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»Wer souverän ist, bleibt eben auch unbestechlich«

»Wer souverän ist, bleibt eben auch unbestechlich«

Von Ulrich Reitz

Weshalb der Hauptstadt-Berichterstatter Karl Feldmeyer für viele von uns –die, 20 Jahre jünger als er, seinerzeit in diesen Beruf kamen – ein Vorbild war? Nun: Feldmeyer wurde nicht alters-, also erfahrungs-souverän, er war es immer schon. Natürlich versuchten (und versuchen) Parlamentarier – die wirklich Wichtigen wie die angemaßt Bedeutsamen – ihre Geschäfte zu machen mit der Presse. Vertrauliche, exklusive Informationen gegen veröffentlichtes Wohlwollen. Feldmeyer blieb dagegen lächelnd immun. Er stand einfach darüber. Und seine Informationen bekam er trotzdem. Wer souverän ist, bleibt eben auch unbestechlich – tatsächlich wie intellektuell.

Feldmeyer blieb in diesem Milieu, in dem Spin-Doktoren wie kaum sonst wo Wahrheit mit Halbwahrheit verquirlen, stets der gebotene Skeptiker. Einer Version der Dinge allein – und gerade, wenn sie spektakulär daher kam – schenkte er stets sein volles Misstrauen. Und meistens behielt er Recht. Das machte ihn für sein Blatt, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, so wertvoll. Erst Rechercheure, Schreiber wie er machen die FAZ zur Archiv-Zeitung Nummer eins, eine Instanz, auf die man zurückgreift, um zuverlässig zu wissen, wie es wirklich war.

Der Gesprächs- und Informations-Partner Feldmeyer blieb – viel länger jedenfalls als viele andere – fair. Unvoreingenommen sein, das ist für ihn die journalistische Urtugend geblieben. Ob sich dahinter die illusionslose Erkenntnis verbirgt, dass Journalisten selbst dann, wenn sie – dabei ihre Grenzen überschreitend – Wirklichkeit zu beeinflussen versuchen, unweigerlich scheitern, mag er als sein Geheimnis behalten. Seine Haltung: distanziert sein, selbst zu einer vermeintlich guten Sache. Sich nicht gemein machen. Und niemals einen Informanten (in wichtigtuerischer Attitüde) ins Fenster hängen. Kein Aufsehen machen um sich selbst. Und darum schnörkellos schreiben.

Und immer die Nase im Wind. Tektonische Veränderungen in der Union, jener seltsamen Parteien-Formation, über die er 30 Jahre lang neugierig schrieb, nahm er oft vor anderen Zeitgeist-Diagnostikern wahr. Spürte mit seinem unverstellten Blick auf und für das Persönliche – und überdies vor der Meute –, weshalb es mit dem Parteiführer Helmut Kohl und dessen damaligem »General «, Heiner Geißler, ans Ende kommen würde. Warum Wolfgang Schäuble nicht Kanzlerkandidat werden konnte, nicht jedenfalls, solange Kohl noch Einfluss hatte.

Ein Konservativer (intelligente Konservative sind »aufgeklärt«, man muss ihnen dieses irgendwie die Grundhaltung entschuldigende oder relativierende Etikett nicht umhängen wollen), ein Patriot ohnehin, der sich über die Vereinigung der beiden Staaten in Deutschland so aufrichtig freute, wie er nicht nur als Demokrat, sondern als aufrechter Mensch alles zutiefst verabscheute, was die Chiffre »Stasi« trägt. Tatsächlich jemand, der kaum aus der Ruhe zu bringen ist. Nicht ein mal durch Besserwisser oder Anmaßende.

Es sollte Karl Feldmeyer, der über so viele Jahre so untadelig seine Arbeit verrichtete, freuen, dass die Entscheidung der kritischen Jury, ihm den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk zu verleihen, respektvoll einstimmig fiel.

Kurzbiographie

Karl Feldmeyer

Geboren am 30. November 1938 in Mindelheim, nach Schule und Abitur anschließend Volontariat bei der Allgemeinen Zeitung in Mainz, erste Berufspraxis, unterbrochen von fünf Studienjahren (Zeitgeschichte und Politische Wissenschaften), danach mehrere Jahre bei der Frankfurter Neuen Presse als Nachrichtenredakteur. 1971 Wechsel zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 1976 Korrespondent des Blattes.

Illusionen über den Beruf und seine Chancen spielten bei der Berufswahl keine Rolle. Dafür sorgte schon die intime Kenntnis über das Metier, die das Elternhaus vermittelte. Als Sohn eines Journalisten waren mir die Vorzüge wie die Schattenseiten des Berufs wohl vertraut, lange bevor ich das erste Mal Umbruch machte. Entscheidend waren nicht die Hoffnungen allein, sondern die Begier, sich mit Politik beschäftigen zu können, ohne den Weisungen unterworfen zu sein, die der Beamte zu beachten hat; oder sich das »Gesangsbuch« einer Partei zulegen zu müssen. Somit war vom ersten Tag an klar, in welches Ressort der Volontär Feldmeyer drängte und wo er glücklicherweise auch hin gelangte. Seither hat er sein Berufsfeld, die Politik, nicht mehr verlassen, sondern nur noch die Form der Beschäftigung mit ihr gewechselt. In Bonn wäre sie schon längst zum einzigen Gegenstand seiner Beschäftigung geworden, würde die Familie nicht gelegentlich von ihrem Veto-Recht Gebrauch machen.

Diesen Text schrieb ich 1978, nachdem mir der Theodor-Wolff-Preis für meine Berichterstattung über die Lutze-Wiegel-Affäre verliehen worden war.

Fast 30 Jahre sind seither vergangen; an dem Text von damals gibt es nachträglich nichts zu korrigieren, sondern nur zu ergänzen. Die 24 Jahre in Bonn und die sechs Jahre, die sich in Berlin anschlossen, waren für mich eine Kette von faszinierenden Ereignissen, an denen ich teilhaben durfte. Die Lutze-Wiegel-Affäre war darin nur ein Mosaikstein neben Ereignissen, die die Welt verändert haben. Das gilt für den Nato-Doppelbeschluss und die so genannte Nachrüstung mit atomaren Mittelstreckenraketen. 1982 musste Helmut Schmidt mit dem vorzeitigen Ende seiner Kanzlerschaft dafür bezahlen, dass er diese richtige Entscheidung getroffen und durchgehalten hatte. 1989 fiel die Mauer und Ende 1990 war Deutschland wiedervereint. Gewiss, daran hatten Gorbatschow und Präsident Bush maßgeblichen Anteil – aber ohne den Beitrag von Helmut Schmidt und Helmut Kohl wäre sie kaum möglich geworden. Ich hatte das Privileg, diese Vorgänge aus nächster Nähe beobachten, beschreiben, analysieren und kommentieren zu dürfen. Es war ein politischer Prozess, der ein ganzes Jahrzehnt füllte und mich faszinierte. Zum Schluss mündeten die Themenbereiche, die mich ausfüllten, zusammen: die Sicherheitspolitik und die Deutschlandpolitik. 1988 erschien die Forderung eines CDU-Parlamentariers »Einheit statt Raketen« dem Bundeskanzler noch skandalös; ein Jahr später war sie Wirklichkeit. Es war eine Zeit, in der man zu träumen meinte.

Danach nahmen mich die Folgen der Wiedervereinigung in Beschlag, angefangen von dem Ringen um die Entscheidung, ob Berlin wieder Hauptstadt Deutschlands werden sollte, bis hin zur Schwarzgeldaffäre des einstigen Bundeskanzlers Kohl und ihren Folgen. Der Aufstieg Angela Merkels zur Bundeskanzlerin war die erstaunlichste unter ihnen. Nach dreißig Jahren in Bonn und Berlin als Parlamentskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bleibt mir zum Schluss nur die Feststellung: Schade, dass sie schon vorbei sind.