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Prämierter Text

Auch die Gewalt hat eine Dauerkarte

Von Christine Kröger

Andreas Niemann* geht nicht wie jeder andere Fußballfan in die Ostkurve des Weserstadions, er betritt sein »Wohnzimmer«. Der Blick über das Publikum im Block 62 ist ausdauernd und prüfend, das anschließende Defilee die Treppe zwischen den Zuschauerreihen hinunter dauert viele Minuten. Schulterklopfen hier, ein kleines Schwätzchen dort, Niemann kennt fast jeden Ordner hier. Dann geht der tätowierte Mann im grünen Muskelshirt wieder hinauf, er und seine »Familie« haben ihre Plätze ganz oben. Niemanns »Familie«, das ist die »Standarte Bremen«.

Niemann ist ein Gewalttäter, ein krimineller »Fußballfan«, den die Polizei in die »Kategorie C« steckt. Einer, der Gewalt nicht nur in Kauf nimmt, sondern der Gewalt sucht. Der brutal zuschlägt, weil ihm das Spaß macht, weil Gewalt, Schmerz und Angst ihm Vergnügen bereiten. Andreas Niemann ist ein Hooligan.

Am Abend vor seinem Auftritt im Block 62 hat die Polizei 18 Hooligans vorübergehend festgenommen. Sie waren offensichtlich auf dem Weg zu ihrer Art »Match«: mit Schlagstöcken, Stuhlbeinen und Pfefferspray bewaffnet, mit Gebiss- und Genitalschutz ausgerüstet, zum Teil mit Sturmmasken vermummt. Das übliche Outfit für eine »dritte Halbzeit«. »Dritte Halbzeit« heißen in der Szene die brutalen Schlägereien am Rande von Autobahnraststätten, auf einsamen Parkplätzen oder in anderen dunklen Ecken. Treffen zu Gewaltexzessen, die die Hooligans »Extremsport« nennen und die vor dem Gesetz schwere Körperverletzung und Landfriedensbruch sind.

Natürlich gehe es um Gewalt, räumen Insider ein, aber um Gewalt nach strengen Regeln und Ritualen. Nur mit den bloßen Fäusten werde gekämpft, wer am Boden liege, auf den werde nicht weiter eingeschlagen. Vor allem aber prügele man sich in gegenseitigem Einvernehmen, betonen die »Hools«, ihre Gewalt treffe ausschließlich Hooligans anderer Vereine.

Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache. Beschlagnahmte Waffen zum Beispiel oder regelrechte Straßenschlachten wie im vergangenen Jahr im Viertel in Bremen. Damals sind nach einer HSV-Niederlage Hamburger Hooligans auf andere Fangruppen und auf Polizisten losgegangen. »Unglaublich brutal«, sagt eine Augenzeugin. Sie berichtet von Schlägen mit schweren Stöcken auf unbehelmte Köpfe. »Schlimmer stelle ich mir nur eine offene Schießerei vor.«

Die Bilder gingen um die Welt: Deutsche Hooligans treten auf einen wehrlosen Mann ein, der bereits schwer verletzt am Boden liegt. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich schlagen sie den Polizisten Daniel Nivel zum Krüppel. »Wir sind wieder einmarschiert«, singt die rechte Bremer Hooligan-Band »Kategorie C« auf einer zur WM veröffentlichten CD. »Lasst uns uns’re Fahne hissen, unser’m Gegner vor die Füße pissen.« Heute trägt die CD bei einschlägigen Händlern den Vermerk »Wieder da«.

Die Täter von damals sind längst wieder auf freiem Fuß. Einer von ihnen ist Markus Warnecke aus Hannover, er gehört zum Umfeld der berüchtigten Rockerbande »Hell’s Angels«. Als er 2002 nach knapp vier Jahren aus der Haft entlassen wird, heißen die neonazistischen »Freien Nationalisten Weser-Ems« den »Kameraden« auf ihrer Internetseite willkommen. Einer der Anführer der »Nationalisten«: Warneckes Cousin Robert. Der organisiert etwa zur selben Zeit rechtsextreme Konzerte im Bremer Umland, zu denen auch rechte Hooligans nach Kirchseelte pilgern.

Robert Warnecke verdient sein Geld unter anderem als Ordner auf Volksfesten wie dem Brokser Heiratsmarkt. Die »Standarte« feiert solche Volksfeste offenbar gerne. Andreas Niemann jedenfalls klopft in Bruchhausen-Vilsen Ordnern des örtlichen Wachdienstes WWS ebenso auf die Schulter wie »elko«-Ordnern, die auf dem Heiratsmarkt arbeiten. Begrüßung unter Kollegen? Viele Hooligans wissen ihre Furcht einflößenden Muskelpakete nicht nur in der »Dritten Halbzeit « zu nutzen. Auch auf dem Bremer Freimarkt »schützen« polizeibekannte Fußball-Gewalttäter Festzeltgäste.

Beliebt sind Ordner- und Türsteherjobs auch bei den »Hell’s Angels«. Männer aus ihrem Umfeld sieht man am Einlass Bremer Diskotheken. Auch einige »elko&Werder«-Ordner, die der Hooligan Andreas Niemann im Weserstadion so freundlich begrüßt, sollen Anwärter für die Rockerbande sein. Die »elko&Werder Security« gehört zur »elko«-Gruppe, dem mit Abstand größten privaten Sicherheitsdienst in Bremen. Auch die Stadt und ihre Gesellschaften Messe und Stadthalle sind bei »elko« Kunde.

Den kurzen Draht zu Rockern haben die Hooligans offenbar seit langem. Schon vor Jahren feierte Niemann seinen Geburtstag in einem »Hell’s Angels«-Clubhaus nahe Hude; das vermeldete seinerzeit jedenfalls die Hooligan-Band »Kategorie C« auf ihrer Internetseite. Als die Hooligans an der Schlachte zur 15-Jahre- »Standarte«-Party einladen, begrüßen sie auch »Hell’s Angels« als Gäste.

Nicht nur Partys geben die rechten »Hools« mitten in Bremen, auch »Lauftraining « absolvieren sie ganz offen: Ein Teil der Schläger läuft beim Bremer Staffellauf durchs Faulenquartier, die Männerstaffel mit der Nummer 44 heißt »Standarte Bremen«. Fast als sei sie ein Sportverein wie jeder andere und keine Gruppe mit vielen der Polizei bekannten Gewalttätern, von denen ein guter Teil in der Neonazi-Szene aktiv ist.

Gut sichtbar ist das Wort »Standarte« in altdeutscher Schrift auf Niemanns Oberarm tätowiert, das »S« ähnelt dem Logo der Neonazi-Kultband »Screwdriver «. Ein führender Kopf der »Standarte«, Henrik Ostendorf, ist erklärter Neonazi und NPD-Aktivist, der sich gerne auch mal harmlos gibt. Unter dem Pseudonym Kasady, das er im Hooligan-Zusammenhang dann und wann benutzt, sagte er der Presse vor einigen Jahren: »Schläger? Wir sind Sportler, Extremsportler. Wir sind Menschen mit einem exklusiven Hobby.«

Namhafte Juristen wundern sich seit langem, dass Hooligans vor Gericht vergleichsweise glimpflich davon kommen. Für sie steht außer Zweifel, dass Gruppen wie die »Standarte« kriminelle Vereinigungen sind: fest gefügte Organisationen, deren Rädelsführer bekannt sind und deren Zweck es ist, Straftaten zu begehen – wie schwere Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung und Landfriedensbruch.

Auch die neonazistischen Aktivitäten zahlreicher Hooligans sind lange bekannt. Ostendorf arbeitet für die Parteizeitung der rechtsextremen NPD im sächsischen Riesa. Neben Ostendorf unterstützen auch andere »Standarte«-Mitglieder die NPD. Im Bundestagswahlkampf helfen sie der Partei, Rechtsrock-CDs an Jugendliche zu verteilen. Die Polizei weiß, wie gefährlich die Hooligans sind: Statt der üblichen Zivilstreifen observieren SEK-Beamte die Aktionen.

15 bis 35 Männer bilden den harten Kern der »Standarte«. Edwin Olchers ist seit 1992 szenekundiger Beamter für gewaltbereite Fußballfans in Bremen. Heute sei die »Standarte« mehr ein Mythos als eine reale Gefahr, sagt er. Bei Fußballspielen im Weserstadion zähle er gerade mal eine Hand voll ihrer Mitglieder, und die kämen zum Teil sogar mit ihren kleinen Söhnen ins Stadion. Auf einem Foto posieren mehr als 40 Bremer Schläger, ein Teil ist in der »Standarte«. Die Aufnahme kursiert seit Monaten in der Szene. Ein betrunkener Hooligan soll sie als subtile Warnung in einer Kneipe abgegeben haben, in der er und seine Kumpane nicht wohl gelitten waren. Olchers will auf dem Foto maximal ein halbes Dutzend Männer kennen. Deshalb könnten auch nicht alle Werder-Hooligans sein, meint der Polizeiexperte. Eine Einschätzung, die andere Szenekenner nicht teilen. »Natürlich sind auf dem Foto nur Bremer Hools – und wenn die wollen, kriegen die noch drei Mal so viele Leute zusammen.«

Unumstritten ist dagegen Olchers’ Einschätzung, dass die »Standarte« längst ein Mythos ist. Allerdings ein Mythos der Einschüchterung, gebaut aus brutaler Gewalt, der manchen jungen Mann zu beeindrucken scheint. Gemeinsam mit Andreas Niemann eine »Dritte Halbzeit« zu erleben oder Seite an Seite mit Henrik Ostendorf zwischen Neonazis zu marschieren, »das ist schon was«, erinnert sich ein ehemaliger Hooligan an seine »aktive Zeit«, als er um die 20 war. Damals dürfte er so einer gewesen sein, wie Mario Hauser* heute einer ist. Hauser ist einer von vielen um die 20-Jährigen, die auf dem Gruppenfoto posieren – genau wie auf Neonazi-Aufmärschen.

Er hat kürzlich Geburtstag gefeiert. Im Ostkurvensaal, jenem Veranstaltungsraum im Bauch der Fankurve, den das Fanprojekt sein »Herzstück« nennt. Allerdings gibt es auch »OKS«-Besucher, die sich beklagen. Sie entdecken im und um den Saal Hakenkreuzschmierereien, hören Hitlergrüße oder sehen Jugendliche in Pullovern und Jacken mit verbotenen rechtsextremen Symbolen. Auch Henrik Ostendorf ist an Hausers Geburtstag im Ostkurvensaal zu Gast.

Werders Fanbeauftragter Dieter Zeiffer findet das nicht bemerkenswert. Dass die Verantwortlichen erklärten Neonazis und langjährigen Hooligans weder Saalnoch Stadionverbot oder andere Sanktionen auferlegen, geht für den Fanbeauftragten in Ordnung. »So lange die sich rund ums Stadion benehmen«, sagt Zeiffer, »so lange ist mir doch egal, auf welche Demos die sonst noch gehen.«

Für Wolfgang Welp, den Vorsitzenden des Bremer Fanprojektes, gehören Mittdreißiger wie Andreas Niemann oder Henrik Ostendorf nicht zur Zielgruppe, »wir machen Jugendarbeit«. Und junge rechte Hooligans wie Mario Hauser? Über einzelne Personen will Welp nicht reden. »Die Arbeit mit Jugendlichen, die Sympathien für Rechtsextremismus und Gewalt zeigen, ist eine Gratwanderung«, sagt er. »Wir wollen sie aus dieser Szene holen, aber dazu müssen wir auch an sie herankommen. « Neonazi-Kader wie Ostendorf oder Hardcore-Hooligans wie Niemann aber hätten im Ostkurvensaal nichts zu suchen. »Manchmal werden wir schlicht ausgetrickst «, räumt Welp ein. »Sonst wäre Ostendorf mit Sicherheit rausgeflogen.«

Um den harten Kern der Hooligans in Bremen kümmert sich das Fanprojekt nach eigenen Angaben seit 2002 nicht mehr. Seinerzeit hat Henrik Ostendorf Fanprojekt-Mitarbeiter des »Verrats« bezichtigt. Dem Vorwurf folgten Drohungen von Hooligans. Den Drohungen folgten glücklicherweise keine Schläge. Für Uwe Borchers* gab es dagegen Schläge ohne Warnung. Auch Borchers ist ein Fußball-Gewalttäter, aber einer, der sich politisch links definiert. Vor einem Werder-Spiel in Spanien sollen ihn rechte Bremer Hooligans im vergangenen Jahr zusammengeschlagen haben.

Mit den Gewalttätern sitzt die Angst in der Ostkurve. Niemand wolle vor der »Standarte« als »Verräter« gelten, sagen Kenner der Szene. Die allgegenwärtigen Ordner beruhigen wenig: Einige seien selbst Hooligans gewesen, andere verstünden sich prächtig mit der »Standarte«, manche gehörten zum Umfeld der immer wieder in organisierte Kriminalität verstrickten »Hell’s Angels«.

In einer Auseinandersetzung um ein Transparent drängen Fans Ordner aus der Ostkurve; dieselben Ordner bedrohen nach dem Spiel die Fans bei einer Party im Ostkurvensaal. In ihrem Schlepptau kommen auch Hooligans der »Standarte«. »Ich will nur mal dein Gesicht sehen. Kannst dir ja überlegen, warum«, bedrohen »Standarte-Hools« in der Ostkurve auch Pressevertreter. Insider wundert das nicht: »Die fühlen sich da zu Hause.«

Rund ein halbes Jahr vor der Fußball-WM in Deutschland hat die Angst auch die Vorstandszimmer der Fußballvereine und -verbände, die Büros der Politiker und Sicherheitsbehörden erreicht. Die Angst, dass noch einmal Bilder wie die des französischen Polizisten Nivel um die Welt gehen. Für ihr Leben gezeichnete Opfer deutscher Hooligans, die womöglich auch noch in die Neonazi-Szene verstrickt sind. Opfer längst polizeibekannter Gewalttäter – die sich offenbar arrangiert haben mit denen, die ihnen eigentlich Einhalt gebieten sollen.

Im Weserstadion schlage kein Hooligan zu, versichern die Verantwortlichen des Vereins und der Polizei unisono. Ist das beruhigend? Daniel Nivel wurde nicht im Stadion, sondern auf offener Straße zum Krüppel geschlagen. Sieben Jahre danach sind auch in deutschen Bundesligastadien Gewalt und Angst weiterhin Dauergäste. Das Weserstadion ist keine Ausnahme.

* Name von der Redaktion geändert.

WESER KURIER

Nr. 273 vom 22. November 2005

Bewertung der Jury

Christine Kröger erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2006 in der Kategorie »Lokales« für den Beitrag »Auch die Gewalt hat eine Dauerkarte«, erschienen im Bremer Weser-Kurier am 22. November 2005.

Mit ihrem Beitrag leuchtet die Autorin tief in die Bremer Hooligan-Szene. Dabei schildert sie anschaulich die Beziehungsgeflechte, Abhängigkeiten, politischen Einflüsse aber auch den Gruppendruck innerhalb der vielschichtigen Fanszene im Weserstadion. Der Beitrag besticht durch gründliche Recherche und eine unaufgeregte Sprache. Hervorzuheben ist auch der Mut, mit dem die Autorin in einer Lokalzeitung die Schläger-, Neonazi- und Rockergruppen beim Namen nennt, deren Motive und Verhalten analysiert.

Kurzbiographie

Christine Kröger

Geboren am 7. April 1968 in Cloppenburg.

Nach dem Abitur an der Liebfrauenschule in Cloppenburg von 1987 bis 1988 zunächst ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Osnabrück. Dann bis 1995 Studium der Publizistik, Politik, Wirtschaftspolitik und Romanistik an der Universität Münster.

1995-1997 Volontariat bei der Nordwest-Zeitung, Oldenburg. 1998-1999 Pressesprecherin der Handwerkskammer für Ostfriesland, Aurich. Seit 1999 Redakteurin für Niedersachsen, Politik und Reportage beim Bremer Weser-Kurier und den Bremer Nachrichten mit den Schwerpunkten Rechtsextremismus und NSVergangenheit, Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik, Maritimes.

Christine Krögers Arbeiten sind in mehreren Publikationen veröffentlicht worden: 2004 »Typisch Insel. Die sieben Ostfriesischen Inseln und ihre Menschen«, 2005 »Sie marschieren wieder...«; Broschüre zu neonazistischen Umtrieben in Bremen und Niedersachsen, zur rechtsextremen Szene bundesweit und zur NSVergangenheit in der Region (in Zusammenarbeit mit Anke Landwehr und Hans-Günther Thiele); 2006 »Rechtzeitig gegen rechts«, Beilage zu aktuellen rechtsextremen Tendenzen in der Gesellschaft.