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Prämierter Text

Sammlerin der Seelen

Von Irena Brežná

Sainap sucht fremde Seelen, Soldaten gegen den Krieg sammelt sie, Soldaten ohne Kalaschnikow, nicht tote Seelen, lebendige will sie, solche mit Riss. Sie ist es, die sie einreißt, mit dem durchschossenen Körper ihres Volkes, den sie durch die westlichen Städte des Friedens trägt, Fotos der abgerissenen Glieder, der verkohlten Leichname zeigt und erwartungsvoll lächelt. Wenn die glatte Seele einreißt und sich für eine Weile dem Kaukasus zuwendet, freut sich Sainap. Sie nennt es Freunde sammeln an der Westfront. Wenn Sainap es schafft, die fremde Seele vom Frieden weg in die tschetschenischen Ruinen zu führen, ist ihre Arbeit vollendet, sie wird nichts mehr tun müssen, nur von der Seite schaudernd zuschauen, wie die Seele all das einsaugt, was Sainap schon das siebte Jahr in sich trägt, und wie sie von all dem eingesaugt wird. Dann wird Sainap die Seele umarmen und weiter gehen. Für diesen Kampf braucht es viele Seelen. Sainap darf nicht ruhen.

Am Morgen aufspringen, die Haare nach hinten binden, den langen Rock mit den Handflächen über den Schenkeln glätten, auf den Mann nicht hören, das nütze alles nichts, sie solle ihre Kreise in der Familie drehen, er werde sie verlassen, solch eine Frau bringe ihrem Mann Unglück. Es ist aus mit dieser Stimme. Sainap hört andere Rufe, die Schreie der Zerfetzten im Pfeifen der Geschosse. Das ist ihre Moral und ihre Familie. Sainap fliegt wie ein Granatsplitter, wie Hunderttausende von Granatsplittern, bohrt sie sich in neue Körper hinein, wandert unter der Haut.

Die erste Rakete, die neben ihrem Haus in Grosny einschlug, als Sainap in der Küche stand, hat sie nach ihrem Bild geformt. Der Einschlag, die Wucht und die verstreuten Fragmente der Welt - das ist Sainap. Der Krieg ist ihre Unruhe, und sie ist seine Tochter. Manchmal denkt sie: Der Krieg ist mir alles geworden. Weder meine Schwester noch meine Mutter verstehen mich, aber jene fremden Seelen, die ich zu treffen vermag, die verstehen mich. Ich muss sie tiefer treffen, aber behutsam vorgehen, die Unwissenden mit Wissen verletzen, doch ihren Schrecken erst allmählich auslösen.

Sainap weiß, dass sie die Krankheit des Krieges verbreiten muss, wenn sie ihr Volk heilen will, andere mit ihrer eigenen Rastlosigkeit anstecken. Es ist ein vor der Welt versteckter Krieg, und Sainap muss ihn bekannt machen, wenn sie ihm ein Ende setzen will. Dann kann sie sich das erlauben, was so viele tun, junge Frauen, die in den Flüchtlingslagern ankommen und umfallen, um nie mehr aufzustehen. Sainap sehnt sich, es ihnen gleich zu tun, aber sie schaut bloß hin und geht weiter; nein, erst nach dem Krieg, dann wird sie den Kopf auf ihr Archiv legen und einschlafen.

Solange das Dröhnen nicht über die zerschundenen Dörfer hinauskommt, muss Sainap sein Echo werden, es Verbrechen um Verbrechen, Wunde um Wunde, Foto um Foto mit ihren kleinen Händen, mit ihren wissenden Augen, mit ihrer im Krieg geschliffenen Sprache hinaustragen, dem Lärm das zu geben, was er verdient - ein starkes Echo zu werden, das von den westlichen Parlamenten nach Moskau und nach Grosny zurückkommt und von dort in jedes Dorf, in jedes Haus, auf jenem kleinen Stück Erde, in Tschetschenien. Wir nennen Dich Itschkeria, mein Land, Du bist ein winziges Marienkäferchen. Wirst Du noch einmal fliegen?

Sainap weiß, wie unstandhaft die Mauern der Parlamente sind, sie sind aus Schleiern, in denen die Bombenexplosionen lautlos versinken. Schleier kennen keinen Widerstand, wie sie ihn kennt. Sainap, die Zierliche, die Gewöhnliche, die Hinausgeschleuderte, die Feste, hat vor, das mächtige Echo zu werden, damit die Welt zu hören anfängt. Sie schreit nicht, empört sich nicht. Sie spricht leise. Wenn sie sich dazu entschließt, ein paar schamvolle Worte über den Hunger, die Folter zu sagen, schickt sie voraus: Verzeiht, dass ich euch traurig machen muss. Und sie lächelt. Das Lächeln lässt sie nie aus.

Bei jeder Detonation fühlt sie die Schuld in sich fallen, jene Schuld, die ihr die Täter überlassen. Sie schämt sich der Armut, in die Bäuerinnen gestürzt worden sind. Sainap lädt sich jene Scham auf, die Andere abwerfen. Erst wenn der Krieg besiegt ist, ihre Söhne auch die letzte Mine entfernt haben, die Verstümmelten eine Prothese erhalten werden, die Kriegswaisen den Mördern ihrer Eltern verziehen haben, da die Mörder bestraft worden sind, erst dann wird Sainap wagen, die Schuld neben sich zu stellen, um sie anzuschauen, als wäre diese ihr fremd.

Manchmal denkt Sainap, dass sie mehr gesehen hat als Gott sich ausdenken kann. Sie will nicht, dass der Erhabene dorthin hinabgezerrt wird, wo sich Fäkalien mit Blut vermischen, weil Pflöcke in die Gefolterten gestoßen werden, dort könnte er den Glauben an sich selbst verlieren. Gott muss nicht wissen, wie Menschenteile auseinander fliegen, aber einen Teil der zerrissenen Wahrheit soll er kennen lernen, davor will ihn Sainap nicht bewahren. Diese Kraft soll er schon aufbringen. Manchmal zeigt sie Gott ihre Kriegsalben. Die geschändeten Leichen in den Massengräbern stanken so, dass sich Sainap übergeben musste, als sie sie fotografierte. Und wenn sie die Fotos über die Konferenztische reicht, ist der Gestank wieder in ihr, und Sainap fürchtet die Fassung zu verlieren, aber sie weint nicht vor fremden Menschen, sie musste schon immer für sich einstehen. Der Krieg ist Arbeit mit Gestank, und Sainap macht ihre Arbeit. Der säuerliche Gestank, der aus dem Leichnam ihres Volkes entweicht, begleitet sie schon durch zwei Kriege, und falls Gott ihrem Volk einen dritten Krieg erlässt, verspricht sie, glücklich zu werden. Sie will damit Gott eine Freude machen und ihn in ihre Arbeit einbinden.

Je mehr Seelen Sainap einfängt, umso bereiter ist sie zu sterben. Werde ich morgen ermordet, trete ich auf eine Mine, wird die Arbeit auch ohne mich fortgesetzt, freut sie sich. Am Liebsten würde sie einen Lustgarten für die neugewonnenen Seelen einrichten, diese mit Medaillen behängen, sie üppig bewirten und unterhalten. Sie führt sie in Flüchtlingszelte, wo ihnen die Kriegswaisen Tänze vorführen, barfuss und kraftvoll. Die Blutarmen, die Verstörten lachen breit während der Vorstellung. Diese Freude ihres Volkes verschenkt sie als tschetschenisches Souvenir. Es ist Sainaps Überlebenssinn, ihr Volk ungebrochen zu zeigen. Sind die Gäste zufrieden, weiß sie, dass die Tschetschenen Menschen sind, dass sie noch leben.

Sainap braucht nicht die Welt, die sie vorfindet, sie braucht eine Welt, die sich erschüttern lässt. In die westliche Welt bringt sie Beweise der Zerstörung, in die östliche bringt sie Mehl, Öl, Salz und etwas Zucker. Sie begegnet ihrem Volk als dem sich verbeugenden Empfänger der humanitären Hilfe. Trifft sie Würde an, wünscht sie sich, davon an den runden Tischen im Westen zu erzählen, aber man fragt sie nach Namen, Zahlen und nach der Art der Verbrechen. Ein wenig Mehl für viel Elend, das gibt man ihr schon. Sie hofft auf Verbindlichkeit für viel Selbstachtung.

In ihrem Hotelzimmer steht auf der Kommode eine aufgerichtete schlanke Plastik-Hand, die auf den Schmuck einer Frau wartet. Sainap sieht wieder und wieder den Markt von Grosny am 21. Oktober 1999, als dort die Raketen einschlugen, jede mit einem 480 Kilogramm schweren Sprengkopf, der sich über den Marktfrauen öffnete und sie mit einem Metallregen niederdrückte. Sainap rannte damals mit ihrer Videokamera über blutige Hände, Beine, Haarbüschel, die ihr Zentrum verloren hatten. Nun steht vor ihr auch so eine Hand, diesmal als Zierde. Sainap schaut sich ihre eigene Hand an, ob sie nicht abgerissen sei. Sie weint und tröstet sich: In Tschetschenien weine ich nicht, weil es sich nicht gehört, in Russland weine ich nicht, weil der Stolz es nicht gestattet, also warum nicht hier, wo mich niemand sieht?

Sainap mutet sich zu, in Südrussland den russischen Generälen gegenüberzusitzen, ihre Feindseligkeit auszuhalten, besonnen dort anzuknüpfen, wo sich ihre Positionen kreuzen mögen. Bloß lächeln mag sie nicht, sie spart mit Kräften. Sie bittet Allah, sie mit seinen Händen stets hoch über dem Hass zu halten. Sie tagt auch mit russischen Intellektuellen, und keiner fragt sie, wo sie lebt und wovon und wie ihr zumute ist, russisch zu sprechen. Die geistige Elite Russlands hält Sainap mit Schweigen fern von sich. Der Verlust des Hauses durch die Bomben ist unerheblich angesichts dessen, dass Sainap die Achtung vor einer Mehrheit der russischen Intelligenzia verloren hat, und vor einer Kultur, der sie sich so nahe fühlte, dass sie meinte, ein Teil von ihr zu sein.

Wenn Sainap in ihr zerschnittenes Tschetschenien zurückkehrt, umringen sie die Menschen: Was sagt Europa? Wann kommt die Hilfe? Wann zwingt Europa die Russen dazu, mit uns zu verhandeln? Genug hat Sainap von den Beschwichtigungen, die sie sich stets ausgedacht hat. Nun spricht sie unverständlich, sagt, Europa gebe es nicht, nur einzelne Europäer, auf die man bauen müsse, aber in den Parlamenten säßen sie nicht. Wir müssen uns selbst helfen, verkündet sie, wir müssen stärker werden. Europa lebt für sich. Wir müssen das russische Volk überzeugen, dass wir keine Terroristen sind. Wir müssen unsere eigenen Kriminellen stellen. Wir müssen wissen, was wir wollen. Wir müssen uns einigen. Sainap steigert sich in diese gigantische Aufgabe hinein und verschweigt ihr Entsetzen über die Gleichgültigkeit Europas, verschweigt es vor sich selbst. Doch die Mütter mit ihren entkräfteten Kindern lassen sich nicht täuschen: Rede nicht so viel, du warst doch in Europa, gib Brot, gib Medikamente. Sainap schüttelt den Kopf über ihre verträumten Landsleute. Sie ist in einen einsamen Raum zwischen dem Kaukasus und Westeuropa geraten. Es scheint ihr, sie überblicke von hier aus alles, aber werde nicht gesehen. Sie meint, es tragen zu können, zu müssen.

Wenn Sainap nicht alte Menschen aus brennenden Trümmern herauszieht, verwirrte Kinder in einen minenfreien Wald mitnimmt und Freude an ihrer Freude hat, wenn sie im Westen nicht vom Lächeln des in die Wirbelsäule getroffenen Knaben erzählt, dem sie einen Rollstuhl nach Grosny bringt, dann weiß Sainap nicht, mit welchem Recht sie auf der Welt sein sollte. Hat der Krieg solch eine Kraft, dass er Sainap auslöscht, damit sie sein Medium werde? Manchmal öffnet sich ein großes Tor in ihrer Brust, und sie atmet ruhig ein. Ich lebe, ich lebe, immer noch, denkt sie in Ehrfurcht. Sie sieht in ihrem Kopf weiterhin Raketen niedergehen, aber der Ton ist weg. Es ist still in ihr. Das ist Allah, der zu mir spricht, sagt sie. Du liebst mich also, ich werde dich schon nicht enttäuschen, ich werde noch mehr arbeiten. Wir werden ein wunderschönes Tschetschenien haben, ein freies Itschkeria, Du wirst sehen. Am Liebsten würde sie Gott sagen, er solle dann zu ihnen kommen, aber sie besinnt sich, dass er wohl schon dort sei - und seufzt.

FREITAG

Nr. 37 vom 7. September 2001

Bewertung der Jury

Irena Brežná erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2002 in der Kategorie "Allgemeines" für den Beitrag "Sammlerin der Seelen", erschienen in der Berliner Wochenzeitung "Freitag" am 7. September 2001.

Irena Brežná lenkt den Blick auf einen fast vergessenen Krieg: den Tschetschenien-Konflikt. Am Beispiel der frommen Muslimin Sainap schildert die Autorin, wie es gelingen kann, Hilfe für die bedrängten Menschen im Kaukasus zu finden, ohne Hass gegen das russische Volk zu schüren oder sich angesichts des Schweigens der Westeuropäer und ihrer Politiker zu diesem Krieg der Resignation auszuliefern. Trotz der eindringlichen Beschreibung der Kriegsgräuel ist der Beitrag eine Lektion der Hoffnung wider alle vermeintliche Hoffnungslosigkeit.

Kurzbiographie

Gezeichnet: Irena Brežná

Geboren am 26. Februar 1950 in Bratislava, Slowakei.

1968 Emigration in die Schweiz. Von 1969 bis 1975 Studium der Slawistik, Philosophie und Psychologie an der Universität in Basel. Abschluss: Lizentiat. Tätigkeiten als Psychologin in der medizinischen Forschung, als Russischlehrerin und Dolmetscherin.

Seit 1980 Schriftstellerin und freie Journalistin für Schweizer Printmedien: unter anderem für "Die Weltwoche", Zürich, dem Magazin der Zürcher Tageszeitung "Tages-Anzeiger", die "Neue Zürcher Zeitung", die "Berner Zeitung", und die Zeitschrift "Annabelle". In Deutschland vor allem für die Berliner Wochenzeitung "Freitag". Darüber hinaus Beiträge in Literaturzeitschriften und Anthologien. Korrespondentin des slowakischen Dienstes "Deutsche Welle" in der Schweiz.

1996 Kriegsberichterstatterin in Tschetschenien. Seitdem auch Engagement in humanitären Frauenprojekten gegen den Krieg in Tschetschenien.

1989 ausgezeichnet mit dem Medienpreis der Genfer Eckenstein-Stiftung; 1992 und 2002 Journalistinnenpreis der Zeitschrift "Emma"; 2000 Zürcher Journalistenpreis.

Irena Brežná hat mehrere Bücher veröffentlicht; u.a. 1991 "Karibischer Ball, Reportagen und Erzählungen aus Afrika und der Karibik" und 1996 "Flüssiger Fetisch, Reportagen und Essays aus Mittel- und Osteuropa nach der Wende" (beide "eFeF-Verlag", Bern); sowie 1997 ein Buch über tschetschenische Frauen unter dem Titel "Die Wölfinnen von Sernowodsk" (Quell Verlag, Stuttgart).