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Prämierter Text

Die indiskrete Gesellschaft

Von Regine Sylvester

1 Die junge Sekretärin wusste nichts von der Überwachungskamera. Sie zog ihren Slip herunter, setzte sich mit nacktem Hintern auf einen Kopierer und ruckelte ein bisschen, bevor sie sich belichten ließ. Das lief im Fernsehen. Es war verblüffend, man dachte über den Zweck dieser Ausdrucke nach. In derselben Sendung pinkelte ein Mann in die Thermoskanne seines Chefs, der Kaffee bestellt hatte. Solche und ähnliche Szenen laufen in Sendungen wie "Life! Total verrückt" im Privatfernsehen. Es sind illegale Aufnahmen. Von echten Menschen, die keine Ahnung haben, dass sie später von Millionen Zuschauern ausgelacht werden.

Haben Sie schon mal im Dunkeln geküsst? Wenn, wie wir hoffen, keine Infrarotkamera dabei war, blieb dieser Kuss hinter einem gnädigen Schleier in dem Bereich, den wir Privatleben nennen. Wörter, die traditionell mit "Privat" im Verbund stehen - Wörter wie Privatvermögen, Privatgrundstück, Privatpatient -, assoziieren einen gesellschaftlichen Konsens über die strikte Grenzziehung zwischen Lebenswelten. Das Privatleben kann auf ähnliche Übereinkunft nicht zuverlässig hoffen.

Privat ist das Gegenteil von öffentlich - ein Schutzraum, gesichert durch Diskretion, Zivilisation, Tabus, Gesetze. Der Bankangestellte, der einem Dritten den Kontostand seines Kunden mitteilt, fliegt raus. Der Autofahrer, der seine Route durch eine Privatstraße abkürzt, begeht ein Verkehrsdelikt. Das Wort "Privat" auf einem Türschild im Hinterraum einer Kneipe lässt den Gast woanders nach der Toilette suchen. Privat heißt "Stopp!", und das Wort "Privileg" wohnt gleich nebenan. Beides bedeutet dem Zaungast, dass er draußen bleiben muss. Irgendwo ist immer einer Zaungast, und woanders ist derselbe Mensch ein Privilegierter. Aus dem Respekt vor verbotenen Zonen regelt sich ein Teil der Probleme, die Menschen miteinander haben.

Das so genannte Privatleben - und eine vage Ahnung sagt ja immer noch, was darunter zu verstehen ist, nämlich ein Raum, in dem das Individuum ganz ungeniert seinen Interessen und Lüsten folgt - genießt weniger Respekt. Dieses Refugium wird von Voyeurismus, Exhibitionismus und den Gucklöchern der Überwachungsgesellschaften in die Zange genommen. Nichts davon ist neu. Aber anders.

Die Form der Überwachung durch eine Vielzahl von privaten Gesellschaften, den Datenhändlern, ist den meisten Menschen gar nicht bewusst. Vielleicht verdrängen sie auch nur die Konsequenzen, die sie heute wegen ihrer Datenspuren fürchten müssten. Oder sie sind zu dumm, sich vorzustellen, was da geschieht - naiv, wie jene bedauernswerte unterhosenlose Sekretärin auf dem Kopierer, wie der Redakteur, der verliebte Mails über den Firmenrechner schickt oder der Politiker, der im Büro Telefonsexdienste anruft. Sie wissen nicht, dass sie es vor aller Augen tun.

Noch 1983 wehrten sich viele Deutsche gegen die Datenerhebung bei der Volksbefragung; daraufhin gestand das Bundesverfassungsgericht dem Bürger das "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" zu. Erstaunlich, wie gleichgültig seitdem ein Volk mit seinen privaten Daten umgeht - wenn es nicht der Staat ist, der nach ihnen fragt. Moderne Datenfledderer sammeln im Internet virtuelle Biografien, mit denen mächtige Produzenten punktgenau ihre Kunden finden. Nichts kann geschützt werden, sobald es elektronisch übermittelt wird. Der Staat hat unter der Hand das Überwachungsmonopol verloren.

Schon 1999 haben Uwe Buse und Cordt Schnibben im "Spiegel" über den vor der digitalen Kontrolle nackten Untertan geschrieben. Buchungen der Fluggesellschaften ergeben Bewegungsprofile, Kundenkarten des Handels errechnen Kaufverhalten, Daten werden mit Daten verknüpft und stellen als digitales Perpetuum mobile zwischen Geburtsurkunde, Meldeschein, Führerschein, Gehaltsbeleg, Kreditkarte, Versicherungspolice oder Steuerbescheid immer neue Zusammenhänge her. "Jeder Bundesbürger über 18 Jahre ist durchschnittlich in 52 kommerziellen Datenbanken erfasst", und "1.300 registrierte Adressenhändler (. . . ) arbeiten mit Hochdruck an einer digitalen Karte der Konsumgesellschaft im Maßstab eins zu eins", schrieben Buse und Schnibben. Und da wundern sich die Konsumenten über Preisausschreiben, Zusatzrentenangebote, Kreditversprechen oder Privatbanking in ihrem Briefkasten. Dabei hat sich jemand etwas gedacht, er hat Geld für genau Ihre Adresse bezahlt. Gemeint sind Sie. Der Müll in der Post ist personengebunden. Wer einmal nach Billigkatalog bestellt, bekommt alle billigen Kataloge. Bis er in der Liga aufsteigt. Dann kommen die teuren Kataloge. Und dann die Kreditangebote.

2 Der Umgang mit privaten Daten durch die Medien ist leichtfertiger geworden. Oft nennt ein Bericht die Wohnadresse einer Person. Zeitungsfotos zeigen Fenster, hinter denen jemand wohnt - die Perspektive des Gaffers. Die verblendeten Frauen, die bei RTL und Sat 1 einen Millionär heiraten wollten, wurden mit vollem Namen, Alter und Wohnort vorgestellt, sie könnten nun auch von Nichtmillionären aufgespürt werden. Vielleicht hängt der lässige Umgang mit fremden Daten auch damit zusammen, dass immer mehr Menschen aus eigenem Antrieb Privates preisgeben. Man muss sie nicht aushorchen, sie liefern von alleine.

Der Verteidigungsminister tritt mit seiner Freundin in Talkshows auf und erzählt der Welt von gemeinsamen Sonnenuntergängen und Kerzenschein. Harald Juhnke hat jahrelang den Boulevard angerufen, wenn er etwas mitteilen wollte, und irgendwann war er öffentliches Eigentum. Dann überrannte ihn der Boulevard an der Haustür und sendete aus Juhnkes Wohnzimmer Bilder des hilflosen Stars.

Menschen werden schamlos auf der Suche nach Auffälligkeit. Sie hängen ihren nackten Hintern durch ein Loch in der Wand und lassen sich zum "Arsch des Jahres" wählen. In einer Berliner Bar wurde im Februar ein Doppel-Klo für Frauen eingerichtet, zwei Toilettenbecken nebeneinander ohne Sichtschutz. Die Reaktion sei überwältigend positiv, sagt der Besitzer einem Reporter, denn "gerade bei der jüngeren Generation ist von Schamgefühl keine Spur". Die 19-jährige Hilton-Erbin weiß, dass sie keinen Slip trägt und steigt mit gespreizten Beinen aus dem Auto. Wovon es ein Foto gibt. Früher hatte der Fotograf noch einen dünnen Speichelfaden wegretuschiert, der sich von Marilyn Monroes Mundwinkel zu ihrer Hand gesponnen hatte. Ramona Drews drückte im Fernsehstudio auf ihre nackte Brust und sprühte meterweit Muttermilch wie aus der Wasserpistole. Jenny Elvers spielte der Presse das erste Ultraschallbild ihrer Schwangerschaft zu, ein Foto aus dem Bauch. Viel tiefer kann man sich kaum ins Private gucken lassen.

Leute, die sich zeigen wollen, haben durch Multimedia neue Möglichkeiten. Sie verschrauben Webcams über Bett, Bad und Büro, richten sich eine Homepage ein und leben fortan vor aller Augen im Netz. "Ich bin die Verkörperung des Internets", sagte Justin Hall in einer Sendung im März auf "Arte". Der junge Mann reist wie ein Guru durch die Staaten und preist die Homepage. Wenn er zu Hause ist, zeigt er der Welt in bewegten Bildern, wie er es mit Frauen treibt und beurteilt hinterher den Fick im Tagebuch auf seiner Homepage.

Das Private und das Öffentliche haben sich digital vermählt. Das ist ja nicht verkehrt: Selbstbestimmung durch Selbstdarstellung ist eine Facette von Kultur und Demokratie. Durch die neuen Medien können im Prinzip alle dabei sein. Jeder zeigt von sich, so viel er selber will.

1995 lebte in Berlin-Mitte am Hackeschen Markt der Aktionskünstler Käthe Be wochenlang in einer Ladenwohnung hinter unverhängten Schaufenstern. Erstaunte Leute sahen ihm beim Schlafen und Erwachen zu, und wenn er duschte, übertrug eine Kamera die Bilder auf einen Monitor in seinem Wohnzimmer, man musste draußen dicht an die Scheibe treten und mit den Händen die Spiegelung abschirmen. Am Tag trat Käthe Be vor die Tür und redete mit Passanten. Es war lustig, naiv und ziemlich ungewöhnlich. Das ist erst sechs Jahre her. Die Heerscharen nackter bügelnder Hausfrauen im Web sind wahrscheinlich auch lustig und naiv, aber längst nicht mehr ungewöhnlich. Wenn Indiskretion zur Massenbewegung wird, folgt Entzauberung.

Manchmal geht das schnell. Ungefähr einen Monat lang konnte man Anfang des Jahres überall lesen, wie Journalisten mit bösen Ahnungen und echter Aufregung der Inflation eines Fernsehformats folgten: Neue "Real-People-" oder "Real-Life"-Serien sollten den Erfolg von "Big Brother" einholen und überholen. Die Sender schickten ihre Rudel in verschärften Varianten auf Inseln, in gemietete Villen, in Container mit Gemeinschaftsmatratze und Käferessen in der Gruppe, ins "House of Love" mit Whirlpool. Die besten Szenen täglich im Zusammenschnitt - "Gleich werden wir Birgit beim Duschen sehen!"

Kaum ein Tag ohne Ankündigung neuer Projekte, die alle auf ein Ziel hinausliefen: "Ranrobben an den Geschlechtsverkehr", wie die "Süddeutsche Zeitung" zu Recht bemerkte. In den Medien zweifelte kaum einer am Quotenerfolg. "Unwahrscheinlich, dass das nur ein kurzweiliger Trend ist", schrieb der "Stern". Es war eine Gründerzeitstimmung wie am Neuen Markt vor dem 10. März 2000.

Der Kurs des Formats ging dann auch aus ähnlichen Gründen schlagartig zu Boden: Die Neuemissionen jagten sich, die Geschäftsideen waren ähnlich und dürftig. Die Interessenten verloren den Überblick und zogen sich zurück. "Real Life" zuckt nur noch am Rande des Fernsehuniversums. Jetzt haben wir Bodenbildung.

Zlatko hat keinen Grand Prix gewonnen, weil die Leute auf einmal hören wollten, dass er nicht singen kann, eine Pointe wie aus Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Aber natürlich haben sich diese Formate nicht wirklich erledigt. Dafür sind sie zu billig zu produzieren, weiterzuverwerten, mit Werbung zu unterbrechen. Die Verantwortlichen machen gerade eine Pause und denken darüber nach, wie sie das Rad weiter drehen können.

3 Wer in Zwängen lebt, muss auf den eigenen privaten Raum verzichten - wie die Krieger im Heerlager, das Gesinde in Schlafsälen. Wer es sich leisten kann, baut Paläste und erschwert den Zugang. Je mehr sich das Privatleben drinnen von der Lebensart draußen unterscheidet, umso mehr schirmt es sich ab. Es schützt sich vor Indiskretion und bezahlt dafür. Der Sultan wählte Eunuchen, um seinen Harem zu bewachen. Nur wenige Bevorzugte durften beim Lever des Königs von Frankreich zugegen sein. Wie es drinnen aussieht, geht keinen was an. Jeder, der die Reichen auf Fisher Island vor Miami besuchen will, muss vor der Fähre eine Einladung zeigen, und die bewaffneten Wachleute rufen vorher beim Gastgeber an. An dem Unterschied zwischen drinnen und draußen entzündet sich die Fantasie. Deshalb haben sich die Märchenerzähler fliegende Teppiche oder Tarnkappen ausgedacht. Das Private hat einen Reiz. Und einen Wert auf dem Markt.

Vertraute werden zu Verrätern. Dienstboten erzählen für Geld von Prinzessin Dianas hysterischen Anfällen und von den Schaufensterpuppen, die Michael Jackson in sein Schlafzimmer stellt, um Gesellschaft zu haben. Die verlassene Ehefrau rächt sich mit einem Schlüsselroman, in dem der Kenner einem bekannten Regisseur als Charakterschwein begegnet. Knapp drei Jahrzehnte nach einer kurzen Affäre schreibt eine Frau ein Buch über Jerome D. Salinger, auch über seine Sexpraktiken, und zerstört im Handstreich den Versuch des alten Mannes, sich unsichtbar zu machen durch Rückzug und Schweigen.

Nach einer Kettenreaktion von Indiskretionen bildet die ganze Welt aus den zwei Wörtern Zigarre und Praktikantin eine delikate Szene. Als ob man dabei gewesen wäre im Weißen Haus, amtlich besser informiert als jeder Lauscher an der Wand. Der amerikanische Präsident wackelte. Nicht, weil er fremde Länder bombardieren ließ, sondern weil er eine Liebschaft leugnete. Boris Becker wird nun auch als der Samen-Raub-Mann in Erinnerung bleiben. Journalisten reisten nach London, um per Augenschein die sexuellen Stellungsvarianten in einer Wäschekammer auszumessen.

Das meiste von dem, was aus fremdem Privatleben zu uns dringt, geht uns überhaupt nichts an. Indiskretion ist immer Grenzverletzung. Einerseits. Andererseits gibt es die menschliche Neugier.

Einer der Ersten, der aus der Neugier der Leute einen Beruf machte, war Pietro Aretino aus Arezzo in der Toscana, ein früher Enthüllungsjournalist im 16. Jahrhundert. Er wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren und lebte fürstlich in Rom und Venedig. Heute würde man von einem Ein-Mann-Unternehmen mit erstaunlichen Quoten sprechen. Aretinos Pasquills, seine Spottverse, lebten von der Preisgabe privater Details, die er sich durch ein Geflecht von Zuträgern, die Zuneigung von Kurtisanen und die allgemeine Klatschsucht bis hinauf zu Papst Clemens VII. besorgte. Aretino hatte begriffen, dass die Kenntnis von Intimitäten reale Macht bedeutete, und er konnte seine gefürchteten Texte durch die eben erfundene Druckkunst in Umlauf bringen. Er sei "der Sekretär der ganzen Welt", schrieb er. Bewunderer nannten ihn "Göttlicher Aretino", er gehörte zu den umworbensten Persönlichkeiten seiner Zeit.

So ähnlich werden sich in den fünfziger Jahren auch die berühmten drei Klatschtanten in Hollywood gefühlt haben - Louella Parsons, Elsa Maxwell und Hedda Hopper. Sie winkten auf Partys die Stars zu sich, und es ist nicht bekannt, dass sich je einer der zuckrig-fordernden Befragung widersetzte. "Ist es wahr, Kindchen, dass du deinem Mann Kummer machst?" Die bösen alten Frauen entschieden, ob sie schreiben oder schweigen sollten. Oder warten. Wer über das Privatleben berichtet, kann Schicksal spielen. Um keinen anderen Journalisten bilden sich bei den Medien-Events solche Promipulks wie um Katja Kessler, die Klatschkolumnistin von "Bild".

"Was ist der König für ein Mensch? Das hat die Leute zu allen Zeiten interessiert", sagt Mainhardt Graf von Nayhauß, der seit zwanzig Jahren in "Bild" auf der zweiten Seite vertrauliche Zeilen schreibt. Was die Könige unserer Tage für Menschen sind, erfährt man nicht aus autorisierten Homestorys. Man lernt da nur den jeweiligen Innenarchitekten kennen. Aber diese unscharfen, kunstlosen Fotos mit langer Brennweite, die hoch spezialisierte Profis, in Bäumen hängend, von Prominenten machen, diese Fotos versprechen einen Moment der Wahrheit: der Star ertappt als normaler Mensch. In der Unterhose, beim Frühstück mit einer Affäre, zankend mit der Verlobten im Central Park, angeschlagen in der Bar, mit leerem Blick und dem Hund an der Leine. Aha. Auch nicht glücklicher als ich.

Die Stars wohnen hinter dicken Mauern mit ihren Leibwächtern, aber sie dürfen nicht auf den Balkon treten, ohne der Öffentlichkeit zu gehören. Wenn Madonna ganz privat mit Adiletten aus dem Haus schlurft, kann Adidas mehr Latschen verkaufen, sobald das Foto in der Welt ist.

Leute wie wir sehen sich das an. Man kann diesen Informationen kaum entgehen. Man müsste immerzu entscheiden, was man nicht zu wissen braucht, abwehrend, in einer Haltung wie die drei Affen, umgeben von Plaudertaschen.

4 Der Junge sieht im Studio in die Luft und räkelt sich auf seinem Stuhl. "Interessierst du dich für was?" fragt Vera Int-Veen. "Nee", sagt er. "Willst du irgendwas erreichen?" "Nee." "Machst du irgendwas?" "Nee." Die Moderatorin fasst zusammen: "Es gibt also noch jede Menge zu besprechen." Kann man so sagen, wenn man wie diese Moderatorin fünfmal in der Woche mittags um zwölf mit vielen Leuten redet - weiterredet, pausenlos redet, irgendwas sagt, auch wenn die Gäste nur Laute bilden.

Jede Menge ist zu besprechen: also viel, beliebig und uferlos. Jede Menge ist die Idee und das aufgeregte Versprechen der Daily Talks. Wo jede Menge wartet, lauert Zeitnot, und die Anzahl leerer Stühle auf dem Podium gibt von Anfang an den Takt: Man kann sehen, wie viele Menschen eine Stunde lang in ein Thema passen sollen. Weil immer neue Gäste hinter der Tür auf ihren Auftritt warten, müssen die in der Sendung punktgenau mit ihrem Problem aufhören. Während eine junge Frau dem Publikum erzählt, dass ihre Mutter seit neun Monaten keinen Sex hatte, sieht man in einem Bildausschnitt die Mutter und ihren Mann im Hinterzimmer vor dem Monitor. Die werden also auch noch kommen.

Bei einer anderen Show wartet ein gewisser Johnny. Eben sagen im Studio seine beiden verflossenen Freundinnen: "Verrecken soll er!" und "Dämliches Arschloch!" Johnny tritt auf mit Applaus und Musik.

Zwei Frauen, die sich schlagen wollen und zittern wie Tiere vor dem Sprung, schreien: "Du lügst!", "Nein, du!", "Nein, du!" - dann muss aber Schluss sein, denn "jetzt kommt die Sophie, die zwischen zwei Männern steht". Weil der Moderator Andreas Türck so lustig ist, sagt er noch: "Oder liegt!" Sophie ist 16.

Die Gäste jagen sich und die Themen auch. Oben läuft "Mach mich zur Prinzessin!", unten kündet das Laufband das Thema für morgen an: "Unheilbar krank. Ich bin zu jung zum Sterben!"

Wir leben in Parallelwelten. Daily Talks sind eine davon. Fliege in der ARD, Oliver Geissen, Bärbel Schäfer auf RTL, Vera, Britt und Peter Imhof auf Sat 1, Arabella, Andreas Türck und Nicole auf Pro Sieben.

Es gibt viele Fernsehzuschauer, die noch nie im Leben eine Daily Talk gesehen haben. Sie arbeiten um diese Zeit. Sie interessieren sich nicht dafür. Aber manchmal kommt ein vornehmer Kollege aus dem Urlaub zurück und hat wegen des schlechten Wetters tagsüber ferngesehen. Dann berichtet er von diesen Sendungen, als sei er aus dem Purgatorium heimgekehrt.

Die Show heißt "Heißer Feger". Eine Frau von 50 Jahren und 170 Kilo Gewicht tritt in türkisfarbener Unterwäsche und einem völlig durchsichtigen Gewand auf. In Terrassen fällt ihr Fleisch bis zu den Knöcheln. Sie sagt: "Ich möchte in Erotikfilmen spielen." Neben ihr sitzt ein junger Mann. Er trägt weiße Kontaktlinsen und will sich demnächst die Ohren anspitzen lassen.

Die Show heißt: "Betrüg mich, aber verlass mich nicht!" Johnny sagt: "Lena hat gleich die Beine breit gemacht. Wo ich mit der geknallt habe." Moderator: "Bitte bisschen mehr kultiviert ausdrücken!" Johnny: "Okay. Als ich die Nummer mit ihr geschoben hab." Die Show heißt: "Ich lass nur dicke Frauen in mein Bett." Ein Gast sagt: "Ich liebe meine Frau. Die Figur ist mir ganz egal." Ein anderer zeigt auf die dicke Ehefrau des ersten Mannes: "Die Frau gehört auf den Schlachthof! Die müsste man ja erst in Mehl wälzen, um die feuchten Stellen zu finden." Wir schalten ab.

Der Arzt erzählt, dass er bei Hausbesuchen Patienten Fieber und Blutdruck misst, die dabei Daily Talks gucken. Sie gucken immer, sie leben damit. Durch tägliches Erscheinen werden Moderatoren zu Stars. "Die Mädchen liegen mit Schlafsäcken vor meiner Tür", erzählt Andreas Türck bei Alfred Biolek.

Türck ist der Moderator, der die größte Show abzieht, grinsend von Ohr zu Ohr, was bei vielen Themen auch möglich ist. Aber nicht immer. Ein ernstes, intelligentes Mädchen sitzt neben zwei Männern, sie hat ein Kind und weiß nicht von wem. Sie wünscht sich von ganzem Herzen, Markus möge der Vater sein. Locker geht Türck durchs Publikum: "Möchte jemand einen Tipp abgeben?" Dann zeigt er den Umschlag mit dem Vaterschaftstest, öffnet ihn, zieht ein Blatt heraus, liest und ruft: "The winner is . . . . Dirk!" Das Mädchen klappt zusammen. Warum es denn überhaupt wissen wollte, wer der Vater ist, fragt Türck das Publikum und macht mit den Fingern die Bewegung des Geldzählens. Er grinst vielsagend ins Publikum, als ein junger Mann erzählt, dass er keine Freundin bekommt: "Kiek dich doch mal an, wie du aussiehst!" kreischt eine Dicke in der ersten Reihe.

Man kann vielleicht, wie die Fernsehkritikerin Barbara Sichtermann, in diesen Sendungen "eine Schule der Toleranz" sehen, sie spricht von "respektabler Konfliktfähigkeit". Allerdings wird die Fähigkeit zum Konsens wenig oder nie trainiert. Thema, Inszenierung und Moderation zielen auf Krawall. Es ist selten, dass sich Feinde versöhnen, öfter geht eine Frau nach dem Satz "Ich habe keine Mutter mehr" aus dem Studio, und die Mutter schleicht hinterher.

Immer lächelnde Mädchen moderieren in bauchfreien Tops archaische Konflikte. Ab und an protestieren die Medienwächter wegen Verstößen gegen den Jugendschutz. Die Verantwortlichen wiegeln ab. Nur Hans Meiser, der als Erster, seit 1992, durch eine Daily Talk führte, sagte jetzt: "Ich habe auch richtige Mistsendungen gemacht." Daily Talks geben vielen Leuten eine Stimme in den Medien, die sonst nie ans Ruder kommen. Jetzt haben sie einen öffentlichen Platz. Sie reden ohne Etikette, Wohlverhalten, Selbstkontrolle. Sie denken nicht an die Folgen. Es ist eine filterlose Darstellung - echt und schamlos, mit der Brutalität einer angesoffenen Familienfeier unter Prolls. Dahinter steht das Missbehagen einer großen gesellschaftlichen Schicht, die die Sprache und die Spiele der politischen Klasse nicht versteht. So verständigen sich eben die Underdogs über das Privateste unter ihresgleichen. Sie haben sich an die parallelen Welten gewöhnt.

5 Im Zugabteil, im Restaurant, im Kaufhaus klingeln die Handys. Leute erzählen dann ihren unsichtbaren Gesprächspartnern, wie der Tag war, wie der Abend wird, wie ihre Aktien stehen. Sie flirten, sie reden vertraulich. Alle hören zu. Alle müssen zuhören.

Eine neue Unbekümmertheit zieht die Vorhänge auf. Früher gab es beim Friseur Milchglas und sogar eine strikte Trennung zwischen Damen- und Herrenabteilungen. Heute zeigen hohe Glasfronten die Kunden beim Strähnchenfärben und die Mannschaft im Office vom Scheitel bis zur Sohle am Schreibtisch. Restaurantgäste lassen sich auf den Teller gucken. Immer ist man präsent.

Wir sind witzig, wir sind tabulos, wir sind modern. Models liegen in Unterwäsche auf Großplakaten, die überall hängen. Einen türkischen Familienvater bringt das vielleicht vor seinen Kindern in Verlegenheit. Aber unsere Unbekümmertheit macht vor fremden Kulturen nicht Halt.

Das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" illustrierte im Februar eine Geschichte über die Kinderlosigkeit in der ältesten Monarchie der Welt mit einem Titelfoto: Die Ehefrau trägt ein weißes Abendkleid, der japanische Kronprinz Smoking, beide haben Schärpe und Orden angelegt. Über den Schritt des Prinzen hat das Magazin in gelben Buchstaben "Tote Hose" geschrieben. Der deutsche Botschafter wurde danach in Tokio ins Außenministerium einbestellt und nahm einen offiziellen Protest der japanischen Regierung entgegen. Die deutsche Bundesregierung bedauerte den Vorfall. Die Redaktionsleitung des Magazins entschuldigte sich erschrocken.

Aber es war doch voll witzig, oder?

BERLINER ZEITUNG

Nr. 83 vom 7./8. April 2001

Bewertung der Jury

Regine Sylvester erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2002 in der Kategorie "Leitartikel/Kommentar/Essay" für den Beitrag "Die indiskrete Gesellschaft", erschienen in der "Berliner Zeitung" am 7./8. April 2001.

Regine Sylvester hat in ihrem brillant geschriebenen Essay mit vielen Beispielen eine der schlimmsten Fehlentwicklungen der modernen Gesellschaft beleuchtet: Den Verlust des Privaten, den sich viele Medien zurechnen lassen müssen aber auch die immer zahlreicher werdenden Menschen, die um jeden Preis auffallen müssen, und sei es, indem sie ihr Intimstes zu Markte tragen. Ein Aufsatz, über den man erschrecken oder aus dem man - gerade als Journalist - vielleicht sogar ein paar Konsequenzen ziehen kann.

Kurzbiographie

Gezeichnet: syl

Geboren am 30. Mai 1946 in Berlin.

Nach dem Studium der Theaterwissenschaft von 1965 bis 1970 an der Berliner Humboldt-Universität als Film- und Fernsehwissenschaftlerin, Journalistin und Drehbuchautorin tätig.

1987 Autorin des Spielfilms "Die Alleinseglerin", 1990 Buch und Regie des Dokumentarfilms "Fiftyfifty. Ostberliner Frauen ein Jahr nach der Wende", 1993 Autorin der RIAS-Hörspielreihe "Mama, bleib cool", 1994 Moderatorin der ORB-Talkshow "Babelsberg live", 1998 Mitautorin der ZDF-Fernsehserie "So ein Zirkus", 1999 Mitautorin des Fernsehfilms "Drei Gauner, ein Baby und die Liebe" für den NDR.

Von 1992 bis 1994 stellvertretende Chefredakteurin der Berliner Wochenzeitung "Wochenpost", anschließend Leiterin des Berliner Büros der Zeitschrift "Stern", Hamburg. Als freie Journalistin unter anderem Arbeiten für die Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", die "Süddeutsche Zeitung" , München, und deren Magazin, für die Zeitschriften "Brigitte" und "Merian". Seit 1995 Mentorin an der Evangelischen Journalistenschule Berlin.

Seit 1996 Leitende Redakteurin bei der "Berliner Zeitung".

Regine Sylvester hat 2002 zwei Bücher veröffentlicht: "Soll man so leben? Kleinere Texte zu größeren Fragen", sowie den Roman "Vorgeschriebene Flughöhe"(beide erschienen im Berliner Argon Verlag).