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Prämierter Text

Die alte Bäuerin von Bernhausen trotzt den Zeitläufen

Von Michael Ohnewald

Eigentlich sagt der kleine Kalender fast alles über Margot Hörz. Er hängt in einer bäuerlichen Stube voll untergegangener Vergangenheit. Neben vergilbten Hochzeitsfotos und Urkunden, mit denen einst die Feuerwehrleute von Bernhausen ihren Herbert geehrt haben. Doch der Hausherr ist lange tot. Fast 25 Jahre ist das jetzt her. Damals wurde die Bäuerin vollends in jenes Leben hineingerissen, das von Stallgeruch umweht ist und keine Verschnaufpause erlaubt. "Für den Altennachmittag habe ich keine Zeit", sagt sie. 70 Jahre alt ist Margot Hörz - und ein bisschen müde.

Der kleine Kalender erzählt davon, wie man eben wird, wenn man sich dem Würgegriff der Marktgesetze entzieht. Und wie man wohl sein muss, wenn man jeden Tag morgens um sechs bei den Kühen im Stall steht, sieben Tage in der Woche, 52 Wochen im Jahr. Wenn man fast jeden Tag aufs Feld muss, zum "Äbbiraglauba" und Krautschneiden. Darüber kann einer schon mal die Zeit vergessen. Vom Kalender mit den Bibelsprüchen hat Margot Hörz jedenfalls schon lange kein Blatt mehr abgerissen. In ihrer Stube ist die Zeit am 1. Januar stehen geblieben. Am ersten Januar 1998.

Draußen vergeht die Zeit schneller. Einen Steinwurf vom Hof entfernt erholt sich der Flughafen von den Folgen des 11. September. Es landen wieder mehr Maschinen in Echterdingen. Das erleben die Bauern hautnah, wenn sie auf jenen Feldern arbeiten, die dem Fortschritt im Wege sind. Bald sollen wieder 100 Hektar untergepflügt werden. Die Messe - viele Bauern sehen ihre Existenz durch das am Flughafen geplante Großprojekt bedroht. Und Margot Hörz fühlt mit ihnen.

Auch wenn sie zwischen Spitzkohl und Kälbermast, zwischen Rotkraut und Weizen nur wenig Zeit zum Nachdenken findet, ist sich die alte Bäuerin von Bernhausen darüber im Klaren, dass sie der Herrgott an einen Platz gesetzt hat, der nicht mehr ist, was er einmal war. Mit jedem Jahr verschwindet ein Stück mehr von ihrer Welt. Mit jedem Jahr zieht sich die Schlinge der Moderne enger um den Hof. Im Dorf rümpfen zugezogene Städter die Nase, wenn an ihren Vorgärten ein Traktor mit Güllefass vorbeifährt.

Und immer wieder sind Herren in feinen Anzügen in ihrem alten Kuhstall aufgetaucht, um der Bäuerin einen Acker abzuschwatzen. "Nemmet Se doch des andere Wiesle, Frau Hörz. Mir brauchet Ihr Land für dr Flughafa." Schon oft hat sie diesen Satz gehört. Ebenso oft hat sie die Herren unter wüsten Beschimpfungen vom Hof gejagt. Und meistens musste sie am Ende doch einige Morgen bester Lösslehmkrume opfern. So geht das nun schon, seit es ihr denkt.

Ihr Großvater, den sie "Urene" nennt, war Bauer und Schmied. Wie Margot Hörz in ihrer handschriftlichen Lebenschronik vermerkt hat, besaß der Landmann um 1900 schon 55 Äcker und Wiesen. Noch genau erinnert sich seine Enkelin an jenen Tag anno 1937, als ihre Mutter auf dem Feld von einer Laune der Politik erfahren hat. Zu Hause auf dem Hof herrschte helle Aufregung. "Jetzt isch gfehlt - dr Flughafa kommt", orakelte die Mutter. Dass sie mit ihrer Ahnung nicht falsch lag, sollte sich bald erweisen. Als "ein gigantisches Bauwerk mit machtvoller Größe", kündigte der Filder-Bote am 27. Juli 1938 den neuen Flughafen an. Noch heute streiten die Gelehrten darüber, was letztlich den Ausschlag für die Wahl des Standorts zwischen Echterdingen, Plieningen und Bernhausen gegeben hat. Manche sagen, es sei die freie Einflugschneise gewesen, andere vermuten, dass es am Boden lag, in dem Wasser nach Regenfällen angeblich besonders schnell versickert. Sicher ist nur eines: Ursprünglich war der Flughafen zwischen Nellingen und Scharnhausen vorgesehen. Die Planung wurde 1936 gestoppt, weil das 35 Hektar große Gelände für mögliche Erweiterungen nicht geeignet erschien.

Damals gab es keine Schutzgemeinschaft und keine Montagsdemos. Hitlers Flughafen stieß bei den Filderbauern auf Verbitterung - zu widersprechen aber wagten nur die wenigsten. Groß war die Angst und groß die Ohnmacht. Vier Äcker musste die Familie von Margot Hörz seinerzeit hergeben. Und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Landfrau unter dem lauten Nachbarn zu leiden hatte, der wie ein böses Geschwür auf den Parzellen der braven Agrarier von Bernhausen wucherte.

Als sich der Zweite Weltkrieg dem Ende zu neigte, bekam die Angst auf dem Hof der Bäuerin neues Futter. Den 8. April 1945 sollte sie ihr Leben lang nicht vergessen. Drunten im Keller des Stalls hatte die Familie auf Geheiß der Luftwaffe Schutz gesucht, als es der Bauerstochter "fast das Gehör verrissen" hat. Um dem Feind nur verbrannte Erde zu hinterlassen, sprengte die Luftwaffe nicht nur ihre eigene, 1.425 Meter lange Betonpiste, sondern auch Gebäude und selbst Tanks mit 70.000 Litern Sprit. Dabei haben die Nazis mit Sprengstoff nicht gespart. In ihrer Panik rannte die Familie aus dem Schuppen. Nur wenige Meter neben ihr ging ein Betonbrocken nieder, erinnert sich die Bäuerin mit Grausen. Im Hagel der Trümmer hat Margot Hörz einen Schwur abgelegt: "Kein einziger Quadratmeter mehr für den Flughafa!"

Doch mit den Schwüren ist das so eine Sache, wenn die Politik mit Justizia droht, deren Schwert ach so scharf sei. Kaum hatten sich die Krautbauern auf den Fildern daran gewöhnt, dass über ihren Köpfen keine Bomber mehr durch den Nachthimmel fliegen, feierte der zerstörte Flughafen fröhlich Urständ. Unter dem Jubel der Bevölkerung landete am 31. August 1948 erstmals nach Kriegsende wieder ein Flugzeug der Swissair in Echterdingen. Drei Jahre später wurde die Landepiste des aufstrebenden Verkehrsflughafens auf 1.800 Meter verlängert.

Irgendwann stand wieder einer dieser Herren bei den Hörzens auf dem Hof. Den Menschen ging es besser, dem Flughafen auch. Die Start-und-Lande-Bahn, so verkündete der behördliche Bote, müsse verlängert werden, diesmal auf 2.550 Meter. Widerstand sei zwecklos, denn das Gesetz sei auf der Seite des Flughafens. "Do hätt i heula könna", sagt Margot Hörz. Und so wird auch 1961 in der Familienchronik als schlechtes Jahr geführt: Wieder waren es vier Äcker für den unersättlichen Flughafen.

Da mag sich für den Städter die Frage auftun, warum sich die Bäuerin nicht wie andere aus ihrem Berufsstand auf die ertragreichste aller Fruchtfolgen umgestellt hat: Winterweizen, Sommergerste - Bauland. Endlich alle Sorgen los. Wo doch immer mehr Zugereiste im Flecken wohnen, die sich über die Bauersleute alterieren. Wo doch die Landkäufer prima Preise zahlen. Wo doch der Fluglärm zunimmt. Wo es doch keinen Nachwuchs gibt, der den Hof übernehmen könnte.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: "I kennt net läba ohne des Gschäft", sagt Margot Hörz. "Wenn i net uffs Feld kann, bin i grädich." Einmal wenigstens hat sie versucht, aus ihrem vorgeprägten Alltag auszubrechen. Mit 17 war die Bäuerin in einer Nähschule, was ihrem Wesen aber nicht entsprach. Als die Sonne durchs Fenster lugte, ist ihr klar geworden: "I kann net eingsperrt sei." Seit jenem Tage ging Margot Hörz "kei Stond mehr in a Gschäft".

Der Herrgott hat ihr den Stallgeruch mit in die Wiege gegeben. Und sie mag den Hof bis heute nicht missen. Nicht die Mistkratzer, nicht die Kühe und nicht den Bullen, der irgendwann vom Schlachter geholt wird. Auch nicht die Plackerei mit dem Spitzkraut, das mühsam von "de Blätscha" befreit werden muss, wie sie die äußeren Blätter nennt.

Vielleicht ist es diese emotionale Bindung an die Scholle, derentwegen sie manchmal ins Gasthaus geht, wenn wieder einer der Großkopfeten um die Wahlstimmen der störrischen Dörfler buhlt. "I wehr mi wenigstens", sagt sie. Den Ex-Wirtschaftsminister Martin Bangemann hat sie ebenso "verwischt" wie den Fraktionschef der CDU im Landtag, Günther Oettinger. Beiden sagte die alte Dame ordentlich die Meinung über das große Bauernsterben auf den Fildern. Genutzt hat es wenig. Am ungezügelten Appetit des Flughafens auf fruchtbare Ackerböden hat sich nichts geändert.

Ganz im Gegenteil. Die Reisewelle schwappte nach Echterdingen. Der Flughafen verzeichnete immer neue Passagier-Rekorde. Und wieder stellte sich die Bäuerin der feindlichen Übermacht entgegen, um zwei ihrer Äcker zu retten. Diesmal allerdings nicht allein. Als in den achtziger Jahren auf den Fildern ein erbitterter Streit um eine Verlängerung der Piste auf 3.345 Meter tobte, ging es um 86 Hektar bestes Land. Mehr als 21.000 Einsprüche gegen das damals laufende Planfeststellungsverfahren änderten letztlich nichts: Der Flughafen wurde nochmals kräftig ausgebaut. Von 1992 bis 1995 beherrschten Baukräne und Betonmischer die Szene. Und die Äcker waren verloren.

Enteignet werden musste offiziell freilich niemand für das Projekt. Gelöst wurde das Problem mit reichlich Geld und einer großen Flurbereinigung. Doch für Menschen wie Margot Hörz, die an ihrem Land hängen, ist das kein Trost. Für sie ist Flurbereinigung "nur a anders Wort für Enteignung".

Erst vor wenigen Monaten hat die Bäuerin aus ihrer Liste wieder einen Acker gestrichen. Es ist der elfte, seit Flugzeuge auf den Fildern landen. Ursache war diesmal das neue Luftfrachtzentrum, für das eine Straße gebaut worden ist, auf der seit dem vergangenen Jahr die Autos um Bernhausen herumgeführt werden. Die einen bezeichnen die Umfahrung als einen Segen, andere fluchen wie die Rohrspatzen. Zu Letzteren gehört Margot Hörz, was nicht weiter überrascht. Wieder ein Stück Land unter Asphalt.

Geblieben ist ihr nur der Zorn, der jedes Mal größer wird. Wahrscheinlich ist sie deshalb mit 70 noch jener streitbaren Bürgerinitiative beigetreten, die einst gegen die Verlängerung der Startbahn gekämpft hat und jetzt mit Gabi Visintin an der Spitze gegen die am Flughafen geplante Messe ins Feld zieht. Seit wenigen Wochen gehört die Bäuerin zu den 250 Mitgliedern der Schutzgemeinschaft Filder. "I ben für die Echterdinger Baura", sagt sie, "die wellet ihre Äcker au net hergebba."

Eines Tages werden sie es womöglich müssen. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusehen, dass in der Landwirtschaft das Höfesterben weitergehen wird. "Wachse oder weiche" ist die Devise eines Strukturwandels, der auf den Fildern noch gnadenloser erscheint als anderswo. Jedes Jahr geben 10.000 Landwirte in Deutschland auf.

Doch Kapitulation gehört nicht zum Vokabular vom Margot Hörz. Auch wenn die Hüfte schmerzt und ihre Hände wie Reibeisen sind: Sie schuftet weiter auf ihrem Hof. Eine Auszeit kann sie sich wegen der Rinder im Stall nicht erlauben. Für einen Tag sei sie mit dem Jahrgang in der Pfalz gewesen - mehr gönnte sie sich nicht. Dafür hat sie die Flugreisen vieler Urlauber vom Feld aus verfolgt, wenn die Jets über ihr in den Himmel gedonnert sind. Das Fernweh hat die Bäuerin trotzdem bis heute nicht gepackt. "I ben no nie gfloga", sagt sie. "I bleib uffm Boda."

Stuttgarter Zeitung

Nr. 244 vom 21. Oktober 2002

Bewertung der Jury

Michael Ohnewald erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2003 in der Kategorie "Lokales" für den Beitrag "Die alte Bäuerin von Bernhausen trotzt den Zeitläufen", erschienen in der Stuttgarter Zeitung am 21. Oktober 2002.

Der Autor schreibt über eine 70-jährige Bäuerin, die sich vehement dagegen sträubt, ihr Land dem wachsenden Stuttgarter Flughafen und einer neuen Messe zu opfern. In einem einfühlsamen Porträt zeichnet er das Bild einer unzeitgemäßen Frau, deren Kampf letztlich erfolglos bleiben wird. Über die persönliche Geschichte der Margot Hörz blättert Ohnewald einen gesellschaftlichen Konflikt zwischen Tradition und Moderne auf, in dem die Landwirtschaft im städtischen Ballungsraum unterzugehen droht.

Kurzbiographie

Gezeichnet: moh

Geboren am 8. November 1964 in Bad Cannstatt.

Nach dem Abitur zweijähriges Geschichts- und Germanistikstudium an der Universität Stuttgart. 1989 Volontariat bei der Bietigheimer Zeitung, von 1991 bis 1995 Redakteur bei der Backnanger Kreiszeitung.

Nebenberufliches Studium im Studiengang "Journalisten-Weiterbildung" an der Freien Universität Berlin; abgeschlossen mit dem akademischen Grad Licentiatus rerum publicarum.

Seit 1995 Lokalredakteur bei der Stuttgarter Zeitung. 2001 wurde er beauftragt, den Regionalteil des Blatts neu zu konzipieren. Seitdem Redakteur in der Regionalredaktion der Stuttgarter Zeitung.

Michael Ohnewald ist verheiratet und hat zwei Kinder.