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Prämierter Text

Vor Gericht

Von Jens Voitel

»Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.«

(Artikel 3 des Grundgesetzes)

Wenn sie die vielen Geschichten erzählen könnte. Wenn sie ein kleines Stückchen davon verraten würde, was in ihrer Nähe geflüstert und getuschelt wird. Aber sie bleibt stumm. – Nun ist das für eine schwere braune Holzbank nicht ungewöhnlich, aber gerade dieses geleimte Stück Holz könnte eine Menge über das Leben in dieser Stadt berichten, über deren Menschen, über deren Alltag, über Schicksale in Emden.

Das an vielen Ecken schon abgewetzte und an einigen Stellen von Unbekannten mit einfallslosen Ritzereien verletzte Sitzmöbel steht vor Saal 14 des Emder Amtsgerichts. Und genau hier, an der braunen Holzbank vor dem Schöffensaal, kommen sie alle noch einmal zusammen – egal was war, gleichgültig was kommt: Hier trifft der Schläger noch einmal auf den ins Krankenbett Geschlagenen, der Betrüger auf den Betrogenen, der Ex-Freund auf seine verprügelte Ex-Freundin, das Milchgesicht auf den Polizisten, dem es das Nasenbein gebrochen hat. Und die alte Holzbank schweigt.

***

Der junge Mann bleibt lieber stehen. Er hantiert ein wenig ungeschickt mit seiner Aktenmappe herum, die für ihn ein ungewohntes Utensil zu sein scheint. Er hat sich landfein gemacht. Nur die Mappe will so gar nicht zu den muskulösen Oberarmen passen. Der junge Mann ist nicht allein. Auf der Holzbank vor dem Schöffensaal sitzen zwei weitere Männer. Die antrainierten, mühsam in Kleidung gepressten Schultern machen sie zu Gleichgesinnten. Anspannung ist zu spüren.

Ab und zu wird verlegen gelächelt, die Blicke flattern über den Flur, das Kommen und Gehen auf der massiven Steintreppe wird misstrauisch aus dem Augenwinkel beobachtet. Keine 30 Schritte entfernt eine andere Gruppe. Ein paar Männer, auch keine Schwächlinge, zwei davon kurz geschoren, daneben eine junge Frau. Auch hier wird wenig geredet.

Es ist jetzt kurz vor neun an diesem Montagmorgen. Die Ouvertüre einer langen Woche. Der breite Linoleum-Flur in der ersten Etage des Emder Amtsgerichts glänzt von einem unberührten Wochenende. Nur vor Saal 14 kommt nach und nach Bewegung auf. Der Terminplan verkündet den Tatbestand: »gefährliche Körperverletzung«. Wer aber ist der Täter, wer das Opfer? Wer ist Zeuge, wer nur Begleiter? Wer gegen wen?

Vor Saal 14 ist es den Menschen nicht anzusehen, auf welcher Seite sie stehen. – Die Worte werden leise gewechselt, lässige Bewegungen sollen Stärke zeigen, doch nervöse Finger verraten das Schauspiel. Wer hat Angst? Wer ist sich sicher? Dann öffnet sich die schwere Tür zum Schöffensaal. Die alte Holzbank bleibt allein zurück.

***

Während das Leben draußen weitertrottet, der ältere Herr auf der anderen Straßenseite vor der Drehtür der Stadtverwaltung noch einmal tief durchatmet, bevor er sich in die Irrungen und Wirrungen der Bürokratie stürzt, der Finanzbeamte gleich nebenan vielleicht gerade einen Haken hinter die Steuererklärung eines ihm völlig Unbekannten macht, und der Busfahrer einen letzten Fahrgast einlässt, um ihn wie jeden Tag in Richtung Borssum zu chauffieren, sind die Menschen im mächtigen Emder Gerichtsgebäude einen wichtigen Augenblick lang aus diesem Leben herausgerissen – oft nur für eine halbe Stunde, manchmal für ein paar Stunden, in einigen Fällen auch für länger – an das Licht der Öffentlichkeit gezerrt, auch wenn die Öffentlichkeit oft überhaupt keine Kenntnis davon nimmt.

Die Menschen vor Gericht haben zumindest den unnachgiebig scheinenden Blick der Staatsgewalt auf sich gezogen. Fremde Menschen werden über sie urteilen. Für einige bislang unvorstellbar, für andere schon fast eine Art Routine. Andere ertragen das Geschehen aus einer Mischung aus Verzweiflung, Gleichgültigkeit und Resignation.

***

Eine ganz normale Woche im Emder Amtsgericht und die Akteure: der Türsteher, der einen Gast verprügelt, der Kfz-Meister, der sich von Freunden Geld leiht und es nach der Pleite seines Betriebes nicht zurückzahlen kann, der arbeitslose Handwerksmeister, der einen Mietstreit mit einem Elektroschocker zu lösen versucht und dabei seinen Sohn mit in den Abgrund zieht. Und der arbeitslose Tankwart, der seine Freundin schlägt und partout nicht einsehen will, dass das nicht richtig ist.

Da ist der Jugendvertreter, dessen blaues Auge vor Gericht so gar nicht zum schnieken Anzug passen will, und dem der Staatsanwalt nun vorwirft, er sei nach der Disko betrunken mit dem Auto gefahren. Jetzt zittert der 25-Jährige um seinen Job. Da ist auch die arbeitslose Hausfrau, die Taxi fährt, um ihrer nicht gerade in Wohlstand lebenden Familie einmal etwas gönnen zu können. Jetzt steht sie als Betrügerin da. Die gleichzeitig bezogene Arbeitslosenhilfe ist ihr zum Verhängnis geworden.

Da ist noch der psychisch kranke junge Mann, der wieder einmal vor Gericht steht, weil er sich genommen hat, was er sich nie wird leisten können. Und da ist der arbeitslose Schweißer, der im Clinch mit der Agentur für Arbeit liegt und dem jetzt Betrug vorgeworfen wird. Da sind der arbeitslose Hotelfachmann, der sich, aus welchen Gründen auch immer, pornografische Bilder mit Kindern aus dem Internet holt, und der Mann, der eine Urkunde fälscht, damit man ihm das in Russland mit der Schwester seiner jetzigen Frau gezeugte Kind nicht wieder wegnimmt.

Da ist aber auch noch der deutsche Bauarbeiter aus dem fernen Russland,

der dem Borkumer Polizisten mit einem Kopfstoß die Nase bricht. Da ist der junge Mann, der seine Freundin bedroht und schlägt, weil er das gemeinsame Kind nicht sehen soll, und der Mann, der trinkt und dann die Ehefrau verprügelt und anschließend die Möbel zertrümmert. Und da ist der Mann, der einen katastrophalen Unfall verursacht hat und noch immer nicht weiß, wie das überhaupt geschehen konnte.

Gerichtsverhandlungen im Stundentakt. Eine ganz normale Woche vor dem Emder Amtsgericht. Einzelschicksale, aber auch ein Spiegelbild des alltäglichen Wahnsinns. Banalitäten, die Menschen in den Abgrund stürzen können, sie zumindest aber in die Tiefe blicken lassen. Katastrophen, die, von der großen Öffentlichkeit unbemerkt, auch Leben zerstören können.

***

»Was haben wir denn heute?« Amtsrichter Günther Bergholz nimmt die oberste der roten Akten vom Stapel, blättert darin und begrüßt ganz nebenbei, aber freundlich, die jetzt vor ihm stehenden starken Herren vom Flur, die etwas unsicher nach ihrem Platz in der bevorstehenden Aufführung suchen.

Zunächst und auf dem Papier sind die Menschen vor Gericht alle gleich. Und doch werden sie bereits zu Beginn für alle sichtbar in Täter, Opfer und Zeugen aufgeteilt. Eine gemeinsame Geschichte hat sie vor die Wächter der Gesetze gebracht hat. Und die teilen sie jetzt auf, in die Bösen und die Guten, zumindest theoretisch. Angeklagte sitzen links vor dem Richter, Opfer nehmen rechts Platz. Aber so einfach ist das Leben zumeist nicht. Schon gar nicht vor Gericht.

Schwer liegt an diesem frühen Montag die juristische Vokabel im Raum: »vorsätzliche Körperverletzung«. Was sich tagtäglich im Emder Amtsgericht abspielt, ist keine Seifenoper. Wer die Justiz mit einer Gerichtsshow im Fernsehen verwechselt, wird vergeblich auf die Werbung warten, wird in der Regel auf die große Geste, das laute Geschrei verzichten müssen.

Allerdings auch nicht immer. Und der Verdacht bleibt, dass diese telegen inszenierte Suche nach dem Recht auf die Protagonisten des wahren Lebens abfärbt. Bewiesen ist das nicht. Und selbst die Experten sind sich nicht sicher. »Ich glaube schon, dass sich die Menschen, die vor Gericht erscheinen, durch das Fernsehen verändert haben.« Staatsanwalt Lars Maibaum hat sehr wohl Veränderungen beobachtet. Dabei will er gar nicht erst vom abnehmenden Respekt vor der Justiz sprechen.

Vor allem die Jüngeren würden oftmals vergessen, dass es hier um den Ernst des Lebens geht, vielleicht um ihre Zukunft. Und nach dem Urteilsspruch kann man nicht einfach auf einen anderen Sender umschalten, sondern hat sich im schlimmsten Fall gerade die eigenen Perspektiven verbaut. Richter Bergholz sieht die Sache ein wenig anders: »Ich denke nicht, dass das Fernsehen großen Einfluss genommen hat. Aber die Gesellschaft hat sich gewandelt.« Nicht zu ihrem Vorteil, wie er zu denken scheint. Er macht sich schon Sorgen, wie das weitergehen soll. Er hofft aber auch, mit seinen Urteilen etwas zu bewirken. Zumindest ein wenig.

***

»Ihnen wird vorgeworfen...!«, »...die Treppe hinunter gestoßen...«, »...in die Beine getreten«, »Faustschläge«, »Schädelbasisbruch...« – Schrecklich grobe Worte prasseln plötzlich auf den Muskelmann nieder, womit er bis auf weiteres seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat: auf der Anklagebank. Der junge Mann blickt betont fragend auf den nicht viel älteren Mann in der schwarzen Robe, der sich für die Verlesung seiner Anklage erhoben hat. Der Angeklagte kann das alles gar nicht glauben, so zumindest sein Gesichtsausdruck.

Der Mann auf der Anklagebank hat die Hände gefaltet, unter dem Stuhl wippt ein Fuß. Ganz offensichtlich die typische Grundhaltung vor Gericht. Fast alle Beteiligten halten sich so, oder so ähnlich, auf dem Stuhl. Der Mann ist nun allein, seine Begleiter haben als Zeugen den Saal wieder verlassen und warten vermutlich wieder auf der alten Holzbank.

Es war ein Abend wie wahrscheinlich viele zuvor: In der Disco wird  gefeiert, die Durchtrainierten bewachen das Geschehen. Das ist ihr Job. Und dann kommt es, wie es oft kommt: Alkohol, Wortfetzen, Streit, Geschubse, Gewalt. »Ich wollte das in Ruhe klären.« Dann spricht er noch von einer »1 zu 1-Situation«, beschreibt seinen Kontrahenten in steigender Form als »aggressiv«, »sehr aggressiv «, »superaggressiv«. Das ist seine Version.

Die andere, die des Opfers, klingt dramatischer: »Dann hat er mich an die Wand gedrückt, in die Rippen und ins Gesicht geschlagen. Mehr weiß ich nicht. Man hat mir später im Krankenhaus erzählt, dass er immer weiter auf mich  eingeschlagen hat, auch als ich schon am Boden lag. Davon hab’ ich schon gar nichts mehr mitbekommen.« So die andere Version, die von anderen bestätigt werden wird.

Eine geschwollene Gesichtshälfte, eine aufgeplatzte Lippe, Prellungen am ganzen Körper, eine Woche Krankenhaus, fast sieben Wochen Kopfschmerzen – das ist die medizinische Bilanz einer scheinbar ganz normalen Nacht, die für alle Beteiligten vermutlich ganz harmlos begonnen hatte und so düster enden sollte. Ein Bierglas war der Auslöser.

Staatsanwaltschaft und Gericht ziehen nach einer guten Stunde und nach der Vernehmung mehrerer Zeugen ihr eigenes Fazit: wegen vorsätzlicher Körperverletzung muss der Angeklagte, der jetzt auch aktenkundig ein Täter ist, 1.200 Euro Strafe zahlen. Der Muskelmann schnappt sich seine Aktenmappe und verschwindet ohne Worte durch die Tür. Er hätte wahrscheinlich noch eine ganze Menge zu sagen, aber das ist jetzt ohne Sinn. Die erste von fast 20 Verhandlungen  in dieser Woche ist beendet.

***

Vor dem Emder Amtsgericht geht es – anders als vor dem Landgericht in Aurich, wo auch Mord und Totschlag verhandelt wird – in der Regel um die scheinbar kleinen Dinge des Lebens, was überhaupt nichts über deren Gewicht aussagt. Körperverletzung, häusliche Gewalt, Diebstahl, Betrug, Fahren ohne Führerschein – all das, was so banal klingen, im Einzelfall aber einen ganzen Rattenschwanz hinter sich herziehen kann. Auch die vermeintlich kleinen Dinge haben vor Gericht Folgen – für den Täter, vor allem aber für die Opfer.

Opfer sind nicht nur die Geschlagenen und Betrogenen. Auch die Familien werden oft mit in die Tiefe gezogen. Wie die 26-Jährige. Sie kämpft mit der Fassung, als sie vor den Richter tritt. Und dennoch muss sie sich diesen Tag, der ihr Leben verändert hat, noch einmal vor Augen führen. Der Tag, an dem ihr Mann vor ihren Augen in der eigenen Wohnung überfallen, geschlagen, gequält und gedemütigt worden ist. Sie hatte das Baby auf dem Arm, sie konnte ihrem Mann nicht helfen.

Der 48-jährige Täter, verheiratet mit einer Lehrerin und selbst Vater von zwei Kindern, weicht ihren Blicken aus. Aus Scham? Aus Angst, weil sein Lügengebäude diesem verzweifelten Zeugenbericht nicht standhalten wird? Während sich das eigentliche Opfer gefasst gibt, fast emotionslos, aber sehr angespannt die Gewalt gegen sich geschildert hat, bricht es aus dessen junger Ehefrau heraus: »Ich träume heute noch davon.« Dann weint sie. Richter Bergholz fragt, ob sie der Überfall auf ihren Mann auch nach einem Jahr noch so aufreibt. Bergholz braucht eigentlich keine Antwort.

Die Opfer. Sie müssen die Blicke ertragen, die bohrenden Fragen, das Misstrauen. Sie müssen sie aushalten, die Begegnung mit dem Peiniger, dem Betrüger, dem Schläger. Viel hängt vom Einfühlungsvermögen der Richter ab. Wer Gewalt oder auch nur Ungerechtigkeit gegen sich erfahren hat, duldet keine andere Wahrheit, keine andere Version seiner Geschichte. Das ist schwer. Das ist verständlich.

Opfer ist auch die Frau, die sich den Schlägen ihres Mannes erwehren musste, die aber immer noch hofft, dass der Teufel Alkohol nicht für ewig zwischen ihnen stehen wird. Fast sachlich referiert die 40-Jährige die Tat: »Er war völlig von Sinnen, hatte die Kontrolle über sich verloren.« Die 15-jährige Tochter habe dann die Polizei gerufen. Fast vergisst man, dass der Frau auf dem Zeugenstand die Gewalt galt.

Opfer ist auch der 26-jährige Motorradfahrer, der auf der Larrelter Landstraße dem plötzlich aus einem Wirtschaftsweg aufgetauchten Auto nicht mehr ausweichen konnte. Sein Leben hangelt sich seit nunmehr fast zwei Jahren von einer Operation zur nächsten Rehabilitationseinheit. Opfer ist auch das kleine Kind, dessen Mutter zu Unrecht Arbeitslosenhilfe genommen hat und jetzt vor Gericht steht.

Opfer ist der Borkumer Polizist, dem das Nasenbein gebrochen wurde und der jetzt auf ein Stückchen Gerechtigkeit hofft. Er strahlt die Ruhe von 32 Dienstjahren aus, verfolgt die Verhandlung gegen den 24-jährigen Angreifer ohne sichtbare Regung. Irgendwann wird der Angeklagte an den Richtertisch geholt, um sich Fotos seines blutenden Opfers nach dem Kopfstoß anzusehen. Als der junge Mann an seinen Tisch zurückkehrt, ist er sichtlich erschüttert. Das hat er angerichtet. Ganz allein er. Und der, der diese Schmerzen aushalten musste, sitzt ihm jetzt gegenüber.

Wieder war viel Alkohol im Spiel. Wie so oft. Diesmal gemessene 2,78 Promille, was keine Entschuldigung ist. Vielleicht eine Erklärung. Am Ende muss der Verurteilte 2.400 Euro Strafe zahlen. Der Polizist wird womöglich vergeblich auf eine kleine Entschädigung hoffen. »Es tut mir Leid und ich verspreche, dass das nicht wieder vorkommt.« Der Satz kommt stockend. Der Polizist regt sich nicht. Was soll er auch sagen?

***

Wie erleben die Menschen die Tage und Wochen vor dem Gerichtstermin? Haben sie sich vor ein paar Wochen oder Monaten überhaupt vorstellen können, irgendwann vor einem Richter zu stehen, der in den nächsten Minuten ganz einschneidend über den weiteren Verlauf ihres Lebens entscheiden wird? Hat der Täter während seiner Tat daran gedacht, dass er verurteilt werden könnte? Hat er über die Folgen nachgedacht? Und wie geht das Leben weiter, nachdem man »im Namen des Volkes« verurteilt worden ist? Wie wird das Volk, wie werden die Freunde und Verwandten, die Nachbarn reagieren?

Viele Fragen, die nur der einzelne für sich beantworten kann. Der Beobachter in einem Gerichtssaal kann nur spekulieren. Das, was sich im Saal 14 abspielt, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben von Menschen, die vor dieser Verhandlung, und wahrscheinlich auch danach, wieder in die Anonymität abtauchen.

***

Es kann offensichtlich so schnell gehen: Der freie Abend, die guten Freunde, hier ein Bier, da ein Schnaps, gute Laune, dann ein Wort, ein Satz, Geschrei, das Geschiebe und Geschubse, irgendjemand schlägt schließlich zu. Polizei, viele Fragen. Am Morgen danach noch mehr von ihnen. Das ist nicht normal, kommt aber immer wieder vor. Warum, das müssen Soziologen und Psychologen klären.

Dann kommt der Brief: »...wird Ihnen vorgeworfen«... »mit Gewalt...« Darunter der Termin vor Gericht. Was geht da in einem Menschen vor? Reue? Angst? Bei einigen Menschen geht offenbar wenig vor, oder schon lange nichts mehr. Gleichgültigkeit, die aus Verzweiflung oder Ohnmacht erwachsen ist. Manchmal ist es auch nur rotzfreche Kaltblütigkeit.

Es kann so harmlos beginnen: Man trinkt. Trinkt zu viel, weil das Leben nicht mehr hergibt. Dann ist da die Zigarettenasche, die auf den Boden fällt, auf den Teppich. Jetzt wird geschrieen und geschimpft, und weil vielleicht schon alles einmal gesagt worden ist, wird zugeschlagen. Auch wenn es die eigene Lebensgefährtin ist. »Es gab ein bisschen Schwierigkeiten«, sagt er.

Später sagt der 50-Jährige dem Richter wenigstens, dass es ihm Leid tut. Der aber glaubt ihm nicht. »Was hätten sie denn gemacht?«, fragt der Angeklagte, wie um irgendeine Art von Verständnis zu bitten. Jetzt soll er 760 Euro Strafe zahlen. Wovon nur? Und überhaupt: Für eine Ohrfeige?

Für häusliche Gewalt, die immer häufiger vor Gericht kommt, aber womöglich nicht häufig genug, kennt der Staat inzwischen keine Gnade. Jedenfalls gibt sich die Justiz unnachgiebig: »Das ist keine Privatangelegenheit«, sagt Staatsanwalt Maibaum. »Das bezahl’ ich nicht!«, sagt der Angeklagte. Er ist richtig sauer. Wie damals als das mit der Zigarettenasche passiert ist? Doch jetzt sitzt nicht seine Freundin vor ihm, sondern der Richter. Und der hat sein Urteil gefällt: »Erwachsene Menschen sollten anders miteinander umgehen. Und ich verspreche Ihnen in die Hand: wenn das noch einmal passiert, kommen Sie um eine Freiheitsstrafe nicht mehr herum!«

***

Nicht immer gibt der Angeklagte, ob nun freiwillig oder unbewusst, so viel von seinem wahren Inneren preis. Vor Gericht wird auch gelogen, Ernst der Lage hin, Autorität des Richters her. Die Lüge gehört zum Alltag. Da machen sich weder Amtsrichter Günther Bergholz und seine Kollegen, noch Staatsanwalt Lars Maibaum und seine Mitstreiter etwas vor. Ihre Aufgabe liegt darin, das tatsächliche Geschehen zumindest einigermaßen wahrheitsgetreu aufzuzeichnen. Dazu dienen die Protokolle der Polizei, vor allem aber eben die Verhandlungen. Hier werden Protokolle mit Zeugenaussagen verglichen, werden die Aussagen von Täter, Opfer und Beobachtern gegenüber gestellt. Und das ist ein mühsames Geschäft.

Seit zwei Stunden sitzt der 48-jährige Mann auf der Anklagebank. Längst hat er seine Geschichte erzählt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Auf Bitten der Schwiegermutter sollte er damals die Sache mit den unliebsam gewordenen Mietern erledigen. »Ich hatte den Auftrag, das Mietverhältnis möglichst gütig zu beenden.«

Zwei Stunden hält der arbeitslose Wasser- und Heizungsinstallationsmeister an dieser harmlosen, an seiner eigenen Variante der Geschichte fest. Es stimmt, es gab eine Rangelei, aber der Angriff kam von dem jungen Mann. Warum? Keine Ahnung. Ich habe keine Schuld... Doch sein Kartenhaus wackelt schon. Staatsanwalt Burkhard Grulich, ein eher harter Vertreter seines Fachs, bohrt nach, will sich nichts vormachen lassen von der harmlosen Gestalt vor ihm. »Ich bin lange Geschäftsmann und habe einen guten Leumund. Sie unterstellen mir jetzt, ich löse die Probleme, in dem ich die Zähne zeige?« platzt es plötzlich aus dem Beschuldigten heraus. Psychologie.

Zehn Minuten später wird aus dem seriösen Handwerker ein Lügner, ein Schläger, ein Erpresser, der mit Faustschlägen und einem Elektroschocker seine »Probleme « löst, seinem Opfer zynisch zuraunt, er soll kein Blut auf den erpressten Vertrag tropfen lassen. Wenn er das alles jetzt nicht zugegeben hätte, wäre es noch schlimmer gekommen. Sein Geständnis bewahrt ihn womöglich vor einer Strafe von bis zu fünf Jahren. Jetzt bekommt er zwei Jahre mit Bewährung und eine Geldstrafe. Er kann von Glück sprechen.

Der Angeklagte hat aber nicht nur sich in den Dreck gefahren, sondern auch seinen 20-jährigen Sohn, der für die Beteiligung an der Tat bereits bestraft worden ist. Jetzt sitzt er als Zeuge gegen seinen Vater vor Gericht. Und keiner bremst ihn, als er sich mit falschen Worten derart in den Sumpf manövriert, dass ihm sogar der Staatsanwalt eine Brücke zu bauen versucht. Am Ende sagt Grulich zum Vater: »Überlegen Sie sich mal in einer stillen Stunde, was Sie Ihrem Sohn hier angetan haben.« Der Staatsanwalt ist sauer.

»Endlich ist es vorbei«, sagt der junge Mann, das Opfer, das Emder Amtsgericht im Rücken. Dann geht er mit seiner weinenden Frau und einigen Verwandten nach Hause.

***

Nach dem Urteil kehren Täter und Opfer wieder zurück in die Anonymität. Der junge Vater steigt auf sein Fahrrad und blickt der Mutter seines Kindes unsicher nach. Er hat sie geschlagen, sie hat ihn angezeigt. Jetzt gehen sie getrennte Wege. Wie geht das Leben weiter? Was wird man dem Kind später sagen?

Der arbeitslose Handwerksmeister und sein Sohn gehen scheinbar locker plaudernd am Delft entlang. Vater und Sohn, beide als Schläger entlarvt. Wie wird ihr Leben weitergehen?

Der 42-jährige Alkoholiker verlässt nach der Verurteilung mit seiner Frau, die er geschlagen hat, das Gericht. Sind die zertrümmerten Möbel daheim ersetzt? Hat die Ehe eine Chance?

Kommen jene alten Freunde wieder zusammen, die geliehenes Geld auseinander gebracht hat? Vor dem Schöffensaal fallen versöhnliche Worte. Hat die Freundschaft eine zweite Chance? – Der Unfallfahrer geht auf den humpelnden jungen Mann zu, sie geben sich die Hand. Die Mutter geht wortlos an dem Mann im dunklen Anzug vorbei. Man wird sich noch einmal wieder sehen, vor Gericht. Dann wird es nicht mehr allein um Schuld, sondern auch um viel Geld gehen. Die Krankenhauskosten haben einen sechsstelligen Betrag erreicht...

Der bärtige Polizist wechselt noch ein paar Worte mit Richterin Stefanie Schöneborn. Seine gebrochene Nase ist langsam wieder die alte, aber der Schmerz sitzt tiefer. Die Richterin macht ihm keine Hoffnung auf Schmerzensgeld. Ein Formfehler. Der Beamte blickt ausdruckslos. Morgen hat er wieder Dienst.

EMDER ZEITUNG

Nr. 122 vom 28. Mai 2005

Bewertung der Jury

Jens Voitel erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2006 in der Kategorie »Lokales« für den Beitrag »Vor Gericht«, erschienen in der Emder Zeitung am 28. Mai 2005.

Eine »ganz normale« Woche im Emder Amtsgericht: Während draußen das Leben »weitertrottet«, beobachtet Jens Voitel Täter, Opfer, Zeugen. Der Türsteher, der Handwerksmeister, der arbeitslose Tankwart, die verprügelte Ehefrau, das Unfallopfer: Psychogramme entstehen, hinter alltäglichen Polizeimeldungen blitzen Schicksale auf. Die tagelangen, subtilen Beobachtungen des Autors, seine Gespräche und Recherchen zeigen vielfältig, wie leicht Menschen aus der Bahn geworfen werden.

Kurzbiographie

Jens Voitel

Geboren am 6. November 1963 in Bremerhaven.

Nach dem Abitur von 1985 bis 1992 Studium der Germanistik, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sowie der Politischen Wissenschaften an der Universität Göttingen.

1994 bis 1996 Volontariat bei der Emder Zeitung. Seit 1996 Redakteur in der Lokalredaktion der Emder Zeitung mit den Schwerpunkten lokale und regionale Wirtschaft.