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Prämierter Text

Neulich am See

Von Frank Schauka

Der Oderiner See wirkt wieder friedlich. Ein warmer Augustabendwind weht über das Wasser. Die Wellen glitzern im Licht der versinkenden Sonne. Sechs Kinder baden noch und lachen. Harun Rashid verharrt. Er starrt auf den Boden. An dieser Uferstelle zwischen Wald und See musste er sich niederknien. "Da vorn am Steg standen die anderen und taten so, als würden sie mich nicht hören", sagt Harun und geht weiter.

Er ist groß für einen 15-Jährigen,1,84 Meter, Schuhgröße 47, die gelverstärkten Haare sehen aus wie Igelstacheln. Der Urlaub in Bulgarien habe ihm gut getan, sagt er. Doch jetzt, zurück in Teurow, schlafe er wieder schlecht. "Man hatte zwei Wochen Ruhe und plötzlich ist alles wieder da." In den nächsten Tagen könnte Harun sogar seine Peiniger wiedersehen. Auch sie werden wohl kommen, wenn Potsdams Polizeipräsident Detlef von Schwerin den "Fall Harun" jetzt im September am Runden Tisch besprechen wird.

Ein Schwimmer trocknet sich am Ufer ab. Er blickt hinüber zu Harun und mustert ihn. Die Blicke treffen sich. Beide Jungen nicken kurz und schweigen.

Über die Bretter, die unter seinen Schritten knarren, schreitet Harun bis ans Ende des Steges und wendet seinen Blick zum Wald zurück. So stand er an dem Montagabend, als die Fische nicht anbeißen wollten. Die Angelrute hielt er aufgerollt in der Hand, weil er heim radeln wollte. Es ist fast 23.30 Uhr an jenem 24. Juli. Aus dem Wald näherte sich mit heulendem Motor ein Auto. Türen knallten, Stimmen grölten, jemand rief durch die Dunkelheit : "Da ist ja der Harun!"

Er sah zunächst nur Gestalten, fünf Umrisse, keine Gesichter. Dass es gefährlich würde, erkannte er, als Steffen J. vor ihm stand. "Allein ist der ein Würstchen, so klein", sagt Harun. Doch dieses Mal war es anders als im Winter auf dem Schulhof, als Steffen J. mit Modder warf und Harun die Angelegenheit mit einem Satz beenden konnte. "Mit mir machst Du das nicht, such dir einen anderen", hat Harun gesagt, mehr nicht.

Chris und Manuel, die Harun ebenfalls aus der Schule in Halbe kannte, standen jetzt neben Steffen J.. Sie waren aber nicht das Hauptproblem. Auch Kai, der den Wagen gelenkt hatte und vermutlich noch der Nüchternste war, hielt sich etwa eine Stunde lang zurück. Es waren auch nicht die Bomberjacke und die Springerstiefel, die den Fünften aus der Gruppe bedrohlicher machten. Die anderen waren ähnlich gekleidet.

Der junge Mann, von dem Harun erst später erfuhr, dass er Christian W. heißt, 19 Jahre alt ist und als Fleischer im A 10-Center arbeitet, sagte: "Du hast meinen Kameraden, meinen arischen Kameraden beleidigt. Du musst jetzt dafür gerade stehen, du musst jetzt mit ihm kämpfen. Eins gegen eins." Die Sache aus dem Winter war wieder in der Welt.

Harun stand still. Seine Lage war aussichtslos: Auf der einen Seite die fünf, die ihn verprügeln wollten, auf der anderen Seite die sechs, die ihm nicht helfen wollten - die, mit denen er den Abend am See verbracht hatte: Enrico, Michael, Hagen, René, Bernd und Kathrin. Sie zogen sich zurück, gingen zum Steg, stecken die Köpfe zusammen.

"Wenn ich zu ihnen geguckt habe, haben sie immer schnell weggeguckt und sich unterhalten", sagt Harun. Hagen, der sich damals mit Harun zum Angeln verabredet hatte, behauptete später, der Akku seines Handys sei leer gewesen. Hilfe herbeizurufen hat er gar nicht erst versucht. Kathrin, die wenig später allein nach Hause ging, hatte aus irgend einem Grunde die Polizei ebenfalls nicht alarmiert. Haruns Eltern auch nicht, die keine zwei Kilometer von der Badestelle entfernt wohnen.

"Ich kämpfe nicht", sagte Harun, "ihr könnt mit mir machen, was ihr wollt, ich werde mich nicht mit euch schlagen. Mit keinem." Christian W., der Fleischer, packte Harun von hinten und hielt ihn fest. Aus dem Licht der Taschenlampen, mit denen die anderen Harun blendeten, flog eine Faust. Erst boxte Steffen J. Harun ins Gesicht. Dann trat er ihn. Harun sackte zu Boden. Christian W. und Steffen J. befahlen ihm, sich niederzuknien und sich zu beschimpfen. So laut er konnte, musste er schreien: "Ich bin ein Kiffer-Schwein. Ich bin eine linke Sau! Ich bin ein Arschloch! Ich bin ein Idiot! Ich bin 'ne Zecke!" Zu solchen Sachen habe er sich bekennen müssen, sagt er. "Dann war'n sie zufrieden und sagten, ich sollte wieder aufstehen."

Anschließend redete man wieder. Bis jemand meinte: "Na, so einfach kommst du nicht davon." Harun fragte, ob sie ihn totprügeln wollten. Christian W. sagte, Harun solle mitgehen, kämpfen, eins gegen eins. Harun ging mit, stellte sich hin, die Hände in den Hosentaschen. Steffen J., schmächtig und 20 Zentimeter kleiner als Harun, durfte wieder dreschen. "Der musste seinen Freunden beweisen, dass er doch nicht der Verlierer ist, der er damals auf dem Schulhof war", meint Harun.

Anfangs, er hatte sich noch nicht an das Lampenlicht gewöhnt, traf Steffen J. ihn oft. Mit der Zeit konnte der Sohn eines deutschen Arztes irakischer Herkunft den Schlägen immer besser ausweichen.

Plötzlich ging Steffen J. zu Boden. Er war ausgerutscht. Harun rannte in den Wald, verfolgt vom Licht der Taschenlampen. "Bis zu dem Berg da oben bin ich gekommen." Die Flucht endete nach sechs Metern, weil Harun über eine Baumwurzel stürzte.

Danach ging es erst richtig los. Er wurde wieder geschlagen, getreten, als "Kanackenschwein", als "Judenschwein" beschimpft. Früher, sagten sie, zu Adolfs Zeiten, hätte er einen Stern getragen. Einer, der bis dahin noch nicht auf Harun eingeprügelt hatte, sagte: "Ich bin jetzt auch mal dran."

Harun lag am Boden. Obwohl er versuchte, mit den Armen seinen Kopf zu schützen, traf ihn ein Tritt mit einem Springerstiefel hinter dem Ohr. Auf seinem Arm, sagt seine Mutter, sei der Profilabdruck eines Stiefels noch Tage später zu sehen gewesen. Harun hat sich bei jedem Schlag und jedem Tritt gewünscht, er würde in Ohnmacht fallen. "Dann wäre Schluss gewesen." Noch war nicht Schluss.

Er musste sich erneut hinknien. Christian W. öffnete seine Hose und urinierte auf Haruns Kopf, die anderen bespuckten ihn. "Als ich ihn zu Hause sah, hatte er noch die Rotze im Haar", sagt seine Mutter.

Kai, der Autofahrer, mischte sich nach einer Stunde ein. "So", soll er gesagt haben, "jetzt habt ihr ihn genug fertig gemacht. Haut ihm noch mal ganz ordentlich eine und werft ihn in den See." Harun dachte an den Wollpullover, an die dicken Kleidungsstücke, die er trug, daran, dass sie ihn, wenn sie sich mit Wasser voll sogen, in die Tiefe ziehen könnten. Harun hatte Angst.

Sie trieben ihn in den See, und sie standen immer noch am Ufer, als er wieder aus dem Wasser stieg. Sie fragen ihn, wie er seine Wunden erklären würde, wenn sie ihn laufen ließen. Er würde lügen, antwortete er, und behaupten, er sei mit seinem Fahrrad gestürzt. Christian W. sagte ihm, er solle die anderen Linken aus Oderin und Umgebung grüßen und ihnen mitteilen, dass es ihnen bald ähnlich ergehe. Harun vernahm den Satz: "Jetzt renn um dein Leben."

Er erreichte die Straße nach Oderin. Ein Auto kam vorbei. Da ließen die Verfolger von ihm ab.

"Er wollte uns zunächst gar nicht sagen, was passiert war", schildert seine Mutter den Moment, als Harun gegen ein Uhr nachts zu Hause eintraf. Sie alarmierte die Polizei, die den Vorfall protokollierte und gegen drei Uhr den Tatort in Augenschein nahm, nachdem sie Verstärkung angefordert hatte. Darüber ärgern sich die Eltern fast so wie über den rüden Umgangston, mit dem ein Kriminalist aus Potsdam Harun anschließend vernahm. "Unser Sohn wurde wie ein Täter behandelt, nicht wie das Opfer", sagen die Eltern. Das Polizeipräsidium in Potsdam hat bereits eine interne Überprüfung veranlasst.

Potsdams Polizeipräsidenten Detlef von Schwerin liegt der "Fall Harun" besonders am Herzen. Im September will von Schwerin das Opfer und dessen Eltern, die Täter und deren Eltern, die politischen Verantwortlichen aus Oderin, dem Amt Schenkenländchen sowie dem Landkreis Dahme-Spreewald zu einem Gespräch versammeln. Zur Sprache gebracht werden soll das Schweigen nach der Tat.

"Keiner der Politiker hat sich bei uns gemeldet", sagt Frau Raschid. Nur Steffen J. erschien mit seinen Eltern am Tag nach der Tat. Er sagte, er könne sich nicht erklären, wie es so weit kommen konnte.

"Die Entschuldigung sah schon echt aus", sagt Harun, "aber er hat zwei verschiedene Gesichter. Manchmal macht er den ganz ruhigen Lieben und dann den ganz harten Großen." Wie am letzten Schultag der zehnten Klassen vor den Ferien. Da gehörten Steffen J., Chris und Manuel zu jenen, die mit Stahlhelmen, in Wehrmachtsuniformen und den weißen Gewändern des Ku-Klux-Klans durch die Grund- und Gesamtschule in Halbe marschierten. "Ich fragte: Wie seht ihr denn aus?", sagt die Schulleiterin Sigrid Hennings. Und die Schüler hätten gesagt: "Wir kommen als Geister."

Einer der "Geister", Enrico, der ebenfalls am Oderiner See dabei war, als Harun getreten und gedemütigt wurde, bekam am Freitag Besuch von der Polizei. Sie sammelte in seinem Zimmer Hitler- und Hakenkreuzposter ein, eine Pistole, mehrere rostige Gewehre, Munition, ein Handbuch, das den Bau von Splitterhandgranaten erklärt, sowie einen stinkenden Totenschädel. Enrico, das ist im Oderiner Ortsteil Teurow bekannt, gräbt in den Wäldern bei Halbe gern nach Hinterlassenschaften aus den letzten Tagen des Krieges.

Märkische Allgemeine

Nr. 202 vom 30. August 2000

Bewertung der Jury

Frank Schauka erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2001 in der Kategorie "Lokales" für den Beitrag "Neulich am See", erschienen in der Märkischen Allgemeine am 30. August 2000.

Reportagen, die von Überfällen rechtsradikaler Jugendlicher auf Ausländer handeln, müssen leider nur allzu oft geschrieben werden. Schaukas Artikel sticht aus anderen Arbeiten vor allem deshalb hervor, weil er jeden Betroffenheits-Jargon vermeidet und gerade deshalb umso eindringlicher und konkreter die ganze traurige Geschichte erzählt: Wie der 15-jährige Harun Rashid nur angeln wollte am Oderiner See, dabei auf fünf junge Leute trifft, die ihn verprügeln wollen, wie er nicht mit ihnen kämpfen will, was ihm aber nichts nützt. Mehr als eine Stunde lang wird er halb tot geschlagen, bespuckt, gedemütigt. Wenigstens die Regionalzeitung gibt dem Opfer ein Gesicht und nimmt seine Geschichte so ernst, wie sie es verdient.

Kurzbiographie

Gezeichnet: fs

Geboren am 30. Oktober 1962 in Menden (Westfalen).

Nach dem Abitur Studium der Geschichte und Germanistik in Köln und München; 1989 Erstes Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien, 1991 Zweites Staatsexamen.

Erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der Westfalenpost, Hagen, in der Lokalredaktion Menden.

Von 1992 bis 1994 Volontariat bei der Westfalenpost. Von 1995 bis 1997 Redakteur bei der Märkischen Allgemeine, Potsdam, in der Lokalredaktion Neuruppin. Nach kurzen Stationen in der Stadtredaktion der Frankfurter Neuen Presse und der Nachrichtenredaktion der Oberhessischen Presse, Marburg, im Mai 1998 Rückkehr zur Märkischen Allgemeinen als Redakteur im Ressort Landespolitik.