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Prämierter Text

Die Witwe sagt: "Es ist Schicksal"

Von Stefani Geilhausen

Dienstag hat sie ihren Mann beerdigt. Und sie hat Gott dafür gedankt. Es war ein schwerer Gang für Anita Ullmann. Doch kaum so schwer wie der kurze Fußweg hinüber zum Wald hinter dem Sportplatz. Dorthin ist sie vergangene Woche gegangen. Ganz allein. Dort hat ihr toter Mann gelegen. Zwei Jahre lang.

Rückblende: Am 20. Januar 2001 verließ der Alzheimer kranke Rudolf Ullmann, der damals 83 Jahre alt war, sein Haus. Gerade hatte das Ehepaar noch gemeinsam Kaffee getrunken, Anita Ullmann hatte einen Kuchen gebacken, und dann hatte er ihre Hand gestreichelt und gesagt: "Tschüss. Mach's gut." Dann war er auf die Terrasse getreten und hatte die Schiebetür hinter sich geschlossen, ohne zurückzuschauen.

Minuten hatte es gedauert, bis Anita Ullmann dieses Bild ins Bewusstsein drang, bis sie spürte, dass es anders war als sonst, wenn der kranke Mann spazieren ging. Dann war sie losgerannt und hatte ihn gesucht.

Sie hat ihn nie gefunden. Zweimal jährte sich jener verschneite Januar-Sonntag, an dem Rudolf zum letzten Mal ihre Hand gehalten hatte. Dann, vorvergangenen Sonntag, hatten spielende Kinder im Wald ein menschliches Skelett gefunden.

Seine Uhr hat die Polizei ihr zurückgebracht. Die Zeiger stehen auf kurz nach drei. An welchem Tag sie wohl stehen geblieben sind? Das Lederarmband ist völlig zerfallen. Auch die Geldbörse, die Rudolf Ullmann eingesteckt hatte, mit den 250 Mark.

Dieses Geld hatte eine Zeitlang in Anita Ullmann Hoffnung wach gehalten. Dass er irgendwo in ein Taxi gestiegen war, oder in einen Zug, oder sogar ein Hotelzimmer bezogen hatte. Es war eine Hoffnung wider besseres Wissen, das war ihr schon klar. Längst hatte sie doch damals schon darauf geachtet, dass Rudolf nie das Haus verließ, ohne den Zettel mit Namen und Adresse und dem Hinweis, dass er Alzheimer hat und hilflos ist.

Natürlich hat sie geahnt, dass der Mann, der in den drei Jahren seiner Krankheit immer schwächer und dünner geworden war, nicht mehr am Leben war. Aber dann waren da immer wieder diese Hinweise, die sie die Ahnung verdrängen ließen: Vorn an der Kreuzstraße soll Rudolf mit einem Mann geredet haben, an diesem Sonntag. Tagelang hat Anita Ullmann diesen Mann gesucht. Heute weiß sie: Zum Zeitpunkt des angeblichen Gesprächs steckte Rudolf Ullmann im Wald bis zu den Knien in einem Sumpf, aus dem er sich nicht befreien konnte.

Der seltsame Zeuge war nicht der Einzige. In Düsseldorf sollte Rudolf Ullmann am Hauptbahnhof gesehen worden sein. Mit seinem Bild in der Hand ist Anita durch die Halle gelaufen und hat jeden nach ihm gefragt. Einer sagte: "Ja, der sitzt im McDonalds". Da war Rudolf Ullmann im Wald längst erfroren.

Wahrsagerinnen hat sie aufgesucht. Die sagten alle, er sei an einem Wasser. Eine erzählte was von Norddeutschland und von Arbeit auf einem Bauernhof. Da war Rudolf Ullmann schon ein Jahr tot.

Anita Ullmann ist kaum noch weggegangen. Sie hat die Fragen nicht mehr ertragen. Was denken sich flüchtige Bekannte, wenn sie zwei Jahre lang fragen: "Haben Sie von Ihrem Mann gehört?" oder "Ist er denn immer noch nicht gefunden?". Als wäre das ihr Fehler. Oder die hohlen Worte, die niemals trösten können: "Das Leben geht weiter". Und: "Die Zeit heilt alle Wunden."

Die Zeit hat gar nichts geheilt. Sie ist zu Anita Ullmanns Feind geworden. Abends hat sie sich gesagt: "Vielleicht hörst du morgen etwas." Und wenn sie dann früh morgens schon wach lag, hat sie Pläne gemacht, um die Zeit totzuschlagen, damit sie nicht grübeln muss. Einmal hat sie sich dafür die Marmorstufen vorm Haus vorgenommen - und ist beim Putzen rückwärts die Treppe hinuntergefallen. "Ich hätte mir das Genick brechen können. Aber ich konnte noch nicht sterben. Ich musste erst meinen Mann finden."

Mit fünf gebrochenen Rippen musste sie im heißen August in der Klinik vier Wochen lang auf dem Rücken liegen. Das Grübeln hat sie mehr gequält als die Schmerzen: Wenn sie doch nur schneller losgegangen wäre, wenn es nur nicht geschneit hätte, wenn es doch nicht so neblig gewesen wäre, dass der Polizeihubschrauber nicht starten konnte. Wenn er doch noch lebt.

Diese Ungewissheit war "die Hölle", sagt Anita Ullmann. Als die Kinder in Eschweiler verschwanden, da hat sie mit den Eltern gelitten. "Ich weiß doch, wie es ist. Hoffen und Ahnen und Fürchten und jeder Gedanke dreht sich im Kreis." In den zwei Jahren hat sie ihr Zuhause außer für jene Wochen in der Klinik kaum verlassen. "Es hätte doch jemand kommen können ... mit einer Nachricht."

Die Nachricht kam am Montagmorgen. Der Kommissar, mit dem sie zwei Jahre lang immer wieder telefoniert hatte, hat es ihr gesagt. Und er hat ihr mit der stehen gebliebenen Uhr auch die Geldscheine gegeben, die zerfallen und aufgeweicht bei den Überresten gefunden wurden.

Anita Ullmann rekonstruiert selbst: "Er hatte vor fortzufahren. Und es dann wieder vergessen. Dann hat er im Schneetreiben und bei der beginnenden Dunkelheit versucht, nach Hause zu kommen, und ist in den Sumpf geraten." Erst, als der ungewöhnlich trockene März das Wasser im Teich zurückgehen ließ, gab der Wald Rudolf Ullmann frei.

Nein, sie macht sich keine Vorwürfe. Sie hofft, dass es schnell gegangen ist, dass er rasch das Bewusstsein verloren hat und gar nicht merkte, wie er erfror. Dass die Krankheit, die ihn so gequält hat, dies eine Mal eine Gnade gewesen ist. Zornig wird sie, wenn sie an die denkt, die ihr ahnungslos Hoffnung machten. Falsche Hoffnung ist schlimmer als jede Wahrheit.

Schicksal, sagt sie. Aber auch: "Das hat er nicht verdient. Ich danke Gott, dass ich ihn noch würdig begraben durfte." 50 Jahre ihres Lebens hat sie mit Rudolf geteilt. Ein Leben voller Arbeit. Ein Leben mit einem Sohn, der auch heute für sie da ist. Ein Leben voller Zufriedenheit in Vorfreude auf den Ruhestand. Ein Leben, das plötzlich von der teuflischen Krankheit bestimmt wurde. Und dann von der Ungewissheit.

Anita Ullmann ist 76 Jahre alt. Als sie ihren toten Mann zu Grabe trug, hat sie ein Stück von ihrem Leben zurückbekommen. Und wenn sie traurig ist, sagt sie, "dann kann ich ihn jetzt besuchen".

Rheinische Post

Nr. 91 vom 17. April 2003

Bewertung der Jury

Stefani Geilhausen erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2004 in der Kategorie "Lokales" für den Beitrag "Die Witwe sagt: ›Es ist Schicksal‹", erschienen in der Rheinischen Post, Düsseldorf, am 17. April 2003.

Die Zeit hat gar nichts geheilt. Vor allem nicht die seelischen Wunden der Anita Ullmann, deren Geschichte Stefani Geilhausen aufschreibt. Es ist die Geschichte einer Witwe, die zwei Jahre lang hoffte, ihr Alzheimer kranker Mann sei doch nur verschwunden, aber nicht tot - bis sie die Wahrheit erfährt. Die Autorin kommt der Hauptperson ihres Textes nahe, ohne ihr zu nahe zu treten. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlich einfühlsamer Beitrag, der hochsensibel mit einem menschlichen Schicksal umgeht.

Kurzbiographie

Stefanie Geilhausen

Geboren am 30. Juni 1965 in Herborn (Hessen).

Nach dem Abitur 1985 journalistische Grundausbildung bei der Nassauischen Neuen Presse, Limburg, und von 1987 bis 1988 im Volontariat an der Journalistenschule Axel Springer, Hamburg.

Nach zwei Jahren freier Tätigkeit für Print und Hörfunk 1989 Aufbau des Wiesbadener Landtagsstudios für den hessischen Privatsender Radio FFH. 1991 bis 1994 Wanderjahre zwischen Print (Gerichtsreportagen für die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, Redakteurin bei der Ostfriesen-Zeitung, Leer) und Hörfunk (Aufbau des landesweiten Privatsenders Antenne Sachsen, Dresden, Moderation bei Radio SAW in Magdeburg).

1994 Gründung von "deJure gerichtsreporter" in Dresden, der ersten bundesweiten Agentur für Gerichtsreportagen in Print und Hörfunk, regelmäßige Autorin für die Berliner Wochenzeitung Wochenpost. Zugleich Referentin für Gerichtsberichterstattung bei Seminaren an der Bayrischen Hörfunkakademie, München und Kulmbach.

Seit 1998 Redakteurin und Polizeireporterin in der Düsseldorfer Lokalredaktion der Rheinischen Post, Düsseldorf.