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Prämierter Text

Treffpunkt Ohlsdorf

Von Barbara Hardinghaus

Die Wolken haben sich verzogen für einen kurzen Augenblick. Die Sonne lässt den Rasen leuchten. Katharina Morini holt eine Rolle Krepppapier aus ihrer braunen Ledertasche und wischt den Regen von der Bank aus hellem Marmor.

Katharina Morini ist nur zu Besuch. Sie hat Blumen mitgebracht, sieben Rosen und Schleierkraut. "Mama ist nur umgezogen", sagt die 65-Jährige dann. Sie ist umgezogen. Aus Rotherbaum auf den Friedhof Ohlsdorf, aus der Fünf-Zimmer-Wohnung an die Kapelle eins, siebte Reihe in das Grab mit der Nummer 143.

Katharina Morini kommt fast jeden Tag. Und wenn sie es mal nicht schafft, sagt sie ihrer Mutter vorher Bescheid. Sie mag die Ruhe hier zwischen all den Bäumen. Nur hier draußen fühlt sie diese Wärme. "Mama wohnt ja nur woanders", sagt sie wieder. Sie ist glücklich. Jetzt und hier. Nur hier. Der Gehirnschlag an jenem Freitag im November 2000 hat ihrer Mutter das Leben genommen. Die Verbindung aber ist geblieben, unverändert. Über den Tod hinaus. Sie setzt sich fort - wie bei vielen der zwei Millionen Menschen, die Jahr für Jahr nach Ohlsdorf kommen, auf den weltgrößten Friedhof, zwischen 16 Mausoleen und 300.000 Grabstellen. Die Beziehungen, sie bleiben.

Manche entwickeln sich sogar neu. Der Friedhof als Treffpunkt, als Ort der Begegnung - nicht nur zwischen Hinterbliebenen und ihren Toten, auch zwischen Hinterbliebenen untereinander.

Zum Beispiel Hans Pagel (81) und Elfriede Kalkowski (74). Das erste Mal gesehen haben sich die beiden am anonymen Urnenhain, an der grünen Wiese, die immer dort braune runde Stellen hat, wo jüngst jemand beigesetzt wurde, jemand, "der keine Trauerrede wollte, weil er vom Leben zu sehr enttäuscht wurde", erklärt Herr Pagel. Der ehemalige kaufmännische Angestellte hat für alles eine Erklärung. Auch für die Trauer. Und die Freude. Als seine Lisa vor acht Jahren nachts neben ihm im Bett plötzlich starb, sei er ziemlich "down" gewesen. Aber Herr Pagel weiß ja: "Wer nur zu Hause bleibt, kippt ab." Also hat er sich auf den Weg gemacht, erst nur zu Lisa, dann auch zu den anderen.

Die anderen, das sind acht Männer und vier Frauen, eine Clique Hinterbliebener, die sich täglich am anonymen Urnenhain treffen. Immer um 14 Uhr, bei Sturm, bei Regen, bei Schnee. Hier muss niemand allein am Grab stehen. Am Anfang haben sie sich Trost gegeben, eine Art Zweckgemeinschaft sei das gewesen. Ihr gemeinsames Schicksal, es verbindet eben. Zwischendurch haben die Herren dann Rezepte ausgetauscht und sich vom Waschen mit der Waschmaschine erzählt. Neulich waren sie zusammen am Meer, an der Ostsee, ein Ausflug nach Eckernförde. Man könne schließlich nicht immer nur zum Friedhof gehen. "Unsere Beziehung?", sagt Herr Pagel, "sie ist mehr als Freundschaft."

Zwischen ihm und Frau Kalkowski sowieso. Sie sind das neue Liebespaar der Truppe. "Angefangen hat es damit, dass Hans mich im Auto mitgenommen hat", sagt Frau Kalkowski mit den pinkfarbenen Lippen, der roten Bluse und den violetten Fingernägeln. Es folgten Telefonate, das erste Kaffeetrinken an ihrem Esstisch in einem der Grindelhochhäuser. Statt Kuchen gab es Schokoladenkekse. Heute besuchen sie sich öfter, fahren mit zu seinen oder zu ihren Kindern. "Da ist wieder jemand, an den ich mich heften kann", sagt Herr Pagel, "in meinem entleerten Raum steht wieder jemand, die Elfie." Und außerdem müsse er sich schließlich auch geistig auf der Höhe halten. Frau Kalkowski grinst dann, hält ihre Arme über der Brust verschränkt und sagt nur: "Macho."

Ihre eigenen Wohnungen wollen sie beide aber behalten. Es sei jetzt nur selbstverständlich, dass sie stets mit ihm fahre. Und ein Küsschen? Das gebe es auch ab und an. Aber gefunkt? Das habe es nicht. Nie. Herr Pagel erklärt es: "Das, was mal gefunkt hat, was wirklich Liebe war, liegt da vorne." Er zeigt auf das Grab.

Beide wollen sie zu ihnen zurück. Herr Pagel zu Lisa. Und Frau Kalkowski zu ihrem Erich. Reserviert haben sie schon, und auch das Geld für den Platz unter der Erde an der Seite des geliebten Partners überwiesen. "Es gibt den Menschen Trost, schon vor dem Tod zu wissen, wohin die letzte Reise geht", sagt Elke Winter (57). Sie arbeitet als Beraterin und Verkäuferin von Grabstätten auf dem Friedhof und macht auch so etwas wie eine "Vorsorge".

"Die Leute wollen heute selbst entscheiden und die Kinder nicht mit der Pflege belasten." Oft handelt es sich um Ehepaare, die kommen, oder um Freunde. Der Renner sei derzeit die Löwengrabstätte, eine Paaranlage, wo jeweils zwei Urnen beieinander stehen - gemeinsam in die Ewigkeit. Zunächst, sagt Winter, seien die Menschen bedrückt, am Ende aber fast beseelt. Als hätten sie ein Versprechen gegeben. Das letzte.

Ernst Boritzka (86) hätte das auch gern noch getan. Er konnte sich nicht einmal verabschieden, damals, 1994. Bis heute weiß er nicht, warum seine Elisabeth eigentlich gehen musste, zu früh. Die grauen Haare der Brauen liegen über seinen blauen Augen. Seine Hände sind in den Hosentaschen versunken. "Sie war so nett", sagt er. Mit ihr war er 40 Jahre lang verheiratet, mit ihr hatte er das Hotel an der Schäferkampsallee in Eimsbüttel, mit ihr hat er sieben Kreuzfahrten gemacht, ist dreimal um die Welt gereist. Die Welt ist kleiner geworden. Eigentlich ist sie nur noch ein paar Quadratmeter groß und liegt hinter Rhododendren versteckt. Ende der 90er-Jahre hat Herr Boritzka seine Frau umbetten lassen, weiter an den Eingang, dorthin, wo der Bus der Linie 170 hält. "Meine Frau liebte den Verkehr." Er hat rosa blühende Fuchsien gepflanzt und Sagenfiguren aufgestellt. Die mochte sie auch. Im Gebüsch steckt eine Isoliermatte, auf die er sich bei Kälte setzt. Den Regenschirm hat er stets im Informationshäuschen deponiert. Auch Herr Boritzka kommt jeden Tag, vor dem Frühstück, nachdem er ein paar Weintrauben gegessen hat. Dann ist er bei ihr. Für eine Stunde, für zwei oder für länger. Manchmal überlegt er, was er sich am Abend kochen könnte. Fleisch auf jeden Fall, vielleicht einen Eintopf. Aber oft denke er auch an das, was gewesen ist. Daran, dass sie plötzlich dieses Zittern bekam und kalte Hände und dann starb. Einfach so. Und er denkt an das, was noch kommen wird. Sein Name ist neben dem seiner Frau in den Stein gemeißelt. Ob man sich noch mal wiedersieht? Das frage er sich schon ab und an. Gläubig ist Herr Boritzka nicht. "Wenn man realistisch ist, weiß ich, dass man sich nicht mehr trifft", sagt er. Seine Stimme versinkt fast im Motorengeräusch der Busse. "Aber tief im Innern, da hoffe ich, sie doch noch einmal zu sehen."

Und trotzdem ist es nicht nur die Hoffnung, die Herrn Boritzka, Frau Morini oder die Clique nach Ohlsdorf führt. Es ist auch Trost. Es ist die Liebe, das Nachlassen des Schmerzes und das Schwinden der Angst. Nur hier haben sie plötzlich wieder Zeit. "Wenn ich gehe, dann ist es, als würde ich einfach nur die Kaffeetasse auf die Spüle stellen", sagt Katharina Morini. Zuvor hat sie ihre Mutter dann von den Geschwistern gegrüßt, hat ihr vom letzten Familienfest erzählt - was jeder anhatte, und sie hat von den Bratkartoffeln erzählt, die ihr am Mittag angebrannt waren. Das hat nichts Andächtiges, nichts Religiöses. "Sie ist mein Bezug, ist einfach der Punkt, wo meine Gedanken auch ankommen." Dann reißt Frau Morini wieder Krepppapier ab, putzt weiter, jetzt den Grabstein, den sie eigentlich mal für sich gekauft hat. Als sie geht, sagt sie der Mutter noch, dass sie morgen wiederkäme, natürlich nur zu Besuch. Und dass sie sich schon freue, wenn sie irgendwann bleiben könne. Für immer.

Hamburger Abendblatt

Nr. 228 vom 30. September 2003

Bewertung der Jury

Barbara Hardinghaus erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2004 in der Kategorie "Lokales" für den Beitrag "Treffpunkt Ohlsdorf", erschienen im Hamburger Abendblatt am 30. September 2003.

Die Autorin hat ein außergewöhnliches Thema in eindrucksvoller Weise in die Lokalberichterstattung eingebracht. Sie beschreibt Szenen einer kleinen Gesellschaft Hinterbliebener, die sich fast täglich auf einem Großstadtfriedhof trifft. Die Gruppe teilt ihre Trauer; sie findet Trost in Gesprächen und gemeinsamen Aktivitäten. Für den Artikel werden Aufbau und Sprache so überraschend gewählt, wie es den Ideen der Betroffenen auf ihrer Suche zwischen Schmerz und noch möglicher Lebensfreude entspricht.

Kurzbiographie

Barbara Hardinghaus

Geboren am 22. April 1975 in Georgsmarienhütte bei Osnabrück.

Nach dem Abitur 1994 ein einjähriges Praktikums bei der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Von 1995 bis 2000 Studium der Germanistik in Bremen und Hamburg. Währenddessen als freie Mitarbeiterin für diverse Zeitungen, Zeitschriften und Fernseh-Sender tätig.

Von 2001 bis 2002 Volontariat an der Journalistenschule Axel Springer, Hamburg.

Seit 2003 Redakteurin in der Lokalredaktion des Hamburger Abendblattes.