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Prämierter Text

Preisnachlass bis zu 23 Prozent

Von Suska Döpp und Jens Meifert

Auf Kunden, die weit mehr als drei Prozent Rabatt erwarten, haben sich die Geschäftsleute schon lange eingestellt. Zwei Reporter testeten auf einer Tour durch Kölner Läden, wie viel Nachlass drin ist.

Zum Schluss geht es um 350 Mark. Schon Geld, klar. Aber im Angesicht der Linienführung des chromgerahmten Zweisitzers von Le Corbusier doch irgendwie unbedeutend. Zu sagen, so ein Möbel kaufe man sich schließlich fürs Leben, verkneift sich der Innenarchitekt, der in dem lichtdurchfluteten Möbelhaus das Verkaufsgespräch führt - das wäre in diesem Ambiente auch ein zu billiges Argument.

Zu billig? Eigentlich kann es ja gar nicht billig genug sein - selbst wenn es um Design der Weltklasse geht. Das versteht auch der junge Mann mit dem charmanten Lächeln. Immerhin hat der flehende Blick seiner Kundin die rigide Preisgrenze schon schmelzen lassen - von 11.020 Mark für zwei Sofas um ein Prozentchen und noch eins und schließlich noch eins. Natürlich könnte man auch Abstriche machen, lässt der tadellos zurückhaltende Fachmann ganz nebenbei einfließen - von Chrom auf lackiert umsteigen zum Beispiel. Damit wäre der Klassiker dann allerdings kein rechter Klassiker mehr . . . Selbstredend. Nein, dass es das nicht sein kann, versteht der Mann, der seinen guten Geschmack zur Profession erhoben hat. Und dann kommt es wieder, dieses charmante Lächeln: "Also gut: 10.350 - immerhin sechs Prozent, weil es ja zwei sind." Dass eine Kundin mit einem Ehemann im Gefolge unterwegs ist, dem die Lust am schönen Wohnen offensichtlich nicht einen einzigen Pfennig mehr als 10.000 wert ist, treibt ihn schließlich zum Äußersten: "Geben Sie mir doch mal ihre Nummer . . ." Ein Quäntchen Hoffnung bleibt. Und Bingo: "10.000 geht klar."

Ein Tennisschläger als nächstes. Natürlich kauft der passionierte, aber beratungsbedürftige Spieler das Gerät für den gepflegten, überrissenen Passierschlag im traditionsreichen Fachgeschäft. Ein Großkopf-Schläger für 299 Mark soll es sein. Der Enddreißiger mit niedlichem Bierbauch eröffnet das Verkaufsgespräch mit einem Kurzreferat über Bespannungshärte und Rahmenfassung: "Genau das Richtige für den technisch versierten Spieler", versichert er schmeichelnd.

Vielen Dank. Und der Preis? Schon ein kritischer Blick auf das kleine Etikett am schaumstoffumwickelten Griff des Graphit-Rackets genügt, um dem Mann ein respektables Angebot zu entlocken. "Da kommen wir Ihnen entgegen. 249 Mark können wir machen", tönt es unter seinem etwas zu arg gestutzten Oberlippenbärtchen. Kein schlechter Vorbereitungsball für einen Verkaufsabschluss. Doch so schnell bringt er das Spiel nicht nach Hause. "230 Mark", lautet der Return. "239 Mark, wir müssen schon realistisch bleiben", spielt der Händler zurück. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren: "Kommen Sie, sagen wir 230." Mit einem leicht verkrampften Lächeln willigt er schließlich ein - Spiel, Satz, Sieg - 23 Prozent.

Die Uhr. Zwischen Edelstahl-Messern im Schwing-Design und glasplattenbelegten Arbeitsaltaren liegt das 599 Mark schwere Chronometer in der Vitrine. "Ja, ja", stimmt die Frau im modischen 70er-Jahre-Revival-Hosenanzug freudig ein, "diese schlichte Eleganz, ganz wunderbar." Ihre dunklen Löckchen wippen dabei dezent im Nacken, und angesichts der demonstrativen Kulturbeflissenheit der Dame im Karo-Look fällt es schwer, zum Wesentlichen, aber doch Unausweichlichen vorzudringen: 500 Mark!

Doch schon der erste Angriff auf die Heiligkeit des Preises wird unter Vorspielung eines freundlichen Lächelns bestimmt zurückgewiesen. "Nein, da gibt der Hersteller keinen Spielraum. Wenn wir erwischt werden, kriegen wir 'ne Abmahnung." Da hilft kein Lamentieren über das schmale Budget, und auch das Hohelied von der unvergleichlichen Schönheit des Junghans-Designs findet keinen Anklang. "Zwei Prozent bei Barzahlung könnte ich Ihnen geben", schickt sie hinterher, "wenn Sie das glücklich macht?" Nein, so richtig nicht.

Ein unbestimmter Gang durch die Modehäuser an der Hahnenstraße. Während nebenan Prada-Anzüge und Gucci-Täschchen ins recht Licht gerückt werden, feiert die blonde Verkäuferin des Bekleidungshauses im Country-Ambiente eine Lederjacke aus reinstem Rinderleder. "Ganz weicher Stoff", sagt sie in ihrem Schafschurwollen-Pulli, und - fast hätte man den Satz vermisst - "so was trägt man ja ewig".

898 Mark steht in kleinen unschuldigen Ziffern auf dem Preissignet. Nun gilt es, so viel Erfahrung ist da, sich lammfromm den Huldigungen anzuschließen und mit mitleidigem Germanistik-Studenten-Blick die schönste aller Floskeln des Feilschens zu winseln: "Ist mit dem Preis noch was zu machen?" Es ist, wie sich schnell zeigt. Frau Schafschurwolle muss aber erst noch nachfragen, weil es nämlich erst ihr vierter Tag ist. Als sie vom Telefon zurückkehrt, lächelt sie einen schönen Mund und sagt: "200 gehen wir runter. Das ist doch was?" Tatsächlich ein Rabatt von 22 Prozent, das ist schon was. Trotzdem bleibt die Jacke im Laden - man wird ja noch mal drüber nachdenken dürfen. Schließlich steht auf der Einkaufsliste auch noch ein Fernseher.

Dass der Preis nur Verhandlungsbasis ist, steht gleich fest. "699 Mark für das Gerät, aber wir schaun mal, was da noch drin ist", lautet die verbindliche Auskunft der Verkäuferin, die gleich anhebt, die Vorzüge des schicken, dezent grauen High-Tech-Kleinods mit Stereoempfang zu erklären. Ob da ein Wink mit dem Prospekt der Großmarkt-Konkurrenz gewirkt hat? Aber: zu früh gefreut. Dem viel versprechenden Auftakt folgt ein zäher Abspann. Natürlich möchte man lieber beim Fachhandel kaufen, sich das Gerät liefern und die Programme zu Hause gleich einstellen lassen. Aber 630 Mark für das ganze Paket mit Anschluss und Einstellen? Zehn Prozent Nachlass - doch noch immer um einiges mehr als um die Ecke. Und schon stehen die Fronten. Noch einmal kurz erklären, warum dieser Apparat seinen Preis unbedingt wert ist - Stereo, Bildröhren, Buchsen und so weiter. Die Fachfrau hat ihr Sprüchlein nun zum zweiten Mal runtergeleiert, und offenbar reicht es ihr. "Was meinen Sie, was wir heute an den Geräten noch verdienen?" Die Frau hat Steherqualitäten. Schon suchen ihre Augen nach dem nächsten Kunden. Zu hoch gepokert. Das Spiel ist aus.

Der Autohändler muss als Nächster schwitzen. Schwarze Sonderlackierung, ein Schiebedach und als kleines Schmankerl noch die Audioanlage mit CD-Spieler obendrauf - das kostet. Immerhin satte 29.060 Flocken. "Dafür müsste eine alte Frau sehr lange - na, Sie wissen schon . . ." Wer könnte nicht nachvollziehen, dass für ein junges Paar so viel Geld natürlich wirklich viel Geld ist. Da will sich der Besitzer des Autohauses als Mann mit Lebenserfahrung auch gar nicht lumpen lassen und rutscht auf der Preisskala gleich mehr als zehn Prozent nach unten: für 26.000 fahrbereit vor der Haustür. Wenn das kein Wort ist. Oh - Bel Air. Ach, wenn doch nur die Grenze im Kopf nicht wäre. "25.000 - Sie verstehen - mehr sollte es eigentlich nicht sein . . ." Das Verständnis ist da - allein der Wille fehlt. "Vielleicht möchten Sie es noch woanders versuchen - hier ist dies das letzte Angebot." Schon verstanden: Irgendwo ist schließlich Schluss - in diesem Falle bei gut zehn Prozent Rabatt auf das 75-PS-Traumauto.

Kölnische Rundschau

Nr. 289 vom 13. Dezember 2000

Bewertung der Jury

Suska Döpp und Jens Meifert erhalten den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2001 in der Kategorie "Lokales" für den Beitrag "Preisnachlass bis zu 23 Prozent", erschienen in der Kölnischen Rundschau am 13.12.2000.

Die Volontärin Suska Döpp und der Jungredakteur Jens Meifert demonstrieren am Anfang ihres Berufslebens journalistische Kardinaltugenden. Ihr Beitrag ist lesernah: Wie wirkt sich die Änderung des Rabattgesetzes beim Einkauf in Köln aus? Sie gehen selbst in Kölner Läden und handeln; dabei zeigen sie Unabhängigkeit auch gegenüber den Inserenten der Zeitung. Spannend, präzise und aufschlussreich wird über das Ergebnis der Recherche berichtet.

Kurzbiographien

Gezeichnet: döp - Suska Döpp

Geboren am 16. Mai 1965 in Münster.

Nach dem Abitur 1985 und einem dreijährigen Aufenthalt in Australien und Südostasien 1988 Beginn des Studiums der Judaistik, Neueren Geschichte und Osteuropäischen Geschichte an der Universität Köln; Abschluss: 1997 Magister Artium.

Auszeichnung und Veröffentlichung der Magister-Arbeit zum Thema "Jüdische Jugendbewegung in Köln 1906-1938".

Erste journalistische Erfahrungen als freie Mitarbeiterin in der Lokalredaktion der Kölnischen Rundschau und bei den Köln-Seiten der evangelischen Kirchenzeitung Der Weg.

Seit Oktober 1999 Volontariat in der Nachrichtenredaktion der Kölnischen Rundschau.

Gezeichnet: mft - Jens Meifert

Geboren am 6. November 1969 in Bielefeld.

Nach dem Abitur von 1992 bis 1997 Studium der Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Politik und Massenmedien an der Universität Duisburg.

Auszeichnung und Veröffentlichung der Diplomarbeit "Bilderwelten. Symbolik und symbolische Politik im Prozess der politischen Kommunikation".

Erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter u. a. bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, Essen, in der Redaktion Duisburg.

Von 1998 bis 2000 Volontariat bei der Kölnischen Rundschau. Seitdem Redakteur im Nachrichtenressort mit den Arbeitsschwerpunkten Reportagen und Porträts.