, ein paar Parzellen weiter Richtung Vereinsheim auf eine weiße Mauer zu. »Hier können sie Gartenzwerge sehen«, sagt Frau Braun und lächelt gütig.

Hinter der weißen Mauer stehen fünf fast hüfthohe Zwerge. Schmutzig, vermodert, verwittert, in der hintersten Ecke der Parzelle. Zwischen Müll- und Regentonnen. Ihre Zipfelmützen müssten eigentlich rot sein und lustig aussehen, aber die Mützen dieser Zwerge sind, wenn sie überhaupt noch Farbe haben, eher rosé und sehen traurig aus. Sie stehen dicht beieinander, es scheint, sie wollten als kleine Schicksalsgemeinschaft gegen Vergessen und Verfall demonstrieren. Allerdings mit einem Lächeln. Alle Gartenzwerge lächeln, sie können überhaupt nicht anders. Das Lächeln ist ihnen ins Gesicht gemeißelt.

Josefine Braun lächelt auch, aber das hat jetzt eher mit Freundlichkeit zu tun. Sie kann sehr wohl anders. Braun, 66, ist Vorsitzende des Familiengartenvereins Roland, gegründet 1921. Roland wäre eine Gartenkolonie wie viele andere, wenn sie nicht durch ihre Lage zum Spielball von Politik und Kapital geworden wäre.

Politik, Kapital: Große Worte, sicher, aber genau so ist es. Roland liegt ziemlich genau zwischen dem Aachener Tivoli und dem Reitstadion. Im Reitstadion finden im August die Weltreiterspiele statt, die Reit-WM, auf dem Tivoli trägt Alemannia Aachen seine Heimspiele aus. Ab August sogar in der Fußball-Bundesliga.

Und wie alle Bundesligisten will die Alemannia ein neues Stadion haben, ein modernes, eine dieser Mehrzweckarenen, die Commerzbankarena oder Easy-Credit-Stadion heißen.

Die Fans wollen aber keine Mehrzweckarena, sie wollen lieber das alte Fußballstadion behalten. Um die Fans zu beschwichtigen, sind Stadt und Verein bereit, die Mehrzweckarena wenigstens in der Nähe des alten Fußballstadions zu bauen und nicht irgendwo in einem Gewerbegebiet. Und schon gar nicht außerhalb der Stadtgrenzen. Sondern neben dem Tivoli. Für die Fans ist das so in Ordnung, für die Stadt und die Alemannia auch.

Für Josefine Braun ist das so nicht in Ordnung. Diese Mehrzweckarena soll nämlich eines Tages da stehen, wo Josefine Brauns Gartenkolonie jetzt liegt, 41 Parzellen groß. Und nicht nur die: Gleich nebenan liegen weitere 123 Parzellen, die zum Kleingartenverein Groß-Tivoli gehören, gegründet 1922.

Hubert Coonen gehört nicht zu den Menschen, die sich übermäßig schnell aus der Ruhe bringen ließen. Coonen, 61, ist Rentner und ein ziemlich entspannter Mensch, mit dem man gewiss eine Menge Spaß haben kann. Er lacht oft und laut, und jetzt gerade, da sich über seiner Laube eines dieser schweren Frühjahrs-Gewitter zusammenzieht, sitzt er im kurzärmeligen Hemd auf der Terrasse und berichtet über die Freuden des Kleingarten-Wesens.

»Wissen sie«, sagt er, »es ist ganz toll zu sehen, wie das, was man gesät hat, plötzlich beginnt zu wachsen.« Er erklärt, dass Zwiebeln gesteckt, Porree gesät und Kartoffeln gelegt werden. Feine Unterschiede, Coonen ist ein Fachmann. Er sagt, dass die Kleingärtnerei auf den Arzt Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808-1861) zurückgeht, und dass der Aspekt der Selbstversorgung im Laufe der Jahre an Bedeutung verloren habe, klar. Aber trotzdem: Die meisten Kleingärtner pflanzten auch heute noch Gemüse an.

Seit 1971 hat Hubert Coonen die Laube in Groß-Tivoli, heute ist er Vorsitzender. Für gewöhnlich, wie gesagt, ein sehr entspannter Vorsitzender. Aber man kann in den beiden Kolonien sprechen, mit wem man will und worüber man will, nach wenigen Minuten ist man beim Thema. Das neue Stadion liegt wie eine Bürde auf den Schultern der Kleingärtner. Seit die Stadt im Februar den Erbpachtvertrag zum Ende des Jahres gekündigt hat, ist es auch mit Coonens Gelassenheit vorbei. Seitdem steht fest, mehr oder weniger: Die Kleingärtner müssen ihre Kolonien räumen. »Spätestens Mitte 2008 sollen wir weg von hier«, sagt Coonen, und dann gleicht sich seine Laune zusehends der Großwetterlage über seiner Laube an.

Walter Braun ist seit 1980 Mitglied des Familien-Gartenvereins Roland, damals haben seine Frau, Josefine, und er die Pacht einer Laube nahe am Eingang übernommen, rechte Seite. Braun, 70, ist Schweißer gewesen, bei Philips, 33 Jahre lang. Sein eisengraues Haar weht im wogenden Takt des Windes. Eine Böe folgt der nächsten, an diesem Tag ist es in Aachen wie an der Nordsee im Herbst. Es regnet leicht.

Nach der Arbeit hat Braun in zigtausenden Stunden ehrenamtlicher Arbeit Infrastruktur auf der Anlage geschaffen oder verbessert, er hat das Vereinsheim mitrenoviert und vertäfelt, hat Lampen für die Gehwege gebaut und angebracht, er hat mit den eigenen Händen ein gusseisernes Eingangstor für den Eingang des Vereins geschaffen. Nie alleine, natürlich. Dass man vieles in der Gemeinschaft gemacht hat, das sei es ja gerade gewesen.

Braun ist einer von denen, ohne die der Mikrokosmos einer Gartenkolonie nicht funktionieren würde, die stolz sind, ihre Begabungen für das Wohl der kleinen Gemeinschaft einsetzen zu können, die eine eigene kleine heile Welt geschaffen haben.

Auch wenn die heile Welt in den Grenzen des Gartenvereins am Ende auch nur Illusion gewesen ist. »Wenn ich daran denke, dass eines Tages die Planierraupen kommen und das hier alles dem Erdboden gleichmachen, könnte ich heulen«, sagt Dieter Hempel, 68, seit 1965 Mitglied bei Roland.

Es gibt keine ernsthaften Argumente gegen den Bau des neuen Stadions, allen Beteiligten ist das klar. Und ganz besonders Coonen, der Alemannia-Fan ist so lange er denken kann, und der sogar Ordner auf dem Tivoli ist.

Alemannia-Präsident Horst Heinrichs hat gesagt, dass der Verein wenigstens mittelfristig auf die zusätzlichen Einnahmen angewiesen sei, die er sich durch ein neues Stadion erhofft. Ausverkaufte Heimspiele trügen dem Verein im Moment etwa 200.000 Euro ein, in einem neuen Stadion wären es 600.000, das Dreifache.

»Wenn so viel Geld im Spiel ist«, sagt Josefine Braun, »dann haben wir überhaupt keine Chance.« Der Dachverband der Kleingärtner hat vergangenes Jahr überlegt, gegen eine Kündigung gerichtlich vorzugehen. Aber da sich der Aufstieg der Alemannia [in die Fußball-Bundesliga, die Red.] relativ früh angedeutet hat, sind diese Überlegungen schnell wieder verworfen worden. Im Vergleich mit Bundesligavereinen ist die Lobby von Kleingärtnern eher gering.

Es tut weh, das Areal aufgeben zu müssen, natürlich. Was aber fast noch mehr schmerze, sagt Josefine Braun, das sei die Art und Weise, wie über die Köpfe der Kleingärtner hinweg entschieden und verfügt würde. »So vor Augen geführt zu bekommen, dass die Belange einfacher Menschen niemanden interessieren, wenn es um das große Geld geht, das macht mich wütend.«

Den beiden Vereinen soll eine Ausgleichsfläche in der Gegend angeboten werden, am Soerser Wildbach, aber da müssten die Vereine noch mal ganz von vorne anfangen. Keine Lauben, kein Vereinsheim, nur Parzellen. Noch verhandeln die Vereine mit der Stadt, was am Ende herauskommt, ist nicht absehbar. Von den 163 Pächtern beider Kolonien würden noch etwa 70 mit umziehen, der Rest gäbe die Kleingärtnerei einfach dran.

Jakob Plummans spaziert durch seinen Garten, die Hände hat er hinter dem Rücken verschränkt. Er zeigt seine kleine Windmühle, die die Familie ihm zum 70. Geburtstag geschenkt hat, er zeigt die drei kleinen Gartenzwerge vor der Terrasse. Bei Plumanns gibt es sogar noch Gartenzwerge.

Plumanns ist Kleingärtner, seit er 1946 aus der Kriegsgefangenschaft kam. Er war in verschiedenen Vereinen, seit 1975 ist er Mitglied bei Roland. Er kann viele Geschichten von früher erzählen, er spricht gerne über Frauen und über Feste, die man gemeinsam gefeiert hat. Hier, in der Kolonie. Aber er sagt auch, dass die Kameradschaft nicht mehr sei, was sie mal gewesen ist. Die jüngeren Kleingärtner, sofern es sie überhaupt gibt, hätten andere Interessen als die Älteren, der Zusammenhalt sei lange nicht so stark wie früher.

Mitte der 80er-Jahre hat der Generationenwechsel in deutschen Kleingärten begonnen, und vielleicht ist es auch so, dass sich mit der neuen Generation die Zeiten geändert haben. Neue Interessen, eine andere Art der Gemeinschaft – und eben kaum mehr Gartenzwerge. Jakob Plumanns ist jetzt 82, er hat keine Illusionen mehr. Und deswegen wird er auch nicht mehr mit umziehen, obschon er sagt: »Die Laube, das war mein Leben.«

Die Kleingärtnerei ist für die meisten weit mehr als nur Gartenarbeit: Idylle, Erholung, Gemeinschaft. Die Kleingärtnerei ist für viele: Lebensinhalt, vielleicht Ideologie. Es sind nicht einfach nur Kleingärten, die zwischen Tivoli und Reitstadion verschwinden werden, es ist eine ganze Sozialisation mit eigener Infrastruktur, die eines Tages nicht mehr da sein wird, wo sie mehr als 80 Jahre lang gewachsen ist.

In Walter Brauns Garten steht ein kleiner Birnbaum, zwei Jahre ist er erst alt. Vergangenen Sommer hat er keine einzige Frucht getragen, Braun sagt, der Baum mache viel Arbeit. Pilze hat er gehabt, Schimmel, so was in der Art. Im Herbst, da hat Braun ihn stark zurückgeschnitten, vielleicht, sagt er, wachsen dieses Jahr doch mal ein paar Birnen. Ob er den Baum mitnimmt, wenn die Kolonie umgesiedelt wird? Braun überlegt kurz, dann schüttelt er den Kopf. »Nein«, sagt er, »die Wurzeln sind schon so groß und so tief, den kann man nicht mehr so einfach umpflanzen.«

Ein Schauer zieht über die Kolonie, die Wolken hängen tief und schwer. Es stürmt. Die Gartenzwerge hinter der Mauer neben dem Vereinsheim lächeln trotzdem. Sie können ja gar nicht anders.

AACHENER ZEITUNG/AACHENER NACHRICHTEN

Nr. 128 v. 3. Juni 2006

Bewertung der Jury

Marlon Gego erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2007 in der Kategorie »Lokales« für den Beitrag »Am Ende der Illusion «, erschienen im Magazin der Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten am 3. Juni 2006.

Ein vorbildliches Stück Lokalreportage. Gut recherchiert, souverän, gut lesbar und ohne falsche Parteinahme aufgeschrieben. Es ist mutig, einen Artikel über Kleingärtner, die einem Fußballstadion weichen müssen, tatsächlich und ausgerechnet mit dem Wort »Gartenzwerge« anzufangen. Marlon Gego spielt in seiner einfühlsamen aber vollkommen unsentimentalen Reportage so geschickt mit dem Klischee als auch mit der Metapher von den Zwergen, dass er sie am Ende und obwohl Goliath Fußball den Kampf naturgemäß gewonnen hat, sogar noch einmal für seine Leser lächeln lassen kann. Gartenzwerge können ja gar nichts anderes.

Kurzbiographie

Marlon Gego

Geboren am 15. Mai 1972 in Aachen.

Nach dem Abitur 1992 Studium der Rechtswissenschaften in Erlangen und Köln. Bis 2002 freiberufliche Tätigkeit als Produktionsassistent bei verschiedenen Fernsehprojekten (Schreinemakers live, Harald-Schmidt-Show, ran Sat.1 Fußball).

Erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter 2002, Volontariat im Zeitungsverlag Aachen von 2004 bis 2005. Seit 2006 Redakteur im Magazin bei Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten. Er schreibt gelegentlich für den Sportteil des Berliner Tagesspiegel.