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Prämierter Text

Hofs Licht

Von Birgit Walter

Vor zwei Jahren saß der Lichtkünstler Gert Hof mit chinesischen Funktionären in einem Pekinger Hotel. Die Chinesen hatten bei ihm eine Art Milleniums-Feuerwerk in Auftrag gegeben. Sie betrachteten die Computer-Simulation und teilten dem Künstler dann ihre Änderungswünsche mit: Das große Licht hätten sie bitte gern am Anfang der Show. Hof entgegnete: Dieses Licht gibt es am Schluss. Der Künstler interessiert sich nicht für die Wünsche von Auftraggebern. Die Chinesen berieten sich düpiert. Sie waren schließlich gerade im Begriff, eine zweistellige Millionensumme in Dollar für ein paar Minuten Licht und Feuer zu verpulvern. Sie kannten von Silvester die leuchtende Berliner Siegessäule und die brennende Akropolis. So etwas Großes wollten sie auch für ihr Milleniums-Monument. Hof erklärte: "Ich bin kein Dienstleister. Es wird so gemacht, wie ich sage, oder gar nicht. Dann reise ich morgen früh um sieben ab." In Peking war es drei Uhr nachts. Die Chinesen wurden ungemütlich. Sie machten Andeutungen, es könne Komplikationen bei der Ausreise geben, sagt Hof. Er verkürzte die Bedenkzeit. Um halb fünf war alles geregelt, das große Licht kam am Schluss, die Chinesen haben nie wieder einen Wunsch geäußert. Nur den, dass sie den Deutschen für die Olympischen Spiele 2008 engagieren wollen.

Gert Hof ist radikal und angstfrei. So hat er es geschafft, sich einen Himmel zu erobern, einen Himmel voll von künstlichem Licht. Seine Kreationen, die er selbst Architektur nennt, weil es Begriffe wie Design oder Installation nicht treffen, sind unerreicht in der Welt. Er arbeitet ohne Konkurrenz. Dieser Gedanke schlägt so etwas wie eine Schneise von Befriedigung in sein sonst rastloses Dasein. Radikal und angstfrei ist Gert Hof in der DDR geworden. Es gab verschiedene Schnitte in seinem Leben, einer davon prägt es bis heute.

Geboren 1951 in Taucha bei Leipzig wuchs das Kind zunächst behütet auf. Er war fünf, als sein Vater Werner Hof, Generaldirektor einer sächsischen Baufirma, einen Gehirntumor bekam. Leider aussichtslos, sagten die Ärzte. Der Vater war unter Toten aufgebahrt, als seine Ehefrau und sein Bruder gerufen wurden. Sie bemerkten: Der Kranke war gar nicht tot. Die Ärzte verteidigten sich: er hätte auch ohne den Irrtum nur noch wenige Tage zu leben gehabt. Der Bruder glaubte nichts mehr und mobilisierte einen Schweizer Chirurgen - die Grenze war noch offen -, die Familie verkaufte Haus und Garten und den Foto-Laden der Mutter für die Operation. Werner Hof wurde gesund, trat aus der SED aus, promovierte und lebt heute noch. Die Familie rückte enger zusammen und ging auf Distanz zum Staat, nicht in Opposition.

Der Vater achtete streng auf die schulischen Leistungen seines Sohnes, um ihn so unangreifbar wie möglich zu machen. Dessen "Hauptleben" bestand aber im Abspielen und Aufnehmen von Musik. Tante Marga aus dem Westen schaffte mehr Platten von den Stones und den Beatles heran als andere Tanten, Gert Hof spielte sie bei Feten ab, er schrieb Gedichte von Sehnsucht, Freiheit und Liverpool und klebte sie in Taucha an Bäume. "Peinliche Sachen waren das: Frei sein wie der Wind und dabei Musik hören - das war die Botschaft", sagt er heute. "Meine Kritik am Staat bestand darin, dass er mir den freien Zugang zu Platten verwehrte."

Eines Vormittags klingelten drei Männer an der Wohnungstür. Sie stellten sich mit SSD/MfS vor und präsentierten einen Hausdurchsuchungsbefehl: Ihr Sohn muss zum Verhör. Aber der Junge fühlte sich plötzlich verstanden: "Ich dachte, endlich werden meine revolutionären Gedichte erhört." Im Leipziger Stasi-Untersuchungsgefängnis war der Vernehmer freundlich, er wolle sich nur ein bisschen unterhalten. Es war der 23. September 1967, mittags. "Ich sagte - gut, aber um vier ist Beat-Club, da muss ich zu Hause sein. Außerdem hat meine Mutter heute Geburtstag. Der Vernehmer siezte mich höflich: Sicher Herr Hof - das lässt sich machen." Der Junge hat sich dann mit seinem Urteil über Ost-Musik und Ost-Fernsehen nicht zurückgehalten und auch sonst furchtbar angegeben, von wegen "Kontakte in den Westen und so". Zum BND auch? Klar. Fremde Namen wurden genannt. "Ich war 16, ahnungslos, kannte im Westen nur Tante Marga und dachte: gib dir keine Blöße - die kennst du alle. Ich wollte zu Hause was erzählen können. Hätte der Vernehmer ein Gran Verstand besessen, hätte er festgestellt: Der Junge hat eine Profilneurose, der ist grenzdebil." Nur die Fragen nach den Fluchtplänen verstand der Halbwüchsige nicht. Was für Fluchtpläne? "Gegen drei Uhr nachmittags waren wir fertig. Ich sollte den Tathergang aufschreiben. Welchen Tathergang? Ich schrieb ein Gedicht. Der Untersuchungsrichter sprach von Verdunkelungsgefahr, Jugendschutzgesetz außer Kraft, so komme die Todesstrafe in Betracht. Und ich dachte: Klasse! Todesstrafe für Gedichte! Mit den anderen Gedanken war ich schon bei der Torte. Ich glaubte, es ginge jetzt nach Hause."

Der Junge wurde in eine Zelle gebracht, die sich ein Vierteljahr nicht wieder öffnete. "Die Glühbirne brannte immer, morgens und abends wurde das Wasser angestellt. Es gab keine Dusche, keine Wäsche, keinen Menschen, nichts. Es war die totale Entwürdigung. Die Haut konnte man irgendwann abziehen. Die Tränen dauern eine Woche, dann kommen keine mehr." Am 23. Dezember ("Es schneit. Morgen ist Weihnachten, Herr Hof!") wollte man eine Unterschrift unter ein Geständnis zur geplanten Republikflucht. Aber der Gefangene hatte in der Einzelhaft abgeschlossen mit seinem Leben. Er glaubte, nie wieder frei zu kommen. Er war hart geworden und unterschrieb nichts.

Er lernte noch andere Zellen kennen, darunter Dunkelhaft. "Ich weiß nicht, wie lange ich da drin war, das Zeitgefühl schwand schnell. Als ich raus kam, blendete die Helligkeit, dass es schmerzte. Ich riss die Arme hoch, ein Wachmann schlug mit seinem Knüppel zu. Er hatte sich wohl erschrocken." Der Häftling fiel um und erwachte auf einem OP-Tisch mit bandagiertem Kopf. Ein Professor erklärte ihm, dass er künftig Probleme haben werde mit dem dreidimensionalen Sehen - aber daran gewöhne man sich. Es dauerte Wochen, bis Hof begriff, dass ihm das rechte Auge ausgeschlagen worden war. Auch seine Himmelsbilder nimmt er nur zweidimensional wahr.

Im Frühjahr 1968 fand der Prozess gegen den Jugendlichen vor dem Obersten Gericht in Ost-Berlin statt. Er sah seine Eltern wieder, denen monatelang erzählt worden war, ihr Sohn sei in den Westen geflüchtet. Den von ihnen bestellten Verteidiger lehnte das Gericht ab, der Pflichtverteidiger legte das Amt nieder angesichts der Schwere der Tat, der Staatsanwalt forderte achteinhalb Jahre Haft ("So was wie Sie vergiftet die ganze Jugend!"), die Mutter fiel in Ohnmacht. Hof: "Ich dagegen war längst kalt geworden und zeigte kein Gefühl." Dem Richter fehlte allerdings eine richtige Tat, er hatte nur drei Schallplatten und die Gedichte. Er verurteilte den Minderjährigen zu anderthalb Jahren Bautzen. In der Anklageschrift steht, Hof habe "die ökonomisch-politischen Grundlagen der Arbeiter-und-Bauern-Macht" angegriffen. Dazu habe er "im Juni 1967 in Taucha eine Hetzschrift gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR zum Zwecke der Verbreitung" hergestellt.

Als Gert Hof 1969 zurückkehrte in seine alte Abiturklasse, war er 18 Monate weg und 20 Jahre älter als seine Mitschüler. Aus dem popmusikverliebten, extrovertierten Aufschneider war ein harter, verschlossener Einzelgänger geworden. Er suchte zu niemandem Kontakt und sprach nie über das, was er erlebt hatte. Nicht, dass er sich bezwungen fühlte. Der Arrest hatte ihn nicht beugen können, nicht die Drohung oder die Verlockung ("Geben Sie die Fluchtpläne zu und in anderthalb Jahren sind Sie frei, richtig frei - im Westen!"). Die Angst war schon weg, aber er zweifelte keinen Augenblick an den Worten bei seiner Entlassung, dass man ihn kriegen werde, ihn und seine Eltern, wenn er über die Haft oder gar den Unfall ins Plaudern geraten sollte. Bis zum Mauerfall fand Hof regelmäßig Zeichen der Überwachung in seinem Leben. Manchmal stand nur eine Vase im Flur. "Einfach eine Vase auf der Erde mitten in der Wohnung. Sie wollten sich in Erinnerung bringen."

Nach dem Abitur erklärte ihm ein Leipziger Oberstaatsanwalt, sein Fall sei ein bedauerlicher Justizirrtum. Er dürfe jetzt studieren, ja, auch antike Philosophie, man könne sich doch aufeinander verlassen, oder? So studierte der jugendliche Staatsfeind ein Jahr nach seiner Entlassung auf Staatskosten Philosophie. Er begann, Maßlosigkeiten zu entwickeln, versuchte es zunächst im Studium. "Man muss hundert mal so viel lesen, wie angeboten wird, dann kommt man auf die Zusammenhänge. Ich wollte alles wissen." Aber als die DDR zwei Jahr später das Fach antike Philosophie abschaffte, stand der Student da mit seinem Vorrat an Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard, er brauchte etwas Neues. Es verschlug ihn an die Theaterhochschule, die als neues Feld aber nur mäßig geeignet schien. "Ich sah lauter Spinner. Ich war kein Freund der Kunst. Theaterkunst - wo war da der Beruf?" Szenenstudium, Analysen schreiben und Poesie besprechen, fand er lächerlich, das ließ er gar nicht als ernste Arbeit durchgehen. Aber er hat dann ziemlich viel Theater gemacht.

Dort begann er, ein Lichtkünstler zu werden. Gut, bis zum Ruhm brauchte es ein paar Jahrzehnte, aber das große Licht kam gleich mit der ersten Regie-Arbeit. In Brechts "Mahagonny" brachte er einen gewaltigen Baustrahler zum Einsatz, in dessen Spot Studenten auf der Bühne Baumstämme zersägen mussten. Es kreischte, es staubte, es warf große Schatten: die Arbeit war zu sehen und zu hören. Die subtile Regiestudie war nie Hofs Sache, bei ihm musste es krachen. Der Hochschulchef Rolf Rohmer zeigte Respekt. Darauf inszenierte er in Leipzig Schillers "Tell" ohne Tell. Bis zur Hauptprobe wartete alles auf den vermeintlichen Star aus Berlin, aber auf der Bühne wurde nur von Tell erzählt. Die Zeitungen waren voll - war das jetzt Kunst oder eine Frechheit? Im nächsten Vertrag stand als Vermerk, dass der Regisseur in "Romeo und Julia" die Titelfiguren zu besetzen habe.

Zwischenzeitlich hatte sich Hof in einer anderen Maßlosigkeit verloren, im Studium Brechts. "Ich hatte ein extremes Wissen angehäuft, kannte jede Zeile aus der 20-bändigen Suhrkamp-Ausgabe und hätte eine Woche ohne Pause über den Mann referieren können. Irgendwann war ich mehr Brecht als Hof, jeder dritte Satz ein Zitat, der reine Fanatismus." Er ging nach Berlin, baute mit Barbara Schall das Brechtzentrum auf, durfte ins Allerheiligste - ins Brechtarchiv -, er publizierte, hielt Vorträge, verdiente einen Haufen Geld. Als er alles wusste über Brecht ("Ein paar Gedichte von mir habe ich seinem Werk hinzugefügt, das musste sein!"), als das Brechthaus eröffnet wurde und alle saßen um den Tisch, Honecker auch, "da rauschten plötzlich die alten Bilder aus dem Gefängnis an mir vorbei".

Gert Hof war indessen dreißig Jahre und hatte seinen Hass nie artikuliert. Dieser Hass war nicht genau lokalisiert, nicht gerichtet, nicht verarbeitet - aber er war immer da. Er suchte sich seine Wege. Die frühe schwere Erniedrigung erwies sich als extremer Motor.

Gert Hof ging in Berlin ans Deutsche Theater und an die Volksbühne, dann nach Schwedt und Altenburg. Er inszenierte Brecht, Schiller, Kroetz, Koltès und entdeckte endlich, dass seine Arbeit nicht nur immer gewaltiges Licht braucht, sondern zuerst Musik, immer zuerst Musik. Er setzte die DDR-Rockbands Silly und City ins Licht, inszenierte schließlich 1982 mit Pankow das erste ostdeutsche Rocktheater "Paule Panke", ein hartes Stück über einen frustrierten Lehrling. Frustrierte DDR-Lehrlinge duldete die DDR nicht bei sich, die Volksbühne auch nicht, "Paule Panke" wurde in die Provinz nach Schwedt verbannt. Bereits damals zwang Hof jedem Bedenkenträger seine Maxime auf: "Wir machen es so, wie ich sage, oder gar nicht." Die West-Presse war schon aufmerksam geworden, eine Absetzung der Premiere wäre aufgefallen. Das Stück kam so auf die Bühne, wie Hof es sagte, und verschwand dann vom Spielplan. Das Ende seiner Theaterkarriere im Osten ("Man musste die Kunst als Waffe auch benutzen!") war "Nina, Nina, tam Kartina" von Werner Buhss in Altenburg. Hof kostümierte das Zentralkomitee der Partei mit Blindenbrillen und Armbinden und schickte es in den kollektiven Selbstmord: Einer erschoss den anderen, der Rest applaudierte, bis keiner mehr da war. Ein paar Monate später war die Vision von der Wirklichkeit eingeholt. Die Mauer fiel.

Der alte Feind war weg, die alte Verletzung blieb, auch die Unruhe, die den Mann unfähig für Freizeit macht. 1992 hob der neue Staat das Urteil von 1968 auf und bescheinigte Gert Hof Ansprüche, die sich aus der Haft und den gesundheitlichen Schäden ergeben. Sie interessieren ihn nicht - Geld braucht er nicht, Unversehrtheit kriegt er nicht. Frieden mit der Welt macht er nicht - er paktiert mit deren radikalen Anfechtern, sucht weiter nach Störpotenzial. Hof inszeniert die Einstürzenden Neubauten und ihren Industriekrach, Gottfried Helnwein und seine Schmerzensbilder, Rammstein und ihren Brachialsound. Zwischendurch immer wieder Koltès und Heiner Müller für Theaterbühnen, nicht ohne das große Licht aus den Augen zu verlieren - zuletzt ging es um Feuer. Er hatte schon einen Laufsteg für Gaultier angezündet und auf der Rammstein-Bühne Musiker in Flammen gesetzt, aber es geht größer, viel größer. Zur Jahrtausendwende leuchtete er den Himmel aus, gleichzeitig über der Siegessäule in Berlin und der Akropolis in Athen. In Berlin verteidigte er sich wochenlang gegen Nazi-Ästhetik ("Schwachsinn war das. Licht ist ein archaisches Instrument und zusammen mit Musik von Mike Oldfield sowieso unverdächtig."), in Athen kämpfte er mit der Archäologischen Gesellschaft, die die Akropolis nach tausend Jahren Ruhe nicht stören lassen wollten. Am Ende wurde es immer so gemacht, wie Hof es sagte. Diese Lichtinstallationen, für die bis zu fünf Millionen Watt Licht zum Einsatz kommen und Scheinwerfer mit 70 Kilometer Reichweite, sind zunächst Papier, 30 Seiten für vier Minuten. Im Zehntel-Sekunden-Takt einer Note sind Farbe, Intensität und Schatten der Leuchtflugkörper berechnet. Das kann sonst niemand. Um diese Bilder von erschütternder Erhabenheit entstehen zu lassen, ist eine extreme Akribie nötig. Denn natürlich ist Rot nicht gleich Rot. "Seenotrot ist die Farbe, die ich für die Akropolis brauchte, 156.000 Mark rauchen da in einer Minute durch die Luft. 10 Mark kostet eine Fackel, 30 Pfennig die billige Kopie - außen rot, innen weiß, am Himmel ein schwules Rosa, grässlich. Wollte mir eine Firma unterjubeln, hab ich aber gemerkt. Du musst höllisch aufpassen, sonst rammeln plötzlich Schmetterlinge in deinen Himmel."

Schmetterlinge, das klingt wie "Bennos Bunte Bühne" oder Fleurop - so bezeichnet Gert Hof Feuerwerke der herkömmlichen Art. Nichts verachtet er mehr. Mittelmaß hat er zu seinem neuen Feind erklärt, Mittelmaß stellt er überall fest. Auch sein Hochmut ist maßlos. Bob Wilsons Bühnen sind für ihn der "Gipfel der Langeweile", die Shows von Michael Jackson und Madonna hält er für dilettantisch illuminiert ("Alles billiger Schrott!"). Die Lichtgeschosse vor ein paar Monaten an der Stelle des World Trade Centers machen ihn sogar wütend: "Wo ist die Kunst, wo der Gedanke, wenn einfach nur ein paar starke Scheinwerfer aufgestellt werden? Jeder Pförtner könnte die einschalten!" Mit dem Management von Michael Jackson hat Hof schon verhandelt, er könnte sich vorstellen, diese Show zu übernehmen, rein optisch. "Aber Jackson will da mit reden, das geht natürlich nicht." Es wird gemacht, wie Hof es sagt, oder gar nicht. In diesem Fall also gar nicht.

Gert Hof ist auch in seinem Größenwahn konsequent. Er weiß, dass er konkurrenzlos ist, aber wissen das auch die anderen? Sicherheitshalber sagt er es ihnen. Es gibt niemanden, der Schatten von Seenotrot berechnen kann, der weiß, wie Lichtwirkungen dort oben entstehen. Hof hat diese Dinge im Kopf, seine 10-Millionen-Dollar-Spektakel kann er nicht testen und nicht ausbessern. Sie dauern nur diese wenigen Minuten und kommen nie wieder. Manchmal zerreißt es ihn zum Schluss. Dann schließt er die Augen, wenn es los geht, aus Angst, es könnte nicht klappen. Ein winziger Computerfehler würde reichen, Millionen Menschen würden das Desaster sehen, in China saßen 1,2 Milliarden vor den Bildschirmen. Aber es klappt. Die nächsten Projekte sind nicht weniger gewaltig. Auf dem Moskauer Roten Platz und im New Yorker Central Park sollen im nächsten Jahr Weihnachtsbäume entzündet werden. Aber nicht solche "peinlichen Bäumchen, wie sonst immer vor dem Rockefeller-Center".

Am 23. September 1967 hatte die Stasi noch bei anderen Familien in Taucha geklingelt, bei Freunden des Schallplattensammlers Gert Hof. Die Freunde waren an diesem Tag nicht zu Hause, vielleicht auf einem Ausflug. Ein Zufall, dass Gert Hof gleich getroffen wurde. Wäre ihm damals nicht das Leben jäh zerschnitten worden, sinniert er heute, "wäre es womöglich einfach so weiter gegangen und ich wäre bei James Last gelandet, mitten in der dumpfen Mitte. Ich wäre Banker geworden, Apotheker oder sonst was Schreckliches."

Berliner Zeitung

Nr. 302 vom 28./29. Dezember 2002

Bewertung der Jury

Birgit Walter erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2003 in der Kategorie "Allgemeines" für den Beitrag "Hofs Licht", erschienen in der Berliner Zeitung am 28./29. Dezember 2002.

Ein Lichtkünstler macht keine Kompromisse. Birgit Walter nähert sich mit Neugierde, zugleich aber auch mit journalistischer Distanz dem Künstler Gert Hof, indem sie dessen Leben nachzeichnet. Der Leser entdeckt einen Menschen, der sich nicht von der Stasi einschüchtern ließ und auch in Dunkelhaft nicht zerbrach. Im Gegenteil. Das Porträt zeigt eindrucksvoll, wie Biografie und künstlerischer Anspruch zu einer Persönlichkeit verschmelzen, die radikal und angstfrei ihren Weg geht.

Kurzbiographie

Gezeichnet: bw.

Geboren am 7. Juni 1954 in Berlin.

Nach dem Abitur 1973 absolvierte sie ein Volontariat bei der Berliner Zeitung und studierte anschließend bis 1978 Journalistik in Leipzig, beendet mit einem Diplom.

Seitdem ist Birgit Walter Redakteurin der Berliner Zeitung, unterbrochen von einer Babypause. Sie hat in verschiedenen Bereichen der Redaktion gearbeitet, die längste Zeit im Feuilleton. Hier ist sie heute unter anderem für Kulturpolitik zuständig. Sie schreibt aber auch für andere Ressorts, etwa für die Meinungsseite, die Seite 3 und das Wochenend-Magazin der Zeitung, in dem auch das Porträt von Gert Hof veröffentlicht wurde.

Birgit Walter ist verheiratet und hat eine Tochter.