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Prämierter Text

Ackermanns Traum

Von Silke Lambeck

Hoch über Berlin, wo das Tosen der Stadt nur noch von Ferne zu hören ist und der Himmel fast so weit ist wie am Meer, leuchten Dahlien im Oktoberlicht. Nach rechts reicht der Blick über die alten Häuser und die Plattenbauten bis zum Alexanderplatz und den Treptowers, nach links streift er die Neubau-Blöcke am Kottbusser Tor, verliert sich zwischen roten Dächern und Satellitenschüsseln und endet in einem diffusen Blau, das noch Stadt oder schon das Ende des Horizonts sein könnte. Irgendwo schlängelt sich die Hochbahn dazwischen, dahinter fließt der Landwehrkanal. Von hier oben wirkt die Stadt, als gäbe es elf Stockwerke tiefer keine stinkenden Urinlachen auf der Straße. An den Wänden keine braunen Blutflecken von den Fixern, die sich wie scheue Tiere in den Fluren ihres Baus verstecken. Von hier oben, wo die Wandelröschen und die Birken im milden Herbstwind wiegen, ist nicht der Lärm streitender Paare und schreiender Kinder zu hören, und die Sperrmülldeponien auf den Balkonen stören nicht. Um genau zu sein, ist das Zentrum Kreuzberg von seinem Dach aus nicht zu sehen.

Hier wohnt Horst Wiessner seit 26 Jahren. Wiessner ist 78 Jahre alt. Er hat vier Kinder, 14 Enkel und 26 Urenkel, und wirkt nur deswegen nicht wie ein Patriarch, weil seine zarte Konstitution und sein dünner, grauer Pferdeschwanz diese Assoziation verbieten. Unlängst hat Ackermann es ihm schriftlich gegeben, dass er für sein Stück Dachgarten nie wieder Miete zahlen muss. Peter Ackermann hat das Glück der schönen Aussicht eher selten. Ackermann bewegt sich in den Niederungen des Gebäudes.

Wiessner ist mit Ackermann durch ein Haus verbunden, das vier Postanschriften, 300 Wohnungen und 1.000 Bewohner aus einem guten Dutzend Ländern aufweist, zwischen Skalitzer- und Adalbert-, Dresdner- und Reichenberger Straße liegt und acht Mark netto kalt pro Quadratmeter kostet. Die Wohnungen liegen hinter angeschmuddelten weißen Platten. Alle Balkone gehen nach Süden. Auf manchen stehen gleich drei Satellitenschüsseln. Die Laubengänge gen Norden geben den Blick auf geklinkerte Hinterhöfe und begrünte Dächer frei. Die in den Altbauten wohnen, blicken auf eine Burg, die alles in Schatten taucht, was ihr zu nahe ist. Durch ein solches Haus verbunden zu sein, kann zu großer Feindschaft führen. Oder zum Gegenteil. Wiessner sagt: "Ich bin der größte Fan von Herrn Ackermann."

Eigentlich könnte dies eine herzerwärmende Geschichte werden. Eine Geschichte, die über den Beginn einer Freundschaft handeln könnte, die Kraft der Hoffnung und die wundersamen Momente des Lebens, in denen genau die richtige Mischung an Zufällen zusammenkommt, um ein kleines Wunder entstehen zu lassen. Da in dieser Geschichte leider auch menschliche Ignoranz, Kreuzberger Kahlschlagsanierung und eine völlig verfehlte Drogenpolitik vorkommen, kann für ihr gutes Ende nicht garantiert werden. Aber beginnen wir am Anfang.

Anfang der 70er-Jahre, als auch im Westen Neubaueuphorie herrschte, ließen sich zwei Immobilienkaufleute einen Bau der Superlative einfallen. Sie kauften 29 Grundstücke am Kottbusser Tor, rissen die noch verbliebenen Altbauten ab und begannen, das "Neue Kreuzberger Zentrum" zu planen. Dass dieser Name sich in ein ebenso hässliches wie eindeutig interpretierbares NKZ abkürzen ließ, übersahen sie. Schließlich sollte das Neue Kreuzberger Zentrum so etwas wie das Europa Center Kreuzbergs werden - sauber, komfortabel, bezahlbar. Schöner Wohnen auf Sozialdemokratisch. Sie dachten sich ein waghalsiges Finanzierungsmodell aus öffentlichen und privaten Mitteln aus, das den 74-Millionen-Mark-Bau zur passenden Abschreibung für westdeutsche Zahnärzte und Steuerberater machte. "Auch Kreuzberg bekommt sein Glitzerding", schrieb die Welt. Tatsächlich hatte man die Altbauten in der Umgebung über Jahre derart verkommen lassen, dass viele alte Kreuzberger gerne aus feuchten und verkommenen Wohnungen in das keimfreie Ambiente der Neubauten ausweichen wollten. So wie Horst Wiessner, der in der Oranienstraße lebte und als Drucker und Schriftsetzer arbeitete.

Wiessner war der erste Mieter im "Neuen Kreuzberger Zentrum" und sicherte sich seine Wohnung 1974 durch unbefugtes Betreten. Der 11. Stock war zwar gebaut, nicht aber im Bauplan eingetragen, so dass er als einziger Interessent die Bautreppe bis zum Ende hochkletterte und den überwältigenden Blick aus den Fenstern seiner Wohnung sah. "Wir sind in aller Eile eingezogen, weil wir solche Angst hatten, dass uns ein anderer die Wohnung wegschnappt", sagt er. Und was sollte den Mietern nicht alles geboten werden: Kindergarten und Kaufhaus, Kino und ein Freiluft-Lesehof, Atelierwohnungen für Künstler und ein begrüntes Terrassencafé, ein Freilichttheater für Hofsänger und Leierkastenmänner.

Es kam anders. Weder wurden Dächer begrünt, noch entstanden die versprochenen schicken Läden. Einkaufspassagen entwickelten sich zu vermüllenden Ladezonen, der Spielplatz auf dem Deck des Parkhauses verkam zu einer öffentlichen Bedürfnisanstalt und wurde schließlich geschlossen. Auch in den Wohnungen zeigten sich Baumängel. Irgendwann beschloss Horst Wiessner, für sein mittlerweile als Garten genutztes Dach keinen Pfennig Miete mehr zu bezahlen - als Ausgleich sozusagen. Es war der Tag, an dem das Wasser aus der Steckdose floss. Die Gesellschafter hatten ihr Geschäft durch die Abschreibung gemacht und zeigten kein Interesse mehr an dem Bau. Nur fünf Jahre nachdem Wiessner seine schöne neue Wohnung bezogen hatte, stand das NKZ im Konkursverfahren.

Ziemlich bald darauf trat Ackermann das erste Mal auf den Plan. Er war von Beginn an als Anwalt für die Kommanditgesellschaft tätig und wurde zum Notgeschäftsführer gemacht. Nachdem das Konkursverfahren 1981 abgewendet war und die Kreditanstalt für Wiederaufbau die Schulden übernommen hatte, wurde er Beiratsvorsitzender der KG. Nicht dass ihn das Objekt besonders interessiert hätte - es war ein Job neben vielen, der regelmäßige Einnahmen sicherte. Geschäftsführer wurde ein junger Anwalt aus seiner Kanzlei für Wirtschaftsrecht. Der ließ das Gebäude weiterhin verkommen, während die ersten Mieter wieder auszogen. Dafür kamen neue Mieter. Was viele von ihnen verband, war die Tatsache, dass sie ihre Miete nicht selber zahlten.

Seit dieser Zeit ist das Wort "Erstbezieher" ein Orden, den sich Mieter wie Gabriele Warthona mit einigem Stolz selbst verleihen. Frau Warthona hat neulich errechnet, dass noch 48 Wohnungen in der Hand von Erstbeziehern sind. Diese sind meist deutsch, ihr Alter liegt deutlich über 50, und sie haben das Glück, ihre Miete selbst bestreiten zu können. Die Erstbezieher sind überdurchschnittlich häufig im Mieterbeirat engagiert, nennen die türkischen Familien ausländische Mitbewohner und wünschen sich wie Frau Warthona, dass es in ihrem Umfeld etwas multikultureller, sprich: etwas weniger türkisch zugeht. Frau Warthona ist unbedingt dafür, das Haus zukünftig wieder an solvente Interessenten zu vermieten. Mieter, die in Einkommen und Herkunft idealerweise eine gewisse Nähe zu den Erstbeziehern aufweisen sollten.

Ich merke schon, Sie fühlen sich etwas unbehaglich. Sie sind liberal und weltoffen. Ihnen wäre jeder Mieter recht.

Fairerweise ist hinzuzufügen, dass die Mieter für das Vierteljahrhundert in ihrem Haus eine ausgeprägte Zähigkeit brauchten. Die menschliche Eigenart, nur zu schätzen, wofür man zahlt, kam im NKZ seit Beginn der 80er-Jahre deutlich zum Vorschein. Müll landete neben den Papierkörben, Aufzüge wurden beschmiert, dunkle Passagen zum Reinpinkeln benutzt. Um das Maß voll zu machen, begannen bald darauf die Hausbesetzungen und die berühmten Kreuzberger Krawalle. Die Mieter standen schaudernd auf ihren Balkonen und sahen Steine fliegen und Supermärkte brennen. Im NKZ lieferten sich Polizisten und Demonstranten wilde Verfolgungsjagden. "Die spielten hier Katz und Maus miteinander", erinnert sich Horst Wiessner. In der Nacht zum Ostersonntag 1986 explodiert eine Bombe auf der Galerie des NKZ vor den Räumen der Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Elf Menschen werden verletzt, einige davon schwer.

Wo, fragen Sie, bleibt das Herzerwärmende? Sie haben Recht. Und es kommt noch schlimmer.

Die Demonstranten gingen, die Junkies kamen. Und sie blieben. Mangels Alternative entwickelte sich der Riegel am Kottbusser Tor zur Fixerstube. Die morgens auf dem Weg zur Arbeit waren, stolperten über Spritzen und angekokelte Löffel. Die abends wiederkamen, über bewusstlose Menschen. Hin und wieder waren es auch Tote, die in den Hausfluren lagen. In manchen Wohnungen wurde gedealt, in anderen versanken die Bewohner im Suff. Doch immer noch gab es genug Leute, die ihr Haus liebten. Leute wie Horst Wiessner, der inzwischen Vorsitzender des Mieterbeirats war und sich unermüdlich dafür einsetzte, aus dem verkommenen Monstrum ein bewohnbares Gebäude zu machen. Und die besser verdienenden Mieter nicht durch hohe Fehlbelegungsabgaben zu vertreiben. Wiessner putzte selbst in den Fluren, wenn es ihm zu dreckig wurde. Wenn das NKZ ein Dorf war, war Wiessner sein Bürgermeister. Ohne dass er es wusste, arbeitete die Zeit für ihn. Denn die Zeit brachte ihn Ackermann näher.

Im März 1998 gaben der heutige Senatsbaudirektor Hans Stimmann und der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus-Rüdiger Landowsky dem Tagesspiegel ein gemeinsames Interview, das in die Annalen des NKZ eingehen sollte. "Man muss den Mut haben", sagte Landowsky, "Gebäude wie das Kreuzberger Neue Zentrum oder den Sozialpalast in Schöneberg zu sprengen. Die müssen weg. Das sind Kriminalitätszentren, die kriegt man sonst nicht mehr in den Griff. Sonst kippt ganz Kreuzberg ab." Und der SPD-Politiker Stimmann pflichtete ihm bei: "Sie haben Recht. Das ist ein Tabuthema, aber vielleicht sollte man das NKZ in der Tat abreißen, das versaut die Stadt. Das ist ein sozialer Brennpunkt." Zwar musste Stimmann wenige Tage später einen peinlichen Rückzieher von dieser drastischen Forderung machen, doch Landowsky setzte noch eins drauf. In diesen Gebäuden, ließ er wenig später verlauten, "lebt nur noch eine Restbevölkerung, die nicht mehr stadttypisch ist".

Ich merke schon, Sie sind empört. Gut so. Sie sind nicht allein damit. Auch Ackermann war empört. Und natürlich Horst Wiessner.

Aus Mietern, die über Jahre schlimmste Zumutungen hingenommen hatten, waren über Nacht Asoziale geworden. Restbevölkerung. Gesindel. In einer Presseerklärung brachte der Mieterbeirat "Wut und Empörung" über die Äußerungen Landowskys zum Ausdruck. Die Bewohner forderten eine Bewachung des Hauses und eine Änderung der Belegungspolitik zugunsten von selbst zahlenden Mietern. Sie geißelten die verfehlte Drogenpolitik des Senats, die die Abhängigen in die Wohnanlage treibe. Nur wenige Monate später wurde das Gebiet rund ums Kottbusser Tor vom Senat zum Entwicklungsgebiet "Soziale Stadt" erklärt und vor Ort wurde ein Büro installiert, in dem so genannte Quartiersmanager die Kommunikation zwischen allen Beteiligten in Gang bringen sollten. Und es kam Ackermann.

Als Peter Ackermann sich vom Beiratsvorsitz der Kommanditgesellschaft Neues Kreuzberger Zentrum in die Mühseligkeiten der Geschäftsführung begab, war er 59 Jahre alt. Als Seniorpartner in der Charlottenburger Kanzlei war sein Auskommen hinreichend gesichert und es hätte keinen Grund gegeben, sich einer Mammutaufgabe wie des NKZ persönlich anzunehmen. Bis auf die Tatsache, dass Ackermanns vielleicht wichtigste Handlungsmaxime "Dann mach ich's eben selber" lautet. Es will niemand den Vorsitz des Landesjugendrings übernehmen? Dann mach ich's eben selber. Es will niemand nach Afrika gehen, um Jugendprojekte anzuschieben? Dann mach ich's eben selber. Wir haben einen schlechten Geschäftsführer im Neuen Kreuzberger Zentrum? Eben. Im Herbst 1998 übernahm Ackermann die Geschäftsführung des NKZ.

Endlich! Ackermann hat so etwas Tatkräftiges, Entschiedenes. Und in seinen olivgrünen Arbeitshosen könnte er auf dem Weg zum Ernteeinsatz nach Nicaragua sein. Wenn Sie nicht wüssten, dass Ackermann eine Maisonette-Wohnung in Charlottenburg bewohnt, würden Sie ihn glatt für einen alten Kreuzberger halten.

Ackermann kannte das Gebäude bis dahin vor allem aus Papieren und Bilanzen. Jetzt machte er sich auf den Weg nach Kreuzberg. Er betrachtete die schwere Betongalerie über der Adalbertstraße, die mit Jahrzehnten türkischer Propaganda beklebt war. Er schaute in die Passage hinter den niedrigen Gewerbeblöcken, wo die Lieferwagen der großen Märkte jeden Tag Papier, Scherben und essbaren Unrat hinterließen. Er stellte fest, dass es im gesamten Umfeld ein Dutzend Dönerläden, aber keine vernünftige Currywurst gab. Er ging in die verdreckten Flure seines Hauses und sprach mit Müttern, die ihre kleinen Kinder aus Angst vor gebrauchten Spritzen nicht mehr alleine auf die Straße ließen. Das NKZ wurde zu seinem Haus. Und Ackermann begriff, warum dieses Haus nicht mehr wettbewerbsfähig war.

Er setzte sich ein ehrgeiziges Ziel. Er wollte, dass sein Haus in Zukunft nicht besser und nicht schlechter wäre, als der Rest von Kreuzberg. Als Erstes änderte er den verhassten Namen Neues Kreuzberger Zentrum in Zentrum Kreuzberg. Er ließ ein freundliches gelb-grünes Logo entwerfen, eine corporate identity. "Das Gebäude ist wie ein Engel mit ausgebreiteten Armen, der hier steht und den Platz umfasst", sagt er.

Ackermann stellte Architektinnen, Bauleiter und Haushandwerker ein. Er setzte sich mit den Quartiersmanagern des Senats zusammen. Er schrieb einen Wettbewerb für den neuen Spielplatz hinter der Bibliothek in der Adalbertstraße aus und richtete einen Tischtennisraum im Parkhaus ein. Er ließ die Treppe über der Adalbertstraße abreißen. Er stellte dem ABM-finanzierten Malerprojekt einen eigenen Malermeister zur Seite. Er überlegte sich, mit welchen Läden man für den hässlichen Gewerbewürfel neue Kunden gewinnen könnte. Mit großen Fensterflächen und braunen Fliesenböden, fast so schön wie Terracotta. Er stellte 140 Papierkörbe auf, die jeden Tag geleert werden und ließ das Haus täglich reinigen. Er richtete eine Kinderkrippe ein, in der Mütter ihre Kinder künftig für fünf Mark in der Stunde betreuen lassen können. In den kommenden Jahren soll die Fassade erneuert und die Wasser- und Stromleitungen ausgetauscht werden. Und dann werden sie Schlange stehen, um bei ihm zu mieten. So ähnlich stellt Ackermann sich das vor.

Sie sind beeindruckt, stimmt's? Aber ganz leise fragen Sie sich auch: Wieso macht er das plötzlich? Er kannte das Gebäude schließlich auch vorher schon lange genug. Um genau zu sein, seit es gebaut wurde. Und er hat zugesehen, wie es verkam.

Sein Leben lang hat Ackermann als Anwalt die Lust an der Abstraktion gepflegt. Andere Menschen, sagt er, näherten sich mit dem Alter der Religion oder der Philosophie. "Ich werde eher kindlich. Und dazu gehört, dass ich Freude an Dingen habe, die praktisch erfahrbar sind, konkret." Jetzt stinkt, lärmt und kracht es um ihn herum, während er - natürlich abstrakte - Theorien darüber entwickelt, dass die Mieter den Wert eines Hauses ausmachen. "Aus meiner Sicht gehört das Haus den Mietern, ohne jeden Zweifel. Aber solange die das nicht verinnerlicht haben, schmeißen die ihren Müll statt in den Müllschlucker auch mal aus dem Fenster. Oder füttern die Tauben mit ihrem Brot, ohne daran zu denken, dass die das gemeinschaftliche Eigentum von morgens bis abends vollkacken."

Ein vollgekacktes Haus lässt sich schwer in den harten Wettbewerb schicken, findet Ackermann. Und er weiß, dass das Zentrum Kreuzberg in ein paar Jahren konkurrenzfähig sein muss, spätestens, wenn die öffentliche Förderung ausläuft. Er scheut sich nicht, 100 Mark Gewerbemiete für den Quadratmeter zu verlangen, wo er das für angemessen hält. Mit der Moschee befindet er sich in einem Rechtsstreit über die Betriebskosten. Es ist auch nicht so, dass Ackermann keine Gegner hätte. Es ist nur sehr schwer, welche zu finden. Und wenn, beschweren die sich höchstens darüber, dass es nicht schnell genug geht mit den Verbesserungen. Das findet Ackermann gut. "Ich bin der ungeduldigste Mensch der Welt", sagt er. "Und wenn ich das nicht wäre, wären wir längst nicht so weit."

In den Fluren riecht es mittlerweile nach Putzmitteln. Die ersten Läden sind umgebaut. Doch es geht ihm nicht nur darum, ein bisschen Farbe zu verpinseln. "Die Leute merken, dass ich die Dinge hier umkrempeln will." So kündigte er der Karateschule ("Wer braucht so was schon?"), um die Räume einem Gründerprojekt für Immigrantinnen zur Verfügung zu stellen. In Zukunft möchte er mindestens 20 Prozent der Geschäfte an Frauen vermieten. Er möchte, dass dann auch die Türkinnen zum Vorschein kommen, die sonst nur in ihren Wohnungen sitzen und seit 20 Jahren kein Deutsch sprechen. Die anderen, die modernen türkischen Frauen nämlich ziehen weg, weil sie Angst haben, dass ihre Kinder in Kreuzberger Schulen kein vernünftiges Deutsch mehr lernen.

Hm, höre ich Sie sagen. Vielleicht übernimmt er sich etwas. Es ist eine Sache, ein Haus zu renovieren. Aber eine ganz andere, Menschen ändern zu wollen. Hoffentlich ist er am Ende nicht enttäuscht.

Ackermann steht unter Beobachtung. Mit Wohlwollen registrieren Herr Wiessner und Frau Warthona die frisch gestrichenen Flure und die glänzend hellblauen und grünen Türrahmen. Weniger Wohlwollen findet Ackermanns rigorose Weigerung, die Drogenabhängigen mit Wachschutz zu vertreiben. "Die Politiker sagen: Wir müssen die Fixer vertreiben. Und als Nächstes vertreibe ich die Leute mit AIDS, mit Husten und Schnupfen oder die Katholiken?" Hinzukomme, dass auch einige seiner Mieter einen wenig Vertrauen erweckenden Eindruck machten. "Das sind dann die ersten, die sich beschweren, wenn sie vom Wachschutz dumm angemacht werden." Horst Wiessner sagt: "Wir brauchen den Wachschutz." Er plädiert für Druckräume, eine Lösung, die der Senat nicht will. Was den Druckraum angeht, hat auch Ackermann schon weitergedacht. Er könnte einen Verein gründen, er wird mit der Sozialstadträtin von Kreuzberg sprechen und man wird doch mal sehen, ob er das Geld für einen solchen Raum nicht privat beschaffen kann. "Zur Not nehme ich halt mein eigenes."

Können Sie sich vorstellen, wie gut solche Ideen bei den Herren der Kommanditgesellschaft ankommen?

Celalettin Aktürk lebt und arbeitet seit knapp 20 Jahren im Zentrum Kreuzberg und fühlt sich "nicht wie ein Mieter, der hier nur für eine begrenzte Zeit bleibt". Seine sechsköpfige Familie ist gerade innerhalb des Hauses in zwei nebeneinander liegende Wohnungen gezogen, in denen jene grundlegende Ordnung herrscht, die sich nicht durch schnelles Aufräumen herstellen lässt. Die Ordnung, die Aktürk gerne im ganzen Haus sähe. Weil er ein Mann des Ausgleichs ist, hat es der 41-Jährige innerhalb des Mieterbeirats übernommen, weniger einsichtige Mitbewohner auf Defizite im Sauberkeits- und Sozialverhalten aufmerksam zu machen. "Ackermann möchte, dass sein Kind ein anderes Bild nach außen abgibt", sagt Aktürk. "So, dass es auch netter angesehen wird." Auch Aktürk hatte Zeiten, in denen er überlegte, aus dem Zentrum auszuziehen. Und tatsächlich stand er eines schönen Tages in Spandau, um sich eine Wohnung anzugucken. "Aber ich habe mich da so fremd und einsam gefühlt, als ob das Leben gar nicht stattfindet." Als er zurückfuhr nach Kreuzberg und von weitem seinen Koloss sah, ging ihm das Herz auf. "Das ist mein Zuhause. Es gibt hier keine schönen Bäume. Aber ich lebe hier. Und ich liebe auch die Alkoholiker und die Kranken. Sie gehören zu meiner Gesellschaft."

Es scheint, dass alle an einem Strang ziehen. Und auch die Politik kümmert sich endlich wieder um das verkommene Stück Stadt. Sogar persönlich.

An einem sonnigen Nachmittag im Herbst besucht Staatssekretär Frank Bielka das Zentrum Kreuzberg. Er ist für Bauen, Wohnen und Verkehr zuständig. Ein viel beschäftigter Mann, der kurze, präzise Fragen stellt, und ebensolche Antworten erwartet. Der Staatssekretär lebt seit vielen Jahren in der Berliner Lokalpolitik - deshalb liegen ihm die Zwischentöne nicht mehr. Falls sie das jemals getan haben. Bielka eilt durch das Zentrum. Er ist schneller als Horst Wiessner, der sich zur Feier des Tages mit dunklem Binder ausstaffiert hat; er ist schneller als Peter Ackermann, der an diesem Nachmittag genau wie der erfolgreiche Wirtschaftsanwalt aussieht, der er die meiste Zeit seines Lebens war. Eigentlich eilt Bielka nicht. Er flieht.

Er flieht vor der Liste, die Wiessner mitgebracht hat - sie enthält 42 Positionen und beschreibt im Detail, an welchen Stellen an diesem Tag Spritzbesteck herumliegt, wo die Fahrstuhlspiegel zerschlagen sind und welche Graffiti die Wände schmücken. Bielka flieht vor seinen Quartiersmanagern, die ihm erklären, dass sich aus Malerprojekten nicht in jedem Fall feste Arbeitsverhältnisse ergeben, wenn die eingestellten Leute das Arbeiten seit Jahren nicht gewohnt sind. Er flieht davor, zu hören, dass auch ein Wachschutz nicht die perfekte Idee ist, um die Bewohner vor Ärger zu schützen. Am liebsten würde er das ganze Zentrum Kreuzberg abschütteln, wie sich ein Hund das Wasser aus dem Fell schüttelt. Hinterher wird er einen zeitlos schönen Satz formulieren: "Ich habe das Gefühl, dass wichtige Schritte eingeleitet worden sind."

Ackermann steht an diesem Nachmittag auf der Adalbertstraße und redet über plaudernde Mütter und spielende Kinder; er sieht ein sauberes Einkaufszentrum vor sich und einen modischen Schuhladen; oben, über der Straße, ahnt er das schön beleuchtete Restaurant, in dem sich die Bewohner seines Hauses treffen. Er erzählt von dem Bolzplatz, der vor dem Parkhaus entstehen soll, und schwärmt vom guten Milchkaffee, den er bald im Café Aktuell wird trinken können. Ackermann sagt: "Es wird einen Tag geben, wo wir den Gedanken nicht mehr abwegig finden, hier selber eine Wohnung zu nehmen." Horst Wiessner schaut elf Stockwerke höher in die Herbstsonne und sagt: "Ich sehe es als Verpflichtung, aus dem Haus was zu machen. Mit Herrn Ackermann kann ich hier vieles erreichen." Und während die Junkies vor der Sparkasse müde auf ihren Bänken hängen, während der frisch gepflasterte Platz sich langsam in die allnachmittägliche Müllhalde verwandelt und in Aktürks Dönerladen die Jugendlichen Schlange stehen, denkt der über Ackermann nach. "Vielleicht schafft er nicht alles", sagt Aktürk. "Aber er versucht es."

Ich habe Ihnen gleich gesagt, dass die Sache nicht so einfach ist. Aber seien Sie nicht ungerecht: Die Chancen für ein Happyend stehen fifty-fifty. Und mehr als ein halbwegs gutes Ende kann man vom wirklichen Leben nicht verlangen.

Berliner Zeitung

Nr. 252 vom 28./29. Oktober 2000

Bewertung der Jury

Silke Lambeck erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2001 in der Kategorie "Lokales" für den Beitrag "Ackermanns Traum", erschienen in der Berliner Zeitung am 28./29. Oktober 2000.

In brillanter Weise erzählt die Autorin die Geschichte eines Kreuzberger Hauses, das einst mit großen Hoffnungen erbaut wurde, dann aber zusehends verkam. Es ist aber auch die Geschichte eines Mannes, der mit Mut und Phantasie das Haus aus seiner Traurigkeit zu reißen versucht, um es zu neuem Leben zu erwecken - weil er an den Stadtteil Kreuzberg und an die Menschen glaubt.

Die Geschichte hat bleibt offen, weil die Chancen - wie bei so vielen Dingen im Leben - fifty-fifty stehen, wie die Autorin zum Schluss bemerkt. Hier wird in Recherche und Schreibe Lokaljournalismus der besten Art deutlich.

Kurzbiographie

Gezeichnet: Silke Lambeck

Geboren am 18. April 1964 in Essen.

Nach dem Abitur Studium der Germanistik und Theaterwissenschaft in Berlin; Abschluss: 1990 Magister Artium. Während des Studiums erste journalistische Erfahrungen beim Zweiten Deutschen Fernsehen in Mainz und im ZDF-Studio Berlin.

Von 1990 bis 1992 Stabsreferentin bei der Berliner Senatsverwaltung für Bundes- und Europa-Angelegenheiten.

Von 1992 bis 1994 Volontariat bei der Berliner Zeitung.

Ab 1995 freie Journalistin mit den Arbeitsschwerpunkten Gespräch, Porträt und Reportage; unter anderem für die Zeitschriften Brigitte und Marie-Claire sowie für die Wochenzeitungen Die Zeit, Hamburg, Die Woche, Hamburg, und die Weltwoche, Zürich.

Seit 1998 freie Dozentin für die Stilform "Porträt" in der Journalistenausbildung bei Klett/WBS.

1997 ausgezeichnet mit dem Journalistenpreis des Märkischen Presse- und Wirtschaftsclubs.