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Rede von Hermann Neusser anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 13. September 2005 in Berlin

Als wir Mitte Mai im Kuratorium zusammensaßen und uns unter anderem auch mit der Gestaltung des heutigen Festabends auseinandersetzten, ahnte wohl noch niemand, in welch politisch brisanter Zeit diese Preisverleihung stattfinden würde. Umso mehr freue ich mich, dass Sie alle trotz der Hektik in der Schlussphase dieses Bundestagswahlkampfes den Weg hierher gefunden haben. Mein ganz besonderer Dank gilt dem Haus Axel Springer, bei dem wir einmal mehr zu Gast sein dürfen. Der Theodor Wolff Preis ist seit seiner Gründung eng mit diesem Verlagshaus verbunden. Noch einmal ganz herzlichen Dank für diese großzügige Geste, die wir alle sehr zu schätzen wissen.

Meine herzlichen Glückwünsche gelten Ihnen, liebe Preisträger. Sie haben uns journalistische Glanzstücke geliefert. Auf beeindruckende Art und Weise haben Sie Themen nachgespürt, die die Menschen bewegen. Es sind Ausschnitte, zum Teil auch nur Momentaufnahmen aus der Welt, in der wir leben. Es sind herausragende Texte, die jenseits aller Klischees dem Besonderen nachspüren. Dabei verstehen Sie sich als kritische Beobachter und keinesfalls als Akteure.

Unser Preis will ganz im Sinne seines Namensgebers, der vor fast 100 Jahren die Chefredaktion des "Berliner Tageblatts" übernahm, das Bewusstsein für Qualität, Bedeutung und nicht zuletzt auch für die Verantwortlichkeit journalistischer Arbeit lebendig erhalten. Zeitungsjournalismus ist eine große Kulturleistung. Es ist der ständige Versuch, mit den Mitteln der Sprache Sachverhalte zu erhellen, die ansonsten im Dunkeln blieben. Menschen und Schicksale ins Licht zu rücken, denen man sonst eher wenig Beachtung schenkte. Der Theodor-Wolff-Preis ist der Journalistenpreis der deutschen Zeitungen. Er steht - und das kommt auch in den Voten der unabhängigen Jury deutlich zum Ausdruck - für die Vielfalt und die Universalität unserer Zeitungskultur, um die uns andere Länder zu Recht beneiden.

Mehr als 300 Beiträge waren zu bewerten. Ich will nichts idealisieren. Doch wir können selbstbewusst feststellen, dass das Streben nach journalistischer Qualität und sagen wir ruhig auch "Originalität" in kleinen, mittleren und auch großen Blättern gleichermaßen zu Hause ist. Ich halte es schlichtweg für ein Vorurteil, wenn behauptet wird, dass heute nur noch in großen Zeitungen und Magazinen die Voraussetzungen für kreativen Qualitätsjournalismus gegeben sind. Die Qualität der eingereichten Arbeiten bestätigt mich darin. Alles andere wäre im Übrigen inkonsequent, schließlich erwarten die Leser von jeder Zeitung Kompetenz und Qualität.

Wir gedenken in dieser Stunde mit Dankbarkeit eines Mannes, der als Medienwissenschaftler und Medienpolitiker für publizistische Qualität und Vielfalt und für geistige Unabhängigkeit gearbeitet hat: Professor Dr. Peter Glotz, der gestern an seinem letzten Wohnort in der Schweiz beerdigt wurde. Wir sind stolz darauf, dass Peter Glotz bis zu seinem viel zu frühen Tod dem Kuratorium Theodor-Wolff-Preis angehört hat. Wir alle wissen, dass er ein beeindruckendes Lebenswerk hinterlassen hat. Er war ein Aufklärer aus Passion. Ein Denker, der mit seinen fundierten Analysen den Medien und damit auch unserer Branche immer wieder den Spiegel vorgehalten hat.

Die Zeitung hat in diesem Jahr ein großes Jubiläum: Vor 400 Jahren brachte der Straßburger Drucker Johann Carolus die erste Zeitung heraus - die "Relation". Mit seiner publizistischen und unternehmerischen Entscheidung, seine bis dahin handschriftlichen Zusammenfassungen des politischen Geschehens künftig in wöchentlicher Folge regelmäßig zu drucken, schuf er die erste Zeitung im modernen Sinn der Definition - nämlich ein Blatt mit aktuellen und umfassenden Inhalten, das periodisch erscheint. Eine große Ausstellung im Mainzer Gutenberg-Museum ist unserem Jubilar gewidmet.

Welch überragenden Beitrag die Zeitung zur Durchsetzung demokratischer Verhältnisse und zur Entwicklung der modernen Gesellschaft geleistet hat, brauche ich vor diesem fachkundigen Auditorium nicht eigens zu betonen. Auch wissen wir alle um die politische Vereinnahmung, der die Presse immer wieder ausgesetzt war. Und in den meisten Ländern der Welt ist sie das bis zum heutigen Tag. Versuche subtiler Instrumentalisierung der Presse sind auch in Demokratien immer wieder zu beobachten. Gerade deshalb sind Journalisten täglich aufs Neue zur kritischen Reflexion ihrer Arbeit aufgefordert. Dies gilt in ganz besonderer Weise zu Zeiten von Wahlkämpfen, die ja immer auch zu Meinungskämpfen werden. Nichts gegen klare Standpunkte und unverwechselbare Positionen. Sie geben jeder Zeitung, jedem TV- und Radiosender Profil. Nichts gegen leidenschaftliche Kommentare, Leitartikel und Glossen. Doch die Funktion der Medien würde grundsätzlich missverstanden, wenn die Verantwortlichen der Versuchung erlägen, an die Seite der Politiker zu treten, um bestimmte Projekte zu forcieren.

Die Art und Weise, in der der Namensgeber unseres Journalistenpreises das politische Geschäft begleitete, lässt sich natürlich nicht eins zu eins auf unsere Zeit übertragen. Doch Theodor Wolffs beständige Suche nach Belegen, Beweisen und neuen Argumenten, mit denen er seine Meinungsbeiträge absicherte, sein Misstrauen gegenüber vermeintlichen Wahrheiten, sein unbeirrtes Werben für Rechtsstaatlichkeit und Toleranz, vor allem aber für größere Rationalität in den öffentlichen Angelegenheiten - all diese Faktoren sind auch heute noch Maßstäbe für journalistische Qualität. Theodor-Wolff war scharf im Urteil, und er hatte Freude an der zugespitzten Formulierung. Doch seine harte Kritik verletzte niemals die menschliche Würde. Wie leicht man allein mit der Wucht der Sprache einen Menschen in seiner Würde treffen kann, das wissen wir. Doch "die Würde des Menschen ist unantastbar". Von diesem im Grundgesetz verankerten Prinzip darf es auch in politisch aufgeladenen Phasen, wie es Wahlkämpfe nun einmal sind, keine Abweichung geben. Im Interesse der politischen Kultur in Deutschland.

Lassen Sie mich jetzt zu einem anderen Thema kommen, das mir sehr am Herzen liegt. Wenn wir über die elementaren Voraussetzungen für die journalistische Arbeit nachdenken, fällt uns unter anderem unweigerlich das Recht auf Zeugnisverweigerung ein. Die Zeugnisverweigerung gehört zu unserer Vorstellung von Pressefreiheit. Deshalb bin ich tief betroffen, dass in den USA, dem Land, das für einen unerschrockenen zupackenden investigativen Journalismus bekannt ist, eine Reporterin der "New York Times" im Gefängnis sitzt, weil sie einen Informanten nicht preisgeben möchte. Dieser Fall zeigt, dass selbst in Ländern mit demokratischer Tradition die Freiheit der Presse kein unantastbares Gut ist. In Deutschland sind solche spektakulären Fälle gottlob bisher unbekannt. Doch leben wir auch hier keineswegs auf einer Insel der Seligen. Wie uns der jüngste Vorfall in Sachsen gezeigt hat, kommt es auch bei uns immer wieder zu Fällen von Ausspähung, Durchsuchung und sogar Beschlagnahme von journalistischem Material. Damit eines klar ist: Wir Zeitungsverleger sind uns mit den politisch Handelnden einig, dass alles getan werden muss, um kriminellen Machenschaften oder sogar terroristischen Gefahren zu begegnen. Doch darf dies nicht auf Kosten der Pressefreiheit gehen. Hier gilt der Grundsatz: Wehret den Anfängen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle auf die Folgen des so genannten Caroline-Urteils eingehen. Die fatale Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes ist - wie ich finde - bisher zu einseitig unter dem so genannten Paparazzi-Aspekt gesehen worden. Dass die Privatsphäre von Menschen, und seien sie noch so prominent, gebührend beachtet werden muss, wird niemand ernsthaft bestreiten wollen. Wir müssen aber weiter über die Gefahren reden, die von dem Straßburger Richterspruch ausgehen. Dass aus Angst vor juristischen Risiken die Schere im Kopf sich verselbstständigt. Wenn ein Journalist im Zweifelsfall nur noch unkritisch über Prominente berichtet, ist das ganze System gefährdet. Soweit darf es nicht kommen. Doch in den Redaktionen herrscht große Unsicherheit. Und das ist die Folge der Straßburger Entscheidung.

Unsicherheit herrscht auch angesichts der anhaltenden Beschleunigung im Nachrichtenjournalismus, die durch das Internet eine enorme Dynamik erhalten hat. Diese Entwicklung birgt die Gefahr in sich, dass nicht immer so recherchiert wird und dass Zahlen, Daten und Fakten nicht immer so gecheckt werden, wie es das journalistische Handwerk gebietet. Doch jeder Journalist, der dieser Gefahr erliegt, setzt seine Glaubwürdigkeit und die Glaubwürdigkeit des Mediums aufs Spiel.

Es ist zu befürchten, dass die Beschleunigung in der Nachrichtenwelt noch weiter zunehmen wird. Mittlerweile haben bereits so genannte automatische Nachrichtenangebote das Internet erobert. Die Betreiber von großen Suchmaschinen wollen damit in Konkurrenz zu den klassischen Medien treten. Wo bei den Zeitungen hochprofessionelle Redakteure die Nachrichtenauswahl treffen, wird das auf der anderen Seite von Maschinen erledigt. Eine Software entscheidet, welche Nachrichten wichtig und welche nicht wichtig sind. Am Ende steht dann eine Sammlung von Trivialitäten und Mainstream-Nachrichten. Da klingt es wie Hohn, wenn die Betreiber von Suchmaschinen von "Qualitätsmerkmalen" sprechen. Was ist das für eine Qualität, die allein auf der subjektiven Bewertung durch eine Maschine basiert? Der Rechner als Redakteur - dies ist eine düstere Vorstellung. Mit unserer Auffassung von Journalismus hat das wenig gemein. Doch die immer wieder notwendige Debatte über die Zukunft des Journalismus hat sicherlich eine neue Facette erhalten.

Ich habe wiederholt von der Glaubwürdigkeit als Qualitätsfaktor gesprochen. Ich bin überzeugt, dass die Glaubwürdigkeit aller Medien auf dem Spiel steht, wenn - wie im Fernsehen geschehen-, Schleichwerbung und  Product-Placement um im sich greifen. Wenn Programminhalte und Werbung nicht mehr erkennbar voneinander getrennt sind. Dies ist freilich nicht nur ein Problem für die TV-Sender, sondern für alle Medien, die sich Unabhängigkeit auf die Fahnen geschrieben haben. Völlig egal, ob in Rundfunk, Fernsehen, Zeitungen oder Zeitschriften - die klare Trennung von redaktionellem Inhalt und Werbung muss erhalten bleiben. Anderenfalls würde die Unabhängigkeit der Berichterstattung beschädigt. Der Verlust von Vertrauen und Glaubwürdigkeit bei Lesern, Hörern und Zuschauern wären die Folge. Wer es mit der Medienverantwortung ernst meint, kann so etwas nicht gutheißen.

Ich möchte nun zurückkommen auf das Ereignis, das uns heute hier in der Ullstein-Halle zusammengeführt hat. Liebe Preisträger, im Zusammenhang mit dem immerwährenden Auftrag, die Qualität und die Glaubwürdigkeit der Zeitung aufrecht zu erhalten und auch noch weiter auszubauen, haben Sie einen großen Beitrag geleistet. Dafür sei Ihnen herzlich gedankt.