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Rede von Hermann Neusser anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 12. September 2006 in Düsseldorf

Zum 44. Mal wird heute der Theodor-Wolff-Preis verliehen. In Erinnerung an den großen Chefredakteur des "Berliner Tageblatts". Es ist der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen; eine Besonderheit unter den Auszeichnungen für herausragende journalistische Arbeiten. Nicht ein einzelnes Medienunternehmen oder eine Sparte unserer Branche verleihen diesen Preis. Hinter ihm steht vielmehr die Gesamtheit unserer Tages- und politischen Wochenpresse in all ihrer Vielfalt. Damit dient der Theodor-Wolff-Preis - und das unterscheidet ihn von anderen - nicht dem Ansehen nur eines Hauses. Die preisgekrönten Texte sind Ausdruck des Qualitätsstrebens eines ganzen Berufsstandes.

Es entspricht der Pluralität und auch der Struktur unserer Zeitungslandschaft, dass die Übergabe dieser Auszeichnung immer an Orten stattfindet, wo qualitätsvoller Journalismus zu Hause ist. 2004 und 2005 war das Haus Axel Springer in Berlin Gastgeber, davor waren wir beispielsweise in Leipzig, Frankfurt und auch in Bonn. Heute sind wir nach Düsseldorf gekommen. Auf Einladung des Verlages der "Rheinischen Post", den wir seit vielen Jahren als besonderen Freund und Förderer des Theodor-Wolff-Preises zu schätzen wissen.

Ich begrüße Sie, natürlich allen voran unsere Preisträger, ganz herzlich hier im Apollo-Theater. Mein Dank gilt Herrn Clemens Bauer, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, und seinen Mitarbeitern, die diese festliche Veranstaltung mit vorbereitet haben. Mein besonderer Gruß gilt auch Herrn Verfassungsrichter Professor Udo Di Fabio, der anschließend zu uns sprechen wird. Herr Professor, Sie haben im vergangenen Jahr ein viel beachtetes Buch über die "Kultur der Freiheit" herausgebracht. Damit sind Sie ganz nah bei unserem Metier. Zeitungen sind eine Kulturleistung. Ohne starke, unabhängige Zeitungen gibt es keine demokratische Entscheidungsfreiheit. Nur eine starke und unabhängige Presse garantiert den ständigen Austausch zwischen der Politik und der Gesellschaft.

Wenn diese Kommunikation ausbleibt, so verarmt der freiheitliche Rechtsstaat - genau daran hat in seinen vielen Veröffentlichungen ein Mann immer wieder erinnert, der 1949 hier in Düsseldorf, in der Landesregierung von Karl Arnold, seine politische Karriere begonnen hatte: Dr. Rainer Barzel. Er war bis zuletzt ein wirklich engagiertes Mitglied des Kuratoriums Theodor-Wolff-Preis. Mit seiner politischen Erfahrung und seinem analytischen Scharfsinn war er uns immer ein wichtiger Ratgeber. Und es bereitete ihm sichtlich Vergnügen, mit den Preisträgern zu debattieren. Wir gedenken Rainer Barzels in Trauer und Dankbarkeit.

Düsseldorf ist die Heimatstadt des Dichters und Journalisten Heinrich Heine. Vor 150 Jahren ist er in Paris gestorben. Heine, Mitarbeiter von Cottas "Allgemeiner Zeitung", war fasziniert von dem Ideenkampf, der zu seiner Zeit in Frankreich - vor allem in Paris - stattfand. Das politische Weltbild von Theodor Wolff wurde ebenfalls in der französischen Metropole geprägt, wo er als junger Korrespondent des "Berliner Tageblatts" arbeitete. Im Herbst 1906, also vor genau 100 Jahren, verließ er Paris und kehrte nach Berlin zurück - als Chefredakteur seiner Zeitung. Heinrich Heine und Theodor Wolff - zwei sehr unterschiedliche Naturen - gewiss. Aber beide waren sie scharfe Beobachter, und sie lieferten brillante Zeitungsgeschichten.

Freilich hat sich der Journalismus seither stark verändert. Die Dynamik des Neuen scheint grenzenlos. Mit dem Internet erreichen uns auch völlig neue Darstellungsformen wie Blogs, Wikis und die vielfältigen Informationsnetzwerke jenseits des klassischen Journalismus. Ich denke, dass die Zeitungen diese Veränderungen der Kommunikationskultur auch als Chance begreifen sollten, neue Wege zum Publikum zu finden. Die Menschen brauchen nämlich mehr als Fakten. Sie wollen wissen, ob die Fakten stimmen und was hinter den Fakten steht. Ich möchte hier nichts gegen den Idealismus der Blogger sagen; in manchen Fällen wirken ihre Produkte ja auch durchaus als Korrektiv. Doch die immer wieder zu hörende These, dass im Internet jeder ein Journalist sein kann, dass wir uns gar auf dem Weg in eine "redaktionelle Gesellschaft" befinden, empfinde ich geradezu als naiv. Der pure Vorgang des Veröffentlichens ist doch noch kein Journalismus. Auch wenn dann oberflächlich von so genanntem "Bürgerjournalismus" die Rede ist. Bei all dem geht es doch nur um subjektive Perspektiven. Es fehlt die Qualitätsprüfung. Informationen und Meinungen werden - wenn überhaupt - erst überprüft, nachdem sie veröffentlicht sind. Und zwar durch andere Nutzer. Das widerspricht bewährten journalistischen Standards, nämlich Nachrichten erst nach ihrer sorgfältigen Prüfung, nach Checks und Gegenchecks zu verbreiten.

Zuverlässige Orientierung in allen Lebensbereichen und vor allem im unmittelbaren Lebensraum der Leser beziehungsweise Nutzer bietet die Zeitung - Print wie Online. Die relevanten Themen erkennen, strukturieren und aufbereiten, Debatten in allen Lebensbereichen moderieren - von der Politik und Wirtschaft über Feuilleton bis zum Sport - das ist ein kompliziertes und komplexes Handwerk, das nur von talentierten und gut ausgebildeten Journalisten erledigt werden kann.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Zeitung das Medium ist, dem die Menschen das größte Vertrauen entgegenbringen. Vertrauen und Glaubwürdigkeit erlangt nicht der, der am lautesten schreit. Sie haben mit Unabhängigkeit zu tun, mit Substanz, mit sorgfältiger Recherche und mit Fairness, wie es zum Beispiel Karl Feldmeyer, den wir heute für sein Lebenswerk würdigen, vorgemacht hat. Die Glaubwürdigkeit ist vielleicht das höchste Gut, das Zeitungen heute haben - publizistisch wie ökonomisch.

Und damit komme ich zu den eigentlichen Protagonisten des heutigen Abends. Sie, liebe Preisträger, sind zum Teil recht temperamentvoll und allesamt neugierig den Dingen auf den Grund gegangen. Herausgekommen sind subjektive Texte, teilweise mit literarischem Charakter. Aber alle Beiträge zeichnen sich aus durch beeindruckende Recherche, tiefgreifende Analyse und Wahrhaftigkeit. Genau das entspricht guter Zeitungstradition. Herzlichen Glückwunsch zu diesen herausragenden journalistischen Leistungen. Ich möchte es auch nicht versäumen, von dieser Stelle aus den Verlagen zu danken, die einen solch anspruchsvollen Journalismus möglich machen.

Gestern war der 11. September. Auch nach fünf Jahren hat das Zerstörungswerk verblendeter Fanatiker nichts von seinem Schrecken verloren. Im Gegenteil: die Folgen stellen gerade die Presse vor immer neue Herausforderungen. Es ist klar, dass Journalisten in dieser angespannten Situation ihrer Arbeit mit großem Verantwortungsgefühl nachkommen müssen. Und es ist nicht leicht, die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit, auch der freien Berichterstattung, zu wahren. Aber selbst in Zeiten des Terrorismus hat der Staat alles zu unterlassen, was die Freiheit der Presse unmittelbar tangiert.

Wir wissen nicht, was ein liberaler Kopf wie Theodor Wolff zu einem Vorgang wie dem Streit um die Mohammed-Karikaturen gesagt hätte. Mit Sicherheit hätte er die Idee eines europäischen Verhaltenskodex verworfen, wie sie von eilfertigen Politikern zur Diskussion gestellt wurde. Den Grundsatz der Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst hätte er ganz entschieden verteidigt. Doch vermutlich hätte er zugleich seine Kollegen der schreibenden Zunft aufgefordert, darüber nachzudenken, was unter einem - dringend notwendigen - kritischen Dialog über Religion zu verstehen ist, was zur Information über eine Kultur, die den Europäern fremd ist, gehört und wo die Verletzung religiöser Gefühle beginnt. Ich glaube, dass es eine der vornehmen Aufgaben der Zeitungen ist, bei diesem sensiblen Thema all ihre Stärken auszuspielen. Auch das ist ein Aspekt der Glaubwürdigkeit.

Eine Reihe von Abhör- und Durchsuchungsaktionen haben im vergangenen Jahr das Verhältnis zwischen staatlichen Instanzen und der Presse in Deutschland stark belastet. Das Gebot der Verhältnismäßigkeit ist in keinem Fall beachtet worden. Wir Zeitungsverleger erwarten von den staatlichen Organen eine größere Sensibilität im Umgang mit recherchierenden Journalisten. Die Frage, wie der Quellenschutz verbessert werden kann, bleibt auf der Tagesordnung. Dabei geht es keineswegs um ein Sonderrecht für eine einzelne Berufsgruppe. Es geht um ein wesentliches Element des Bürgerrechts auf Presse- und Informationsfreiheit. Es geht um eine Voraussetzung der Kultur der Freiheit, wie sie Herr Professor Di Fabio beschreibt.