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Rede von Rolf Terheyden anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 9. September 2002 im Schloss Bellevue

Wir feiern 40 Jahre Theodor-Wolff-Preis in der Pressestadt Berlin. Hier lebte und wirkte der Namensgeber des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen. Ich freue mich, dass neben den aktuellen Preisträgern auch so viele Journalistinnen und Journalisten gekommen sind, die in früheren Jahren ausgezeichnet wurden. So lässt sich im Geist Theodor Wolffs eine Brücke zwischen den Generationen schlagen. Die Liste der Preisträger liest sich längst wie ein Who Is Who des deutschen Journalismus. Ein herzliches Willkommen gilt auch den ehemaligen Juroren und Kuratoren des Theodor-Wolff-Preises - darunter auch Alt-Bundespräsident Walter Scheel, den ich ganz besonders begrüße. Sie alle haben unseren Journalistenpreis mitgeprägt und weiterentwickelt.

Welchen Stellenwert dieser Preis hat, bestätigt nicht zuletzt die Zahl der Bewerber. In diesem Jahr reichten 376 Autoren ihre Arbeiten ein.

Die unabhängige Jury hat in diesem Jahr neben Autoren, die für Blätter in der Bundeshauptstadt arbeiten, auch Kollegen aus Nicht-Berliner Zeitungen, aus mittleren und kleinen Verlagshäusern, für herausragende journalistische Arbeiten gewürdigt. Dies ist einmal mehr Ausdruck der Lebendigkeit und Vielfalt unserer Zeitungslandschaft. Der Föderalismus, der diesem Land seine Prägung gibt, erweist sich auch in der Presse als fruchtbares Element.

Vierzig Jahre Theodor-Wolff-Preis - das ist kein x-beliebiges Jubiläumsdatum in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Vierzig Jahre Theodor-Wolff-Preis spiegeln vielmehr stetes Nachdenken über Gegenwart und Zukunft unseres Mediums wider. Von Anfang an ging es den Stiftern um zweierlei: Zum einen sollten zur Heranbildung des journalistischen Nachwuchses herausragende Leistungen ausgezeichnet werden, zum andern wollte man bewusst "journalistische Qualität" und - ich betone das Wort - "journalistische Verantwortung" fördern.

Erinnern wir uns: Das Ende der nationalsozialistischen Diktatur lag gerade einmal 15 Jahre zurück. Frei von den Verstrickungen in die totalitäre Presse- und Kommunikationspolitik suchte eine neue Generation den Weg in die Redaktionen. Sie brauchte Ermutigung. Ermutigung durch Erinnerung an einen Journalisten von Weltrang. Der Name Theodor Wolff steht für ein Programm. Der Mann, der von 1906 bis 1933 an der Spitze des "Berliner Tageblatts" stand und dieses Blatt aus dem Hause Mosse zu einer international geachteten Zeitung machte, besaß eine konsequente demokratische Gesinnung und einen festen Glauben an Freiheit und Gerechtigkeit. Für Theodor Wolff lag die Richtschnur seines Denkens in der Erkenntnis, dass es nichts Definitives, dass es keine Schlusspunkte gibt. Und das bedeutet auf den redaktionellen Alltag übertragen: Es gibt kein "Ende der Geschichte". Journalistische Arbeit hat ergebnisoffen zu sein. Sie verträgt keine einseitige Parteinahme, sie lebt von der nie erlahmenden Neugier der Reporter und Redakteure.

Der Historiker Bernd Sösemann - übrigens seit vielen Jahren Mitglied im Kuratorium Theodor-Wolff-Preis, dem wir viele Erkenntnisse über das Leben und das Werk von Theodor Wolff verdanken, weist zu Recht darauf hin, dass der große Chefredakteur und Leitartikler Theodor-Wolff kein theoretischer Kopf war. Professor Sösemann zeigt uns einen Publizisten, dessen Stärke nicht die Polemik ist. Er stellt uns einen politischen Autor vor, dessen Waffe die kritische Beobachtung ist, der alle Eindrücke in seinen Artikeln einfängt und sie zu logischen Schlüssen führt.

Es war Theodor Wolff, der - gelegen oder ungelegen - Verleger wie Journalisten an die politische Verantwortung erinnerte. Seine so genannten "Plädoyers für die Vernunft" aus den frühen 30er Jahren weisen ihn als Gegner jeglicher politischer Lauheit aus. Furchtlos trat er gegen Dummheit und Rückgratschwäche auf - gegen politische Mythen- und Legendenbildung. Die Nationalsozialisten haben ihn deshalb in den Tod getrieben. Sösemanns Forschungsergebnisse über Theodor Wolff gehören in die Hand eines jeden Journalisten. Mehr noch: Sie sind ein Schlüssel zum Verständnis der Geschichte der ersten deutschen Demokratie.

Zugegeben, im 21. Jahrhundert mag man über den Stil und die Form von Theodor Wolffs journalistischen Arbeiten streiten; die Verflechtung von Bericht und Kommentar, von Darstellung und Bewertung. Dies entspricht nicht dem klassischen angelsächsischen Ideal der Trennung von Nachricht und Kommentar, wie wir es nach 1945 kennen gelernt haben. Aber nicht streiten lässt sich über die Brillanz der Sprache und Gedanken. Hier hat der Chefredakteur des "Berliner Tageblatts" über den Tag hinaus Maßstäbe gesetzt und Orientierung gegeben. Er tat es ohne Belehrung und ohne missionarischen Gesinnungseifer.

Wir wissen nicht, wie sich der leidenschaftliche Zeitungsmann Theodor Wolff in der augenblicklichen Lage der deutschen Presse verhalten würde. Wir wissen allerdings, dass er in der wirtschaftlich dramatischen Situation seiner Zeitung nach 1930 nicht aufhörte, die Verlagsspitze vor einem Abbau redaktioneller Leistungen zu warnen. Darüber kam es schließlich zum Konflikt mit dem Management.

Die Zeitungsbranche - wie die Medienwirtschaft insgesamt - erlebt gegenwärtig sehr schwierige Zeiten. Manche sprechen sogar von der dramatischsten Krise der Medien in der Nachkriegszeit. Es stellt sich die Frage, wie wir darauf angemessen reagieren sollen. Wir brauchen Strategien zur Lösung der Strukturprobleme. Doch eines ist sicher: Die Preisgabe von journalistischer Qualität kann nicht die Lösung sein. Im Gegenteil: Gerade jetzt kommt es darauf an, dass die Zeitungen ihre spezifischen Stärken ausspielen und ausbauen. Es ist ein Lernprozess, auch unter erschwerten wirtschaftlichen Bedingungen in die Qualität der redaktionellen Leistung zu investieren. Die Zeitungen müssen versuchen, diesen Weg zu gehen. Sie müssen überzeugend den Mehrwert deutlich machen, den die Zeitungslektüre bietet: nämlich verlässliche Orientierungshilfe, zuverlässige Führung durch das Dickicht der Informationen. Plakativ ausgedrückt: Qualität macht Sieger! Das gilt nicht nur für Schönwetter-Zeiten. Das muss erst recht in schweren wirtschaftlichen Zeiten das Leitmotiv sein! Jede Zeitung muss fortwährend an ihrem Profil arbeiten. Dabei denke ich vor allem an die gemeinsame Anstrengung von Redaktion und Verlag, sie gegenüber anderen Medien unverwechselbar zu machen.

Es war der große Soziologe Max Weber, der darauf hinwies, dass eine wirklich gute journalistische Leistung mindestens soviel "Geist" beansprucht wie eine Gelehrtenleistung. Dass die Verantwortung des Journalisten eine weit größere sei, hat Weber hinzugefügt.

Die Preisträgerinnern und Preisträger haben in ihren Arbeiten etwas von diesem Geist wirken lassen. Sie haben einen Beitrag zur Qualitätssteigerung und damit zur Zukunft unserer Zeitungen beigetragen. Dafür gebührt ihnen der Dank der gesamten Branche.

Bundespräsident Johannes Rau: Zeitungen sind zur Meinungsbildung unersetzbar