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Prämierter Text

Doktor Fastfood und Mister Dschihad

Von Christoph Wöhrle

Amerika weht durch die Glogauer Straße. Fritten und Bratfett – Kreuzberg mal anders. Heute bedient der Chef persönlich bei »American Easyfood«. Erisen Tufan legt behutsam ein rundes Stück Rind auf den Grill. Der 27-jährige Türke hat aus seiner Passion für die Staaten einen Beruf gemacht: Hier isst man wie in Übersee. Tufan ist klein, feist, frohsinnig. »Immer nur Döner – das ist langweilig. Ich habe hier eine Marktlücke entdeckt. Amerika heißt für mich Freiheit und Lebenslust.«

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Der Kontrapunkt zu Tufans Laden liegt ein paar Häuser weiter: ein orientalisches Café an der Sonnenallee. In Neukölln-Nord hat die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund; die meisten sind Muslime. Jeder vierte Einwohner bekommt Geld vom Staat. Dicke Rauchschwaden wabern durch den Raum. »Amerikaner sind Verbrecher«, sagt Yasser, der Mitarbeiter. Er ist 35 Jahre alt und Palästinenser. Er holt einen Klumpen Kirschtabak aus einem Schraubglas, knetet ihn und drückt ihn in einen Pfeifenkopf. Yasser trägt Bart. »Unsere Feinde sind sie – genau wie die Israelis«, sagt er.

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Erisen Tufan wendet das Fleisch. »Bei mir bekommen sie 180-Gramm-Burger. Genau wie in den Staaten«, sagt er. Wem das nicht reicht, für den gibt es den Double-Meat-Burger mit Doppel-Käse für 3,49 Euro oder die extradicke Cheesy-Pizza Manhattan. Oder doch lieber Muffins und Brownies? Sogar eine Bestellung per Internet ist möglich. Tufans Freunde haben ihn für verrückt erklärt, als er den Laden vor drei Jahren umgestaltete und den Döner-Grill hinauswarf. Er nimmt das Fleisch vom Grill und legt es auf die untere Brötchenhälfte, nachdem er sie mit seiner Spezialsoße bestrichen hat. Darauf kommen Gurken und Salat, eine Scheibe Chester.

13 Stars-and-Stripes-Flaggen hängen an den Wänden. Dazwischen Spiderman-Poster, der Coca-Cola-Eisbär und ein Bild von Elvis. »This is America«, steht in Großschrift auf einem Plakat. Daneben die Türme des World Trade Centers. Auf dem Kühlschrank eine Betty-Boo-Figur in granatroten Pumps und Minirock. Im Nebenraum ist Miss Liberty mit Milchshake in der ausgestreckten rechten Hand an die Wand gesprüht. Die rot-weiß bezogenen Kunstledersitze erinnern an 60er- Jahre-Hollywood-Streifen. Tufan hat die Sitze eigens in Amerika anfertigen lassen. »Irgendwann will ich auch selbst mal durch die USA reisen. Ich höre amerikanischen Hip Hop, schaue die Filme an. So bin ich aufgewachsen. Die Politik von Bush interessiert mich nicht«, sagt Tufan.

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Im orientalischen Café an der Sonnenallee bestimmt die Politik alle Gespräche. »Israel muss vollständig zerstört werden. Daran werden uns die Amis nicht hindern«, sagt Yasser. Musik gibt es nicht im Café, denn die ist wider die Scharia, ebenso wie Alkohol. Auch eine Damentoilette sucht der Gast vergebens. Dafür gibt es eine Gebetsnische, gen Mekka ausgerichtet. Und im Fernseher läuft manchmal Al Dschasira über Satellit. Yasser füllt Wasser in das Glas der Pfeife, schraubt sie zusammen und wickelt Alupapier um den Kopf, das er mit hundert kleinen Nadelstichen durchlöchert. Auf dem Herd glühen bereits die Kohlen.

Bunte Tücher, mit Ornamenten geziert, verhängen die Decke des Cafés, die Wände sind nussbraun getäfelt. Dazwischen ein Bild mit Beduinen und Kamelen vor einem orangefarbenen Himmel. In einer Ecke liegt ein Fes, ein türkischer Beamtenhut, eingerahmt von schillernden Vasen. Über einem Fenster weht eine grüne Flagge mit Koran-Sure. An der Theke ist ein vergrößertes Foto angebracht: israelische Grenzposten sind darauf zu sehen, die an einer älteren Palästinenserin zerren. Sie scheint ihr Kopftuch zu verlieren. Das einzig Europäische im Raum ist ein Ikea-Katalog. »Du wirst hier niemanden finden, der nicht für den Dschihad ist. Der Dschihad treibt uns an«, sagt Yasser.

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Bei American Easyfood bekommt der Gast den Burger zusammen mit einer Portion Jumbo Fries. Als der Chef gerade mal nicht da ist, redet sein graubärtiger Angestellter Said. Said ist Libanese und Sunnit. Er war zu Besuch im Süden seines Heimatlandes, als die israelische Offensive einsetzte. Er rauchte Wasserpfeife vor dem Haus, als 300 Meter entfernt von ihm eine Brücke bombardiert wurde. »Ich habe Angst um meine Familie«, sagt Said. Und amerikanisches Essen schmecke ihm auch längst nicht so gut wie das arabische. Erisen Tufan hat ihm verboten, darüber zu sprechen. »Ich sage meinen Mitarbeitern immer, dass sie sich nicht über Amerika und Israel oder den Nahost-Konflikt äußern sollen. Wir verkaufen hier doch den amerikanischen Traum«, sagt er. Während der WM hatte er öfter Kunden aus den Vereinigten Staaten. Er ist stolz darauf, dass sie sich bei ihm wie zu Hause fühlten. Said lächelt müde.

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Das leise Gurgeln der Wasserpfeifen durchdringt den Raum, Yasser hat Gesellschaft bekommen. Mehrere Araber rauchen ihre Shisha, spielen Karten, reden. Einer sagt: »Wenn sich mein Sohn als Selbstmordattentäter in die Luft sprengen würde, wäre ich stolz.« »Bin Laden ist für uns ein Held, ein Mahdi«, bekräftigt ein anderer. Dazu werden süße Naschereien gereicht. Yasser übernimmt das Wort: »Es gibt eine israelisch-amerikanische Verschwörung. Alle Kriege dieser Welt werden von der angezettelt.« Und die versuchten Kofferbomben-Attentate in Deutschland? »Das war die CIA«, ist sich Yasser sicher. »Die Hamas und die Hisbollah sind doch die einzigen Kräfte, auf die wir vertrauen können.« Und er warnt die Deutschen vor drohendem Terror: »Wenn ihr weiter auf Seiten der Verschwörung steht, könnte bald wirklich ein Anschlag hier passieren. Dann seid ihr selbst schuld.«

Die anderen nicken. Die Diskussion schaukelt sich hoch. Die Kreuzzüge werden gestreift, der Irak-Krieg, Afghanistan und das Ungerechte an der Demokratie. »Die gilt bei euch doch nur für Kinderschänder!«, raunzt Yasser. Es wird geschrien und geflucht. Yasser spannt den Bizeps, der auf die Größe einer Zuckermelone anschwillt. Er springt auf, streift sich seine Tarnjacke über, nimmt einen arabischen Krummsäbel von der Wand und fuchtelt wild mit ihm herum. Der Rest schaut zuerst verdutzt, fängt dann einmündig an zu johlen und zu klatschen. Yasser schwurbelt vor sich hin: »La ilaha illallah mohammad rasul allah« – das islamische Glaubensbekenntnis: Es gibt nur einen Gott und Mohammed ist sein Prophet. Hinter ihm prangt die heilige Moschee von Mekka auf einem Stickgewebe. Und Yasser schwingt und wiegt sich mit seinem Säbel um die eigene Achse wie ein Derwisch beim Veitstanz. »Allah akbar«, brüllt er – Allah ist groß. »Wir werden siegen, schreib’ das!«

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Erisen Tafun entsorgt das alte Frittierfett. Es ist ein Uhr nachts, sein Schnellrestaurant schließt jetzt. Guter Umsatz, guter Tag. Und während an der Sonnenallee die letzten Shishas verschmauchen, sinniert Tafun über seine Rolle als Migrant in Deutschland. Dass er hier geboren und deshalb vielleicht nicht sehr muslimisch geprägt ist. Er esse gerne Schweinefleisch, seine Frau dürfe sich kleiden, wie sie wolle und wenn ein Muslim sich an Betty Boos kurzem Röckchen störe, dann müsse er eben draußen bleiben. »Und ich schaffe hier Arbeitsplätze. Das ist doch was.« Tafun schließt den Laden ab und geht.

Laut Berliner Verfassungsschutz wurden im vorherigen Jahr 3410 Personen in der Hauptstadt als Islamisten eingestuft und beobachtet. Das bedeutet: mehr als jeder zehnte Islamist in Deutschland wohnt in Berlin. „Die Lage hat sich zugespitzt. Die radikale Gesinnung wandert wie die Terroranschläge zu uns“, sagt Brigitta Löns von der Presseabteilung. Auch in der amerikanischen Botschaft zeigt man sich sensibel für dieses Thema. „Wir sind uns der Kritik an unserem Land bewusst“, so eine Sprecherin. Allerdings sehe man momentan davon ab, Gegenden wie Berlin Neukölln-Nord als „No-Go-Areas“ für amerikanische Touristen einzustufen.

Jung, frustriert und bereit zur Gewalt

Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus über Terrorgefahr in Berlin

Frau Spielhaus, in Berlin gibt es Islamisten...

Riem Spielhaus: In der Tat. Vor allem in Kreuzberg und Neukölln gibt es diese Problematik. Seit dem 11. September wird da nur genauer hingeschaut. Es ist ein Bewusstsein entstanden für die Umstände in Berlin und das ist durchaus gut so.

Hat sich das Problem durch den 11. September verstärkt?

Es hat wesentliche Veränderungen gegeben. Auch andere politische Ereignisse wie etwa der Krieg in Afghanistan, der Irak-Krieg oder jetzt der Krieg im Libanon spielen da eine Rolle. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund werden davon beeinflusst und positionieren sich neu.

Was genau passiert da?

Das ist in erster Linie eine Reaktion auf die empfundene Ablehnung des Islam. Die Jugendlichen sehen, dass Terror mit dem Islam gleichgesetzt wird. Den Krieg gegen den Terror empfinden sie also als einen Krieg gegen sich. Wo immer Muslime bekämpft werden, fühlen ihre jungen Glaubensbrüder dann solidarisch. Außenpolitische Ereignisse vermischen sich mit der Erfahrung, in einer Gesellschaft nicht dazuzugehören.

Also geht es auch um eine Art Trotz?

Trotz wäre eine verkürzte Darstellung des Problems. Vielmehr geht es um eine direkte Antwort auf die eigene Fremdheits-Erfahrung. Bei den Einen heißt das, dass sie ein positives Bild des Islams zeichnen, die Anderen werden radikal. Dabei bedienen und bedingen sich die Extremisten und die Hardliner in der Bundespolitik. Wenn Stoiber oder Beckstein etwas sagen, fällt die Antwort entsprechend aus. Die spielen sich gegenseitig in die Hände.

Kann man von dem einen Islamismus sprechen?

Nein, es gibt verschiedenste Gruppen. Die wenigsten darunter sind übrigens gewaltbereit, in Berlin sind das vielleicht 200 Personen. Da lohnt auch ein Blick in den Verfassungsschutzbericht. Gemein ist allen Strömungen, dass sie für einen islamischen Staat eintreten. Und Verschwörungstheorien spielen bei vielen eine Rolle. Sie sind ein großer radikaler Nährboden: die Geschichten von der semitischen oder kapitalistischen Weltverschwörung.

Warum ist Berlin so stark betroffen?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Möglicherweise haben wir einfach nur bessere Erkenntnisse, denn hier kann genauer hingeschaut werden. Das Gebiet ist überschaubarer als ein großes Flächenland. Ich glaube, daher ist Berlin auch eher besser beschützt als andere Länder.

An welchen Orten treffen sich islamistische Kreise?

Es sind jedenfalls nicht mehr die Moscheen. Dort lernt man sich höchstens kennen. Privaträume und Cafés sind öfter Treffpunkt. Pläne werden kaum in öffentlichen Räumen geschmiedet. Deshalb sollte man die Verantwortung und Einflussmöglichkeit der Imame und Moscheen auch nicht überschätzen. Die können nicht mehr tun, als die Leute rauszuwerfen aus ihrem Haus. Damit ist aber das Problem für die Gesellschaft nicht gelöst.

Wer neigt dazu, Terrorist zu werden?

Die Täterprofile zeichnen das Bild vom jungen, persönlich frustrierten Gefährder um die 20. Die 35- bis 50-Jährigen sind dagegen eher in der Planung und im ideologischen Aufbau zu finden.

Experten befürchten, dass es in absehbarer Zeit einen Terroranschlag in Berlin geben könnte.

So etwas sehe ich momentan noch nicht. Man kann sich nie sicher sein, aber bis jetzt erkenne ich keine aus Berlin kommende so starke islamistische Gewaltbereitschaft. In London wurden in England sozialisierte Männer zu Attentätern. Genau darin sehe ich einen Unterschied zu Deutschland. Wir haben bisher keine in gleichem Maße politisierten Milieus wie in England. Auch die jüngsten Kofferbomben-Attentäter sind ja nicht hier aufgewachsen. Anderseits kann sich das aber schnell ändern. Man braucht nur auf die Arbeitslosenraten unter jungen Migranten zu schauen, um zu sehen, wie viel Perspektivlosigkeit auch bei uns heranwächst.

Gibt es einen Kampf der Kulturen in Berlin?

Auch hier hat seit dem 11. September ganz klar eine Abgrenzung eingesetzt. Es heißt heute immer öfter: wir gegen die. Muslimische Menschen werden stigmatisiert und distanzieren sich ihrerseits wieder. Im Ganzen ist das ein Aushandlungsprozess in unserer Gesellschaft um die Frage: Wer gehört dazu? Der Ausgang dieses Prozesses ist offen. Aber ich sehe positive Anzeichen zu einem neuen Wir, das Migranten gleich welcher Religion einschließt.

Die Fragen stellte Christoph Wöhrle

Riem Spielhaus ist Islamwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie forscht seit Jahren zum Thema Islam in Deutschland.

BERLINER MORGENPOST

Nr. 248 vom 10. September 2006

Bewertung der Jury

Christoph Wöhrle erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2007 in der Kategorie »Lokales« für den Beitrag »Doktor Fastfood und Mister Dschihad«, erschienen in der Berliner Morgenpost am 10. September 2006.

Wöhrle berichtet über zwei arabisch geführte Berliner Restaurants, einem traditionellen und einem Burger Restaurant. Zugleich zeichnet er eindringlich die mentalen Veränderungen in einer Gegengesellschaft, in die selten ein Einblick gelingt. Die Schilderung ist nüchtern und eindringlich zugleich. Sie kommt selbstverständlich und unaufgeregt daher. Dass solche Themen auch im Lokalteil erscheinen, erschien der Jury besonders würdigenswert.

Kurzbiographie

Christoph Wöhrle

Geboren am 30. Mai 1979 in St. Georgen (Schwarzwald).

Nach Abitur und Zivildienst im Jahre 2001 Mitarbeit bei einem Straßenkinderprojekt in Bolivien.

Seit 2001 Studium der Neueren Deutschen Literatur, Politischen Wissenschaften und Soziologie an der Humboldt-Universität Berlin und in Brasilien.

Erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter im Lokalteil des Südkurier, St. Georgen. Danach als freier Mitarbeiter für diverse Publikationen tätig, u.a. für die Magazine Stern, Spiegel, Park Avenue, Neon, Playboy, Maxim und für die Berliner Zeitungen Die Welt (Reportage) und Berliner Morgenpost.

Seit April 2007 Mitglied der 22. Ausbildungsredaktion der Berliner Journalistenschule.

Christoph Wöhrle hat 2006 den Ratgeber »Berufsziel: Journalist« im Verlag uniedition (Bochum) veröffentlicht.