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Prämierter Text

Als ich rot wurde

Von Nicol Ljubić

Der Satz soll auf keinen Fall ironisch klingen. Ich habe ihn geübt, zu Hause vor dem Spiegel, mit verschiedenen Betonungen, mal auf »möchte«, mal auf »SPD«. Man soll mir glauben, dass ich es ernst meine. »Ich möchte in die SPD eintreten!«

Als ich vor dem Pförtner stehe, verschlucke ich aus Versehen das »in«, sage: »Ich möchte die SPD eintreten«. Er sagt: »Warten Sie, ich hole jemanden, der Ihnen hilft.« Dann greift er zum Hörer. Er wirkte nicht überrascht.

Es ist der 16. Oktober 2003, der Tag, an dem ich mich aufmache, die Gesellschaft zu verändern. Ein windstiller Tag. Die rote Fahne auf dem Dach des Willy-Brandt-Hauses hat sich schlaff um den Mast gewickelt.

Ein junger Mann in Jeans und Pullover kommt die Treppe herunter. »Du brauchst Hilfe?«, fragt er. »Ich möchte, ähm, Mitglied werden«, sage ich. »Schön«, sagt er, »wir freuen uns über jedes neue Mitglied.«

Er sagt auch: Dass er noch nicht erlebt habe, dass deswegen jemand extra ins Willy-Brandt-Haus kommt. Die meisten kämen, um ihnen das Parteibuch vor die Füße zu werfen. Was für eine wunderbare Partei die SPD sei, die beste und älteste, wie richtig meine Entscheidung sei und dass ich sie nicht bereuen werde – all das sagt er nicht. Er sagt, dass er nicht einverstanden sei mit der kurzsichtigen Politik der Regierung, die ihre Entscheidungen nach der Medienresonanz fälle und für die das Parteiprogramm keine Rolle spiele. Er sagt, die Arbeitskreise seien oft sehr dröge, und selbst die zehnte Wiederholung irgendeines Films im Fernsehen sei spannender. Und er sagt: Die Jungen würden von den Alten oft ausgebremst.

Ich fülle die Beitrittserklärung aus. In ungefähr drei Wochen, sagt er, würde ich Post bekommen. Er gibt mir seine Karte.

Die Erkenntnis: Man ist schneller Mitglied einer Partei als einer Videothek.

Eine Frage habe ich noch: Stimmt es, dass man sich innerhalb der Partei als »Genosse« anspricht? Er erzählt, wie er auf einem Parteitag Rudolf Scharping, damals noch in Amt und Würden, in der Aufregung als Herrn Scharping ansprach. Woraufhin der ihn anschaute und sagte: »Das heißt Genosse Rudolf.«

Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass ich zwar die Bäckerin sieze, auch den Busfahrer und die Kassiererin, den Kanzler der Bundesrepublik Deutschland aber duzen darf. Den Genossen Gerhard. Meinen Parteichef.

Es ist schon dunkel, als ich in die Gäblerstraße in Berlin Weißensee einbiege. Die Straße ist nicht beleuchtet, auch in den Mietshäusern brennt nur wenig Licht. In dieser Gegend war ich noch nie. Die Begegnungsstätte der Arbeiterwohlfahrt ist in einem Eckhaus untergebracht. Es ist der 29. Oktober 2003, kurz nach halb sieben, ich bin auf dem Weg zu meiner ersten SPD-Veranstaltung. Die Abteilung Neun hat eingeladen. Niels Annen, Vorsitzender der Jungsozialisten, wird etwas zur Situation der SPD sagen. Ich bin eine halbe Stunde früher da, aus Angst, keinen Platz mehr zu bekommen.

Als einer von zehn Anwesenden fühle ich mich als Vertreter einer aussterbenden Spezies. Zu den letzten Mohikanern der parteipolitisch Engagierten gehören am heutigen Abend: ein junges Mädchen, vielleicht 15, drei etwa Siebzigjährige, der Abteilungsvorsitzende, in meinem Alter, der mich freundlich begrüßt, und Manuela, eine Genossin, mit der ich mich in den nächsten Wochen anfreunden werde.

Auf der heutigen Sitzung soll der Wahlkampfbeauftragte für die Europa-Wahl bestimmt werden. »Wer möchte?«, fragt der Vorsitzende. Niemand meldet sich. Ich bin noch nicht so weit, Wahlkämpfe bestreiten zu können. Er habe es schon im vergangenen Jahr gemacht, sagt der Vorsitzende, noch mal wolle er nicht. Also? Nach einem Zögern erbarmt sich Genossin Manuela. Die Wahl fällt einstimmig aus. Manuela wird sich um die Koordination kümmern, Infostände organisieren, Broschüren und Luftballons besorgen und mit den Kreisvorsitzenden über Aktionen nachdenken. Sie wird auch ein Wochenendseminar über Wahlkampfstrategien besuchen.

Niels Annen verspätet sich um eine halbe Stunde, weil er den Weg nicht gefunden hat. Er ist an der falschen Haltestelle ausgestiegen und hat sich dann in den dunklen Straßen verlaufen. Er entschuldigt sich, schaut in die Runde. Hat er mehr Leute erwartet? Er lässt sich nichts anmerken.

Niels ist 31 und noch Juso-Vorsitzender. Er wird das Amt im Juni 2004 aufgeben.

Er beginnt seinen Vortrag mit dem Rekordtief der SPD: 24 Prozent in den Umfragen, das sei keine Momentaufnahme, sondern ein Trend, der sich seit der Bundestagswahl fortsetze. Der Vertrauensverlust der Menschen sei tief greifend, jetzt würden auch die »Kernmitglieder«, die alten Genossen, in Scharen austreten. Die Partei drohe sich bei 17 Prozent einzupendeln. Wohin führen die geplanten Reformen? Wie soll Deutschland in zehn Jahren aussehen? Die Agenda 2010 sei nur »Stückwerk, das keine Idee einer Erneuerung des Sozialstaats enthält«.

Nach der Veranstaltung nehme ich Niels noch ein Stück im Auto mit. Ich erzähle ihm von Freunden in meinem Alter, die in letzter Zeit arbeitslos geworden sind, Menschen, denen ich bis vor kurzem noch große Karrieren vorausgesagt hatte. Menschen mit bester Ausbildung, die schon als Mittzwanziger Führungspositionen innehatten. Und dann waren sie doch die Ersten, die entlassen wurden.

»Der Ifo-Index steigt seit Monaten«, sagt Niels, »nächstes Jahr ist alles gut.« Als würden die Probleme der Gesellschaft von irgendwelchen Indizes abhängen. Aber so einfach ist das nicht, und Niels weiß das auch. Er hat einen Witz gemacht.

Niels steigt am Alexanderplatz aus. Zum Abschied drückt er mir seine Visitenkarte in die Hand. Vielleicht hatte ich gerade den zukünftigen Kanzler im Auto?

Kaum in die SPD eingetreten, verbringe ich schon mehrere Abende in der Woche im Kreise der Partei. Gestern abend Niels Annen, heute abend Wolfgang Thierse.

Der Kreis Nord-Ost, zu dem die Stadtteile Pankow, Weißensee und Prenzlauer Berg gehören, veranstaltet ein so genanntes Neumitglieder-Forum. Eine solche Veranstaltung findet im Bezirk zum ersten Mal statt. Die Zahl der Austritte bei Mitgliedern, die erst kurz in der Partei sind, ist überproportional hoch.

Aus der Einladung zum Neumitglieder-Forum weiß ich, dass ich im Kreis Nord-Ost einer von 164 Neuen seit 2002 bin. Das Treffen findet im Restaurant der Brotfabrik statt, einem Veranstaltungsort mit Kino. Als ich die Kellnerin nach den Genossen frage, zeigt sie stumm auf den hintersten Raum. Neben der Tür ist ein kleiner Tisch aufgebaut, hinter dem zwei Jungs sitzen. Sie fragen, wie ich heiße, und drücken mir ein Namensschild und mein Parteibuch in die Hand. Mein erstes Parteibuch! Ganz in Rot, mein Name, meine Adresse und mein Geburtsdatum sowie mein Ortsverein sind vermerkt (Abteilung 14, Bötzowviertel) – und auf den restlichen Seiten ist Platz, um die Marken einzukleben, die ich am Ende des Jahres bekomme, wenn ich meinen Beitrag zahle. Meine Mitgliedsnummer: 70106281.

Der Raum ist verraucht, es ist heiß, an den Tischen sitzen vorwiegend Gleichaltrige, viele Studenten. Mir gegenüber sitzt eine sehr hübsche Frau. Mein erster Gedanke: Was macht die bloß hier? Ich erschrecke über meine Vorurteile.

Dann sind da noch die Funktionsträger, der Kreisvorsitzende, die Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaften – und als berühmter Gast: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse. Mein erster Spitzenpolitiker. Meine Freundin erträgt ihn nicht, sie findet ihn moralinsauer, humorlos und pedantisch.

Genosse Wolfgang erhebt sich von seinem Stuhl und hebt an zu einer Zustandsbeschreibung der SPD. Es gebe keinen anderen Weg, sagt er, und allen, die dagegen seien, wirft er vor, realitätsfern und borniert zu sein. Er gestikuliert, macht einen Schritt vor, einen zurück, tänzelt und zupft an den Papierblättern herum, die vor ihm auf dem Tisch liegen. Ich möchte etwas sagen. Und bin mir unsicher, ob ich den Bundestagspräsidenten wirklich duzen könnte. Die anderen sagen: »Wolfgang, der SPD fehlt ein Führer, der nicht zweifelt, sondern uns sagt, wo es langgeht«, »Wolfgang, der Sparkurs geht nicht weit genug, und die Bildungsoffensive fehlt.« Ein anderer fragt, wo sich Wolfgang, wenn er heute 20 wäre, in der SPD engagieren würde. Wolfgang gibt uns den Rat, nicht gleich mit der Weltpolitik anzufangen, weil das nur zu Frust und Enttäuschungen führe.

Da melde ich mich zu Wort. Genosse Nicol. Ich sage, dass ich vor zwei Wochen in die Partei eingetreten bin. »Herzlich Willkommen«, sagt Genosse Wolfgang, und die anderen klatschen. Wie in einer Selbsthilfegruppe. Nicol ist jetzt einer von uns. Vor einer Ansammlung von Menschen zu reden, fällt mir nicht leicht. Ich bin aufgeregt. Sage, dass ich an der Glaubwürdigkeit der Regierungspolitik zweifele, dass ich das Gefühl hätte, die Reformen seien Flickschusterei, und ein Kanzler, der mit Rücktritt drohe, statt zu argumentieren, überzeuge mich nicht. Am Ende bricht mir die Stimme weg.

Genosse Wolfgang hingegen wird laut, ja, er fängt an zu schreien, oder bin ich zu sensibel? Erstens, brüllt Wolfgang, sei in der heutigen Zeit äußerst schwierig zu sagen, was in einigen Jahren sei, und die Politik habe sehr wohl langfristige Ansätze. Und zweitens hätten die Medien Schröders Rücktrittsdrohungen überinterpretiert. Der Kanzler könne gar nicht anders, wenn er keine Gefolgschaft für seine Politik finde, könne er auch nicht weitermachen. Ob es die Rücktrittsdrohungen gar nicht gegeben habe, frage ich. Doch, sagt er, aber nicht ständig, wie ich es formuliert hätte. So schnell wurde mir etwas in den Mund gelegt.

Wolfgang sagt, und ich weiß nicht genau, ob er mich meint: Wer Kritik nicht vertrage, solle lieber Gedichte schreiben.

Ich frage mich: Was soll ich in einer Partei, wenn ich es kaum wage, Stellung zu beziehen? Soll ich mich aufs Plakatekleben beschränken und das politische Gestalten den anderen überlassen? Nein! Ich muss lernen, mich durchzusetzen, darf mich nicht mehr so leicht verunsichern und zu Kompromissen breitschlagen lassen. Schluss damit, mein Wille geschehe!

Ich sitze zusammen mit 22 jungen Menschen in einem viel zu kleinen Raum im Kurt-Schumacher-Haus, einem unglamourösen Gebäude in Berlin-Wedding. Dies ist die Berliner SPD-Zentrale. Wir sind zwischen 15 und 34 Jahre alt. Auch diese Gruppe ist gemischt: ein Syrer, einige Deutsch-Türken, eine Schülerin, ein paar Studenten und der Filialleiter einer Bank. Keine Ansammlung von Freaks, Strebern oder Profilneurotikern – einige sind mir vom ersten Moment an sympathisch.

Es ist die Zeit des Kennenlernens, nach dem Bezirk hat nun der Juso-Landesverband zu einem Neumitglieder-Forum geladen.

Wenn man sich die 23 Neu-Genossen ansieht, die sich an diesem Tag im Kurt-Schumacher-Haus versammelt haben, dann wird sich die SPD auch als Arbeiterpartei verabschieden müssen. Unter ihnen sind so viele Jura-Studenten, dass schon Witze darüber gemacht werden.

An diesem Samstagmittag gehen wir Neumitglieder auf SPD-Kosten zum Italiener. Jeder darf sich ein Pastagericht oder eine Pizza aussuchen und dazu ein Getränk.

Nach dem Essen erfahren wir, wie wir »aktiv mitgestalten« können. Leicht ist es nicht. Der Vorsitzende erklärt an einer Schautafel den Aufbau der Jusos. Man engagiert sich am besten in einer Arbeitsgruppe oder dem Verband. Dort formuliert man Anträge, über die dann in der Kreisvollversammlung entschieden wird – wenn sie dort eine Mehrheit finden, dann kommen sie in die Landesdelegiertenkonferenz, wenn sie dort eine Mehrheit in den in den Bundeskongress. Das kann Monate dauern. »Stille Post« nennt Manuela das.

Neben den ordentlichen Gremien wird auf die »Kungelrunden« hingewiesen, inoffizielle Treffen, von denen wir, wenn wir Glück haben, erfahren werden. Sie seien äußerst wichtig, weil dort unter anderem die Personalentscheidungen getroffen würden. Politik wird beim Bier gemacht. Für mich bedeutet das: trinkfester werden. Bislang fange ich nach dem ersten Bier an zu lallen. Wie wichtig Bier ist, erzählt mir ein Freund, der seit kurzem Büroleiter eines SPD-Bundestagsabgeordneten ist. Sein Chef habe in einer Fernsehsendung ein Glas Wasser vor sich stehen gehabt. Am nächsten Tag fragten die Genossen, ob er sich von der Basis distanziert habe.

Fast ein Monat ist seit meinem ersten Besuch im Willy-Brandt-Haus vergangen. »Aktiv mitgestaltet« habe ich seit meinem Parteieintritt nichts, aber das wäre auch zu viel erwartet. Ich bekomme massenweise Einladungen: zu Diskussionsveranstaltungen, Demos, einer Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz und Birkenau, zu Wochenendseminaren über Rosa Luxemburg oder Antisemitismus. Ich lerne junge Menschen kennen, die seit zwei Monaten nicht mehr im Kino waren, weil sie jeden Abend auf irgendeiner Veranstaltung waren. Meine Freundin hat Angst, dass auch ich in den Sog der Partei geraten könnte. Schon nach einem der ersten Abende sagte sie: »Denk daran, du hast Familie.«

Ich frage mich aber immer noch, wie und ob ich mich jemals mit der Partei identifizieren werde. Es befremdet mich, wenn Genossen, die jünger sind als ich, ganz selbstverständlich wir sagen. So traurig es sein mag, der einzige Verein, mit dem ich mich wirklich identifiziere, und das seit 16 Jahren, ist Werder Bremen.

Als Fußballfan werde ich gelegentlich belächelt oder auch mal als Fanatiker bezeichnet, meine Parteimitgliedschaft aber lässt Freunde und Bekannte an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln.

»Du bist in der SPD? Warum das denn?« Ich war bei Freunden zum Abendessen eingeladen. Wir saßen zu sechst am Tisch, meine Freundin hatte gespöttelt, dass sie ja nun mit einem Genossen zusammen sei.

»Ja«, sagte ich, »seit vier Wochen.«

Es ist nicht so, dass es mir unangenehm wäre, ich fühle mich eher, als hätte ich ein skurriles Hobby, würde Kotztüten sammeln oder sonntags auf der Suche nach Kuckucksuhren über die Flohmärkte spazieren.

Ist nicht eigentlich die Demokratie gescheitert, wenn sich Menschen, die in eine Partei eintreten, rechtfertigen oder zumindest erklären müssen?  Müsste die Frage nicht eigentlich lauten: »Warum bist du nicht eingetreten?«

Dass ich seit zehn Jahren ein schlechtes Gewissen hätte, sagte ich, weil ich nichts täte.

Jeden vierten Dienstag im Monat trifft sich meine Abteilung in einem Raum einer kleinen Stadtteilbibliothek. Was im Rest des Landes Ortsverein heißt, nennt sich in Berlin Abteilung.

Jedes neue Mitglied wird je nach Wohnsitz automatisch einer Abteilung zugeteilt. Bundesweit gibt es rund 12.500 Ortsvereine. Die nächste Ebene sind die Bezirks- oder Kreisverbände, dann kommen die Landesverbände. Es ist ein bisschen wie im Fußball – es braucht seine Zeit, bis man in die Bundesliga aufsteigt. In der Abteilung müssen ähnlich wie in einem Verein diverse Posten besetzt werden: Kassenwart, Schriftführer, Beisitzer und Abteilungsvorsitzender. Mein Vorsitzender ist Sven. Er ist 34, hat Geschichte studiert und ist seit 1993 SPD-Mitglied.

Von den 90 SPD-Mitgliedern kommen etwa zehn regelmäßig zu den Abteilungssitzungen, es sei denn, Ämter stehen zur Wahl, dann sind es doppelt so viele.

Der Raum, in dem wir uns treffen, wirkt provisorisch: zwei Tische, einige Klappstühle, Regale mit bunten Kinderbüchern an den Wänden. Warum ich eingetreten sei, möchte eine ältere Genossin wissen. Ich sage, es sei doch immer gut, sich antizyklisch zu verhalten. Die Antwort gefällt ihr offenbar, Wochen später fragt sie mich, als wir uns zufällig auf der Straße begegnen: »Du bist doch der Antizyklische oder?«

»Oh, da kommt die Ministerin, und wir sind nur zu viert!«, ruft eine der anwesenden Frauen um kurz nach 19 Uhr. Manuela hat mich mitgenommen, und jetzt sitzen wir im Bezirksamt Wedding. Die ASF, die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, hat Justizministerin Brigitte Zypries eingeladen. Thema: Die Verschärfung des Sexualstrafrechts. Zwar trudeln später noch ein paar Frauen ein, sodass am Ende etwa zehn Menschen im Raum sitzen, aber dieser Moment ist allen sichtlich unangenehm. Eine Bundesministerin nimmt sich Zeit, die Veranstaltung ist seit Monaten geplant – und dann so wenige Interessierte.

Brigitte Zypries lässt sich nichts anmerken. Das Gute an solchen kleinen Runden: Sie sind sehr familiär. Und wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich mit einer Ministerin Salzstangen zu teilen? Ich weiß nicht, ob es an dieser vertraulichen Atmosphäre liegt oder am Charakter der Genossin Brigitte: Sie gesteht Schwächen ein, sagt Sätze wie »Ich sehe das Problem, weiß aber keine Lösung«.

Ist sie unverdorben, weil sie die Ochsentour nicht gemacht hat? Sie hat kein Mandat und hatte nie ein Amt in der Partei.

Auf Veranstaltungen mit anderen Spitzenpolitikern werden die Fragen aus dem Publikum gesammelt, der Redner macht sich währenddessen Notizen und beantwortet dann in einem Rundumschlag fünf auf einmal, einige ausführlich, andere gar nicht. Er behält immer das letzte Wort, es gibt keine Möglichkeit, nachzuhaken, dadurch sind solche Auftritte im Grunde witzlos.

Eigenschaften, die mir bei meinen Freunden wichtig sind – Nachdenklichkeit, Selbstzweifel, auch Ängste – sind im öffentlichen Auftreten von Politikern ausgeblendet. Wann hört man schon mal von einem Politiker, dass er unsicher ist? Dass er sagt: »Ich weiß auch nicht, ob das richtig ist, ich glaube es aber.« Dass er zugibt, schlecht zu schlafen, oder einräumt: »Natürlich mache ich auch Fehler, wie jeder Mensch«?

Die Gesellschaft zu verändern – das bedeutet in einer Partei, Anträge zu formulieren. Am heutigen Abend, dem 11. März 2004, soll die endgültige Fassung eines Antrags mit dem Titel Elite für Alle beschlossen werden. Es ist eine Initiative der Jusos Nord-Ost. Zu sechst sitzen wir in der Kiezkantine, einer Kneipe im Prenzlauer Berg, die von einem gemeinnützigen Verein betrieben wird, dessen Ziel es ist, psychisch Kranke wieder in den Alltag zu integrieren. An zwei Donnerstagen im Monat findet hier die Versammlung der Jusos statt. »Nächstes Mal ist die Bude wieder voll«, sagt der Vorsitzende Johannes Arlt. Nächstes Mal finden Wahlen statt, und die Posten werden neu besetzt.

Der Antrag soll deutlich machen, dass es auch ohne Studiengebühren geht. Es ist der Versuch, dem Juso-Landesverband eine Stoßrichtung vorzugeben, wie er sich gegen die SPD profilieren sollte. Es droht eine eher trockene Veranstaltung zu werden, das Ganze erinnert mich an den Deutschunterricht in der Schule, wenn der Lehrer das Diktat noch mal durchging.

Wer mit Parteipolitik mühseliges Klein-Klein verbindet, der sähe sich am heutigen Abend rundum bestätigt.

Politik ist: das Organisieren von Mehrheiten. Wichtiger wäre es, verfolgen zu können, wie sie organisiert werden, weil man dann mehr über die wirklichen Motive erführe.

Im Protokoll dieser Sitzung würde stehen: Nach anfänglichem Widerstand gibt Genosse Nicol auf. Von ihm ist nichts mehr zu hören.

Nach zwei Stunden nämlich habe ich den Punkt erreicht, an dem mir alles egal ist, ich denke: Macht doch, was ihr wollt, ich will nach Hause. Ich frage mich, wie es Menschen schaffen, eine Woche lang jede Nacht zu verhandeln – vielleicht bekommt man diese Kondition und diesen Biss durch jahrelange Parteiarbeit. Ein Genosse sagt, es handele sich um eine Art »sportlichen Wettkampf«.

Ich nehme ein Taxi nach Hause. Ich sähe so fertig aus, sagt der Fahrer, was ich getan hätte? »Ich war bei der SPD«, sage ich. Er schaut in den Rückspiegel. »Schröder muss weitermachen, ihr seid besser als die CDU«, bricht es aus ihm hervor. Es ist die erste Aufmunterung, seit ich Genosse bin. Sonst schimpfen sie alle über die SPD: meine Eltern, meine Freundin, meine Freunde. »Die Deutschen «, sagt der Taxifahrer, »sind verwöhnt. Jede Ritze am Arm ist wie eine große Wunde. Dieses ewige Jammern! Ich verstehe das nicht, den Deutschen geht es doch gut. Die sollten mal in der Türkei leben.« Er selbst ist Türke. Seit 17 Jahren in Deutschland.

»Seid mutig«, sagt er, als ich aussteige.

Es ist der 20. März 2004, der Abend vor dem Sonderparteitag in Berlin, auf dem Gerhard Schröder sein Amt als Parteivorsitzender abgeben wird. Die SPD hat zu einem »Parteiabend« geladen. Die jungen Wahlkampfteams durften 50 Leute einladen, einer davon bin ich.

Ich dachte, beim Parteiabend wären wir Genossen unter uns, aber im Foyer, wo die Party steigt, drängen sich die Fernsehteams und einige hundert Gäste zwischen den Bistrotischen. Auf der einen Seite des Foyers ist eine kleine Bühne, auf der später eine südamerikanische Band spielen wird und auf der gleich zu Beginn die beiden Hauptpersonen eine Ansprache halten. Franz und Gerd. Ich stehe am rechten Bühnenrand, drei Meter von Gerd entfernt. Den Unterkiefer etwas vorgeschoben, steht er im Scheinwerferlicht, wie eine Figur aus Madame Tussauds Kabinett. Er lacht kurz, erstarrt dann wieder. Die beiden halten Abstand zueinander, nur einmal legt Gerd seinen Arm um Franz, was am nächsten Tag in den Zeitungen als bedeutende Geste gewertet wird. Vor allem, weil Franz diese Geste so regungslos erträgt.

Nach ihrem kurzen Auftritt gehen beide von der Bühne, die Leibwächter eilen voraus, bahnen einen kleinen Korridor zwischen den Gästen frei. Franz bleibt am ersten Tisch stehen, steckt sich ein Zigarillo an, sofort wird er von einigen älteren Genossen umringt. Die ganze Zeit wird gefilmt und fotografiert. Franz blickt seine Gesprächspartner nicht an, sondern immer etwas an ihnen vorbei, als wäre er mit den Gedanken längst schon weiter.

»Hallo, Herr Müntefering«, sage ich, »ich bin neu in der Partei und möchte Ihnen viel Glück wünschen.« Er schaut mich kurz an, dann sagt er: »Aus welchem Ortsverein bist du?« Ich hätte ihn duzen müssen! Er fragt mich, ob ich morgen zum Parteitag käme. Ja, sage ich, und dass es mein Erster sei. Ob er sich noch an seinen ersten erinnere? Er habe schon so viele erlebt, sagt er, dass er sich nicht erinnern könne. Aber 1975, da habe es einen Parteitag in Mannheim gegeben, bei dem es hoch hergegangen sei. Damals sei Willy Brandt mit dem spanischen Genossen Felipe Gonzalez aufgetaucht. Aber das sei 30 Jahre her. Für einen kurzen Moment wirkt er fast ein wenig nostalgisch. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Sage schließlich: »Dann muss ich wohl auch dreißig Jahre dabeibleiben.« – »Wär schön«, sagt er und wendet sich wieder anderen Genossen zu.

Unser Gespräch hat nicht länger als eine Minute gedauert, und Franz hat seine Begeisterung, mit mir reden zu dürfen, gut unter Kontrolle gehalten. Was ich ihm nicht übel nehme.

Der Gerd steht etwas abseits an einem Tisch, neben ihm seine Frau Doris sowie Heide Simonis und Olaf Scholz. Leibwächter schirmen das Grüppchen ab, der Kanzler wirkt unnahbar. Nie hätte ich mich getraut, ihn anzusprechen. Ein Mädchen, vielleicht 16, nähert sich dem Tisch, steht etwas unsicher vor dem Kanzler, fragt ihn etwas. Und wie reagiert der Kanzler auf die verlegene junge Frau? Lächelt er sie an und fragt, was sie auf dem Herzen hat? Gibt er eine Cola aus und nimmt sich etwas Zeit? Macht er vielleicht einen Witz und heitert sie auf? Er schüttelt nur kurz den Kopf. Das Mädchen ist sichtbar geschockt. Doris greift ein und schickt Gerds Büroleiter hinterher. Der redet eine Weile mit dem Mädchen, dann darf sie sich doch noch zusammen mit dem Kanzler fotografieren lassen. Das gemeinsame Posieren dauert keine Sekunde. Anschließend frage ich das Mädchen, was los gewesen sei. »Ein Missverständnis«, sagt sie.

Später erzähle ich einer Genossin von meinem Erlebnis. Dass ich fast Angst vor dem Kanzler bekommen hätte, sage ich. Sie sagt: »Wieso? Der Gerd war doch heute super gelaunt.«

Alle zwei Jahre werden die Ämter innerhalb der Partei neu besetzt. In unserer Abteilung versammeln sich am 23. März 2004 über zwanzig Genossen. Als Erstes werden ein Wahlleiter, ein Schriftführer und eine Zählkommission bestimmt. Dann legt der Nochabteilungsvorsitzende seinen Rechenschaftsbericht ab: Er zählt auf, was die Abteilung in den vergangenen zwei Jahren zu Wege gebracht hat, vom Besuch des ehemaligen Stasi-Hauptquartiers bis zur Organisation des Kinderfestes.

Ein Genosse sagte mir, dass es nie gut sei, sich selbst als Kandidaten ins Spiel zu bringen, das müsse ein anderer tun. Wir haben an ein paar Abenden etwas herumgesponnen, wollten wie Lafontaine mit einer einzigen Rede das Herz der Genossen erobern und so den Vorsitz übernehmen. »Du musst eine Idee haben, du musst sagen, was sich ändern soll, was du tun möchtest«, sagte er. Und da ging es schon los. Was möchte ich eigentlich tun? Welche Vision habe ich für unser Viertel? Soll es kinderfreundlicher werden? Muss der Einzelhandel gerettet werden? Will ich Mietnachlass für Ossis, weil sie zunehmend von Wessis verdrängt werden?

Weil ich weder Ideen habe noch eine Chance, kandidiere ich auch nicht für den Abteilungsvorsitz. Aber zumindest Stellvertreter hätte ich werden können. Eine Genossin, die nicht viel länger dabei ist als ich, meldet sich einfach und sagt: Sie würde gern mehr Engagement übernehmen, wisse zwar nicht genau, was auf sie zukäme, würde aber trotzdem stellvertretende Vorsitzende werden wollen. Sie wird mit 18 von 21 Stimmen gewählt. Der Vorsitzende bekommt 20 von 21 Stimmen.

Zwei Abende später werde ich immerhin Landesdelegierter der Jusos – allerdings nur Ersatz und einer von vielen. Als es zum Schluss dann um die Ersatzdelegierten geht, werden wahllos Namen in den Raum gerufen, insgesamt acht. Eine Frau nennt meinen. Dann wird abgestimmt. Und ich werde gewählt – mit dem zweitschlechtesten Ergebnis. Trotzdem hat es meine Mutter der gesamten Nachbarschaft erzählt, und mir sagt sie: »Vielleicht wird ja doch noch etwas aus dir!« Meine Freunde reagieren verblüfft: »Landesdelegierter? Das ging aber schnell. Machst du einen Durchmarsch?« Was mal wieder zeigt, wie wenig Ahnung sie von den Parteistrukturen haben.

»Ich bin Ersatzdelegierter für die LDK«, sage ich später zu meiner Freundin.

»LD… – was?«

»LDK.«

»Jetzt ist es so weit«, sagt sie, »jetzt redest du schon Genossensprache. I-G-I-B.«

»Was?«

»Ich gehe ins Bett.«

In Berlin veranstaltet die SPD manchmal »Politiklounges«. Da soll das Interesse junger Leute für Politik geweckt werden. Alle sechs Wochen kann man da mit prominenten Gästen zusammenkommen. Wolfgang Thierse, Klaus Wowereit, Franz Müntefering, aber auch Tim Renner, Ex-Chef von Universal Music, waren schon da und haben im kleinen Kreis Rede und Antwort gestanden. Anschließend gibt es dann die Gelegenheit zu einem gemeinsamen »Chill-out-Drink«.

Auf meiner ersten »Politiklounge« komme ich mit einem jungen Mann ins Gespräch, der mich fragt, was er in der SPD erleben könne. Er sagt, er habe genug vom Jammern, und möchte endlich etwas tun. Er sei noch nicht ganz entschlossen zwischen den Grünen und der SPD und wolle sich deshalb am heutigen Abend mal umschauen. Sabine, eine Genossin, hat nur einmal erlebt, dass ein 16-Jähriger an den Infostand gekommen ist und gesagt hat, er könne sich vorstellen, Mitglied zu werden.

Es wird eine interessante Veranstaltung: Zwei Politikberater sind zu Gast, der eine sehr jung, der andere ein »alter Hase«, der schon mal Minister war. Sie erzählen von ihrem Werdegang, davon, dass sich in der Politik im Vergleich zu früher zwei Dinge grundlegend verändert hätten. Wegen der wirtschaftlichen Probleme und des daraus entstehenden Konkurrenzdrucks habe sich in den Medien der Trend zur »Skandalisierung« entwickelt. Die zweite Veränderung liege im Tempo. Entscheidungen müssten viel schneller getroffen werden, oft bliebe Politikern nicht einmal die Zeit, Rücksprache mit der Partei zu halten.

Der »alte Hase« sagt: 60 Prozent der Politiker fragten sich, warum sie eigentlich auf dem Stuhl säßen, auf dem sie säßen. Die wenigsten von ihnen seien in der Lage, wirklich Politik zu machen. Was es denn bedeute, Politik zu machen, möchte ich von ihm wissen. »Visionen von einer Gesellschaft stückweit mehrheitsfähig machen«, sagt er. Und als er dann von der Wichtigkeit eines Image spricht und den Begriff einer »inszenierten Authentizität« verwendet, einem Widerspruch in sich, nutze ich die Gelegenheit und erzähle von meiner Sehnsucht nach einem menschlichen Politiker. Ich sage: Ein Kanzler, der sagen würde, samstags zwischen 14 und 16 Uhr habe er keine Zeit, weil er mit seinem Sohn zum Fußball gehe, so jemand würde doch geliebt werden!

Der »alte Hase« schaut mich an, schüttelt leicht resigniert den Kopf und sagt: »Mit deinem Anspruch, so zu bleiben, wie du bist – lass es. Damit kommst du nicht weit.«

Auch in diesem Europa-Wahlkampf gibt es wieder die so genannten Jungen Teams, Genossen und Nichtgenossen, die sich bundesweit  zusammenschließen, um für die SPD Wahlkampf zu machen. Zu erkennen sind die Mitglieder der Jungen Teams an ihren blauen T-Shirts mit dem Aufdruck »Europa 04«. Wer glaubt, solche T-Shirts und Jacken stelle uns die SPD als Wahlkampfausrüstung, der täuscht sich: Das T-Shirt kostet 14,50 Euro, die Jacke sogar 29,90 Euro. Zu erwerben beim Vertriebsservice der SPD.

Die Themen für den Wahlkampf wurden nach repräsentativen Umfragen ausgewählt: Friedensmacht Europa, Sozialmodell Europa, Deutschland in Europa. Bis vor kurzem lautete die Devise: »Kein Wort zur Türkei« – dann aber ist der Kanzler hingeflogen und hat die Beitrittsverhandlungen quasi zur Chefsache gemacht. Meine größte Sorge: Wie soll ich Wahlkampf machen, wenn ich selbst kaum etwas über die Strukturen der EU weiß? Und auch nicht darüber, wofür die SPD steht und wie sie sich von den anderen Parteien abgrenzt?

Die SPD bietet Mitgliedern unter www.spd-online.de jede Menge Material. Eine Musterrede zum Herunterladen: »Liebe …, Deutschland liegt ab dem 1. Mai im Herzen des größten einheitlichen Binnenmarkts der Welt und ist ausschließlich von Freunden umgeben. Es liegt auf der Hand, dass wir als weltweit größte Exportnation davon profitieren. Wer die Ängste vor Sozialdumping, Arbeitsmarktkonkurrenz oder Aushöhlung umweltpolitischer Standards benutzt, um Stimmung zu machen und in Wahlstimmen umzumünzen, wie dies einige Oppositionspolitiker tun, vergeht sich an Europa. Und man muss ganz klar festhalten: Es war Gerhard Schröder, der durchgesetzt hat, dass in sensiblen Bereichen – wie z. B. bei der Arbeitnehmerfreizügigkeit – Übergangslösungen gefunden worden sind, die den deutschen Arbeitsmarkt schützen ….«

Es gibt auch Argumentations-Karten, auf denen europäische Themen und die Ziele der SPD erläutert werden. 21 Karten, beidseitig vierfarbig bedruckt, Kosten: ein Euro.

Ein bisschen fühle ich mich wie vor einer Uni-Prüfung. Ich muss mich einlesen, lernen, vortragen.

Am Abend ziehen wir zu dritt durch unser Viertel und hängen Plakate an den Straßenkreuzungen auf. Wir binden sie mit Draht an den Stangen von Verkehrsschildern oder Laternen fest. Mehr als dreißig Plakate verteilen wir im Viertel. Ich schaue mich jedes Mal etwas verschämt um. Aber warum? Das genau meinte Müntefering, als er sagte, wir sollten selbstbewusst auftreten. Und Alexander Götz, der stellvertretende Kreisvorsitzende, der mir sagte: »Wenn du mit Selbstzweifeln an den Infostand trittst, bist du geliefert.« Wovor habe ich eigentlich Angst? Dass sich Menschen lustig machen über mich. Es ist schon seltsam: Würde ich Plakate für den Tierschutz oder die Kinderhilfe aufhängen, wäre ich vielleicht sogar stolz, weil ich wüsste, die meisten Menschen hielten das für eine gute Sache. Noch bin ich ja von niemandem beschimpft oder angepöbelt worden. Und auch an diesem Abend gehen die Menschen vorbei, ohne irgendeine spöttische Bemerkung zu machen. Eine Frau lächelt mich sogar an und sagt: »Das nenne ich Engagement!«

Vor dem Supermarkt in unserem Viertel bauen wir den Stand auf, der besteht aus einem kleinen Tapeziertisch und einem roten Sonnenschirm mit SPD-Logo. Wir sind zu viert, und für uns alle ist es der erste Straßenwahlkampf. Aber im Gegensatz zu mir haben die anderen keinen Bammel. »Wird bestimmt lustig«, sagt Svenja, unsere stellvertretende Abteilungsvorsitzende.

Dann kommt mein erstes Opfer: ein Mann, Mitte 30, Halbglatze und in schwarzer Lederhose, eine Einkaufstüte in der Hand. Svenja nickt mir zu. Wird schon! Wie soll ich anfangen? Der Mann will gerade an mir vorbeigehen, da sage ich: »Darf ich dich für Europa begeistern?« und versuche, gute Laune auszustrahlen.

Er bleibt zögernd stehen, schaut mich an.

»Am Sonntag ist Wahl«, sage ich. Er schaut mich immer noch an.

»Wir sind von der SPD«, sage ich.

»Da kann ich dir auch nicht helfen«, sagt er und geht weiter.

Die nächsten potenziellen Wähler gehen einfach vorbei, wortlos, oder sie nuscheln ein »Nö«, so wie auch ich schon hundertmal vorbeigegangen bin, wenn mir Leute Flyer für die Neueröffnung eines Nagelstudios in die Hand drücken wollten.

Ein Mann gibt uns den Tipp, Schröder zu erschießen. Ein einziger Mann fängt eine Diskussion an. Auf seinen Stock gestützt, wettert der Alte: »Wieso soll ich wählen? Damit die sich da oben in die eigene Tasche wirtschaften?« Svenja sagt: »Sie haben da ein falsches Bild, würden wir sonst hier stehen und uns engagieren?«

»Sie meine ich nicht, Sie halten nur Ihren Kopf hin«, sagt er.

»Aber deswegen können Sie doch zur Europawahl gehen.«

»Damit die Herren da oben sich weiterhin bedienen? Nein, danke.«

Der alte Mann bleibt der Einzige an diesem Tag, der überhaupt mit uns redet.

Kurz vor zwölf bekommen wir Konkurrenz. Die PDS baut ihren Schirm neben unseren auf. Auch in Rot. Zwei Männer kommen an unseren Stand, begrüßen uns. Wir tauschen Broschüren aus, wie Fußballer Wimpel vor dem Spiel. »Schön, dass ihr da seid«, sagt der eine, »dann kriegen wir die Prügel nicht allein ab.«

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass SPD-Schirme nicht wasserfest sind, es regnet durch sie hindurch. Und dass die SPD keine Ahnung von Fußball hat. In den kleinen EM-Spielplänen, die wir verteilt haben, gehören Spieler zum deutschen Aufgebot, von denen schon seit Monaten niemand mehr spricht.

Wie will man in einem Land mit so wenig Kernkompetenz in Sachen Fußball eine Wahl gewinnen?

Das Gute am Dasein als Genosse: Ich muss nicht mehr darüber nachdenken, was ich wähle.

Meine Freundin hat Grün gewählt – per Briefwahl, bevor sie in Urlaub gefahren ist. Sie hat es mir beim Frühstück gesagt, ganz nebenbei: »Übrigens, ich habe Grün gewählt. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel.« Ich habe versagt. Ich bin auf die Straße gegangen, um fremde Menschen für die SPD zu überzeugen, und was passiert zu Hause? Die Frau, mit der ich seit sechs Jahren zusammenlebe und mit der ich ein Kind habe, wählt Grün.

Am Abend der Europawahl fahre ich ins Willy-Brandt-Haus zur Wahlparty. Beziehungsweise Trauerfeier. Als ich kurz vor sechs Uhr eintreffe, laufen bereits die Fernseher.

Generalsekretär Klaus Uwe besteigt das Podium, stellt sich hinter eines der Mikros, vor die blaue Wand mit dem SPD-Logo und sagt: Das Ergebnis sei nicht zu beschönigen, es sei eine klare Niederlage, ein bitteres Ergebnis. Er bedankt sich bei all denen, »die aufopferungsvoll gekämpft haben«. Und erntet Beifall. Wenn schon von den Wählern kein Trost kommt, dann tröstet man sich eben selbst.

Ich war nicht so naiv, an einen Wahlsieg zu glauben, aber mit einem leichten Zuwachs hatte ich gerechnet. Ein bis zwei Prozent vielleicht. Aber nicht mit so einem Absturz. Als ich meine Freundin im Urlaub anrufe und ihr von der Wahl berichte, sagt sie: »Du hast ja eine ganz belegte Stimme, du Armer!« So ging es mir zuletzt, als Werder Bremen im UI-Cup 0 : 4 gegen Pasching verloren hatte.

Fühle ich mich der Partei doch viel näher, als ich denke? Vielleicht identifiziert man sich erst mit einer Partei, wenn der Gegner ins Spiel kommt – Identifikation als Abgrenzung sozusagen?

Es ist acht Monate her, dass ich in die SPD eingetreten bin, acht Monate, in denen ich so »aktiv« war wie nie zuvor in meinem Leben, in denen ich Gerd, Hans und Franz erlebt habe, zahlreiche Sitzungen, Feste und Wahlkampfveranstaltungen. »Du hast dich verändert in diesen acht Monaten«, sagt meine Freundin, »du hast mehr Sexappeal bekommen.«

Ich schaue sie an. »Findest du wirklich?«

»Nein«, sagt sie, »war nur ein Scherz.«

Natürlich kann ich mir Schöneres vorstellen, als mich samstagmorgens, während die meisten meiner Freunde noch schlafen, im Regen auf die Straße zu stellen und mich von Omis als »Arsch« beschimpfen zu lassen. Ich kann solche Erfahrungen nicht mit »höheren« Idealen kompensieren. Ich stehe hier, weil ich die Gesellschaft verändern, die Welt verbessern will – solche Sätze motivieren mich nicht, dazu fehlt mir der Glaube. Ich brauche fühlbare »Erfolge«: in Form von Anerkennung und Lob oder als Gewissheit, dass ich doch Dinge beeinflussen kann.

Was kann ich mitentscheiden? Welche Menschen welche Ämter bekleiden. Zumindest in meiner Abteilung, meinem Juso-Kreis- und Landesverband. Ich kann Einfluss nehmen auf die Meinungsbildung, und ich kann versuchen, ein Projekt, das mir wichtig ist, umzusetzen. Solange man nicht die Räterepublik oder eine neue Linkspartei ausruft, kann man alles machen in der SPD.

Wenn ich Menschen von meinem SPD-Selbstversuch erzähle, ist deren erste Frage stets: »Und? Wirst du dabeibleiben?« Eine Frage, die ich mir natürlich auch schon gestellt habe. Um es vorwegzunehmen: Ja, ich werde Genosse bleiben.

DIE ZEIT

Nr. 35 vom 2. September 2004

Bewertung der Jury

Nicol Ljubić erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2005 in der Kategorie »Allgemeines« für den Beitrag »Als ich rot wurde«, erschienen in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit am 2. September 2004.

Nicol Ljubić protokolliert in souveräner und selbstironischer Ich-Form seinen Eintritt in die SPD in Zeiten, in denen Bürger parteipolitisches Engagement eher meiden. Der spannend geschriebene Text legt viele der Jahrzehnte alten Mechanismen offen, nach denen politische Parteien auch im Internetzeitalter noch funktionieren. Er charakterisiert die Menschen präzise, ob es sich nun um eine Führungskraft oder um ein einfaches Parteimitglied handelt. Ein überaus beeindruckender Text.

Kurzbiographie

Nicol Ljubić

Geboren am 15. November 1971 in Zagreb. Aufgewachsen in Schweden, Griechenland, Russland. 1991 Abitur in Bremen. 1993-2002 Studium der Politikwissenschaften an der Universität Bremen; Abschluss: Diplom.

Seit 1993 als freier Journalist u.a. tätig für Radio Bremen, für den WDR, NDR und HR. 1996 bis 1998 Besuch der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. 1999 Redakteur beim Jugend-Supplement jetzt der Süddeutschen Zeitung, München. 2001 Pauschalist beim Berliner Tagesspiegel im Ressort »Die dritte Seite«. Seitdem schreibt er als freier Autor.

1999 mit dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet und für den Egon-Erwin-Kisch-Preis und Axel-Springer-Preis für junge Journalisten nominiert.

Nicol Ljubić hat zwei Bücher veröffentlicht: Im Jahr 2002 erschien der Roman »Mathildas Himmel« im Eichborn-Verlag und 2004 das Buch »Genosse Nachwuchs – Wie ich die Welt verändern wollte« bei DVA, München.