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Prämierter Text

Tee mit Onkel Hartz

Von Horst von Buttlar

Als die Menschen auf die Straße gegangen sind, waren wir schon weiter. Nicht auf der Straße, sondern im Kopf. Die Menschen schrieen gegen Hartz und Sozialabbau, am Montag, am Dienstag, und natürlich verstanden wir, dass sie Angst hatten. Es war aber nicht unsere Angst. Hartz ist nicht eine Zukunft, die wir verstehen müssen. Wir haben bereits verstanden.

Hartz ist wie ein Onkel, der zum Tee kommt und uns eine Geschichte erzählt, deren Pointe wir längst kennen. Wir sind eine Generation, die für bestimmte Ansprüche nicht mehr auf die Straße gehen muss, weil sie diese Ansprüche gar nicht mehr formuliert. Hartz gab uns das nur schwarz auf weiß. Und wer es dennoch nicht begriffen hatte, der wird es jetzt und in Zukunft zu spüren bekommen. Denn auch für unsere Generation, die nach der Generation Golf geborene Kohorte, wurde gerade die Versuchsanordnung in Skinners Box geändert, in der seit Jahrzehnten das Experiment »Sozialstaat« läuft. Wenn die staatlichen Stromschläge für ein bestimmtes Verhalten künftig anders ausgeteilt werden, werden wir und kommende Generationen ein anderes Verhalten erlernen, anders konditioniert. So einfach ist das. Willkommen beim Hartz-Effekt.

Wer aber ist diese Generation? Im Grunde hatten wir alles richtig gemacht. Wir haben studiert, so mancher von uns auch richtig brav schnell – inklusive Auslandssemester. Wir haben so viele Praktika in den Semesterferien gemacht, dass die erste DIN-A4-Seite des Lebenslaufs schon voll war. Und wir haben Sprachkurse belegt, während der Schulzeit, nach dem Abi, in England, Frankreich, Spanien, damit wir drei Sprachen fließend sprechen. Jahrelang haben wir in Zeilen gelebt, strebsamen Zeilen für Lebensläufe, und jetzt, wo viele von uns anfangen zu arbeiten, da hören wir dieses Geschrei um die Zukunft. Ein Teil unserer Generation ist derzeit geparkt, ein halbes Jahr, ein Jahr, sitzen sie alle da, mit ihren getunten Lebenstabellen, und finden nichts. Wir sind eine Generation, die teilweise auf Eis gelegt wurde. Ein anderer Teil aber hechelt durch Deutschland und Europa, und wenn in einer Sonntagssprechblase »Flexibilität« gefordert wird, hält er kurz an und fragt: »Hä?« Wir leben schon längst, was oft noch gefordert wird. Wir bestehen nicht auf Sicherheit, formulieren weniger Privilegien, weil wir diese Privilegien gar nicht mehr kennen. Wir beantragen kein Trennungsgeld, weil wir uns von nichts trennen.

Wir sind nicht besser, tugendhafter oder selbstloser als andere Generationen. Auch bei uns gibt es »Mitnahmeeffekte«. Auch wir melden uns arbeitslos und gründen Ich-AGs, in denen das Ich nur den Zuschuss haben will. Auch wir haben uns Bafög ersc hlichen und sc hreiben uns nac h dem VWL-Studium für Archäologie ein, um weiter das Semesterticket zu bekommen. Letzteres allerdings nur, weil viele von uns mit ihren hochpolierten Lebensläufen auf eine gut gesicherte Festung treffen, die Arbeitsmarkt heißt. Es geht also nicht um Moral, wir sind keine besseren Menschen. Nur jetzt, nachdem wir erwachsen geworden sind, treffen wir auf einen Staat, der nach langen Jahren eine klare Ansage macht: Das gibt es, das gibt es nicht mehr. Und ganz wichtig: Da wird eure Generation dazu beitragen müssen. Darauf stellen wir uns ein. Der Hartz-Effekt wird unterschätzt, der Kampf um den Sozialstaat prägt uns, prägt die Zeit, in der wir studieren, Examen machen, arbeiten und Familien gründen. Mühsam waren diese ganzen Wahrheiten, die »Realitäten«, denen man sich plötzlich stellen musste. Für uns wird es Alltag sein.

Wir sind eine verwöhnte Generation, ja. Wir haben viel empfangen, und wir müssen, wir wollen etwas zurückgeben. Wir sind bereit, etwas zu leisten – und wir werden verzichten. Es ist zu einfach, uns vorzuwerfen, wir seien kalt und egoistisch. Wir kündigen nicht den Generationenvertrag, und wir werden sämtliche Hüftgelenke bezahlen, die durch den Aufbau dieses Landes verschlissen wurden. Wer uns pauschal verurteilt, dem entgegnen wir: Gut, dann hätten wir in 30 Jahren ganz gerne die Adresse des Rentners, dessen Rente wir allein bezahlen, damit wir ihm das Geld direkt überweisen können. Dafür darf er auf unsere Babys aufpassen, die wir bekommen müssen.

Wir wissen, dass so ein Schlagabtausch nicht weiterführt. Wir weisen deswegen nur leise darauf hin, dass die Versorgung der älteren Generation – die in jeder Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit ist –, dass diese Aufgabe, die auf uns zukommt, bei allem, was wir empfangen haben, nicht einfach werden wird, schwerer wird – und uns manchmal Angst macht. Deswegen schichten wir nicht nur die Vorsorge in private Fonds, sondern auch das Vertrauen um. Das Einzige, auf das wir vertrauen, ist das, was wir selbst beiseite legen. Den anderen Beitrag, den gesetzlichen, zahlen wir natürlich trotzdem weiter, ohne zu murren.

Lange hat die Regierung vergeblich nach einer Botschaft für ihre Reformen gesucht. Viele haben den Sinn der Gesetze dennoch verstanden. Für unsere Generation geht es nicht ums Verstehen, sondern um das Bewältigen. Danke, Onkel Hartz, es war trotzdem schön, dass du da warst.

FINANCIAL TIMES DEUTSCHLAND

Nr. 209 vom 26. Oktober 2004

Bewertung der Jury

Horst von Buttlar erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen – Theodor-Wolff-Preis 2005 in der Kategorie »Leitartikel/Kommentar/Essay« für den Beitrag »Tee mit Onkel Hartz«, erschienen in der Financial Times Deutschland, Hamburg, am 26. Oktober 2004.

Alle reden über Hartz IV. Horst von Buttlar auch. Er trinkt sogar Tee mit Onkel Hartz und lässt ihn Geschichten erzählen. Nur – es wird keine gemütliche Plauderstunde. Lakonisch, selbstironisch und mit unterkühlter Polemik beschreibt von Buttlar die illusionslose Haltung der jungen Generation. Seiner Generation. Die hat Hartz IV längst gefressen. Die hat sich längst verabschiedet von den Ansprüchen, für die die Gegner der Reform noch auf die Straße gehen. Die weiß, was auf sie zukommt und auf wen sie sich verlassen kann. Nur noch auf sich selbst. Von Buttlars Bestandsaufnahme ist hart, präzise, dabei unaggressiv. Ein Plädoyer für nüchterne Verantwortung – und verantwortungsvolle Nüchternheit. Seine Botschaft: Die Dinge sind eben, wie sie sind.

Kurzbiographie

Horst von Buttlar

Geboren am 21. September 1975 in Hamburg. Nach dem Abitur einjähriger Studienaufenthalt in Florida, USA. Von 1996 bis 2002 Studium der Slawistik, Geschichte und Politikwissenschaft in Heidelberg, St. Petersburg und Berlin.

Neben dem Studium freie Mitarbeit und Praktika bei Lokalzeitungen und beim Hörfunk. Von November 2002 bis März 2004 Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule in München. Ab Januar 2004 freier Mitarbeiter für die Frankfurter Rundschau.

Seit September 2004 Redakteur im Kommentarteam der Financial Times Deutschland.

1997 mit dem Würth-Literaturpreis ausgezeichnet.