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Ein Schreiber wider den getrübten Blick

Ein Schreiber wider den getrübten Blick

Von Gernot Facius

Er war von 1969 bis 1985 mit Unterbrechungen dreimal Chefredakteur der Welt, später auch ihr Herausgeber, und er zählt noch heute, mit inzwischen 75 vollendeten Lebensjahren, zu den profundesten und geachtetsten Autoren der Blätter des Hauses Axel Springer: Herbert Kremp ist ein Schreiber, der es liebt "in Stein zu hauen, nicht Ton zu kneten" (Claus Jacobi), und der deshalb auch immer wieder das Feuer des Gegners auf sich zog.

Kremp polarisiert, das ist wahr. Aber man muss dieses Polarisieren im Wortsinne verstehen: als Austragen der Gegensätzlichkeiten, als Anreiz für den intellektuellen Disput, als Absage an alles politisch Verschwommene, Verwaschene, Nebulöse. "Die drei Parzen, die den Völkern ein schlechtes Schicksal spinnen, heißen Dummheit, Rückgratschwäche und Furcht", hat Theodor Wolff 1931 in einem Leitartikel festgehalten. Kremp hat sein ganzes journalistisches Leben gegen diese Untugenden angeschrieben. Schon in seiner Zeit bei der Rheinischen Post, deren Chefredaktion er einst im Alter von 34 Jahren übernahm.

Dieser WELT-Mann ist eben nicht nur ein glänzender Stilist, er ist auch ein tiefschürfender und scharfzüngiger Analytiker. Thomas Kielinger, seinerzeit Chefredakteur der Wochenzeitung Rheinischer Merkur, viele Jahre Mitglied der Jury des Theodor-Wolff-Preises, hat das Phänomen Kremp in einer Rede zu dessen 65. Geburtstag so beschrieben, und dieses Werturteil hat Bestand: "Mir ist in ihm immer ein schreibend Handelnder begegnet, der zunächst immer erst dem Wesen einer Sache nachzugehen pflegt, ehe er aus solcher Vertiefung und aus der Analyse der Lage seine Schlüsse zieht. Erkenntnis ist alles. Immer spricht in Herbert Kremp der Aufklärer - auch in jenem antiken Sinn, der nach Erkennen seiner selber sucht, als Individuum und als Angehöriger dieses ach so schwierigen Vaterlandes Deutschland."

Ein Virtuose des Wortes. Aber einer, der es wie der legendäre Chefredakteur des Berliner Tageblatts hasst, wenn qualvolle Sprachmanier nur Gedankendürre überrankt. In seinem Essayband "Wir brauchen unsere Geschichte" (1988) hat Kremp ein deutsches Doppeldefizit benannt: "Wenn es etwas gibt, was Deutsche oft und verhängnisvoll belastet hat, dann war es der getrübte Blick für die Tatsachen der Außenwelt und der betrübte Blick auf sich selbst." Die Deutschen müssten, wenn sie in Europa und in der Welt von morgen bestehen wollten, ihre eigene Geschichte voll akzeptieren, sonst seien sie wurzellos. Gegen den "getrübten Blick" hat der politische Journalist und Essayist Kraft und Brillanz seiner Sprache mobilisiert. Speziell die deutsche Außenpolitik warnte er vor mangelnder Voraussicht wie vor verwegener Selbstüberschätzung. Er suchte die Dschungelfelder der Zeit durch klare und tiefe Horizontalbeleuchtungen zu erhellen. Und seine Redakteure hielt er immer wieder zu "verschärftem Nachdenken" an.

Vier Jahre, von 1977 bis 1981, berichtete Herbert Kremp aus Peking - ein markanter Abschnitt in seiner Karriere. Er wollte "von außen her den Blick für die deutschen Verhältnisse schärfen". Eine Frucht seiner chinesischen Jahre war die Reportage "Ein Regentag in Peking", für die er 1978 den Theodor-Wolff-Preis bekam. Seine Artikel in der Welt und in anderen Zeitungen des Verlages Axel Springer werden von Washington bis Moskau aufmerksam gelesen, werden zum Gegenstand einer Doktorarbeit. Sein Buch "Die Bambusbrücke" gerät zur Abrechnung mit dem Kommunismus. China hat diesen Autor geprägt. Es hat aus ihm einen global denkenden Journalisten gemacht - mit Sinn für das winzige Detail.

Herbert Kremp ist ein Konservativer, gewiss. Wie Axel Springer, der ihn vor 34 Jahren an seine Seite gerufen hatte, ging es ihm stets um die Förderung eines intellektuellen Konservatismus. " ›Der wahre Konservative‹ wird eingedenk des Freiherrn vom Stein Reformer sein" - auch ein Kernsatz aus dem politischen Bekenntnis des Publizisten und Kulturkritikers, der in diesem Jahr für sein Lebenswerk geehrt wird.

Die Begriffe "rechts" und "links" haben ihn, wie er selber sagt, in seiner Arbeit beschäftigt, begleitet, verfolgt und stets unzufrieden gelassen. Wer nämlich in der Ideologiekritik aufgewachsen sei und versuche, über seine eigene Zeit hinauszublicken, "weist beiden Positionen Bedeutung und Berechtigung zu, bringt sie gar in eine Yin-Yang-Beziehung, was indes nicht Gegensätze bedeutet, sondern Komplementarität".

In seiner politischen Anthropologie "Am Ufer des Rubikon", 1973 erschienen, hat sich Herbert Kremp mit der Entfremdung des Menschen von Institutionen, Gewissheiten und Gewohnheiten befasst. Diese Entfremdung hält er für die wichtigste Ursache der nationalistischen, faschistischen und sozialistischen Ideologien und ihrer katastrophalen Auswirkungen im 20. Jahrhundert - ein Thema, das den Autor nicht loslässt. Kremps Leitartikel, Kommentare und Essays sind eine wichtige Quelle zum Verstehen der vergangenen vier Jahrzehnte deutscher und europäischer Politik.

Claus Jacobi, eine Zeitlang sein Chefredakteurskollege bei der Welt, hat Herbert Kremp einen "Scherben missachtenden Mut" bescheinigt. "Es ist sein kämpferisches Herz, was wirklich zählt."

Kurzbiographie

Dr. Herbert Kremp

Geboren am 12. August 1928 in München.

Nach dem Abitur, das er in Aschaffenburg ablegte, studierte Kremp in München Philosophie, Geschichte und Staatswissenschaften. 1954 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Arnold Toynbee, Oswald Spengler und Max Weber. Danach bis 1956 zusätzlich Studium der Nationalökonomie in Frankfurt am Main.

Nach einem Volontariat bei der Frankfurter Neuen Presse kam er 1957 als Redakteur im politischen Ressort zur Rheinischen Post, Düsseldorf. 1959 bis 1961 war er Leiter des politischen Ressorts bei der Zeitung Tag in Berlin. 1961 bis 1963 arbeitete er als Korrespondent der Rheinischen Post in Bonn, bis er 1963 Chefredakteur der Zeitung wurde.

Am 1. Januar 1969 übernahm Kremp die Chefredaktion der Tageszeitung Die Welt, Hamburg. Von 1973 bis 1985 war er dort Redaktionsdirektor und Chefredakteur, von 1977 bis 1981 auch Chefkorrespondent mit Sitz in Peking. 1985 wurde er als Nachfolger von Matthias Walden Herausgeber der Zeitung Die Welt. 1987 ging er als Chefkorrespondent nach Brüssel.

Herbert Kremp veröffentlichte mehrere Bücher, unter anderem "Am Ufer des Rubikon" (1973), "Die Bambusbrücke" (1988), "Wir brauchen unsere Geschichte - Nachdenken über Deutschland" (1988).

1978 wurde er mit dem Theodor-Wolff-Preis für seinen Beitrag "Ein Regentag in Peking" ausgezeichnet; 1984 erhielt er den Konrad-Adenauer-Preis für Lokaljournalismus.