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Prämierter Text

Illegale Ware aus dem globalen Doping-Dorf

Von Thilo Knott und Michael Thiem

Es ist ein Standardpäckchen der Post: 14 x 22,5 Zentimeter groß, gelb, mit Posthörnchen und vorgedrucktem Anschriftenfeld. Gewissenhaft ist der Pappkarton mit einem Klebeband verschlossen. Bei der Verpackung des Inhalts hat sich der Absender weniger Mühe gegeben. Die mitgeschickten zehn Blisterpackungen mit Medikamenten sind amateurhaft in ein Blatt weißes Küchentuch Marke "Zewa-Wisch-und-Weg" eingewickelt. Insgesamt sind es 100 weiße Tabletten. 100 Tabletten des anabolen Steroids Dianabol, die übers Internet bestellt und prompt geliefert wurden. Keine offizielle Verpackung, kein Beipackzettel. Kyrillische Schriftzeichen zieren die Rückseiten der Packungen. Ein aufgedruckter Strichcode soll die Echtheit der Pillen vorgaukeln. Die Brisanz der Sendung wird nach einem Blick auf die 4,40 Mark Briefmarke deutlich: Der Stempel zeigt den Schriftzug Berlin. Auch der Absender nennt eine Adresse in der deutschen Hauptstadt. Rein theoretisch ist dies ausgeschlossen. Denn der Handel und Versand von verschreibungspflichtigen Medikamenten ist in Deutschland gesetzlich verboten.

Das Gegenteil ist schnell bewiesen. Valeri K. (richtiger Name ist bekannt) betreibt eine Homepage auf einem deutschen Server. Der fingierte Kontakt zu ihm ist per E-Mail einfach. Anfrage: "Hi, habe gehört, Du hast Dianabol. Ich möchte gerne für meine nächste Kur für 100 Mark 100 Tabletten bestellen. Bitte schreibe mir, wohin ich die Kohle schicken soll. Gruß Ralph Peters." Valeri: "Wenn Du willst, schicke ich's Dir auch per Nachnahme." Antwort: "Nachnahme ist schlecht, weil ich tagsüber nicht erreichbar bin. Ich schicke Dir das Geld bar." Valeri: "In Ordnung. Sobald ich das Geld habe, schicke ich das Dianabol."

Die Beschaffung der verbotenen Substanz, die vor allem von Bodybuildern oder Kraftsportlern verwendet wird, ist dank des Internets ein Kinderspiel geworden. Mit Hilfe des World Wide Web ist ein globales

Doping-Dorf entstanden, in dem Pillen, Drops und Ampullen aus der Giftküche der Sportwissenschaft nur auf einen Abnehmer warten. Im weltweiten Selbstbedienungsladen liegen Disney-Cartoons nur einen Doppelklick vom Doping-Sumpf entfernt. Der illegale Handel blüht. Erste Anlaufstation ist die deutsche Internet-Suchmaschine Yahoo. Unter dem Stichwort Dianabol gibt es nur vier Einträge. Unter Nandrolon erscheinen neun. Wechsel zu Yahoo international. Hier werden immerhin bereits 368 Einträge bei Nandrolon gemeldet. Das amerikanische Suchverzeichnis Altavista kennt 808 Links zu Dianabol. Das Surfen beginnt.

Reihenweise erscheinen professionell gestaltete Seiten mit Sitz in den USA. Dort ist der Handel mit Medikamenten legal. Bunt blinkende Döschen und Ampullen von A wie Anabolika bis Z wie Zinc Gluconate lassen die gesamte Produktpalette erkennen. Wer genau hinsieht, findet fast alle aus den Dopingfällen im Sport bekannten Substanzen: Primobolan, Clenbuterol, Ephedrin, EPO und 19-Norandrostendione, das im Körper zu Nandrolon umgewandelt wird. Wer will, bekommt sogar eine EPO-Salbe zum Auftragen vor dem Einschlafen für 3,99 US-Dollar. "Diese Preise werden Sie nirgendwo anders im Internet finden", verspricht ein Anbieter. Neben der Auflistung der gesamten Warenpalette gibt es die Rubrik "Anabolische Wirkung". Eingestuft wird in niedrig, durchschnittlich, hoch und sehr hoch. Ein Pull-down-Menü weist den Weg zu den Sonderangeboten. "Probieren Sie auch unsere anderen Produkte", heißt es und in der bereits getroffenen Vorauswahl steht 19-Norandrostendione. Das Mittel, das in Dieter Baumanns Zahnpasta gefunden wurde.

Im Gästebuch kommen die Kunden ins Schwärmen. "Ich habe acht Wochen lang Norandroste genommen. Meine Muskeln werden pünktlich zum Sommer gestählt sein", schreibt beispielsweise Dave. Paul gibt sogar zu, eine viel zu hohe Dosis genommen zu haben. "Aber es hat sich gelohnt. Ich hatte noch nie solche Ergebnisse", ist der Hobbysportler begeistert. Per E-Mail können Auskünfte in Minutenschnelle eingeholt werden. So gibt Mike Rocheleau von Undergroundsports.com zu, dass die Firma mit dem deutschen Zoll Probleme hatte. Ein Exportstopp nach Deutschland ist allerdings kein Thema. "Wir haben Kunden in Deutschland", schreibt Rocheleau in seiner Antwort-Mail nur eine Viertelstunde später. Dass Undergroundsports.com einen Vertriebspartner in Europa hat, verneint er aber entschieden. Wesentlich aufgeschlossener zeigt sich unter dem Nickname "buff16" ein anderer amerikanischer Anbieter. "In fünf bis sieben Tagen ist das 19-Norandrostendione bei Ihnen", teilt "buff16" mit und fügt hinzu: "Ist das nicht cool?"

Die Bestellung in den USA ist kein Problem. Und wie sieht es in Deutschland aus? Die laienhaft gestaltete Seite auf einem deutschen Server ist schnell gefunden und damit der illegale Weg eingeschlagen. In übergroßer Schrift prangt in blauen Lettern auf hellblauem Hintergrund das Spezial-Angebot: "Original russisches Dianabol, 5 mg Tabletten, direkt aus der staatlichen Medikamenten-Fabrik aus Moskau." 100 Pillen nur 100 Mark oder 60 US-Dollar. Unten auf der Seite erscheint der Hinweis: "Versand von Deutschland aus." Als Christof Mühlschlegel von der deutschen Seite erfährt, huscht ein überraschtes Lächeln über sein Gesicht. "Das ist ja interessant. Da bin ich gespannt, ob das Dianabol auch geliefert wird", erklärt der Esslinger Apotheker, der auch im Vorstand des baden-württembergischen Apothekerverbands sitzt. "Aus Deutschland?", reagiert Fritz Mehl, Pressesprecher der Polizeidirektion Esslingen, interessiert, "im Prinzip ist dies ein Fall für das Landeskriminalamt." Der Deal mit Valeri K. ist per elektronischer Post innerhalb weniger Stunden perfekt. Schon in der zweiten Antwort-Mail gibt Valeri seine Adresse preis. Bevor jedoch der Hundertmarkschein auf Reisen geht, soll die Seriösität des Händlers überprüft werden. Dazu eignet sich ein Diskussionsforum über Roids, so kürzen Anabolika-Experten den Begriff Steroide ab. Hier wird kräftig gefachsimpelt. Wer von Urlaubsplanungen spricht, möchte Tipps, wo Anabolika eingekauft werden kann. Mit Dübel sind die Spritzen für die Injektionen gemeint. Auch "Flipper" und "Helmut" tauschen Erfahrungen aus.

Flipper: "Gib Dir mal ein Tröpfchen Deca auf die Haut und ritz' die dann so wie bei einem Allergietest ein. Ich kann Deca nämlich nicht ab und es ist, glaube ich, ziemlich schei... ." Helmut: "Die Idee mit dem Anritzen finde ich gut. Nach der ersten Injektion (war gar nicht sooo schwierig) hatte ich eine prima Power beim Training. Wie kriegt man vier ml rein? Geht das in einen Muskel?"

Als sich die Fach-Doper dann über den Dianabol-Händler Valeri unterhalten, steht einer Bestellung nichts mehr im Weg. Valeris Adresse ist in Berlin. Ortstermin. Die Fennstraße liegt im Bezirk Treptow zwischen Spree und einer S-Bahn-Linie im ehemaligen Niemandsland nur drei Kilometer von der früheren Mauer entfernt. In der Fennstraße gibt es eine Videothek, einen PDS-Schaukasten, eine AOK-Außenstelle, eine Post, Tankstellen, einen Burger King, einen Box-Club, ein Sonnenstudio und eine Dönerbude in unmittelbarer Nähe zur angegebenen Adresse. Alle Klischees werden bestätigt. Fehlt eigentlich nur noch der Mann in Cowboystiefeln, Jogginghose und einem Pitbull an der Leine. Valeris Adresse ist ein Briefkasten. Eine dazugehörige Wohnung gibt es nicht. Valeri möchte anonym bleiben - verständlich. Im miefigen Hinterhof, der grüne Putz bröckelt von der Wand, kann der vermeintliche Russe seinen Handel unerkannt abwickeln. Und die Geschäfte gehen gut. Seit die Zahl der Internet-Anwender ansteigt, floriert das illegale Gewerbe besser denn je. Sieben Tage, nachdem die 100 Mark an Valeri geschickt wurden, liegt das Päckchen mit dem Dianabol auf dem Schreibtisch in Esslingen. Jeder 14-Jährige könnte dieses Experiment wiederholen und sein Taschengeld in Doping-Mittel investieren. Wer auf diesem Weg auf schnelle Muckies hofft, geht jedoch ungeahnte Risiken ein. Herstellung, Lagerung und Herkunft der Pillen sind nicht nachvollziehbar. Ebenso birgt die fahrlässige Mund-zu-Mund-Propaganda bei der Dosierung folgenschwere Risiken. Garantierte Leber- und Nierenschäden schrecken offenbar nicht ab. Valeris Dianabol wird keinen einzigen Muskel aufpumpen. Es wurde fachgerecht in Wasser aufgelöst und in der Toilette entsorgt.

Esslinger Zeitung

Nr. 11 vom 15./16. Januar 2000

Bewertung der Jury

Thilo Knott und Michael Thiem erhalten den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2001 in der Kategorie "Allgemeines" für den Beitrag "Illegale Ware aus dem globalen Doping-Dorf", erschienen in der Eßlinger Zeitung am 15./16. Januar 2000.

Mit ihrer bemerkenswerten Recherche im Internet und an den Orten des Geschehens haben sie die Grundlage für eine lesenswerte Reportage geschaffen, die die problemlosen Bezugsmöglichkeiten von illegalen Arznei- und Dopingmitteln durch das "World Wide Web" eindrucksvoll schildert. Aktueller Anlass war der Dopingfall des Leichtathleten Dieter Baumann. Durch den Artikel und die anschließende Serie werden Ausmaß und Praktiken bei der Beschaffung dieser Mittel nicht nur für den Leistungs-, sondern auch für den Freizeit- und Breitensport deutlich. Der Beitrag verbindet die Internet-Recherche mit der beispielhaften Darstellung dieses Mediums als Grundlage krimineller Handlungen.

Kurzbiographien

Gezeichnet: tok - Thilo Knott

Geboren am 30. Januar 1972 in Schrozberg.

Nach dem Abitur Studium der Politikwissenschaften und Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.; Abschluss: 1998 Magister Artium.

Während des Studiums erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter für die tageszeitung, Berlin, und die Deutsche Presse-Agentur, Hamburg.

Von 1999 bis 2001 Volontariat bei der Eßlinger Zeitung; danach Politik-Redakteur. Ab Oktober 2001 Redakteur bei der tageszeitung, Berlin.

Gezeichnet: mit - Michael Thiem

Geboren am 24. August 1968 in Esslingen.

Nach dem Abitur 1988 bis 1990 Zivildienst. Ende der 80er-Jahre erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter unter anderem bei der Eßlinger Zeitung. Von 1991 bis 1993 Volontariat bei der Zeitung mit Schwerpunkt Sport; seit 1993 Sportredakteur.

Mit der Sportredaktion der Eßlinger Zeitung 1997 ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis des Landessport-Verbands Baden-Württemberg; 1999 mit dem Ehrenpreis "Serie" der Robert-Bosch-Stiftung.