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Rede von Hermann Neusser anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 14. September 2004 in Berlin

Als Vorsitzender des Kuratoriums Theodor Wolff-Preis beglückwünsche ich Sie auf das Herzlichste. Sie haben mit Ihren Arbeiten die beste Antwort auf die drängende Frage gegeben, wie die Zeitungen im Wettbewerb der Medien bestehen können: durch Qualität. Die Frage nach der Zukunft der Zeitung ist nicht allein eine Frage des Wandels der Lebensgewohnheiten. Es ist vor allem auch eine Frage der Persönlichkeiten, welche die Zeitungen machen. Dass Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, zu den journalistischen Persönlichkeiten gehören, die dem nachspüren, was die Menschen bewegt, haben Sie durch Ihre brillanten Beiträge bewiesen. Dafür danke ich Ihnen im Namen von Kuratorium und Jury.

Mein Dank gilt insbesondere auch dem Verlagshaus Axel Springer, in dem wir zu Gast sind. Der Theodor-Wolff-Preis ist seit seiner Gründung eng mit diesem Haus verbunden. Ich freue mich, dass wir den Preis heute in der eindrucksvollen Ullstein-Halle verleihen.

Ein ganz besonderer Willkommensgruß gilt einem Mann, der zu den wirklich großen seines Genres gehört. Ich begrüße aufs Herzlichste Mario Adorf, der gleich im Anschluss für uns lesen wird.

Es sind genau 110 Jahre her, dass Theodor Wolff, sechsundzwanzigjährig, aus dem alten Mossehaus hier im traditionsreichen Zeitungsviertel als Korrespondent des "Berliner Tageblatts" nach Paris geschickt wurde: eine ideale Vorbereitung für seine spätere Zeit als Chefredakteur des "BT".

Der Namensgeber des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen war ein durch und durch liberaler Geist. Ein genauer Beobachter und Chronist. Seine Jahre in Frankreich, vor allem aber die ersten Erfahrungen mit der jungen Weimarer Demokratie, ließen ihn zu der Überzeugung gelangen: im Zweifel für die Freiheit! Auch für die Pressefreiheit! Und diese Freiheit ist unteilbar. Ebenso lassen sich die Produkte dieser Freiheit nicht in gute und weniger gute auseinander dividieren. Wir wissen nicht, wie Theodor Wolff sich in der aktuellen Debatte über befürchtete Einschränkungen der Pressefreiheit verhalten würde. Aber aus seinem energischen Protest gegen das so genannte Schund- und Schmutzgesetz, das ein liberaler Minister vorgelegt hatte, dürfen wir doch die Vermutung ableiten, dass er wie die meisten von uns heute gegen umstrittene Richtersprüche nach dem Muster des "Caroline-Urteils" des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte aufstehen würde.

ich bin kein Freund von Untergangsszenarien. Und ich scheue davor zurück, in dem Urteil aus Straßburg schon das Ende der Pressefreiheit zu sehen. Wenn allerdings das "öffentliche Interesse" eng definiert wird - wie in Straßburg geschehen -, wenn der Schutz der Privatsphäre von Prominenten höher eingestuft wird als die Pressefreiheit, werden juristische Auseinandersetzungen geradezu provoziert - und die Pressefreiheit kann eines Tages tatsächlich in die Knie gezwungen werden.

In der gegenwärtigen Debatte geht immer wieder unter, dass man sich schon jetzt gegen eine die Persönlichkeitsrechte missachtende Berichterstattung zur Wehr setzen kann. Wir brauchen keinen neuen Rechtsgrundsatz. Dass die Bundesregierung den Straßburger Richterspruch klaglos hingenommen hat, weist sie nicht gerade als Verteidiger der Pressefreiheit aus. Sie hätte Zeit und Gelegenheit gehabt, und sie hat sie immer noch, aus ihrer Passivität herauszutreten. Im Zweifel für die Freiheit! Das wäre eine vertrauensbildende Maßnahme.

Wie wichtig eine solche Vertrauensbildung ist, hat sich gerade erst in den vergangenen Tagen gezeigt. Und damit komme ich zu einem anderen Thema: Verleger und Journalisten begrüßen gleichermaßen, dass die Bundesjustizministerin den Gesetzentwurf zum so genannten "großen Lauschangriff" korrigiert hat. Damit ist hoffentlich gewährleistet, dass der Schutz des Informanten auch in Zukunft unangetastet bleibt. Es wäre fatal gewesen, wenn die ursprünglichen Pläne der Justizministerin tatsächlich in einem Gesetzentwurf gemündet wären.

Damit wären Abhöraktionen auch bei Journalisten ermöglicht worden. Informanten wären nicht mehr sicher gewesen, ob vertrauliche Gespräche belauscht worden wären. Damit kein Missverständnis entsteht: Wir Zeitungsverleger sind uns natürlich mit der Bundesregierung einig, dass alles Menschenmögliche unternommen werden muss, um der organisierten Kriminalität Einhalt zu gebieten und terroristische Anschläge zu verhindern. Dies darf allerdings nicht zu Lasten der Pressefreiheit gehen. Und wir alle wissen, dass viele Skandale und auch Verbrechen mit Hilfe der Presse aufgedeckt wurden. Dabei stand oft ein vertrauliches Gespräch zwischen Informant und Journalist am Anfang. Ich denke, es ist gut wissen, dass dies auch in Zukunft so bleiben soll.

Natürlich sind auch die Medien nicht von der Pflicht zur kritischen Reflexion ihrer Arbeit entbunden. Das Grundgesetz beginnt mit dem Schutz des Individuums: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Auch wenn Journalismus nicht staatliche Gewalt ist - auch nicht Vierte Gewalt, wie oft behauptet -, so ist es doch ein ethisches Postulat, den Schutz der Menschenwürde zu beachten. Das beginnt schon bei der Sprache. Wie leicht wird, wenn Personalisierung zum absoluten Handlungsprinzip erhoben wird, die Würde eines Menschen verletzt. Abzuwägen ist immer zwischen dem Informationsanspruch des Publikums und dem Persönlichkeitsrecht nach Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes. Natürlich kommt es bei dieser Gratwanderung gelegentlich zu Verfehlungen. Doch diese zu ahnden und ihnen entgegenzuwirken, dafür brauchen wir nicht den Staat. Dafür haben wir eine Rechtsprechung und außerdem das Prinzip der freiwilligen Selbstkontrolle in Form des Deutschen Presserates.

Was können wir heute von Theodor Wolff lernen? Er war zugegebenermaßen ein engagierter Journalist. Einer, der sich einmischte. Aber erst nach eingehender Recherche und genauem Hinsehen. Und er hat sich frei gemacht von parteilicher Abhängigkeit. Er hat sich sein Publikum, für das er schrieb, nie als zu belehrende oder zu gängelnde Objekte vorgestellt, die einer "Führung" bedürfen. Auch heute gilt: Ein qualitätsvoller Journalismus wird sich hüten, sich als Meinungsführer selber in Szene zu setzen.

Es mag nicht immer leicht sein, dieser alten Maxime zu folgen, vor allem nicht in der aufgewühlten Reformdebatte. Dennoch sage ich: Journalisten sind keine Ersatzpolitiker, auch keine Vordenker gesellschaftlicher Modelle. Journalismus ist noch immer eine Dienstleistung für den Leser. Diesen umfassend informieren, ihm die Komplexität der Welt erklären und natürlich überall dort, wo Missstände herrschen, den Finger in die Wunde legen. Das sind die Aufgaben.

In unserer Gesellschaft und Kultur ist vieles der Veränderung unterworfen. Dies bleibt für die Zeitungen nicht ohne Folgen. Wir leben in einer Informationsgesellschaft mit sehr unterschiedlichen Interessen. Diese vielgestaltige Gesellschaft verlangt nach einem Medium, das ihr Orientierung in nahezu allen Bereichen des Lebens vermittelt. Die Zeitung ist das einzige universale Medium. Diesen Anspruch auch in Zukunft einzulösen, ist eine Herausforderung an Journalisten und Verleger gleichermaßen. Mehr als je zuvor fragen wir uns in den Zeitungshäusern, wie sich Menschen aller Altersgruppen und Schichten an die Zeitung heranführen und binden lassen. Die Verlage arbeiten mit unterschiedlichen Konzepten, um ihre Produkte für junge Leser attraktiv zu machen. Dazu gehören auch die spannenden Experimente mit Tabloid-Zeitungen; ihr Ausgang ist freilich noch ungewiss. Wie auch immer, Verleger und Journalisten zeigen, dass sie zu innovativem Denken und Handeln fähig sind.

Die Verlage können sich allerdings noch so sehr anstrengen, solange die Schulen den Weg zur Zeitung nicht mitgehen. Natürlich gibt es die vielen Projekte, wo Zeitung und Schule gut zusammenarbeiten. Aber das ist leider nicht die Regel. Pädagogen und Politiker beklagen ein Defizit an sozialer und kommunikativer Kompetenz unter Schülern und Jugendlichen. Vielleicht resultiert dieses Defizit auch aus der Tatsache, dass Schulen zu lange die audiovisuellen Medien als Unterrichtsstoff und Unterrichtsmittel bevorzugten.

Lassen Sie mich noch ein Wort sagen zu der gegenwärtig heftig diskutierten so genannten Rechtschreibreform. Ich will dem Für und Wider der "Reform" kein weiteres Argument hinzufügen. Nur soviel: Es ist gut, dass es, dank unserer Medien, zu einem offenen Diskurs gekommen ist. Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Adolf Muschg, hat, so meine ich, den richtigen Hinweis gegeben: Die Sprache braucht die Krücke der "Reform" nicht, um sich zu bewegen. Der wahre Sachverstand in Sachen Rechtschreibung sitzt in keiner Kommission, sei sie noch so prominent zusammengesetzt. Er verbirgt sich im lebendigen Sprachgebrauch, und dort lässt er sich auch finden.

Die Preisträgerinnen und Preisträger des Theodor-Wolff-Preises haben zu allen Zeiten den Nachweis geliefert, dass sie mit diesem wunderbaren Kulturprodukt umzugehen verstehen. Die Qualität der preisgekrönten Arbeiten ist nicht zuletzt an ihrer Sprache abzulesen.