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Prämierter Text

Die verratenen Brüder

Von Andrea Böhm

Der schlimmste Monat ist der Mai. Im Mai hatte Manny Geburtstag, dieses Jahr wäre er 54 geworden. Im Mai wurde Manny getötet, das ist vier Jahre her. Bill stellt sich manchmal vor, sie wären eine ganz normale Familie geblieben - eine Familie, die im Frühling den Gartengrill anwirft und die ersten Spiele der neuen Baseballsaison diskutiert. Dieses Jahr hätte er mit Manny vor dem Fernseher gesessen und den Krieg verfolgt. Manny war besessen vom Krieg.

Bill hat Mannys Totenschein aufgehoben und ein Foto seines Bruders darauf geklebt. Als Geburtsdatum ist der 3. Mai 1949 eingetragen, als Todestag der 4. Mai 1999. Amtlich bestätigt von Dr. Ross R. Davis, San Quentin, Marin County, Kalifornien. Unter der Rubrik "Todesursache" hat der Arzt "Totschlag" angekreuzt und mit Schreibmaschine "gerechtfertigt" darüber getippt. Manuel Pina Babbitt, genannt Manny, war am 4. Mai 1999 im Gefängnis von San Quentin durch die Injektion eines Herzlähmungsmittels exekutiert worden. Bill Babbitt sah dabei zu. "Ich vergebe euch allen" - das waren Mannys letzte Worte, und sie waren vor allem an Bill gerichtet.

Bill Babbitt ist jetzt 59 Jahre alt, ein kleiner Mann mit großem Bauch, pfeffergrauem Haar, Tränensäcken unter den Augen und schwieligen Händen. Er war über 20 Jahre Rohrleger bei der Eisenbahn, heute arbeitet er in Sacramento als Mechaniker für die kalifornische Straßenbaubehörde. Es ist ein guter Job mit Pensionsanspruch und Krankenversicherung. In der Mittagspause läuft er manchmal durch den Park vor dem Kapitol, wo sein oberster Dienstherr, der kalifornische Gouverneur, sitzt. Der Mann heißt Gray Davis und gehört der Demokratischen Partei an. Als Davis 1998 zum ersten Mal kandidierte, hatte Bill Babbitt ihn gewählt. Das war einer der Fehler, die er heute bereut. Ein kleiner Fehler.

Man muss Bill Babbitt nicht drängen, seine Geschichte zu erzählen. Er kommt dabei schnell außer Atem, er weint, und manchmal geraten ihm die Jahreszahlen durcheinander. Aber er hat sich das Reden als Therapie verordnet. Nicht gegen das Schuldgefühl, das ihn auf ewig verfolgen wird, sondern gegen den Hass und die Wut. Eigentlich müsste er sein Land verfluchen, bloß wäre er dann im Herzen heimatlos, und dafür ist er nicht stark genug. Die Babbitts haben zu lange darum gekämpft, Bürger dieses Landes zu werden. Also weht vor seinem Haus die amerikanische Fahne, die er auch nachts nicht mehr einholt, schon gar nicht jetzt, wo der nächste Krieg begonnen hat. Er bleibe Patriot, sagt er. "Trotz allem."

Er ist, trotz allem, immer noch dankbar für diese Armee, die schwarze Einwanderersöhne wie ihn und Manny aufnahm und nachreichte, was ihnen bis dahin verwehrt geblieben war: einen Schulabschluss, eine saubere Unterkunft, Reisen um die Welt in der Uniform einer Supermacht. Bill Babbitt verpflichtete sich mit 17Jahren bei der Navy, lernte Istanbul kennen, ankerte als "Kalter-Kriegs-Matrose" vor Kuba, wurde zum Fähnrich befördert. Das war ein rasanter Aufstieg für den Sohn eines kapverdischen Landarbeiters aus Massachusetts, der seine Kinder aus der Schule nahm und aufs Feld zum Arbeiten schickte. Nach vier Jahren Militärdienst verließ Bill Babbitt die Armee. Das Zeugnis der ehrenhaften Entlassung ist ihm bis heute heilig. Es war der Ausweis, endgültig in dieses Land aufgenommen worden zu sein. Er hatte das Recht eines guten Amerikaners erworben, seine Vergangenheit abzustreifen und irgendwo neu anzufangen. Bill zog auf der Suche nach dem guten Leben nach Kalifornien - mitten hinein ins Utopia der Hippie-Bewegung.

Das war 1967. Da war Manny, ebenfalls mit 17, gerade ins Rekrutierungsbüro marschiert, wollte wie sein großer Bruder heraus aus einer Welt, die ihm bestenfalls einen Platz als Fließbandarbeiter in der örtlichen Schuhfabrik bot. Ein Offizier füllte den Eingangstest aus, weil der Junge kaum lesen und schreiben konnte. Manny absolvierte die Grundausbildung mit Bravour. Aus einem Analphabeten wurde ein Gefreiter des US Marine Corps. "The few, the proud" lautet deren Motto, "Semper Fi" ihr Schwur. In ewiger Treue. Manny, im Kopf immer langsamer als seine sieben Geschwister, war plötzlich der Held der Familie. Manny Babbitt kam nach Vietnam.

Vielleicht, sagt Bill Babbitt, habe Gott schon damals, im Januar 1968, die Weichen für diese Tragödie gestellt. Da hatte er seinen kleinen Bruder aus den Augen verloren, saß in den Cafés der Westküste, demonstrierte gegen den Krieg, rauchte Joints und rief: "Make love not war!" Ein paar Mal ballte er bei Versammlungen der Black Panther die Faust, aber nie richtig fest. Revolution war seine Sache nicht. Er fühlte sich wohl bei den weißen Blumenkindern, die von sich glaubten, sie seien farbenblind.

Ein paar tausend Kilometer entfernt, wickelte sich der Gefreite Manuel Babbitt nachts in Tarnnetze, damit ihn die Ratten nicht bissen. Er stank wie alle Soldaten in den Erdbunkern von Khe Sanh nach Urin und Angstschweiß. Tagsüber ging er auf body count patrol und sammelte die Leichen und Gliedmaßen gefallener Kameraden ein, oder er feuerte von seinem Panzerfahrzeug "Bienenkörbe" in die feindlichen Linien. So nannte man Granaten, die mit Tausenden kleiner Stahlpfeile gefüllt waren. Wenn er getroffen hatte, sah er die Körperfetzen feindlicher Soldaten durch die Luft fliegen.

Die Schlacht um Khe Sanh dauerte 77 Tage. Über 15.000 Vietnamesen und 900 Marines starben. Manny Babbitt überlebte mit einem Granatsplitter im Kopf, mehreren Tapferkeitsmedaillen an der Brust und wurde noch im Dauerfeuer zum Obergefreiten befördert. Es war ein rasanter Aufstieg für den Sohn eines kapverdischen Landarbeiters in Massachusetts.

Ein Krieg kann auch die zerstören, die das Schlachtfeld überleben. Das weiß man seit langem. Was im Amerikanischen Bürgerkrieg von Armeeärzten als "Soldatenherz" diagnostiziert wurde, nannte man im Ersten Weltkrieg shell shock, im zweiten Kriegsneurose: Albträume, Desorientierung, Herzrasen, Angstzustände. In Korea und Vietnam erlaubte die amerikanische Militärführung ihren Soldaten kürzere Einsatzzeiten und längere Urlaube. Die Zahl derer, die an der Front kollabierten, sank drastisch. Das Problem schien gelöst. Dann kehrten die ersten Veteranen aus Vietnam zurück, viele nicht älter als Mitte 20, viele drogenabhängig, viele durchdrungen von der Angst vor einem allgegenwärtigen Feind und von den Bildern der Verheerung, die sie angerichtet hatten. Manny Babbitt bekam 1969 seine Entlassungspapiere, doch in seinem Kopf ging der Krieg weiter, von dem das Land bald nichts mehr hören wollte. Er stürzte langsam, aber unaufhaltsam ab - erst in die Drogenszene, dann ins Gefängnis, dann in die Psychiatrie - bis elf Jahre später sein Bruder kam und ihn aufzufangen versuchte.

Als Bill im November 1980 Manny am Greyhound-Busbahnhof in Sacramento abholte, hatte er noch nie etwas vom posttraumatischen Stress-Syndrom gehört. Manny war an der Ostküste wegen paranoider Schizophrenie behandelt worden. Auch darunter konnte sich Bill nichts vorstellen. Er wusste nur, dass Manny aus Angst vor Angriffen nachts seine Kinder aus den Betten riss, Autoscheinwerfer für Lichter anfliegender Hubschrauber hielt und Ferienhäuser für vietnamesische Hütten, die man plündern darf. War Manny mal nicht im Gefängnis oder in der Psychiatrie, lief er mit seinem verdreckten Kampfanzug durch die Straßen - betrunken oder auf LSD oder beides, in den Händen zerquetschte Bierdosen, mit denen er klapperte, als wären es Kastagnetten. Seine Frau ergriff irgendwann mit den Kindern die Flucht.

Es war bei den Babbitts immer schon ehernes Gesetz, dass Zuflucht findet, wer nicht auf eigenen Beinen stehen kann. Manny, so beschloss die Familie, kommt zu Bill an die Westküste, nach Kalifornien, wo der Himmel höher hängt und man seine Vergangenheit so leicht abstreifen kann. In Sacramento hatte Bill für sich die Ordnung einer bürgerlichen Existenz entdeckt. Bill hatte Linda geheiratet. Linda ging nicht in Kneipen, sondern in die Kirche. Er hatte einen guten Job bei der Southern Pacific Railroad. Er hatte seine Schwester und Mutter von Massachusetts in den Westen geholt. Er war jetzt der älteste Mann im Babbitt-Klan, er übernahm Verantwortung. Es zog ihn wieder in die Kirche - nicht zu den Katholiken wie in seiner Kindheit, sondern zur Calvary Christian Church, einer protestantischen Erweckungskirche, wo die Menschen "auch ohne Alkohol und Marihuana positiv dachten". Den Pastor kannte er noch von den Versammlungen der Black Panther.

Er würde Manny einen Job besorgen, ihn mit anständigen, fürsorglichen Frauen bekannt machen, ihn langsam aus dem Krieg in die Gegenwart holen, bis Manny selbst wieder in die Zukunft sah.

Mannys Ankunft feierten sie mit der Mutter in einer Kneipe. Nach dem dritten Bier sprang Manny auf den Tisch, ließ sich in den Schneidersitz fallen und begann zu summen wie ein buddhistischer Mönch. Am nächsten Tag schnappte er sich ein Fahrrad, klemmte Bierdosen in die Speichen und fuhr klappernd und glücklich wie ein kleiner Junge ums Haus. Er trug nichts anderes als seinen Kampfanzug. Bill musste ihn zwingen, sich zu waschen. Jedes Bewerbungsgespräch endete damit, dass sich der potenzielle Arbeitgeber in seinen Stuhl duckte, während Manny wild gestikulierend von "fliegenden roten Fleischfetzen" erzählte. Bill beschloss, seinen Bruder nach Weihnachten zum Amt für Veteranen zu bringen, "damit die sich um ihn kümmern, weil ich das allein nicht schaffte". Anfang Dezember ließ sich Bill in der Calvary Christian Church taufen. Alkohol, Marihuana und die abendlichen Kneipenbesuche mit Manny waren von nun an Tabu. Deshalb zog Manny in der Nacht des 18. Dezember allein los.

An dieser Stelle fällt Bill Babbitt immer in den Konjunktiv, seziert all die Momente, in denen er das Schlimmste hätte verhindern müssen. Nie hätte er ihn abends allein gehen lassen dürfen. Er hätte auf dem Polizeirevier, am Morgen des 21. Dezember, einen Anwalt hinzuziehen müssen. Er hätte sich sofort Geld für einen guten Psychiater leihen müssen. Aber Bill Babbitt verbarrikadierte an diesem Morgen nur die Tür zu seinem Haus, weil er Angst hatte, sein Bruder könnte Amok laufen. Dann ging er allein zur Polizei. Es goss in Strömen, daran kann er sich gut erinnern. Es wollte den ganzen Tag nicht hell werden.

Das Protokoll, aufgenommen am 21. Dezember 1980 von Detective Terry Brown, Mitglied der Mordkommission in Sacramento, beschreibt einen emotional aufgelösten Zeugen, der angibt, im Schrank seines Bruders Rollen mit Kleingeld, zwei Uhren und ein Feuerzeug mit den Initialen LS gefunden zu haben. Sein Bruder sei am Morgen des 19. Dezember mit einem blutigen Lappen in der Hand nach Hause gekommen. Der Zeuge sagte weiter aus, er habe in der Zeitung von einem unbekannten Täter gelesen, der in der Nacht des 18. Dezember die 78-jährige Leah Schendel zu Tode geprügelt und mehrere Rollen mit Münzen, zwei Uhren und ein Feuerzeug mit ihren Initialen entwendet habe. Der Zeuge bat unter Tränen, bei der Festnahme seines Bruders keine Gewalt anzuwenden. Sein Bruder sei Vietnam-Veteran und brauche dringend psychiatrische Hilfe.

An diesem 21. Dezember führte Bill Babbitt die Polizei zum Haus seiner Schwester, wo Manny mit deren Kindern spielte. Bill ging allein hinein und sagte: "Komm Kleiner, wir gehen eine Runde Billard spielen. Ich werd dir ordentlich einheizen." Manny lachte, griff seine Jacke, folgte ihm auf die Straße und wurde in Handschellen gelegt. Bill stammelte: "Manny, es kommt alles in Ordnung, es wird alles gut." Manny habe ihn die ganze Zeit angesehen, sagt Bill Babbitt, "erstaunt wie ein Kind".

Manny Babbitt hat bis zuletzt beteuert, keinerlei Erinnerung an die Tatnacht zu haben, in der er - eine Flasche Brandy, LSD und PCP im Blut - die Haustür Leah Schendels eintrat, mit dem ersten Schlag das Gebiss der 1,55 Meter kleinen Frau zertrümmerte, mit dem zweiten ihre Kopfhaut aufriss, dann noch zehnmal zuschlug. Über die bewusstlose Frau legte er eine Bettdecke, schnürte einen Gebetsriemen um ihren linken Knöchel, nahm mit seiner blutverschmierten Hand den Telefonhörer ab und verschwand schließlich mit Uhren, Kleingeld und Feuerzeug. Irgendwann in dieser Nacht starb Leah Schendel an Herzversagen - als Folge der Schläge.

"Wenn ihr sagt, dass ich es war, wird es stimmen", sagte Manny auf dem Polizeirevier. Das Verhör wurde auf Tonband aufgenommen. Man kann Bill Babbitts Stimme hören, der seinen Bruder um Vergebung anfleht, weil er ihn in die Arme der Polizei gelockt hat. "Ich wollte nicht, dass sie dir wehtun. Ich hab das für dich getan. Verzeih mir." - "Ich verzeih dir." Man hört auch die Stimme von Detective Brown, der zu Manny sagt: "Ich versichere Ihnen, niemand will Sie in die Gaskammer schicken." Bill Babbitt ging an diesem Abend nach Hause mit dem Ruch des Verrats in den Kleidern und dem eisigen Gefühl, das Richtige getan zu haben. "Ich hätte ihn beinahe in den nächsten Bus zurück an die Ostküste gesteckt. Aber dann hätte er irgendwann jemand anderes angegriffen."

Kurz darauf wurde gegen Manny Babbitt Anklage wegen Mordes erhoben. Die Polizisten, die therapeutische Hilfe für seinen Bruder versprochen hatten, reagierten nicht mehr auf Bills Anrufe. Der Staatsanwalt war nicht zu sprechen.

Es folgte ein Prozess, wie er schon oft beschrieben worden ist. Auf der Geschworenenbank nahmen zwölf Weiße Platz. Der Pflichtverteidiger überbrückte die Verhandlungspausen mit Martinis und verlor später seine Anwaltslizenz wegen Alkoholmissbrauchs. Die Staatsanwälte präsentierten den Angeklagten als einen von Drogen entfesselten, schwarzen Gewalttäter. Niemand brachte zur Sprache, dass Manny Babbitt im März 1968 mit einem Granatsplitter im Kopf und "totalem Gedächtnisverlust" aus Khe Sanh auf ein Lazarettschiff gebracht und sieben Tage später wieder in die Schlacht geschickt worden war. Kein psychologischer Gutachter wurde bestellt, der die grausam-bizarre Szene am Tatort hätte erklären können: Der Angeklagte hatte in der Tatnacht wahrscheinlich einen Flashback erlebt. Er hatte feindliches Feuer gehört, in einer "Hütte" Schutz gesucht, deren schreiende Bewohnerin zusammengeschlagen. Er war wieder auf body count patrol gegangen: Leichen zudecken, mit einer Schnur am linken Knöchel markieren, per Feldtelefon den Helikopter rufen. Er hatte sich aus der "Hütte" ein paar "Andenken" gegriffen, souveniring nannte man das in Vietnam.

Als das Gericht am 14. Mai 1982 das Strafmaß aussprach, saß Bill wie an jedem Verhandlungstag im Saal. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihn der Urteilsspruch wie eine Lawine erfasste: "Wir, die Geschworenen, verhängen gegen den Angeklagten die Todesstrafe." Er vernahm die unterdrückten Jubelrufe von Leah Schendels Angehörigen. Er sah Manny, der wie in Zeitlupe aus einem Wasserglas trank. Bill Babbitts erster klarer Gedanke war: "Wie erkläre ich das unserer Mutter?"

Die amerikanische Justiz lässt sich Zeit mit der Vollstreckung ihrer Todesurteile. Durchschnittlich neun Jahre vergehen bis zur Exekution. Bei Manny Babbitt waren es 17. Staatsanwälte beklagen, das Warten sei eine seelische Qual für die Familien der Mordopfer, die mit der Hinrichtung des Täters endlich ihre Trauerarbeit abschließen wollten. Über die Angehörigen der Todeskandidaten redet niemand. Sie werden mitschuldig qua Verwandtschaft. Das ist ein Grund, warum Bill Babbitt nicht aufhört, diese Geschichte zu erzählen, warum er mit Mannys Totenschein vor Kirchengemeinden und Bürgerrechtsvereinen auftritt, obwohl er erst lernen musste, "lange Vorträge zu halten". Irgendwann wird vielleicht ein Sheriff im Publikum aufstehen, ein Gefängnisdirektor oder Staatsanwalt, und sagen: "Mister Babbitt, Sie haben das Richtige getan, und wir haben Sie betrogen." Es wäre ihm wichtig, diese Worte von einem Weißen zu hören, denn gerade den Weißen will er beweisen, dass er "kein hasserfüllter Schwarzer" ist. "Ich glaube weiter an das System", sagt er, "auch wenn es mich im Stich gelassen hat." Das ist sein letzter Triumph: Er kann seine Geschichte erzählen, die Geschichte eines Mannes, der immer noch ein guter Staatsbürger, ein guter Amerikaner ist. Vor ein paar Monaten, sagt er, habe er im Gebet endlich die Kraft gefunden, Gouverneur Gray Davis zu verzeihen, der Mannys Hinrichtungsbefehl unterzeichnet hat. Vielleicht ist das der enorme Schritt eines Gottesfürchtigen, vielleicht die hilflose Geste eines Ohnmächtigen. Wohl beides.

In der Nacht zum 4. Mai 1999 war die Luft lau in San Quentin, dann zog ein scharfer Wind auf, und die Demonstranten drängten sich in kleinen Gruppen zusammen. Mehrere hundert Veteranen hatten sich vor dem Gefängnistor versammelt, mit ihnen die übliche Gemeinde der unbeirrbaren Todesstrafengegner: Mitglieder von amnesty international, Nonnen, Priester, Quäker. Gray Davis, der demokratische Gouverneur, hatte am 30. April das Gnadengesuch des Häftlings C50400 abgelehnt. "Unzählige Menschen haben die Brutalität des Krieges und anderer Katastrophen durchlitten", hieß es in der schriftlichen Begründung. "Aber solche Erfahrungen entschuldigen nicht brutale Attacken auf wehrlose, gesetzestreue Bürger."

Am 3. Mai, seinem 50. Geburtstag, gab Manny Babbitt über Telefon dem San Francisco Chronicle ein letztes Interview. "Ich bin nicht bitter. Ich habe keine Angst. Ich habe meinen Frieden gefunden, und ich hoffe, diejenigen, die mein Leben nehmen wollen, finden ihn auch. Gott schütze sie. Semper Fi."

Manny wollte von seiner Familie nur Bill als Zeugen seines Todes. Das erscheint wie die schlimmste Strafe für den Mann, der ihn an die Polizei ausgeliefert hatte. Aber Manny Babbitt wünschte sich wohl nur eine verwandte Seele zwischen den Angehörigen von Leah Schendel, die sich von seiner Exekution ein Ende ihres Horrors erhofften, und den Reportern, die seine letzten Worte und Zuckungen protokollieren würden. Wen sonst sollte er nehmen als seinen großen Bruder, mit dem er als Kind Muscheln geknackt hatte, den großen Bruder, der ihm in die Armee vorausgegangen war; der ihn immer vor dem Schlimmsten hatte bewahren wollen. Und wer außer Bill hätte es ausgehalten, sein Sterben mit anzusehen?

Also ging Bill Babbitt kurz vor Mitternacht durch das Spalier der Vollzugsbeamten, vor ihm Laura Thompson, die Enkelin von Leah Schendel, die ihm in den letzten Wochen wie ein Schatten zu jeder Demonstration, jeder Mahnwache und Talkshow gefolgt war, um Mannys Tod zu fordern. "Bill, das geht nicht gegen Sie persönlich", hatte sie ihm einmal zugerufen. Die Beamten standen breitbeinig mit vorgestreckter Brust und hinter dem Rücken verschränkten Händen, die Augen ins Nichts gerichtet.

Bill Babbitt schwört bis heute, dass er Mitgefühl in ihrem Blick sah. Wahrscheinlich stimmt das. Manny war beliebt bei Insassen und Wärtern, ein Kriegsheld, ein liebenswerter Bär, bei dem ein paar Schrauben locker waren. "Helfen Sie ihm", hatte ein Schließer einmal zu Mannys Anwälten gesagt. "Der Kerl gehört nicht hierher." Bill Babbitt ging in dieser Nacht durch das Spalier und tat etwas, was einem vorkommen muss wie ein bizarrer Akt der Unterwerfung. Er blickte jedem Wärter ins Gesicht und flüsterte: "Thank you." Manny hätte das so gewollt, sagt er.

Der San Francisco Chronicle berichtete am nächsten Morgen, dass sich die Zeugin Laura Thompson um 0.32 Uhr, fünf Minuten nach Beginn der Hinrichtung, entsetzt abgewandt habe. Der Bruder des Delinquenten sei "emotionslos" gewesen. Um 0.37 Uhr wurde Manny Babbitt für tot erklärt.

Eine Zeit lang wäre Bill Babbitt ihm gern gefolgt. Selbstmord schien ein Ausweg aus seiner ganz privaten Hölle, aus dem Albtraum der Hinrichtungskammer und dem Begräbnis wenige Tage später. Die Veteranen hatten Geld gesammelt, um den Leichnam nach Wareham in Massachusetts zu überführen. Sie bestatteten ihn mit militärischen Ehren, feuerten den Ehrensalut. Es war ein wunderschöner Tag im Mai, die Apfelbäume blühten, die Mutter zerschnitt die Luft mit ihren Schreien, und Bill stammelte wie ein Ertrinkender: "Mama, bitte nicht. Nicht hier."

Er weiß bis heute nicht, ob ihm seine Mutter verziehen hat, ob das, bei aller Liebe zu ihm, überhaupt möglich ist. 17 Jahre lang hatte er beteuert: "Mama, es wird alles gut. Manny wird nicht sterben", und sie hatte ihm geglaubt. Sie hatte ihm geglaubt, dass die neuen Anwälte Erfolg haben würden; dass die "Armee Gottes", für die er in der Kirche gebetet hatte, Manny retten würde. Und Gott schien zu hören: Wenige Monate vor der Hinrichtung sandte das US Marine Corps zwei Offiziere in Paradeuniform nach San Quentin, um dem Häftling C50400 das Purple Heart an die Brust zu heften, die Auszeichnung des amerikanischen Militärs für im Krieg erlittene Verletzungen. "Semper Fi". Die Marines ließen niemanden im Stich, und die Babbitts waren sicher, dass der Staat keinen Mann hinrichten würde, dem er noch einen Orden verleiht. Bill hat das Purple Heart seiner Mutter gegeben. Es ist "Mannys Herz", sagt sie.

Mannys Kinder, inzwischen erwachsen, kamen letzten Sommer zu Besuch. Sie waren warm und herzlich zu ihm, aber wie sollen sie aussprechen können, was er hören will?: Onkel Bill, du hast das Richtige getan.

Ein anderer Neffe, Billy junior, der Sohn seiner Schwester, ist ihm ans Herz gewachsen wie ein eigenes Kind. Billy junior, so scheint es, hat stellvertretend für die Familie in diesem Land noch einmal neu angefangen. Er hat auf dem Weg, ein guter Amerikaner zu werden, die Stationen dieses Albtraums durchlaufen, als wäre nichts gewesen. Billy junior ging nach der Schule zu den Marines. In der Gardeuniform des Corps sah er so unverwundbar aus wie damals Manny. Er wurde im Kosovo eingesetzt. Das war kein schmachvoller, sondern ein guter Krieg, geführt von Soldaten, die eine "kugelsichere Psyche" haben. Zumindest behaupten das die Militärpsychologen, die sie vor und nach den Kampfeinsätzen betreuten.

Billy junior wurde vergangenes Jahr ehrenhaft aus der Armee entlassen und hat in der zivilen Welt einen guten Job gefunden. Er wird Gefängniswärter in San Quentin. Auch diese Uniform, sagt sein Onkel, stehe ihm gut. Als Bill Babbitt erfuhr, dass sein Neffe zum Dienst im Todestrakt eingeteilt worden ist, zuckte er dann doch zusammen. Bevor Billy junior die erste Schicht antritt, will Bill Babbitt ihm einschärfen, dass er in jedem Häftling immer den Menschen sehen muss. Der Junge wird ein guter Gefängniswärter, da ist sich Bill Babbitt sicher. Und keiner könne jetzt noch behaupten, dass sich seine Familie nicht um Aussöhnung mit diesem Land bemühe, dessen Fahne vor seiner Haustür weht.

Die Zeit

Nr. 16 vom 10. April 2003

Bewertung der Jury

Andrea Böhm erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2004 in der Kategorie "Allgemeines" für den Beitrag "Die verratenen Brüder", erschienen in der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit am 10. April 2003.

Vietnam ist eine unendliche Geschichte. Wie Krieg Körper und Seele deformieren kann, wie ein starres juristisches System mit scheinbarer Gerechtigkeit einen unvergleichlichen Fall bürokratisch abarbeitet, und wie am Ende trotz allen in Amerika erfahrenen Leids noch ein Bekenntnis zum Patriotismus stehen kann, das beschreibt die bewegende Geschichte von Bill und seinem Bruder Manny Babbitt. Ein emotionsreiches Thema wird bemerkenswert emotionslos nacherzählt, und die schnörkellose Sprache verstärkt noch die tragische Dramaturgie.

Kurzbiographie

Andrea Böhm

Geboren am 26. Mai 1961 in München.

Nach dem Abitur von 1981 bis 1986 Studium der Politikwissenschaften in Berlin und den USA. 1986 Abschluss als Diplom-Politologin.

1987 bis 1989 Besuch des Kompaktlehrgangs an der Deutschen Journalistenschule in München.

Zeitgleich mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 Eintritt in die Lokalredaktion der taz, Berlin. Drei Jahre später USA-Korrespondentin für die taz in Washington. 1998 Wechsel ins Dossier-Ressort der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Seit 2000 freie Journalistin in New York für Titel wie Geo, Die Zeit und taz.

Gerade erschien im Freiburger Herder Verlag ihr erstes Buch "Die Amerikaner - Reise durch ein unbekanntes Imperium".