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Prämierter Text

Land der Väter

Von Wolfgang Büscher

Andere Männer kriegen Kinder, deutsche Männer kriegen Väter - in einem Alter, in dem sie morgens vor dem Spiegel darüber nachdenken, ihrer Haarfarbe ein wenig aufzuhelfen. Gerhard Schröder, bekennender Sohn seiner Mutter, die er seine "Löwin" nennt, hat zu seinem 57. Geburtstag einen Vater bekommen.

Man kann sich der Symbolik dieses Ereignisses gar nicht genug hingeben. Dem Mann, der von ganz unten nach ganz oben kam, der aus allem möglichen kam - aus einem Dorf im Lippischen, aus armen Verhältnissen, aus eigener Kraft, nur aus einem nicht: aus irgendeinem Milieu, einer Familie im emphatischen Sinn, aus einer Tradition - diesem geschichtsfreien westdeutschen Mann, der keinen Vater hatte und der nicht Vater wurde, wächst nun ein Vater zu. Und mit ihm eine - seine - Geschichte.

Sie kommt aus dem Osten, woher sonst. Der Osten ist unser Geschichtengrab. Seitdem der große Gletscher Kommunismus abgeschmolzen ist, stochern wir in den Endmoränen. In Archiven, Schicksalen, Einsichten. Da ist ein Dorf in Rumänien, ein Grab bei der kleinen orthodoxen Dorfkirche. Ein deutscher Soldat fällt dort am 4. Oktober 1944 in einem der letzten Gefechte, die sich deutsche Einheiten mit der Roten Armee liefern, und wird von den Dörflern bei jener Kirche bestattet, namenlos, aber einzeln. In Grab B.

In der Heimat hat er einen Sohn gezeugt, der ist am Tag seines fernen, unbetrauerten Todes ein halbes Jahr alt. Er hat ihn nicht gesehen, wird ihn nie sehen. Der Name dieses verlorenen Vaters ist Fritz Schröder. Fritz - deutscher geht es nicht. Fritz, russisch gerollt oder amerikanisch. Fritz war der nickname der Besatzungssoldaten für die unterlegenen Deutschen, der given name des Mr. Kraut. In der Sowjetunion konnte Fritz einen gutmütig-spöttischen Klang haben oder einen brutalen, nach Lager und Tod.

Im Sommer 1978 taucht Fritz Schröder auf einer Liste des rumänischen Roten Kreuzes auf. Der Name wird weitergereicht zum Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes nach München und nach Berlin zur Deutschen Dienststelle, die die Wehrmachtsdaten verwaltet. Je eine Karteikarte wird angelegt. Der Landser und Vater Fritz Schröder ist in die Heimat zurückgekehrt, in eine Art Wartezimmer vorerst. Er wird noch nicht vorgelassen, er wird sich in Geduld fassen müssen. Dem Land, für das er gestorben ist, steht der Sinn nicht nach Vätern. Und sein Sohn ist jetzt Anwalt und strebt in die Politik.

Die siebziger Jahre sind die Zeit, in der der Abstand zur jüngsten Geschichte, zum nächsten Osten am größten ist. Zu allem, was unter dem großen Gletscher begraben liegt. Die Unmittelbarkeit der Nachkriegsjahre ist vorüber, der Historismus der Achtziger noch nicht angebrochen. Wir wissen nicht, warum Gerhard Schröder seinen Vater nicht früher aus dem Wartezimmer hereinholte. Wahrscheinlich ist es ganz banal: Mit 34 - so alt war Gerhard Schröder, als die Karteikarte mit den Namen und dem Grab seines Vaters nach Deutschland kam - schaut man nach vorn, nicht zurück. In den Jahren nach dem Krieg wird man ihn gesucht haben, aber die Suche führte zu nichts, und irgendwann ließ man sie sein. Schon wieder ist Schröder sehr deutsch. In wie vielen deutschen Familien liegen diese schwarz-weißen Fotos mit dem vergilbten Zackenrand in Pralinenschachteln und Schubladen beerdigt.

Wie dem auch sei, Fritz Schröder muss noch einmal 23 Jahre auf seinen Sohn warten. Warten, bis man ihn ganz hereinbittet. Bis sein Sohn, der seinen Fritznamen als zweiten Vornamen trägt, am rumänischen Grab erscheint. Das wird in diesem Frühjahr geschehen. Gerhard Schröder will hinfahren.

Was in einem vorgeht, der als reifer Mann erstmals ans Grab seines Vaters tritt, den er nie sah - wir wissen es. Wir kennen den Mann. Er heißt Jacques Cormery und ist der Held in Albert Camus' unvollendetem, aber autobiografisch intensivem Roman "Der erste Mensch".

Wir sehen diesen Jacques Cormery vor uns, wie er allein vor der Steinplatte steht, unter der sein verlorener Vater liegt. Ein Klirren reißt ihn aus seiner Versunkenheit. Ein Eimer schlägt gegen den Marmor eines anderen Grabes, und er liest die Platte, die er die ganze Zeit angestarrt hat. Liest das Geburtsjahr und das Todesjahr und rechnet mechanisch: "Neunundzwanzig Jahre." Ein Gedanke überfällt ihn, "der ihn bis ins Mark erschütterte. Er war 40 Jahre alt. Der unter dieser Steinplatte begrabene Mann, der sein Vater gewesen war, war jünger als er. Und die Welle von Zärtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz überflutete, war nicht die Gemütsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater überkommt, sondern das verstörte Mitgefühl, das ein erwachsener Mann für das ungerecht hingemordete Kind empfindet - etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos."

Der Romanvater heißt Henri und ist im Oktober 1914 in der Marneschlacht gefallen, auf den Tag fast 30 Jahre vor dem Schrödervater. Cormery, der Romansohn, ist ein unablässig beobachtender, immerzu etwas suchender, gefühlsverhangener Mann. "Er hatte sich allein aufgebaut, er kannte seine Kraft, seine Energie, er bot die Stirn und hatte sich in der Hand."

Etwas Einsames, Echoloses, Ortloses ist um diesen notgedrungenen vierzigjährigen Selfmademan. Dieser Cormery steht am Grabe des bis zur Irrealität fernen Vaters, dieses pater abscondus, und es erschüttert und beutelt ihn. Er sieht "sein verrücktes, mutiges, feiges, hartnäckiges, immer auf jenes Ziel, von dem er nichts wusste, gerichtetes Leben" vor sich, und er sieht die tote Stelle in seiner Seele, sie ist exakt so groß wie die Steinplatte, vor der er steht.

Soweit die Literatur. Nun will das Leben die Szene nachspielen. Im Leben aber - und im Fernsehen, dem es zum Verwechseln ähnlich sieht - heißt der Mann am Grabe nicht Jacques Cormery, sondern Gerhard Schröder. Cormery ist der Sohn von einem, der auf dem Felde der Ehre fiel, wie seine Mutter ihm als Kind gesagt hat. Sie hat ihn zärtlich geliebt und liebt ihn immer noch, nur leider war sie für das Leben in den nordafrikanischen Kolonien etwas zu träumerisch, zu fragil.

An diesem Punkt geht die deutsche Geschichte anders weiter als die französische von Camus. Wir lesen aus Munzingers biografischem Archiv: "Gerhard Fritz Kurt Sch., ev., wurde am 7. April 1944 als Sohn eines Hilfsarbeiters im lippischen Mossenberg geboren. Sein Vater fiel im Zweiten Weltkrieg. Zusammen mit fünf Geschwistern wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf. Wesentlich für Sch.s spätere politische Einstellung war das Vorbild der Mutter, die er einmal eine ,geborene Sozialdemokratin' nannte."

Wer die alte Dame am Abend des Wahlsieges ihres Sohnes erlebt hat, hat das Bild einer Frau vor Augen, die ihre übergroße Freude über den Triumph des Jungen zu zeigen und zu zügeln weiß. Die sich ihr in einem Moment hingibt, im Kreise und Arm der Genossen in der Paderborner Stadthalle - und im nächsten Augenblick ihr Kleid und ihr Herz strafft und sich selbst ermahnt, dass sie nun die Mutter eines Staatsmannes und Regierungschefs ist. Die dann einige wenige Sätze in die Kameras sagt. Schöne, einfache Sätze einer einfachen Frau.

Als ihr Sohn, der 1986 dem "Spiegel" sagt, er habe "zeitlebens eine prinzipielle Kampfsituation gehabt" und sich immer durchbeißen müssen und auch wollen, in seinem ersten Kampf um die hannoversche Staatskanzlei steht, Mitte der achtziger Jahre, erzählt er auch von seiner und seiner "Löwin" diebischen Freude daran, sie ausgerechnet in jenes feine Lokal in Lemgo zum Essen auszuführen, in dem sie noch vor kurzem als Putzfrau gearbeitet hat.

So anrührend der Kampf-, Trutz- und Liebesbund des Sohnes mit der Mutter sich zeigt - einer fehlt im Familienalbum. Und er fehlt nicht nur im Album der Schröders. Seit den Zeiten des Matriarchats, seit der Morgendämmerung der historischen, der Vaterzeit, dürfte es keine Zeit gegeben haben, die den Vater so entbehrte wie Deutschland seit dem Kriege - und der er so entbehrlich erschien.

Der deutsche Vater, das war der Fremde oder der Feind. Das waren Männer, die fielen, bevor ihre Söhne zur Welt kamen. Männer, die heirateten und nicht dazu kamen, Kinder zu zeugen. Männer, die fremden Frauen beim Vormarsch Kinder machten, von denen sie niemals hörten. Irgendwo im Schlamm und Dreck begrabene Männer und solche, die kamen aus all dem zurück und trugen die Grabplatte, der sie entgangen waren, wie ein Schneckenhaus mit sich herum, ohne es jemals abzusetzen. Es gab Väter, die ihre Söhne nicht kannten, und Söhne, die ihre Väter vergaßen.

Hierin verkörpert Schröder Deutschland, auch hierin. Der Mann ist medial hoch begabt, medial im alten Sinne. Ein Medium aber muss leer sein. Durchlässig. Mehr Projektionsfläche als Projektor. Der klassische Projektor ist der Vater. Wo er abwesend ist, ist eine Art von Freiheit: Unruhe, Suchen. Da ist nicht die Macht der Prägung, und da ist keine Rebellion. Gegen wen soll denn ein Muttersohn rebellieren - gegen die arme, tapfere Frau, die ihn durchbringt, so gut sie kann?

Ihr Gerhard beherrschte den Rebellenjargon seiner Generation. Aber er war keiner. Er war viel zu flexibel, um Rebell zu sein. Viel zu vaterlos, was dasselbe ist. Wie schreibt Camus: Er hatte sich allein aufgebaut. Er bot die Stirn. Er hatte sich in der Hand. Als ein bisschen anarchisch schildern Beobachter den jungen Schröder auf dem Weg zur Macht, das schon. Aber es war nicht die irrsinnige Wut der wirklichen oder eingebildeten Nazi-Söhne und -Töchter. Seinem Aufstand fehlte das Verzweifelte und Unmäßige. Seine Anarchie war die probierende Anarchie des Selbsterfinders, der nicht die Welt verändern will, sondern nur seine Stellung in ihr. Der heraus will aus der Enge seiner Verhältnisse. Deren Armut existiert nicht nur in einem billigen sozialrhetorischen Sinne. Armut ist ein serieller, eindimensionaler Zustand. Ein Vegetieren in einem Raum ohne Gedächtnis, ohne Möglichkeiten.

Die Freiheit, die der meint, der sich aus diesem Zustand befreit, ist - jedenfalls bei Jacques Cormery - eine Film-noir-Freiheit. Ein verrücktes, mutiges, feiges, hartnäckiges Leben lebe ich, so lautet seine Selbsterkenntnis am Grab des Vaters, immer auf jenes Ziel gerichtet, von dem ich nichts wusste.

Das trifft den Kern. Ein Ziel zu verfolgen, von dem ich nichts weiß, heißt: Nur vorwärts mit aller Macht, es wird sich unterwegs schon finden. Und wenn es aufgebraucht ist, das nächste. Dann war es eben ein Lebensabschnittsziel. Das ist es, was Konservative so gegen Schröder einnimmt. Das Jagende und Sammelnde einer Biografie, die immer erst im Nachhinein lesbar ist, weil ihr Autor mit verbundenen Augen schreibt und auch nicht mehr weiß als seine Leser. So ist das mit Menschen, die Medien sind.

Camus' "erster Mensch" ist einer, der als Erster einer dunklen Generationenfolge aus dem prähistorischen Staub in die Sphäre eintritt, die man Kultur nennt oder Geschichte. Wo Cormery herkommt, kommt ungefähr auch Schröder her. Aus dem Dasein der kleinen, hart arbeitenden Leute. Sie leben in Lemgo oder in Algier oder wie die Kolonien sonst heißen, fern der Heimat sind sie allemal.

Das unvollendete Manuskript des Romans fand man in einer Aktentasche in dem Auto, mit dem Camus sich zu Tode fuhr. Es bleibt etwas Fragmenthaftes, Unerlöstes um beide. Die unvollendete, unerlöste deutsche Geschichte - diese hier jedenfalls - nimmt hingegen eine überraschende Wendung: Der verlorene Fritz wird gefunden. Der Vater kehrt heim.

Der deutsche Telemach unternimmt im Alter von 57 Jahren eine Wallfahrt nach Rumänien und holt Fritz in sein eigenes Leben heim, den vergessenen, verächtlichen deutschen Odysseus. Wird es den Sohn verändern? Müssen die Freier zittern? Ach nein. Kein Vater bedroht sie ernstlich. Die Heimkehr hat etwas Versöhnliches. Etwas wie ein Kreis schließt sich. Wie viel Häme und Unversöhnlichkeit wären Fritz noch vor zehn, zwanzig Jahren entgegengeschlagen. Die Jahrzehnte im historischen Wartezimmer waren nicht schön, scheinen aber die Mühe wert gewesen zu sein. Fritz war geduldig. Er hat sich über die Maßen höflich betragen.

DIE WELT

Nr. 93 vom 21. April 2001

Bewertung der Jury

Wolfgang Büscher erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2002 in der Kategorie "Allgemeines" für den Beitrag "Land der Väter", erschienen in der Zeitung "Die Welt", Berlin, am 21. April 2001.

Wolfgang Büscher greift die Geschichte auf, wie Gerhard Schröder, inzwischen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, als 57-Jähriger zum Grab seines im Krieg gefallenen Vaters in einem Dorf in Rumänien findet. Büscher macht daraus eine subtile Studie über den Vaterverlust eines in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsenen Aufsteigers aus der Nachkriegsgeneration. Gespiegelt an Albert Camus' unvollendetem Roman "Der erste Mensch", in dem der Held ebenfalls Jahrzehnte später vor dem Grab seines gefallenen Vaters steht, gelingt Büscher ein Stück, das nah und distanziert zugleich ist - und weit entfernt von Klischees, wie sie bei derlei psychologischen Porträts oft vorzufinden sind.

Kurzbiographie

Gezeichnet: Wolfgang Büscher

Geboren am 20. Mai 1951 in Volksmarsen bei Kassel.

Nach dem Studium der Politischen Wissenschaften an der Philipps-Universität Marburg erste journalistische Arbeiten für Tageszeitungen, Agenturen und Zeitschriften von Berlin aus. Freie Mitarbeit beim Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel".

In den 90er Jahren als Autor unter anderem für die Magazine der "Süddeutschen Zeitung", München, und der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" sowie für das Folio der "Neuen Zürcher Zeitung" tätig, darüber hinaus Beiträge für die Zeitschrift "Geo" und andere.

1998 Reporter bei der Tageszeitung "Die Welt", Berlin; seit 2002 Ressortleiter von "Reportagen und Magazine".

Wolfgang Büscher hat mehrere Bücher veröffentlicht: unter anderem 1998 "Drei Stunden Null, Deutsche Abenteuer", erschienen im Alexander Fest Verlag, Berlin. Im Frühjahr 2003 erscheint bei Rowohlt (Hamburg) ein Buch über seinen Fußmarsch von Berlin nach Moskau.