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Prämierter Text

Nicht versöhnt

Reinhard Gebhardt: eine politische Biografie

Von Peter Schwarz

Vorspann:

Das Jahr 2001 steht im Zeichen der Debatte um 1968. Ein Stück 68er-Geschichte wurde auch in Waiblingen geschrieben: Am Staufer-Gymnasium spiegelte sich der Geist der Zeit in der Schülerzeitung "Rotkehlchen". Reinhard Gebhardt, der heute in Mannheim lebt, war einer der Macher. 1968 wurde ihm zur lebensprägenden Erfahrung ...

Heute:

26 Jahre warten

Andere sind Außenminister geworden oder wenigstens Lehrer. Sie haben ihren Frieden gemacht mit dem, was sie anprangerten, oder leben komfortabel in mildem Unfrieden. Sie sitzen auf der eigenen Terrasse hinter dem eigenen Haus und blicken mit einer Mischung aus Stolz und Nachsicht auf ihr ehemaliges Ich. Sie haben die Vergangenheit bruchfrei in ihren Lebensentwurf eingebaut als etwas, das ein bisschen verblendet war und ein bisschen heldenhaft. Jedenfalls: Es war gestern. Und heute ist heute.

Reinhard Gebhardt ist 52 Jahre alt und hofft, demnächst in den Schuldienst übernommen zu werden; auf Probe zunächst, als Krankheitsvertretung. "Ich habe 26 Jahre auf den Tag gewartet." Für Reinhard Gebhardt ist 1968 ein einziges lebenslanges Heute. "Wenn jemand seine Wut und Empörung auf diese Verhältnisse hier verliert, dann ist er für mich tot."

Alles ist zugleich da in diesem Gesicht: Die Brauen sind Ausrufezeichen - mit schrägem Schwung streben sie der Nasenwurzel zu und geben der Mimik einen kühnen Zug. Die Augen darunter sind Fragezeichen, oft auf nichts Bestimmtes gerichtet, als wolle der Blick ankern an einem Ort jenseits von Hier und Jetzt. Das lange, ergrauende Haar ist nach hinten gezähmt - aber in Strähnen will es aus der Strenge ausbrechen. Die Verwitterungen des Alters, die Verträumtheit der Jugend, Trotz und Müdigkeit, Verbitterung und Zärtlichkeit, alles ist zugleich da in diesem Gesicht.

Gestern:

68, ein Abenteuer

Das Heute fing damals an, am Staufer-Gymnasium in Waiblingen. "Irgendwas stimmt da nicht", dachte Reinhard Gebhardt. Während "sie uns in der Schule von Freiheit und Demokratie erzählten", verwandelten Napalm-Bomben vietnamesische Kinder in Fackeln. Das Heute begann als Abenteuer, voller Romantik, der Blick entgrenzte sich, erhob sich über die Hecken und Gartenzäune, umschloss die ganze Welt, von Portugal bis Palästina, von Madrid bis Mexiko - und drang gleichzeitig ins Innerste vor, zu den eigenen, gärenden Gefühlen. Es ging darum, "die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen" und "Tabus zu brechen"; das Tabu beispielsweise, sich auf der Straße einen Kuss zu geben - von "freier Liebe" ganz zu schweigen. Gebhardt schrieb 1968 mit an der Schülerzeitung "Rotkehlchen" - seitenlange Abhandlungen über den Rassismus in Amerika, den Vietnam-Krieg, gespickt mit Zitaten von Marcuse, Marx, Adorno. Reinhard Gebhardt suchte nach "Alternativen zu dieser Gesellschaft", denn: "Die Armut in der Dritten Welt ist bedingt durch die Wirtschaftsweise der reichen Länder."

Das "Rotkehlchen" war ein flirrender Reigen, in dem tiefste Ernsthaftigkeit und anarchischer Humor umeinander kreiselten: das Unrecht der ganzen Welt; maßlos anspruchsvolle Liebeslyrik im Stile der Surrealisten; schräge Witze ("Gott wohnt Blumenstraße 4"). Bunt war das Heute . . . Ein Foto aus jener Zeit: Sie sitzen auf einer Eckbank, einander ganz nah, Freunde. Gebhardt ist der Zweite von links, offenes Hemd, Halskettchen, ein Blick, der überschwappt vor Lebenslust und Dringlichkeit. So erregend ist die Gegenwart! Wie muss da erst die Zukunft werden?!

Heute:

Nichts vergessen

Reinhard Gebhardt hat eine fette Mappe mit vergilbten Papieren vor sich liegen: die Einladung zum "Sozialismus-Seminar", das "in irgend so einem evangelischen Gemeindehaus" stattfand; die von ihm mitgeschriebene Tanzkurs-Zeitung ("Ballordnung, § 1: Wer zu spät kommt, muss umkehren und früher kommen"); die Rotkehlchen-Ausgaben. Er erzählt dazu, so leise, dass die Musik im Hintergrund fast die Worte schluckt. Manchmal zuckt ein Lächeln hoch, zieht sich gleich wieder zurück von den Lippen, doch es zittert nach in den Augen, wie der Lichtkreis, der unter den Lidern festgebrannt bleibt, wenn man in die Sonne geschaut hat. Er sitzt da, umgeben von all den glitzernden Splittern aus dem Scherbenhaufen der Vergangenheit, ein "Sammler und Jäger: Ich bin keiner, der die Geschichte so bewältigt, dass er irgend etwas vergisst".

Gestern:

68, ein Alptraum

Bei Gebhardt, dem "Rotkehlchen"-Rebellen, klingelte das Telefon. Aus der Muschel bellte eine Stimme: "Wir machen euch fertig, wir bringen euch um." Etwa zur selben Zeit wurde er als Brandstifter verdächtigt, eine Rufmordkampagne entspann sich gegen ihn. Damals wurde er erstmals "vom Staatsschutz beobachtet. Das hat bis heute nicht aufgehört." Gebhardt hatte "einen heftigen Bruch mit meinen Eltern". Er erlitt seinen ersten Nervenzusammenbruch.

Wolfgang Früh, der legendäre Waiblinger Pfarrer, bot Hilfe. Früh war jederzeit bereit für "vertrauensvolle, offene Gespräche", Früh gab Asyl, wenn einer der jungen Aufmüpfigen zu Hause raus flog, Früh kam zu Gebhardt ins Krankenhaus, saß als Schlichter mit am Tisch, bei Gesprächen mit den Eltern. Noch heute hat Gebhardt die Karte, die der Pfarrer dem 20-Jährigen zum Geburtstag schickte. "Bleibe auch mit Herz und Tat / immer munter und auf Draht / und halt das Herz stets engagiert, / wo es Not am Menschen spürt / und halte auch zu aller Zeit / hoch der Welt Gerechtigkeit, / denn der Kampf um Recht und Frieden / bleibt uns immerfort beschieden."

Gebhardt machte Zivildienst in einem Heim für behinderte Jugendliche, heiratete, wurde Vater. Das Heute schien versöhnlich.

Heute:

Dieselbe alte Wut

"Frieden mit diesen Zuständen und dieser Gesellschaft habe ich nie gemacht", sagt Reinhard Gebhardt. Die Leute wollen wieder "stolz" sein auf ihr Land - etwa darauf, dass es "befreite Zonen" gibt, wo kein Ausländer, Obdachloser, Langhaariger gefahrlos auf die Straße gehen kann? Darauf, dass Wahlkampf-Phrasen wie "Kinder statt Inder" Konjunktur haben? Darauf, dass es eine Million illegal Beschäftigte gibt? Darauf, dass "jeden Tag im Durchschnitt 250 ehemalige Zwangsarbeiter sterben", während Wirtschaft und Politik endlos über Entschädigungen zanken? Im Koalitionsvertrag steht, die Regierung wolle zivile Konfliktlösungen und eine Kultur des Friedens fördern - "und dann war denen keine Medienlüge zu dreckig, um den Kosovo-Krieg zu rechtfertigen". Gebhardt folgert: "Wir leben in Vorkriegszeiten."

Gestern:

Berufsverbot

Reinhard Gebhardt wollte Lehrer werden. Er studierte an der PH Heidelberg, er engagierte sich im SDS, bei der kommunistischen Hochschulgruppe, im Asta. Und dann kam die Vorladung: Vor dem Oberschulamt Karlsruhe hatte er sich zu äußern, ob er "auf dem Boden des Grundgesetzes" stehe und sich zu einem pädagogischen Ideal "im Dienst des Volkes" bekenne. Da waren die Filbingers und Kiesingers, all die alten Herren, in Amt und Würden - und er sollte sich rechtfertigen? Gebhardt erklärte dem Ausschuss: "Ich spreche Ihnen das Recht ab, mich politisch auszuhorchen und Gesinnungsschnüffelei zu betreiben."

Die Quittung kam per Post: Berufsverbot. Danach ging die erste Ehe in die Brüche. Es folgte der zweite Nervenzusammenbruch.

Er hatte Lehrer werden wollen. Und nun: Hilfsarbeiter, Drucker, Schweißer. Er versuchte, sich "einzumischen", wurde dreimal in den Betriebsrat gewählt, kämpfte für Sieben-Stunden-Tag und Arbeitssicherheit, gegen Nachrüstung und Aussperrung. Ein Streik gelang. Gebhardt heiratete wieder. Er hat fünf Kinder. Auch wenn er "irgendwie immer an der Armutsgrenze" lebte, auch wenn der Betrieb, wo er arbeitete, schließlich trotz aller Proteste schloss - das Heute barg Momente des Glücks.

Heute:

Linke "Fehler"

Aus der 68er-Bewegung erwuchs der Terrorismus. "Ich selber habe den Weg, den bewaffneten Kampf zu führen, nie für gut geheißen", sagt Reinhard Gebhardt, "es war politisch ein Fehler zu diesem Zeitpunkt." Das klingt flau angesichts des monströsen Zynismus der Baaders und Raspes - viel leidenschaftlicher wird Gebhardt, wenn er sich über die "Entdemokratisierung, die der Staat betrieben hat", empört: Isolationshaft, Terroristengesetze.

Sieht sich Gebhardt auf die Nachtseiten der linken Geschichte angesprochen, verliert sich die moralische Unbedingtheit irgendwie fahrig im Einerseits-Andererseits strategischer Argumente. Als er eine Zeit lang einer "stalinistisch-maoistischen Organisation" angehörte, habe er "manche Sachen zu unkritisch gesehen", "Stalins Verbrechen" zum Beispiel - aber von den stalinistischen Gruppen "sind auch viele sinnvolle Impulse" ausgegangen. Das "ekelhafte Spitzelwesen" in der DDR, "das war nicht der Sozialismus, den man sich vorstellt" - aber es gab ja "die Errungenschaften" wie "Kindergartenplätze" und "die Enteignung der Konzerne" . . . In der DDR war nicht alles schlecht? Mag sein. Aber "es gibt kein richtiges Leben im falschen", hätte Adorno dazu wohl gesagt. Die russische Revolution war von Anfang an auch ein großes Morden - doch Gebhardt will das "nicht erwähnen, ohne die Millionen russischer Opfer des Faschismus zu nennen". Das klingt, als ließen sich die Gulags damit entschuldigen, dass es KZs gab. Als ließen sich Morde gegeneinander aufrechnen.

Sich selbst zu hinterfragen, ist wohl das Schwerste bei einem solchen Lebenslauf. Sich selbst zu hinterfragen, das hieße, dass einem in dunklen Momenten alles Erlittene sinnlos, im Dienste eines Irrtums erlitten vorkommen könnte ... Einmal, über all die Erinnerungsstücke in seiner Kladde gebeugt, sagt Gebhardt unvermittelt: "Die Geschichte aufzuarbeiten, ist eine ganz harte Arbeit."

Morgen:

Glück und Schmerz

Andere ziehen sich irgendwann zurück. Sie bestellen ihr Äckerchen und ziehen einen Zaun darum herum. Wenn Reinhard Gebhardt sein Leben an anderen Biografien misst, die 1968 Gestalt annahmen, dann "ist da ein bisschen Verbitterung".

Die Welt ist nicht gerecht. "Menschen, die das so wegstecken können, ohne das Bedürfnis zu haben, etwas zu tun . . . Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die das gleichgültig lässt". Privates und Gesellschaftliches, "ich kann das nicht trennen". Die meisten können es.

Weiter von einem "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" träumen zu wollen, nachdem der reale Sozialismus seine unmenschliche Fratze gezeigt hat; an eine friedliche Welt glauben zu wollen, während "Joschka Fischer direkt vom Pazifisten zum Kriegsverbrecher wird" - das muss einen doch zerreißen? Wie umgehen mit all den "bitteren Enttäuschungen"? Ist die Biografie von Reinhard Gebhardt nun imponierend? Oder deprimierend? Ein unbeugsamer Mensch? Oder einfach nur verbohrt?

Es gibt kein Gestern. Alles ist ein einziges großes Heute. Aber vielleicht liegt in dieser Erkenntnis auch ein Trost: "Je intensiver man in der Lage ist, glückliche Zeiten zu leben, desto eher kann man Zeiten des Schmerzes durchstehen. Mir bleiben auch die Augenblicke des Glücks, von denen kein einziger verloren ist. Die sind alle in mir."

Bewertung der Jury

Peter Schwarz erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2002 in der Kategorie "Lokales" für den Beitrag "Nicht versöhnt. Reinhard Gebhardt: Eine politische Biografie", erschienen in der "Waiblinger Kreiszeitung" am 12. Mai 2001.

Am Beispiel des deutschen Außenministers Joschka Fischer ist im vergangenen Jahr die Geschichte der 68er journalistisch aufgearbeitet worden. Peter Schwarz porträtiert keinen Protagonisten der einstigen Studentenbewegung, sondern einen namenlosen Weggefährten des Außenministers; keinen, der den Marsch durch die Institutionen erfolgreich abgeschlossen hat, sondern einen, der sich den Institutionen bis heute verweigert. Der Autor beschreibt seinen lokalen Helden als prinzipientreuen Moralisten, als unbeugsamen, auch als verbohrten Menschen. Ein Anti-Außenminister, dem sich der Autor nähert, ohne ihm zu nahe zu treten.

Kurzbiographie

Gezeichnet: pes

Geboren am 1. Oktober 1965 in Aalen, aufgewachsen in Ellwangen.

Nach dem Studium der Germanistik und Soziologie in Tübingen 1995 Volontariat beim Zeitungsverlag Waiblingen.

Anschließend als Redakteur bei der "Waiblinger Kreiszeitung" verantwortlich für die wöchentlich erscheinende Jugendseite "nicht jugendfrei", deren Konzept 1998 mit dem Sonderpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für herausragenden Lokaljournalismus ausgezeichnet wurde. Peter Schwarz schreibt darüber hinaus für andere Ressorts von Kultur bis Sport.