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Rede von Rolf Terheyden anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 9. Oktober 2001 in Bonn

Dies ist ohne Zweifel eine Premiere. Die feierliche Verleihung der Theodor-Wolff-Preise 2001 findet an einem für alle Deutschen historischen politischen Ort statt. Hier im Palais Schaumburg wurden vor einem halben Jahrhundert die Weichen für eine Politik gestellt, die der damals jungen, noch misstrauisch betrachteten Bundesrepublik Deutschland den Weg nach Europa ebnete.

Hier residierte nicht nur Konrad Adenauer. Hier arbeitete auch Professor Walter Hallstein, der als erster Präsident der EWG-Kommission in die Geschichte einging; das Hallstein-Zimmer ist noch immer eine Attraktion in diesem Haus.

Ich bin der Bundesregierung, vertreten durch Frau Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, sehr dankbar, dass sie uns das Palais für diese Feier zur Verfügung stellte. Und ich danke der Verlegerfamilie Neusser und dem Bonner "General-Anzeiger" ganz herzlich für ihre Einladung nach Bonn und für die exzellente Vorbereitung dieser Veranstaltung.

Theodor Wolff, der große Chefredakteur des "Berliner Tageblatts" und Namensgeber dieses Journalistenpreises, ist in seinen Pariser Korrespondentenjahren von 1894 bis 1906 für sein Denken in europäischen Kategorien inspiriert worden.

Wolff, ein Mann der Kultur und ein Freund der Künste, trat schon 1897 in einem großen Essay für eine vorurteilslose Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich ein. So gesehen handeln wir ganz im Sinne von Wolff, wenn wir uns heute in dieser durch und durch europäisch gesinnten deutschen Stadt Bonn versammelt haben. Ging doch von der ehemaligen Bundeshauptstadt nach 1945 die deutsch-französische Verständigung aus.

Mancher von uns tut sich mit dem literarischen Stil der Leitartikel und Kommentare von Theodor Wolff etwas schwer. Und das ist nicht verwunderlich: Seine Beiträge atmen den Geist einer anderen Zeit. Er war im Übrigen eben auch für Vielfalt in der Sprache. Ihm schien eine Pädagogik, die "alles auf einen Stil" bringen möchte, falsch.

Ich freue mich, dass wir heute wieder eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten für herausragende Arbeiten im Geiste Theodor Wolffs ehren können. Die Preisträger kommen von Zeitungen unterschiedlichster Größenordnung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ein Beispiel für einen vitalen Journalismus gegeben haben. Sie haben es vollbracht, die Phänomene, die Sachen selbst zum Sprechen zu bringen. Sie haben damit eigene Akzente gesetzt

  • wider den Ungeist eines oberflächlichen Verdachts,
  • wider Vermutungsjournalismus und
  • wider eine Konstruktion von vermeintlicher Wirklichkeit.

Sie regen damit zum permanenten Nachdenken über Inhalt und Qualität der deutschen Zeitungspresse an.

Die internationale Lage seit den terroristischen Anschlägen von New York und Washington am 11. September stellt auch den Journalismus vor eine neue Spannungssituation. Wer von uns reagierte nicht geschockt, ja sprachlos? Und gleichzeitig wusste doch jeder, der mit dem Verfassen, Kommentieren und Verbreiten von Nachrichten zu tun hat, das wir in kürzester Zeit Worte für diese unfasslichen Ereignisse finden mussten. Denn unsere Leser, unser Publikum erwarteten Aufklärung und Information. Und ich wage zu behaupten:

Die Zeitungen wie die Medien überhaupt haben diese Herausforderung mit Bravour bestanden. Es gab sie eben nicht, die falschen, lauten Töne, den unreflektierten Schrei nach Vergeltung, koste es, was es wolle.

Einmal mehr bewies sich die Stärke des gedruckten Worts: Denn von den Zeitungen kamen die wichtigen Momente der Reflexion und Einordnung, die Fernsehen und Hörfunk unter dem Druck der permanenten Live-Berichterstattung nicht leisten konnten. Hier waren sie zu finden, die Appelle zur Nachdenklichkeit, die in aufgeregten Zeiten wie diesen, in denen sich die Informationen – und auch die Falschinformationen - überschlagen, so wichtig sind.

Ganz zweifelsohne werden wir es angesichts der weiteren Entwicklung auch wieder mit Zensur und Nachrichtensperren zu tun haben. Wir werden auf das angewiesen sein, was uns die militärischen Sprecher zu sagen haben. Und das dürfte - ich sage das ganz wertfrei - interessenbestimmt sein.

Faktengenauigkeit wird sich so schnell nicht ergeben; das war im Golfkrieg so, und das war auch so während des Kosovo-Konflikts. Über jeder vermeintlichen Wahrheit wird, um Theodor Wolff zu zitieren, "noch ein letztes Vielleicht schweben". Und dieses "Vielleicht" muss auch dem Publikum vermittelt werden. Journalisten stehen in dieser Auseinandersetzung täglich vor einem ethischen Dilemma und vor der Gefahr, "vereinnahmt" zu werden. Vermutlich ist das für deutsche Journalisten die heikelste Situation seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auch der Deutsche Presserat, das Selbstkontrollorgan der Presse, hat uns aufgefordert, besonnen und kritisch zu bleiben. Die Medien dürften bei der Berichterstattung über Terroranschläge keine Feindbilder aufbauen. Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit seien oberste Gebote der Presse.

Diesen Appell sollten wir Medienmacher uns immer wieder vor Augen halten. Nicht nur, wenn es um Extremsituationen geht, sondern täglich. Zu leicht ist manchmal die Verführung des schnellen Urteils. Die Sebnitz-Affäre im Herbst vergangenen Jahres, um einen besonders krassen Fall von Fehlverhalten herauszugreifen, hat bei vielen Menschen das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Medien erschüttert. Diesen Vertrauensverlust gilt es aufzuarbeiten: durch noch mehr Sorgfalt in der Recherche und noch mehr penible Quellenüberprüfung.

Recherche muss immer ergebnisoffen sein. Eine Binsenwahrheit. Ja, natürlich. Aber eine, an die immer wieder erinnert werden muss. Es ist auch in der Zeit nach Sebnitz zu bedauerlichen Fällen von Verletzungen des Persönlichkeitsrechts gekommen. Dass im Jahr 2000 beim Deutschen Presserat insgesamt mehr als 5oo schriftliche Beschwerden eingegangen sind, sollte uns zu denken geben. Und in jedem zehnten Fall musste der Presserat eine Missbilligung aussprechen.

Das kann und darf die Verantwortlichen in den Redaktionen nicht kalt lassen. Dies zu ignorieren, hieße die gewachsene Sensibilität des Publikums zu unterschätzen. Jeder weiß, dass es - und das ist nicht auf die Publizistik beschränkt - nun mal nichts interessanteres gibt als den Menschen. Doch darf der Trend zur Personalisierung nicht dazu führen, dass elementare journalistische Grundsätze missachtet werden.

Es wäre nicht redlich, wollten wir unterschlagen, dass Journalisten in ein Räderwerk betrieblicher, wirtschaftlicher und technischer Zwänge eingespannt sind. Auch die Arbeitswelt der Journalisten hat sich verändert. Die Gründe hierfür sind:

  • umfangreichere Zeitungen, weil eine Vielzahl von ganz spezifischen Leserinteressen befriedigt werden müssen;
  • erweiterte Berichterstattung;
  • größere Redaktionen oder mehr Arbeitsanfall für einzelne Redakteure;
  • wachsender Zeitdruck und auch Konkurrenzdruck.

Systemzwänge sind ein Teil der redaktionellen Wirklichkeit. Das entbindet aber Journalisten und auch Verleger nicht von der Verpflichtung zur optimalen Gegenstands- und Wirklichkeitsnähe.

Der Einzelne hat vorrangig für das einzustehen, was er tut. Er soll zwar die "Systemzwänge" erkennen, aber er darf sich nicht hinter dem "System" verstecken. Dies erfordert starke Charaktere! Solche Charaktere lassen sich am ehesten heranbilden und fördern, wenn Verlag und Redaktion das als ihre gemeinsame Aufgabe ansehen. Das bedeutet: Freiraum schaffen und Freiraum erhalten für unterschiedliche Begabungen und Temperamente. Die Zeitung, will sie eine Qualitätszeitung sein, braucht sie alle: die Macher, die begabten Techniker, die Kunsthandwerker und die Künstler, die Generalisten und die Spezialisten.

Die Verlage, aus denen unsere Preisträger kommen, haben bewiesen, dass sie den Mut haben, solchen unterschiedlichen Naturen den Rücken frei zu halten. Voraussetzung ihres Erfolgs ist nicht zuletzt eine gute und differenzierte Aus- und Weiterbildung in unseren Verlagen und journalistischen Bildungsorganisationen. Dies wollen wir weiter optimieren. Und auch der Preis, den wir heute hier vergeben, ist ein Ausweis der hohen Qualifikation unserer Journalisten – ungeachtet der Größe der Redaktionen oder des Namens der Zeitungen, für die sie schreiben.

Es wird in den kommenden Jahren für die Zeitungen noch mehr als bisher darauf ankommen, sich über den Tag hinaus den Zukunftsfragen zuzuwenden. Es gilt über Menschen, Bewegungen und Tendenzen zu berichten, die im Moment vielleicht noch keine entscheidende Bedeutung für die Öffentlichkeit haben, aber möglicherweise die Zukunft vorbereiten.