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Rede von Hermann Neusser anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 4. September 2003 in Essen

Willkommen auf der Zeche Zollverein in Essen. Dieser Ort steht stellvertretend für das neue Ruhrgebiet und den dynamischen Wandel einer traditionsreichen Industrieregion. Ich danke der Stiftung Presse-Haus NRZ und dem Herausgeber der NRZ, Herrn Meyer, ganz herzlich für die großzügige Einladung. Mit der Verleihung der Theodor-Wolff-Preise 2003 hier in Essen, der zweitgrößten Stadt Nordrhein-Westfalens, unterstreichen wir den besonderen Charakter der deutschen Presselandschaft: Sie ist nicht hauptstadtzentriert, sondern geprägt von der Stärke und dem Profil der Regionen. Essen war für den Aufbau einer demokratischen Presse nach dem Zweiten Weltkrieg von großer Bedeutung. Diese Tradition einer innovativen Zeitungsstadt ist ungebrochen. Gerne erinnern wir uns an dieser Stelle an Persönlichkeiten der Essener Presse, deren Namen mit dem Theodor-Wolff-Preis verbunden sind. Stellvertretend nenne ich den verstorbenen Chefredakteur der NRZ, Jens Feddersen. Er war nicht nur einer der frühen Preisträger, sondern viele Jahre auch ein engagiertes Mitglied der Jury.

Die Vokabel "Qualitätsjournalismus" beherrscht längst nicht mehr nur die Debatten in Verleger- und Journalistenkreisen. Es entwickelt sich inzwischen ein breites Bewusstsein dafür, wie wichtig Pressefreiheit, Pressevielfalt und - eng damit verwoben - Qualitätsjournalismus ist. Das sollte uns mit Genugtuung erfüllen und sollte uns Mut machen. Mein verehrter Vorgänger als Vorsitzender des Kuratoriums Theodor-Wolff-Preis, Rolf Terheyden, hat schon vor acht Jahren, im Bonner "Wasserwerk", dem ehemaligen provisorischen Plenarsaal des Deutschen Bundestages, am Beispiel der damaligen Preisträger seine Vorstellungen von qualitätsvollem Journalismus skizziert. "Unsere Preisträger" - ich zitiere Rolf Terheyden - "gehören nicht zu den Gleichgültigen, sie haben durch ihre Arbeiten gezeigt, dass sie den Mut besitzen, trotz aller subjektiven Betrachtungsweise, die Sache vor die Person zu stellen. Journalistische Qualität ist stets das Produkt eigenen Nachdenkens und gewissenhafter Überprüfung des eigenen Standpunktes in aller Freiheit: Sie lässt sich nicht herbeikommandieren oder erzwingen." Soweit Rolf Terheyden, dem die Weiterentwicklung dieses Preises so am Herzen lag.

Den Mut, von dem er sprach, muss man auch den Preisträgern von heute bescheinigen. Sie haben in einer für die Zeitungen sehr schwierigen Zeit journalistische Arbeiten abgeliefert, die wegen ihrer Form und ihrer Sprache über den Tag hinaus relevant sind. Diese preisgekrönten Beiträge spiegeln ganz im Sinne von Theodor Wolff die Vielfältigkeit der Temperamente, ohne die eine Zeitung reizlos ist. Mein Dank gilt deshalb vornehmlich Ihnen, den Autoren. Ich danke aber auch den Verantwortlichen in den Verlagen, dass sie diese publizistischen Leistungen ermöglicht haben. Man kann es nicht oft genug sagen: Wir brauchen Verleger, die davon überzeugt sind, dass Qualität einen Markt hat und dass journalistische Qualität sich letztlich auch ökonomisch rechnet. Und mit Theodor Wolff gesprochen: Wer eine Zeitung leitet, muss immer auf der Suche nach neuen Talenten, neuen Persönlichkeiten sein. Die Entdeckerfreude ist vielleicht die beste Freude, die er sich schaffen kann, und sie ist doppelt kostbar wegen ihrer Seltenheit.

Die Frage, wie sich das publizistische Angebot verbessern lässt, wie man neue Talente aufspürt und journalistische Persönlichkeiten fördert, sie wird sich nicht am grünen Tisch beantworten lassen. Die Antwort wird je nach Verlag und wirtschaftlichen Möglichkeiten unterschiedlich ausfallen. Aber kein Haus kann sich ihr entziehen.

Ich bedauere, dass die Qualitätsdiskussion in den vergangenen anderthalb Jahren eine gewisse Schieflage bekommen hat. Zuweilen konnte ja der Eindruck entstehen, Qualität sei eine Leistung, die nur die überregionalen, die gerne so genannten "Qualitätsblätter" erbringen könnten; zumindest wurde das von einzelnen Vertretern dieses Genres suggeriert. Hier muss ich ganz entschieden widersprechen. Journalistische Qualität lässt sich nicht auseinander dividieren, nach dem Motto: hier die Guten, da die Schlechten. Elitäre Positionen verbieten sich, aus leicht nachvollziehbaren Gründen. Die übergroße Mehrheit unserer Bürger informiert sich aus mittleren und kleinen Zeitungen. Diese sind für die politische beziehungsweise geistige Orientierung des Lesepublikums die entscheidenden publizistischen Größen. Gerade sie müssen den Ehrgeiz haben, in Qualität zu investieren - und in Glaubwürdigkeit.

Denn nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, das wusste schon Egon Erwin Kisch. Nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt. Je kleiner der Nahbereich des Mediums, füge ich hinzu, desto wichtiger ist die Tiefenschärfe des journalistischen Produkts! Und Tiefenschärfe wird man ohne gründliche Recherche - sie ist das Wesen des Journalismus - nicht erzielen können. Recherche wiederum hat ihren Preis. In einer vom Konkurrenzkampf bestimmten Medienwelt, die immer stärker in Gefahr ist, partikulare Interessen zu bedienen und nach dem Motto "schneller, lauter, sensationeller" verfährt, ist die Zeitung in einem gewissen Sinn der letzte Hort der Universitas - unabhängig von ihrer Positionierung, ihrer Auflagenhöhe und der Art ihrer Verbreitung. Sie ist das integrative Medium. Die Frage ist deshalb nur zu berechtigt: Wie tief dürfen in ökonomisch harten Zeiten die Einschnitte in das Redaktions- und Personalbudget gehen, ohne die für die Aufrechterhaltung bestimmter Qualitätsstandards nötigen Recherche-Ressourcen anzutasten? Gefragt sind ohne Zweifel kreative, weil flexible Sparprogramme. Denn Sparen kann und darf nicht Selbstzweck sein.

Ich bin ganz zuversichtlich, dass das Verständnis für diese Zusammenhänge wächst. Es ist noch nie eine so engagierte Debatte über journalistische Qualitätsstandards geführt worden wie in der Zeit der Anzeigen- oder sagen wir besser: Anpassungskrise. Die Branche ist nicht, wie ihr gelegentlich unterstellt wird, beratungsresistent. Sie ist bereit, aus Fehlern und Versäumnissen zu lernen. Die Bereitschaft zur gegenseitigen Kritik sollte als Qualitätsfaktor nicht unterschätzt werden. Medienkritik ist nicht "Nestbeschmutzung", sondern kollegiale Ermunterung zur Korrektur von Fehlleistungen; sie sollte souverän angenommen werden.

Dass mehr denn je die strikte Trennung zwischen redaktionellen Beiträgen und Anzeigen thematisiert wird, finde ich erfreulich. Die Grenzen dürfen nicht "fließend" werden. Ein solcher Trend wäre gefährlich. Dann geht es um die Glaubwürdigkeit der Zeitung. Zeitung lesen muss, wer will das bestreiten, Vergnügen bereiten. Dass heißt aber nicht, dass unsere Redaktionen zu willigen Vollstreckern der Spaßgesellschaft werden. Fun oder Fakten? Das ist keine akzeptable Alternative. Ich bin sehr dafür, dass bei aller Anerkennung des Faktors Spaß die Fakten zu ihrem Recht kommen. Die kritische Nachrichtenanalyse ist trotz aller anerkennenswerten Versuche in unseren deutschen Medien noch entwicklungsfähig. Sie verdeutlicht den Menschen komplexe Prozesse, macht Nachrichten verstehbar, ohne in "Meinungsmache" abzugleiten. Sie ist, um beim Thema zu bleiben, ein Muster für anspruchsvollen, humanen Journalismus, der die Leser ernst nimmt: Qualitätsjournalismus eben.

Ein solcher Journalismus braucht Vorbilder. Die Preisträger haben mit ihren - durchaus subjektiven - Arbeiten gezeigt, dass dieser Journalismus möglich ist, selbst in einer für die deutsche Presse schwierigen Zeit. Dafür danke ich ihnen im Namen von Kuratorium und Jury. Auszeichnungen mit dem Theodor-Wolff-Preis, schrieb dieser Tage eine Zeitung in einer Eigenanzeige, seien "Olympiasiege für den deutschsprachigen Journalismus".