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Prämierter Text

Der Energie-Dichter

Von Holger Kreitling

Der Osten Deutschlands ist in kultureller Hinsicht mit gewissen Vorurteilen behaftet. Bochum, ja, gutes Theater und Grönemeyer. Stuttgart, Operhaus des Jahres, aber hallo. Obwohl sich mit Fug und Recht einiges gegen Stuttgart sagen lässt. Selbst die Bamberger Sinfoniker machen mehr von sich reden als ihr Dresdner Pendant. Armer Osten, flaches Land.

Natürlich zu Unrecht.

Wir müssen deshalb eine Vorgeschichte erzählen. Im April vergangenen Jahres bat der Spiegel den Musik- und Literaturkritiker Joachim Kaiser, seine Meinung über die Verflachung des intellektuellen Deutschlands und des Feuilletons kund zu tun. Kaiser sprach gewählt über Bruckner, Beethoven und die engagierte Mühe beim Lesen. Er stellte sich ein wenig übertrieben als den letzten wirklich klugen Menschen vor. Und dann stand da: "Schauen sie sich doch einmal die Berliner Politiker an! Das ist doch alles Cottbus."

Wir haben in der Redaktion viel über den Cottbus-Satz gelacht. Wir fühlten uns bestätigt; und einige lachten etwas säuerlich dazu. Und wenn der Kollege von der Theaterkritik später ein Kulturereignis in Chemnitz ankündigte, riefen wir begeistert: "Das ist doch alles Cottbus." Denn wir Kultur-Redakteure fahren lieber nach Cannes als nach Chemnitz. Wir neigen wirklich zum Unrecht.

Was aber eigentlich ist Cottbus?

Gibt es dort Kultur? Wer es zu sagen weiß, der werfe den ersten Stein.

Plumps.

"Ich habe einen Auftrag für dich", sagte der Literaturchef neulich, "du musst nach Cottbus fahren."

Ich hielt es für einen Scherz.

"Da wartet Gottfried Blumenstein auf dich, der schreibt Gedichte."

Und weil es beim Literaturchef kein Pardon gibt, fuhr ich am letzten Bundesliga-Samstag mit dem Wagen nach Cottbus. In der Stadt angekommen, verfranzte ich mich vorhersehbar, bog zwei mal ab und stand vor einem großen Kasten. Die Mauern des Gebäudes waren dunkel, ein mächtig auftrumpfendes Haus, nicht so groß wie in Berlin, aber doch eher Posaune als Piccoloflöte. Es war das Staatstheater Cottbus, das einzige Jugendstil-Staatstheater Deutschlands, wie die Cottbuser freudig sagen. Für den Abend war die Premiere von "Katja Kabanowa" annonciert. Janacek. Sehr schöne Oper.

Ich wendete und fuhr davon.

Irgendwann wiesen Autos und Fußgänger mit rot-weiß bemalten Schals den Weg. Und dann lag da das "Stadion der Freundschaft", was für ein toller Titel, und Energie Cottbus, auch schöner Name, darf in der nächsten Saison schon zum dritten Mal im Range eines Bundesliga-Clubs auflaufen. Das ist wie Janacek, nur anderer Gesang.

Am Kartenhäuschen wartete Gottfried Blumenstein. Er trug keinen Energie-Schal, das hatte er schon am Telefon angekündigt, sah aber auch sonst nicht nach Dichter aus. Letzte Vorbehalte schwanden nach dem Hallo: "Ich geb' ein Bier aus, stellen Sie sich doch schon mal an."

"In Berlin ist das Stadion-Bier fast ohne Alkohol", sagte ich.

"Hier auch."

Zwei helle Landskron, Zigaretten. Es versprach, ein toller Samstag zu werden.

Wurde es auch. Cottbus ist ein poetischer Ort. Hinter dem Stadion der Freundschaft fuhr die ehemalige Pioniereisenbahn unter Dampf, dichter weißer Rauch steigt hoch, es schnaufte ordentlich, während sich die Spieler in einer Reihe zu den Klängen von Robbie Williams "Let me entertain you" den 20.000 Fans auf den ausverkauften Rängen stellten. Cottbus hatte den Klassenerhalt geschafft, die Stimmung war bestens, das Spiel gegen den Absteiger 1. FC Köln sollte ehrenwerte Formsache sein. Gottfried Blumenstein würde später sein Bundesliga-Sonett Nr. 34 beginnen mit der Zeile "Die Nerven liegen itzo nicht mehr blank daneben."

Denn Gottfried Blumenstein, 50, dichtet für und über Energie Cottbus. Eine bizarre Leidenschaft, in Wirklichkeit ist Gottfried Blumenstein nämlich Opern- und Theaterkritiker, und diese Spezies verachtet den Fußballplatz üblicherweise mit der Inbrunst des hohen C. Aber er stürmte schon als Bube beim Heimatverein Motor Königswartha, 60 Kilometer von Cottbus entfernt. Mit 19 scheiterte er beim Bewerbungsspiel für die Mannschaft der TU Dresden, "jämmerlich", wie er sagt. In Dresden gab es für den Zuschauer Blumenstein samstags erst Fußball, dann Kreuzchor-Vesper.

Ursprünglich wollte Blumenstein kleine Theaterszenen über die Bundesligaspiele schreiben. Die Idee zerschlug sich. In der ersten Saison beglückte Blumenstein deshalb den Aufsteiger mit Haikus. In drei Zeilen à fünf, sieben, fünf Silben kommentierte Blumenstein die Lage der Liga. Aus einer 2:3-Heimniederlage gegen 1860 München wurde: "Der Mond hing abwärts. / Der Ball flatterte ins Netz. / Piplica träumte."

Und seltsam, den Lesern der Lausitzer Rundschau und den Energie-Fans gefielen die Gedichte, zumal der Staatsschauspieler Dirk Glodde sie noch mit allem gebotenen Ernst im Radio und im Internet vortrug. Manchmal feilten die beiden noch an Worten. Er mache immer neue Fassungen für spätere Veröffentlichungen, sagt Gottfried Blumenstein. "Hat der Heine auch gemacht."

"Und Rilke", rief ich. Und hinter tausend Bällen keine Welt.

Da hob Blumenstein die Hände, revidierte die Erwartungshöhe und sprach korrekt das Wort Gebrauchslyrik aus. Auch gut.

Anpfiff. Cottbus und Köln schoben sich die Bälle hin, Cottbus wusste nicht so genau, wo genau das gegnerische Tor stand. Ständig tauchten auf der Anzeigetafel andere Spiel-Ergebnisse auf, sie wurden mal heftig beklatscht (Leverkusen), mal bepfiffen (FC Bayern). "In der Oper wird seltener geklatscht", analysierte Blumenstein. Nach 35 Minuten ging Köln 1:0 in Führung. Blumenstein rauchte.

Niemand hatte ernsthaft erwartet, dass der Aufsteigerverein aus der Lausitz sich in der Bundesliga halten würde. Aber im vergangenen Sommer geschah ein nachgerade energetisches Fußballwunder, und also war eine neue Gedichtform nötig. Blumenstein verfasste klassische Sonette, mit zwei vierzeiligen Versen und zwei dreizeiligen. Als Cottbus das Eröffnungsspiel 1:0 gegen Hamburg gewann, begann Blumenstein sein Sonett so: "Der Kampfplatz war gerüstet fein mit Fahnen, / die Rot bemalt ganz stolz gezeigt im Winde / die Kunde trugen in die Welt geschwinde / das Leben findet statt in anderen Bahnen."

Zur Halbzeit war die Partie noch offen. Wir redeten über Lyrik.

"Brauchen Gedichte Regeln wie ein Fußballspiel?"

"Regeln sind gut. Die Freiheit ist begrenzt, aber man hat mehr Spaß." Im Reim stecke viel Witz drin, und ohne Witz funktionierten seine Sonette nun mal nicht. "Wenn die Regeln im Fußball verletzt werden, pfeift der Schiedsrichter ab."

Lieblings-Dichter? Shakespeare, klar. Da kuckt Sonettist Blumenstein immer wieder nach. Und Ludwig Harig, der Sonette über Eintracht Frankfurt in strenger alexandrinischer Form verfasste, ein Meister. In der kommenden Saison wird Blumenstein als Balladen-Dichter hervortreten, allerdings weniger streng, also kein Schiller-Ton, mehr im Francois-Villon-Stil. Ich bin so wild nach deinem Erdbeerfuß. Man muss sich bei allem, was Gottfried Blumenstein erzählt, ein verschmitztes Lächeln denken, selbst wenn er ganz streng und ernst schaut.

Auf dem Platz wurde es ganz schlimm. In der 56. Minute schoss Köln das 0:2, sechs Minuten später das 0:3. Der Torwart stand da wie der zweitschlechteste Lyriker des Universums, ohne Reim und ohne Versfuß. Blumenstein schüttelte den Kopf, rief: "Die versauen mir mein Schluss-Sonett." Als in der 80. Minute das 1:3 fiel, endlich, sprang der Dichter auf. Dann Zigarette.

Auch im Fan-Magazin "Energie Echo" schreibt er jetzt Verse zu ausgewählten Fußball-Themen, dazu gibt es Fotos von der herausgeputzten Miss Energie. Hier muss auch der hartnäckigste Westdeutsche erkennen, dass Cottbus seriöse Absichten hat.

Die Leidenschaft des Lyrikers: "Leiden Sie denn mit?"

Da erzählte Blumenstein die Geschichte vom Ehepaar aus dem Nachbarort, das nach einer Niederlage drei Tage krank sei und ab Donnerstag wieder Hoffnung schöpfe. Er, der entschiedene Energie-Cottbus-Fan Blumenstein, dichte eben. (Das hat der Heine auch so gemacht.)

In der 87. Minute schoss Reichenberger noch sein erstes Bundesligator. Es nutzte nichts, 2:3 verloren die Mannen. Ein paar Minuten später murrte Trainer Eduard Geyer über seine Spieler, man dürfe eben keine Probleme mit dem Ball haben - und die hätten sie fast alle. Blumenstein grinste. Sein Sonett Nr. 34 ließ die Cottbuser Niederlage denn auch außen vor und sprach von Siegen. Und vom Überstehen. Dann floss im Stadion der Freundschaft Freibier, Bratwürste wurden verschenkt, eine blonde Maid gab am Mikrofon ihr Bestes. Selbst Trainer Geyer beruhigte sich wieder und lächelte.

Gottfried Blumenstein aber ging seiner Arbeit nach, fuhr zum Staatstheater, zog sich ein Jackett über und genoss als Opernkritiker "Katja Kabanowa". Sehr schöne Oper, wie gesagt. Für die Zeitung schrieb er: "Welch eine emotionale Kraftentfaltung, welch ungebändigte Lebens- und Liebeslust und letztlich welch ein starker Abgang." Sätze, die sich mühelos als Konterpart zum Fußballspiel lesen lassen. So errettete die Oper die Leidenschaft des Menschen - was sie ja eigentlich immer tut. Die Kunst und die Kunst des Fußballs: vereint. Nach dem Gesang ist vor dem Gesang.

Das alles ist Cottbus!

Die Welt

Nr. 119 vom 25. Mai 2002

Bewertung der Jury

Holger Kreitling erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2003 in der Kategorie "Allgemeines" für den Beitrag "Der Energie-Dichter", erschienen in der Zeitung Die Welt, Berlin, am 25. Mai 2002.

Holger Kreitling hat in einem brillant und im stilistischen Geist von Theodor Wolff geschriebenen Feuilleton die Macht von Vorurteilen am Beispiel eines dem Cottbuser Fußballverein Haikus und Sonette widmenden "Dichters" ironisch durchbrochen und in der Ich-Form sowohl den Kulturbetrieb als auch den des Sports durchleuchtet und nebenbei eine pfiffige Lehrstunde in Poetik gegeben - Kunst und die Kunst des Fußballs vereint. "Das ist doch alles Cottbus."

Kurzbiographie

Gezeichnet: krei

Geboren am 21. Februar 1964 in Schotten (Hessen).

Nach dem Abitur begann er 1986 ein Studium der Publizistik, Geschichts- und Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Dieses wurde immer wieder von verschiedenen Tätigkeiten in Berliner und Brandenburger Verwaltungen unterbrochen, zuletzt war er Referent der Bezirks-Bürgermeisterin von Berlin-Schöneberg. In dieser Zeit sammelte er auch erste journalistische Erfahrungen als freier Journalist bei verschiedenen Zeitungen.

1997 wechselte er zur Zeitung Die Welt, für die er zunächst in der Wochenendbeilage "Geistige Welt" schrieb; nach seinem Wechsel 1998 in das Feuilleton-Ressort konzentrierte er sich auf popkulturelle Belange. 2002 führte ihn sein Faible für den Fußball nicht nur nach Cottbus, sondern auch als Kolumnist zur Fußball-WM nach Japan. Seit März 2003 ist er stellvertretender Ressortleiter und betreut hauptsächlich den Kulturteil der Berliner Morgenpost.