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Prämierter Text

Broszehls Leben

Von Jana Simon

Es sieht aus, als hätte Alfred Broszehl alles für einen letzten Spaziergang vorbereitet. Im Flur lehnt ein Gehstock in einem Schirmständer. Darüber ruhen zwei braune Filzhüte auf einer Ablage, an der Garderobe hängt ein kariertes Sakko zum Ausgehen. Detlef Kannegießer, der Nachlassverwalter, durchmisst mit ausholenden Schritten den Korridor. Es riecht nach Staub und ungelüfteten Kleidern, im Wohnzimmer liegen noch verpackte Kartons mit hellblauen Windeln - die Wohnung eines alten Mannes. Die Tapeten sind über die Jahre gelb geworden mit langsam verblassenden Blüten im Schlafzimmer und grau herunterrankenden Rosenstöcken im Wohnzimmer. Kannegießer zeigt auf die dunklen Stellen an der Zimmerdecke: "Hier wurde über 15 Jahre nicht renoviert." Es ist seine erste Wohnung heute, die erste von drei bis vier in der Woche. Er kommt und schaut, was vom Leben übrig bleibt, dann lässt er schätzen, räumen, versteigern oder verschrotten.

Detlef Kannegießer hat einen guten Blick für die Dinge; über den Menschen, der hier gelebt hat und was die hinterlassenen Gegenstände über ihn erzählen, macht er sich nur selten Gedanken. "Keine Zeit", sagt er und verschwindet in einem der Zimmer. In der Küche steht ein Schrank mit herausziehbarem Waschbecken, wie sie Anfang des vergangenen Jahrhunderts benutzt wurden. Auf dem Tisch sind die grünen Schaumstoffbehälter des mobilen Essen-Service aufgeklappt, als hätte eben noch jemand hier gegessen, hier gelebt. Über ihnen klebt ein Zettel an der Wand: "Bitte den Kuchen hier stehen lassen, da Herr Broszehl sich manchmal allein etwas davon nimmt. Also: nicht auf den Kühlschrank stellen, denn dort kommt er wirklich nicht ran. Außerdem lassen Sie ihm doch diese wenige Selbstständigkeit!!!" Alfred Broszehl konnte ihn am Ende nicht mehr lesen, in seinem linken Auge saß der graue Star, das Laufen bereitete ihm große Schmerzen, er war gestürzt vor ein paar Jahren, hatte sich die Hüfte angebrochen. In seinem Bein steckten fingerlange Schrauben, eine von ihnen bewahrte er zusammen mit seinem Portemonnaie bei den Wertsachen im braunen Büfett seines Schlafzimmers auf, oberstes Fach, links.

Viel zu tun, hatte er nicht mehr, in seinen letzten Jahren sprachen andere für ihn: die Zettel in der Küche, das Buch am Eingang seines Schlafzimmers, in dem sich die Krankenpfleger mit der Haushälterin unterhielten: "Bitte noch Pflegecreme besorgen", steht dort am 26. Oktober 1999. Es ist der letzte Eintrag. Am 4. November wurde Alfred Broszehl 97, seinen Geburtstag feierte er nicht mehr in seiner Wohnung Wörther Straße 29 in Spandau, sondern im Krankenhaus. Er ist nicht mehr zurückgekehrt. Bei ihm zu Hause lehnt noch seine Krücke am Küchentisch, die Ersatzkrücke. Die Zweite stand sonst immer ganz in der Nähe des Sessels im Schlafzimmer, gut erreichbar zu seiner Rechten. Sie ist im Krankenhaus geblieben. Mit ihr hat er sich aus dem Sessel herausgehoben und die wenigen Schritte, die er noch gehen konnte, gewagt, manchmal hat er es bis in die Küche und zu dem Tisch mit dem Kuchen geschafft. Oft hatte er nicht mehr die Kraft und blieb im Sessel sitzen.

Dieser Sessel, gelbbraun gemustert mit Korbarmlehnen, war in der letzten Zeit der Mittelpunkt seines kleinen Universums, sein Begleiter beim Übergang vom Leben zum Tod. Ein grünes Polster dient als Rückenlehne, und weiße Kissen schützen die Sitzfläche. Irgendwann in den Fünfzigern muss er ihn mit einer dazu passenden Kippcouch erworben haben. Dem Sofa trauerte er lange nach, nachdem seine Betreuerin ihm eines dieser neumodischen Krankenbetten besorgt hatte. Bis zum Schluss fand Alfred Broszehl nur schwer Schlaf auf der modernen Matratze. "Er vertraute ihr nicht, er hatte Angst herauszufallen", sagt seine Haushälterin, die ihn die letzten zwei Jahre seines Lebens drei Mal in der Woche besuchte. Vielleicht saß der alte Herr deshalb fast immer auf dem Sessel, manchmal bis drei Uhr morgens. Bis in die Nacht schaute er "Derrick", "Die Zwei", manchmal Sport.

Vom Sessel aus hatte er einen guten Blick auf den Fernseher, die Tür und auf ein durch die Zeit bräunlich gefärbtes Foto an der gegenüberliegenden Wand. Darauf steht eine junge Dame Mitte zwanzig mit dunklem Bubikopf in einem weißen Kostüm. Sie lehnt an einem Pult und lächelt ein bisschen auffordernd in die Kamera: seine Frau Margarete. Nach ihrem Tod 1990 ist Alfred Broszehl in das kleinere der beiden Zimmer gezogen. Vielleicht schien ihm die Wohnung zu groß für ihn allein. Seitdem stand er jeden Tag mit ihrem Bild auf und ging jeden Tag mit ihm ins Bett. Manchmal weinte er, wenn es betrachtete. Sie waren noch so jung, und alles war schon so lange her.

"Am Ende war er ein bisschen sentimental", sagt seine Haushälterin. Das Foto hängt nicht mehr. Jemand hat es mitgenommen. Nur der Nagel steckt noch in der Wand. Nachlassverwalter Kannegießer geht an ihm vorüber, ohne ihn zu betrachten. Für ihn ist Broszehl "ein normaler Fall", sagt er. Normal heißt für ihn, der Mann hielt seine Papiere zusammen, hatte ein Girokonto und bezog regelmäßig Rente. Kannegießer läuft zielgerichtet zum braunen Büfett, zieht die obere linke Schublade ein Stück hervor und tastet mit seiner Hand unter den Boden. Vielleicht hat Broszehl hier ein paar Scheine hinterlassen. Hat er nicht. Bis auf das Foto ist alles geblieben wie an dem Tag, an dem Alfred Broszehl das letzte Mal nach fast siebzig Jahren diese Wohnung in Richtung Krankenhaus verließ. Er hat sie schon lange davor nicht mehr verlassen können. Die Beine, der Magen machten Probleme, am Ende war er inkontinent, hatte einen Vormund, eine Haushälterin, die Krankenpflege kam täglich vorbei. Der Traum vom letzten Sparziergang ist ein Traum geblieben. Die Hüte und der Ausgehanzug an der Garderobe blieben unbenutzt, doch die Haushälterin musste sie zweimal in der Woche abbürsten. Noch schlimmer als der Gedanke, nie mehr allein die Wohnung verlassen zu können, war wohl die Vorstellung, sich mit einem staubigen Jackett in der Öffentlichkeit zu zeigen. Alfred Broszehl legte Wert auf sein Äußeres, davon erzählen die gepflegten Lederschuhe, Marke Sioux, Größe 9 1/2 in der Küche, die gebügelten Baumwolltaschentücher im Schrank, die Auswahl von Anzügen im Schlafzimmer. Kleine Denkmäler der Eitelkeit.

In der Nähe seines Sessels hatte er einen Spiegel postiert. Mehrmals am Tag holte er ihn hervor und begutachtete sein Ebenbild. In der Erinnerung der Haushälterin nahm er etwas "fit-Haarcreme" vom Büfett neben sich, um seine grauen Haare glatt nach hinten zu fetten. "Kein Haar durfte sich mehr regen", erzählt sie. Sie musste ihm sogar die Augenbrauen in Form schneiden.

Auf den Fotos, die er im braunen Büfett ganz unten lagert, trägt er immer einen gut sitzenden Zweireiher mit Einstecktuch. Den Rücken hält er durchgedrückt, die Arme gestreckt nach unten. Sein Gesicht ist scharf geschnitten mit einer langen Nase und zwei zur Seite geneigten Ohren. Er schaut ernst in die Kamera, die Lippen ein wenig aufeinander gepresst, als sei es ihm unangenehm, fotografiert zu werden. Er sieht schick aus, aber auch etwas unbeweglich, streng. Nur auf einem Foto aus den dreißiger Jahren lächelt er einmal, den Mund weit offen.

Alfred Broszehl hat in dieser Wohnung fast ein Jahrhundert verbracht. Sein Leben steht für eine andere, eine aussterbende Generation. Eine Generation, die selten umzieht. Seine Wäsche hängt noch immer im Wohnzimmerschrank. Daneben steht das alte Ehebett, groß wie eine umgekippte Schrankwand und mit integriertem Radio. Man kann sich vorstellen, wie sie es gekauft haben, Alfred und Margarete Broszehl, vor 50 Jahren. Es muss schick gewesen sein, beim Einschlafen Musik zu hören. Sonst gibt es kaum Hinweise auf seine Frau, nur das Bild an der Wand und die Fotos in den Alben zeugen von ihrer Existenz. Keine Kleider, kein Schmuck. Die Haushälterin erzählt, dass es mal einen Streit in der Familie gegeben habe, dann sei ein Verwandter vorbeigekommen und habe all ihre Sachen mitgenommen.

Nachlassverwalter Kannegießer vermutet, Broszehl habe ihre Sachen weggebracht. Er steht im Schlafzimmer mit einer Liste, auf der er alle Gegenstände und Unterlagen notiert, die sich beim "Iststand Tod" in der Wohnung befinden. Es geht diesmal ziemlich schnell. Er mustert das Büfett genau, den Kühlschrank kurz, die Waschmaschine flüchtig. Das war's.

Die Broszehls müssen sich in den Zwanzigern kennen gelernt haben. Auf einem Foto sitzt sie, die Haare bis ans Kinn und seitlich gescheitelt, an einem Tisch und schaut ihn verliebt an. Eine Flasche Sekt steht zwischen ihnen, um sie herum hängen Luftschlangen aus Papier. Fasching? Verlobung? Eine Heiratsurkunde lässt sich nicht finden, aber ein vergilbter Meldezettel für die Wörther Straße aus dem Jahr 1935 liegt im Büfett. Sie haben sich als Eheleute eingetragen.

Unter der Masse von Blättern ist auch ein braunes "Arbeitsbuch" mit Hakenkreuzen auf dem Umschlag begraben. Aus ihm geht hervor, dass Alfred Broszehl von 1917 bis 1921 in Spandau Schlosser gelernt hat und ab 1927 bei Siemens im Schaltwerk gearbeitet hat. Hinter die jeweilige Tätigkeit hat Broszehl mit schwarzer Tinte die Arbeitszeit ("1945, tägl. 8 Stunden") in altdeutscher Schrift eingetragen. Die Buchstaben sehen aus wie gemalt, leicht nach rechts geneigt, und die Schnörkel sitzen perfekt. Kein Zweifel, Alfred Broszehl war ein gewissenhafter Mann. Die Papiere vom Taufschein bis zur Sterbeurkunde zeigen: Alfred Broszehl hat sein ganzes Leben in Spandau verbracht und vierzig Jahre bei Siemens gearbeitet. Der Nachlassverwalter wirft nur einen kurzen Blick auf sie und geht weiter.

Alfred Broszehl erzählte seiner Haushälterin oft vom alten Spandau, als es noch zu Brandenburg gehörte, er sprach über Pferdekutschen und Kindheitsabenteuer im Spandauer Forst, wo er vor den Wildschweinen floh. Über Freunde redete er nie, über seine Familie selten. Sein Vater war Sattler, und seine Mutter führte einen Tabakladen, erinnert sich seine Haushälterin. Broszehl hat alle überlebt, seine Eltern und seine beiden Brüder. Es gibt keine Hinweise auf andere Verwandte in seiner Wohnung, es ist, als hätte es keinen Menschen mehr in seiner Nähe gegeben. Nur ein Testament, ausgestellt vom "Ehepaar Broszehl", hat er in einer orangefarbenen Hülle aufbewahrt. Demnach soll eine Familie Sill aus Stuttgart alles erben. Auf einer kleinen Anrichte im Schlafzimmer liegt ein Ringblock, in dem Alfred Broszehl Adressen notiert hat. Ganz vorn steht der Name Gerhard Sill, darunter eine Adresse. Später wurde der Name mit zwei schwarzen Strichen durchkreuzt. Der alte Mann muss hart aufgedrückt haben, die Spuren des Kugelschreibers haben eine tiefe Spur auf dem Papier hinterlassen. Es wirkt, als habe er Gerhard Sill aus seinem Leben streichen wollen.

Gerhard Sill lebt zusammen mit seiner Frau in einem Reihenhaus am Rande von Stuttgart. Er ist 75, trägt einen schwarzen Kaschmirpullover, darunter ein weißes Hemd, die weißen Haare hat er glatt nach hinten gekämmt, fast wie Alfred Broszehl. Sill ist der uneheliche Sohn von Margarete Broszehl. Mit 17 hat sie ihn in Schlawe, Pommern, zur Welt gebracht. Als er ein Jahr alt war, hat Margarete Broszehl ihren Sohn verlassen und ist nach Berlin gegangen. Gerhard Sill wuchs bei der Familie seines Vaters auf. Bis er 14 alt war, wusste er nichts über die Existenz seiner Mutter. "Zu meiner Konfirmation habe ich sie das erste Mal gesehen", sagt er. Da lebte sie schon mit Alfred Broszehl zusammen. Danach hat er wieder lange nichts von ihr gehört. Es sah aus, als wolle sie ihren Sohn in der Vergangenheit zurücklassen. Wenn Sill darüber redet, werden seine Augen schmaler, er wendet sich ab und sucht ein anderes Thema.

Als Gerhard Sill 1945 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückkehrte, fuhr er direkt zu seiner Mutter nach Berlin. Er hatte die Adresse im Kopf, aber als er in der Wörther Straße ankam, war niemand zu Hause. Zwei Stunden wartete er auf der Treppe, bis seine Mutter kam und ihn fragte: "Zu wem wollen Sie"? "Ich bin dein Sohn", sagte er. Vier Wochen konnte er in der Wörther Straße wohnen. Dann hörte Sill eines Abends durch die Wand ein Streitgespräch zwischen seiner Mutter und Alfred Broszehl. Der stellte ihr ein Ultimatum: "Er oder ich." Warum sein Stiefvater ihn nicht mochte, ihn loswerden wollte, weiß Sill bis heute nicht. "Ich will es auch nicht mehr wissen", sagt er scharf.

Als Kriegsheimkehrer hatte Gerhard Sill Anrecht auf Sonderlebensmittelmarken. "Broszehl hat das Fleisch bekommen, und mir hat meine Mutter Mehlsuppe gekocht", noch heute verzieht sich sein Mund zu einem schmalen Strich, wenn er das erzählt.

Broszehl dagegen hat die Front nicht gesehen, er war bei Siemens unabkömmlich. Später hat er seiner Haushälterin erzählt, wie glücklich er darüber war. Für Sill klingt das, als habe sich Broszehl gedrückt. Dass er ihn damals 1945 rausgeworfen hat, hat er Broszehl nie verziehen. Das Verhältnis blieb über all die Jahre gleich gespannt. Die Sills fuhren ein paar Mal nach Berlin, wegen der Enkel, die Broszehls nach Stuttgart nur einmal. Wenn sie sich trafen, dann zu Feiern wie Geburtstagen oder Weihnachten. Da wurde viel gegessen und ausgiebig geschwiegen. Die Fotos, die von diesen Runden in dem braunen Büfett geblieben sind, wirken gespenstisch. Bilder von fett gefüllten Tafeln mit Wurst- und Käseplatten, rundherum sitzt die Familie und schaut auf ihre Teller.

Im Alltag schien Gerhard Sill für die Broszehls nicht zu existieren. Bei der Beerdigung seiner Mutter sagte ihre beste Freundin zu Sill: "Ich wusste gar nicht, dass Grete einen Sohn hatte." Sill erzählt das in dem Ton, wie er alles über seine Mutter und Broszehl erzählt - eine Mischung aus unterdrückter Wut und Resignation. Danach soll Gerhard Sill bei Alfred Broszehl angerufen haben, um sein Erbteil einzuklagen. Angeblich gab es Streit. Daraufhin sahen sie sich kaum, die Anrufe wurden noch seltener, und Broszehl strich die Adresse aus seinem Kalender. Außer seiner Haushälterin, den Damen von der Krankenpflege und seinem Vormund hat ihn am Ende niemand mehr besucht.

Was hat Alfred Broszehl gemacht, als er immer älter, immer kränker wurde und die Tage immer länger schienen? Es gibt kaum Hinweise auf Dinge, die Broszehl gemocht hat, mit denen er sich beschäftigte. War er ein Mann ohne Leidenschaften? Er hatte kaum Bilder an der Wand, nur einen Kalender vom Marktplatz in Wernigerode. Hinter die Tage hat er kleine Kreuze gezeichnet, um zu wissen, welches Datum gerade ist, weil er es zuletzt durcheinander brachte. Über dem Kalender hängt ein Landschaftsbild mit Bergen. Berge gefielen ihm.

Ansonsten wirkt Broszehls Wohnung fast schon unpersönlich karg. Vielleicht hat er alle Kleinigkeiten weggeworfen, vielleicht wollte er sie nicht mehr um sich haben, weil sie ihn zu sehr an das erinnerten, was er nicht mehr machen konnte. Nur unter dem Tisch neben seinem Lieblingssessel hatte er unauffällig einen pinkfarbenen Plastikkorb geschoben, darin wartet sein letzter Süßigkeitennachschub, eine Packung Schokolinsen und eine Tüte Vollmilch-Lebkuchen. Wenn er Fernsehen guckte, konnte er mit seinem rechten Arm bequem in den Korb langen. Er mochte Kalorien. Eine Coca-Cola-Flasche stand immer in Reichweite des Sessels, sagt die Haushälterin. Und auch der letzte Einkauf, der im Kühlschrank steht, deutet auf seine geschmacklichen Vorlieben: eine Dose Sprühsahne, ein Glas Tortenpfirsiche, Räucherspeckschmalz, Schweinskopfsülze, Butter und eine noch nicht geöffnete Packung Sandkuchen (Vanillegeschmack).

Der Nachlassverwalter hat die Wohnung lange verlassen. Die Männer von der Räumungsfirma sind gekommen. Sie gehen durchs Zimmer, schätzen mit den Augen die Möbel und schütteln bei den meisten den Kopf. "Nein, das nicht." Für sie hat das braune Büfett keinen Wert, das Bett mit dem Radio nicht, und auch die Fotoalben sind für sie bedeutungslos. In drei Stunden ist Broszehls Wohnung geräumt, ist eine fast hundertjährige Existenz aufgelöst, ausgelöscht. Außer den Tapeten wird nichts mehr an den früheren Bewohner erinnern. Was bleibt von Alfred Broszehl? Einige Familienfotos bei den Sills in Stuttgart, ein paar Erinnerungen im Kopf der Haushälterin, sein neuer Kühlschrank, die Waschmaschine und der Fernseher kommen ins Auktionshaus. Alles andere verschwindet im Müll. Alfred Broszehl ist tot.

Der Tagesspiegel

Nr. 17030 vom 20./21. April 2000

Bewertung der Jury

Jana Simon erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2001 in der Kategorie "Allgemeines" für den Beitrag "Broszehls Leben", erschienen in Der Tagesspiegel am 20./21. April 2000.

Jana Simon hat ein Porträt geschrieben - das Porträt eines Mannes, den sie nie gesehen hat. Alfred Broszehl ist bereits tot, als sich die Autorin in Spandau auf die Spurensuche seines Lebens begibt. Der karge Nachlass des fast 100-Jährigen ist Ausgangspunkt ihrer intensiven Recherche. Das Ergebnis ist die fesselnde Beschreibung einer unspektakulären, aber nicht untypischen Biografie des 20. Jahrhunderts.

Kurzbiographie

Gezeichnet: Jana Simon

Geboren am 3. November 1972 in Potsdam.

Nach dem Abitur ab 1992 Osteuropastudium in Berlin und London. Abschluss: 1998 Magister Artium.

Erste journalistische Erfahrungen als Praktikantin beim ZDF, in der Moskauer Redaktion des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Hamburg, bei der Berliner Zeitung und im Berliner Büro von Associated Press.

Seit 1997 freie Journalistin für die tageszeitung, Berlin, die Berliner Zeitung und Der Tagesspiegel, Berlin. Seit 1998 Reporterin beim Tagesspiegel.

2000 ausgezeichnet mit dem Alexander-Rhomberg-Preis für Nachwuchsjournalisten; ein Jahr später mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten.

2000 erschien das von ihr (mit anderen) herausgegebene "Buch der Unterschiede - Warum die Einheit keine ist" (Aufbau-Verlag).