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Prämierter Text

Die verlorene Ehre des Friedrich B.

Von Ullrich Fichtner

Friedrich Band-Rieger hätte an jenem 9. Mai zwischen 23 Uhr und 23.20 Uhr an seinem Schreibtisch sitzen bleiben sollen, als draußen vor dem Haus in 14476 Fahrland, Brandenburg, der Auszubildende Rene H., 19 Jahre alt, eine halbe Flasche »Jack Daniels« im Blut, auf den Klinkerstapel im Vorgarten pinkelte. Friedrich Band-Rieger hätte sitzen bleiben und den kleinen Ärger über die kleine Sache hinunterschlucken sollen, er hätte der Klügere sein können, hätte nicht auf Umgangsformen pochen müssen: Er hätte den Halbstarken draußen vor der Tür bestimmt bald vergessen. Aber Friedrich Band-Rieger blieb nicht sitzen. Er stand auf.

Er stand auf an diesem 9. Mai 1998, es war ein angenehm milder Abend, Samstag. Und nur wenige panische Augenblicke später, es muss gegen 23.30 Uhr, 23.35 Uhr gewesen sein, lag seine randlose Brille zerbrochen auf dem Betonschotterweg, seine linke Hand hing verletzt am Körper herab, er hatte bläulich-rote Würgemale an einer Halsschlagader, und im Gemergel der Sackstraße steckten drei 9-mm-Projektile, Sintex-2 Weichkern, abgefeuert aus einer Smith & Wesson Parabellum, Modell 940.

Heute lässt sich sagen, dass damals das Leben des Regierungsdirektors Friedrich Band-Rieger, geboren in Prenzlau 1950, groß geworden im Westen, zurückgekommen in den Osten nach der Wende, im Dreck der Straße landete. Aber das ist eine sehr verkürzte Rückschau. Sie unterschlägt nicht nur den Inhalt von 483 Blatt Aktennotizen, Briefen, Verhörprotokollen, Anordnungen, Polizeiformularen, Untersuchungsrapporten, Bildkarten, Dienstvermerken, Zeitungsartikeln. Sie unterschlägt vor allem viel von dem, was den Menschen zum Wolf des Menschen macht.

Die ersten der 483 Blätter wurden noch in der Nacht gefüllt, als eine Polizeistreife um 0.30 Uhr endlich die K.Straße in Fahrland erreichte und ein Protokoll verfertigte. Um 0.30 Uhr, der 10. Mai war angebrochen, erstattete Friedrich Band-Rieger Anzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung. Um 3.30 Uhr schauten Beamte am Haus vorbei, ohne ersichtlichen Grund. Um 5.15 Uhr rückte die dritte Streife an und stellte Band-Riegers 9-mm-Taschenrevolver und drei Patronenhülsen sicher, die »der Bürger«, wie es im Protokoll heißt, aus dem Abfalleimer in der Küche fischte. Um 7.05 Uhr zog die vierte Polizeistreife ein Absperrband über das Ende der Fahrländer Sackgasse, steckte Tatort-Schildchen in den »Straßenkörper« und fotografierte die Szenerie. Später, zwischen 10 Uhr und 11.30 Uhr, findet die Kripo zwei Projektile und zwei Hemdknöpfe, die Beweisstücke 1 bis 4. Und mit jedem dieser Besuche fühlt sich Friedrich Band-Rieger ein Stück mehr wie der Täter des Falls behandelt, nicht wie das Opfer.

Zu diesem Zeitpunkt kursiert schon seit Stunden eine interne Dienstmeldung im Bauch der Brandenburger Polizei, automatisch ausgedruckt in der 10. Mainacht um 2.50 Uhr, über deren Kopf eine hastige Hand: »Personalsache ( Vertraulich!« geschrieben hat. Sie endet, telegrammartig in Kleinbuchstaben: »nicht pressefrei: bei dem geschädigten handelt es sich um den regierungsdirektor/leiter der abteilung verwaltung der lese«. Das ist Band-Rieger. Verwaltungschef der Landeseinsatzeinheit der Brandenburger Polizei, kurz: Lese. Ein Verwaltungsjurist, kein Polizist, zuständig für Verbeamtungen, interne Untersuchungen, Disziplinarverfahren. Ein dicker Fisch und qua Amt ein ungeliebter dazu und obendrein: ein Wessie. Noch wird Band-Rieger, am 10. Mai um 2.50 Uhr, »nicht pressefrei« als Opfer geführt. Aber bald schon wird er als Täter von allen gehetzt.

Er ahnt davon etwas, als am Morgen des 10. Mai ein Polizist mit Rene H. vor dem Haus aufkreuzt und H. ihm als »der Geschädigte« vorgestellt wird. Band-Rieger versteht nicht. Er lernt: Sein Peiniger hat, wieder nüchtern und mit der Anzeige wegen Körperverletzung konfrontiert, seinerseits Strafantrag gestellt wegen »Bedrohung mit einer Schusswaffe«. Die Polizei ermittelt. Band-Rieger geht zu einer Ärztin, es ist Sonntag, er lässt seine Wunden versorgen und protokollieren. Linke Hand: geschwollen, Bluterguss 9 mal 5 Zentimeter, mittlere Finger: verstaucht; Würgemal am Hals, 6 mal 5 Zentimeter; Nasenschleimhaut: gerötet.

Es werden noch einige Wochen vergehen, ehe am 14. Juli sieben LKA-Leute, ein Staatsanwalt und ein weiterer Polizist zwischen 7.50 Uhr und 9.35 Uhr die Dienst- und Privaträume des Regierungsdirektors durchsuchen. Auch wird es noch einige Zeit dauern, bis ihn Landeskriminaldirektor Axel Lüdders, eigentlich ein Duz-Freund, am 22. Juli mit dürren Worten schriftlich abmeiert und per Sie aus Prüfungskommissionen wirft. Es wird noch dauern, bis das Landratsamt Band-Riegers Jagd- und damit Waffenschein am 7. August »mit sofortiger Wirkung für ungültig« erklärt, auch wird noch Zeit vergehen bis zu seiner Suspendierung am 15. Juli, das heißt: bis zum Verbot, die Dienstgeschäfte zu führen. Aber in der Rückschau ist klar, dass Friedrich Band-Rieger schon am Vormittag dieses 10. Mai im Grunde erledigt war.

Die Ermittlungen laufen gegen ihn: Dem einschlägig vorbestraften Rene H., in den Dörfern westlich Berlins als Schläger altbekannt, wird auf den Polizeiwachen so gut wie alles geglaubt. Band-Rieger glaubt kaum jemand. Spät erst wird er, weil ein Staatsanwalt den Fall nüchtern prüft, zu seinem Recht kommen. Aber das wird zu spät sein. Polizei, Justiz und Innenministerium geben den eigenen Mann vorher schon zum Abschuss frei. Der zuständige Minister Alwin Ziel, der sich sonst bei Vorwürfen gegen die Polizei immer breit vor seine Truppe stellt, schweigt zum Fall Band-Rieger. Details der laufenden Ermittlungen sickern an die Öffentlichkeit. Pressesprecher bestätigen Zwischenstände, geben Vorermittlungen preis, sie bewerten den Fall, was sie sonst nie tun. Band-Rieger steht allein.

Am 15. Mai klingelt in seinem Büro, direkt durchgewählt, das Telefon. Am Apparat ist »Bild am Sonntag«. Der Reporter weiß viel. Er kennt, anders als Band-Rieger zu diesem Zeitpunkt, den Namen des jugendlichen Kontrahenten, er kennt präzise den Stand der Ermittlungen und sogar den Termin von Band-Riegers Vernehmung. Ab jetzt wird die »Bild«-Zeitung immer dabei sein, und sie wird die Kollegen vom »Berliner Kurier«, von der »BZ«, von den »Potsdamer Neuesten Nachrichten«, von der »Märkischen Allgemeinen« auf die Spur locken. Auch das Fernsehen wird kommen, der ORB, Pro Sieben, RTL. Die »Bild«-Zeitung wird wissen, wann und wie die kurzfristig verschobene Hausdurchsuchung stattfindet, und sie wird mit Fotografen vor Ort sein. Sie wird aus Ermittlungsakten zitieren, sie wird oft vor Band-Rieger selbst wissen, was auf ihn zukommt. Sie wird von der Polizei beliefert, der Apparat füttert sie. Gegen Band-Rieger läuft ein Kesseltreiben, das niemand kontrollieren, niemand stoppen kann.

»Brandenburgs Elite-Polizei: Alarm, unser Chef ist ein Rambo!«, »Achtung, umgehend den Polizei-Chef entwaffnen!«, »Schießwütig: Chef der Polizeieinheit Lese suspendiert«, »Regierungsdirektor schoss auf Spaziergänger«, »Polizei-Chef schoss auf Pinkler«, »Nach der heißen Pipi-Affäre: Polizei-Chef unter Beschuss« Dazu erscheinen Bilder von Rene H., unter denen steht: »Durchlitt Todesangst: Azubi Rene H.«. Die Schreiber lassen den »Polizei-Chef« zwei Mal schießen oder vier Mal, fast immer aber »auf« Rene H., »auf« einen Nachbarn, »auf« einen Menschen. Band-Rieger findet seinen vollen Namen in den Blättern, wird im Bild gezeigt oder so geschildert, dass er eindeutig identifizierbar ist. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Wenn er seine Kinder in die Fahrländer Schule bringt, zischen Mitschüler auf dem Pausenhof hinter ihm her: »Schieß doch!« und noch einmal: »Schieß doch!« Eine Frau vom Förderverein der Kita Neu-Fahrland schreibt Band-Rieger, dem Mitbegründer des Vereins, sie sei »schockiert«, dass er nicht längst ausgetreten sei, obwohl doch die Gerüchte, er habe »mit scharfer Munition auf einen Nachbarn« geschossen, »durch die öffentliche Berichterstattung zum großen Teil bestätigt wurden«. Es sei nicht vereinbar, schreibt die besorgte Mutter, für Kinder wirken zu wollen und gleichzeitig unter Verdacht zu stehen, auf einen Menschen geschossen zu haben. Sie glaubt das Schwarz-auf-Weiße, fast alle glauben es: Band-Rieger kommt seiner Abwahl als Eltern sprecher der Schule durch Rücktritt zuvor.

Der SPD-Unterbezirk, Band-Rieger ist Fahrländer Gemeinderat und seit langen Jahren in der Partei, streicht ihn als Kandidaten für die Gemeinderats- und Kreistagswahl. Ilona Fiedler, Geschäftsführerin der SPD in Potsdam-Mittelmark, lässt sich mit den Worten zitieren, man werde »Verantwortung für die Region übernehmen«, also: Band-Rieger fallen lassen. Auch der 79-jährige Vater schreibt dem Sohn: Du warst es nicht, »es kann ja gar nicht anders sein«. Aber zwischen den Zeilen des Alten stehen Zweifel, genährt von den großen Buchstaben, vom Schwarz auf Weiß.

Band-Riegers Frau würde das 3000-Seelen-Dorf am liebsten verlassen, das neue Haus, im April erst bezogen, hin oder her. Sie hält es nicht mehr aus. Ein anonymer Brief kommt an in der K. Straße, adressiert an Friedrich »Band-Wurm alias Band-Rieger«. Darin steht, Band-Rieger sei ein »elender Mistkerl«. Der Verfasser freut sich, dass »einem arroganten und impertinenten Vertreter der alten Bundesländer« die Grenzen aufgezeigt würden. Band-Rieger sei ein »Krimineller«, und: Es bringe eben nichts, »wenn man in den neuen Bundesländern die dritte Garnitur der Wessis einstellt«. »Also«, endet der Brief, »zieh' nicht nur die Konsequenz, sondern auch Leine.« Aber Band-Rieger bleibt. Er sagt, bis heute, er sei stur. Nein, nicht verbittert. Stur.

Die Ermittler, anders ist es kaum zu nennen, hängen ihm ein weiteres Verfahren an. Unter den Hülsen aus Band-Riegers Küchen-Abfall finden sie zwei mit der Gravur DAG92M0759. Die Losnummer weist die Hülsen als Dienstmunition der Brandenburger Polizei aus, von der 507.000 Stück bei Dynamit Nobel bestellt wurden. Wert einer Patrone: 50 Pfennig. Gegen Band-Rieger beginnen Ermittlungen wegen »dringenden Verdachts der Unterschlagung«.

Bei der Hausdurchsuchung am 14. Juli (»Bild« ist dabei) werden 14 Patronen aus Dienstbeständen gefunden. Band-Rieger hat sie bei einer Schießübung eingesteckt, hat sie verwechselt mit eigener Munition, die der dienstlichen, das bestätigen alle, aufs Haar gleicht. Der Chef der Lese, Polizeidirektor Peter Hunger, kann auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft »keinen Fehlbestand« feststellen. Eine Sprecherin der Justizbehörde sagt dem »Berliner Kurier« gleichwohl, es werde geprüft, »ob Diebstahl vorliegt«. Sie sagt nicht, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ein Dieb die gestohlene Ware einfach so im Haus herumliegen lässt. Auch sagt sie nicht, dass der Wert der 14 gefundenen Patronen bei sieben Mark liegt.

Bei der Anhörung zur Sache in Potsdam am 15. Juli zwischen 10.50 Uhr und 11.10 Uhr fragt Band-Rieger, ob die Verantwortlichen wirklich glaubten, dass die Hausdurchsuchung »verhältnismäßig und damit rechtmäßig« gewesen sei. Ob nicht ein klärendes Gespräch der bessere Weg gewesen wäre. Ob nicht, wer ihn kenne, wissen müsse, dass er nicht im Traum auf die Idee käme, Dienstmunition zu entwenden. Die Worte helfen nicht.

Zeitgleich, am 15. Juli, unterschreibt Werner Müller, Staatssekretär beim Ministerium des Innern, unter dem Geschäftszeichen IV/3.11-3027 eine zweieinhalbseitige Verfügung mit dem Titel »Verbot der Führung der Dienstgeschäfte«. Derselbe Staatssekretär, der Band-Rieger sechs Wochen später in einer kurzen Nachricht ohne Entschuldigung mitteilen wird, dass er wieder arbeiten darf, beruft sich auf Gerüchte und den Druck der Presse. »Auch im Hinblick auf die enorme Öffentlichkeitswirksamkeit« verbietet er Band-Rieger die Amtsführung.

Und er ist betrübt, weil »durch die Presseveröffentlichungen auch innerhalb der Polizei Ihr _Fall' für Unruhe sorgt«. Um Band-Rieger sorgt sich der Dienstherr nicht. Es sei »nicht zumutbar«, schreibt er noch, »dass Sie eine fortlaufende Störung der Dienstabläufe hervorrufen könnten«. Der suspendierte Regierungsdirektor fühlt sich »wie ein Stück Scheiße vor die Tür gestellt«. Auf den Boulevard. Die »BZ« fragt: »Polizei-Chef: Ist er auch ein Dieb?« und noch einmal: »Ist der Lese-Polizeichef ein Dieb?« Die »Bild« titelt: »Razzia beim Polizeichef«, »Peinlich, Herr Polizeichef!« Dann zerfällt der Stoff, aus dem die Schlagzeilen sind, das heißt, eigentlich löst er sich auf in Luft: Am 18. August stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in Sachen Unterschlagung ein. »Weder ein vorsätzlicher Diebstahl geringwertiger Sachen noch eine Unterschlagung geringwertiger Sachen sind nachzuweisen.« Am 18. August stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Bedrohung ein. Nach einer zweiten Befragung Rene H.s und der Zeugen kommt sie zu dem Schluss, Band-Rieger habe weder bedroht noch genötigt; vielmehr habe er aus Notwehr gehandelt.

Der Regierungsdirektor, zu keinem Zeitpunkt angeklagt, wird von allen Vorwürfen reingewaschen, das heißt: Alle Vorwürfe erweisen sich als haltlos. Er bekommt seinen Jagd- und Waffenschein wieder. Bis zum Oktober 1998 werden auch alle disziplinarischen Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Das Verfahren gegen Rene H. indes wird abgetrennt. Ende Mai 1999 erhebt die Staatsanwaltschaft Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung, der Prozess steht noch aus. In einer anderen Sache wird Rene H. wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Der »Berliner Kurier« bewirbt sich am 22. August um die Krone der Zyniker mit der Meldung: »Sein Ruf ist angeknackst, doch einen Prozess muss Friedrich Band-Rieger nicht mehr fürchten.« Die anderen Zeitungen bringen kleine Meldungen des Tenors, dass der »Polizei-Chef offenbar doch aus Notwehr handelte«, dass er »wohl« auch mit Unterschlagung nichts zu tun habe. Am 28. August hebt Staatssekretär Müller das Verbot der Führung der Dienstgeschäfte gegen Band-Rieger auf. Er braucht dafür vier kurze Sätze, keine zweieinhalb Seiten mehr. Er verbleibt »mit freundlichen Grüßen«.

Eine Anfrage beim Innenministerium, wie der Fall Band-Rieger im Rückblick zu bewerten sei, bleibt jetzt, kurz vor der Landtagswahl, unbeantwortet. Man verspricht einen Rückruf, der nicht erfolgt. Potsdam hat den Fall abgehakt; man will nichts mehr davon hören. Friedrich Band-Rieger will auch nichts mehr hören, aber abhaken kann er nicht. Er kann nicht ertragen, dass er »beruflich und politisch tot ist«. Dass er seine Kinder von der Schule nehmen und auf eine andere geben musste, dass er im Dorf geächtet ist, dass er sich nicht mehr engagieren darf, dass seine Frau gelitten hat. Alles, weil ein Rabauke auf ihn losging. Denn das ist es, was geschah, an jenem 9. Mai ungefähr zwischen 23.20 Uhr und 23.35 Uhr.

Es fuhr ein Auto vor in der K. Straße, ein Opel Kadett, in dem Rene H., Ronny B., Julia M., Dirk Z. und Bianca saßen, von letzterer ist der Nachname nicht bekannt. Ronny B. hatte sich Cola über die Hose geschüttet und wollte, ehe die Samstags-Sauftour weiterging, zu Hause bei den Eltern, gegenüber dem Grundstück Band-Riegers, die Hose wechseln. Rene H. stieg aus, ging hinüber zum Garten des Regierungsdirektors und erleichterte sich. Von drinnen im Haus rief Friedrich Band-Rieger, was die Schweinerei solle. Rene H. rief zurück, er solle doch rauskommen. Friedrich Band-Rieger, allein im Haus, Frau und Kinder waren nicht da, hätte sitzen bleiben sollen. Aber er stand auf. Mit der kleinen Smith & Wesson Parabellum, die er, Jäger und Waffenliebhaber, der er eben ist, am frühen Abend gereinigt und dann in die Hosentasche gesteckt hatte.

Er stand auf. Er ging auf die Straße, da kam Rene H. schon auf ihn zu. Aus dem Auto, wo die Clique saß und gar nicht mehr hinsehen wollte, weil sie wusste, dass es doch nur wieder Ärger gibt, holte Rene H. seine Lenkradkralle und kehrte zurück zum Duell. Er stieß, bulliger als sein Gegner, Band-Rieger vor sich her, acht, zehn Meter am Ende, immer weiter Richtung Sackgasse. Mit der Lenkradkralle schlug er auf ihn ein, Band-Rieger brachte die Hand eben noch vors Gesicht. Linke Hand: geschwollen, Bluterguss 9 mal 5 Zentimeter, mittlere Finger: verstaucht. Als Band-Rieger die Kralle zu fassen bekam und nicht mehr losließ, packte Rene H. ihn am Hals und drückte zu, so fest er konnte. Würgemal am Hals, 6 mal 5 Zentimeter. Rene H. versuchte ihn mit Kopfstößen zu treffen, erwischte ihn aber nicht voll. Nasenschleimhaut: gerötet. Im Kampf verliert Band-Rieger die Brille; er, der Kurzsichtige, sieht nicht mehr viel.

Irgendwann im Gerangel hat er den Revolver in der Hand. Rene H. schreit: »Schieß mir ins Gesicht! Schieß mir ins Gesicht! Na los, schieß doch! Schieß mir ins Gesicht!« Friedrich Band-Rieger schießt niemandem ins Gesicht. Er schießt überhaupt nicht auf Menschen. Er ruft nur immer wieder, kläglich jetzt, unter Angst und Schmerzen: »Sag' mir deinen Namen! Sag' mir deinen Namen!?« Als Rene H. noch fester zudrückt am Hals, schießt Band-Rieger, panisch, hinter sich, in den Boden. Den Angreifer beeindruckt das nicht. Band-Rieger schießt noch einmal in den Boden, und noch einmal. Der Betonschotter staubt auf, dann ruft die Stimme eines Nachbarn endlich: »Was ist denn hier los?« Rene H. sucht das Weite, springt ins Auto, die Clique fährt ab, ohne Licht, mit durchdrehenden Reifen, die Schotterpiste hinab, schnell, fort in die Nacht.

Zurück bleibt Friedrich Band-Rieger. Er steht auf der Straße im schwachen Licht vereinzelter Laternen, am Ende der Sackgasse gleich rechts vom Ortseingang in 14476 Fahrland, Brandenburg. Vielleicht geht sein Blick hinüber, kurz, über die weiten, friedlichen Äcker, die Wiesen hinter dem Haus, die er ohne Brille nur schemenhaft sieht. Vielleicht findet er den Zustand der Welt gebrechlich. Sternenlicht liegt über der Szene, als herrschte tiefe, ländliche Ruhe. Band-Rieger wartet auf die Polizei. Er wirft die Patronenhülsen in den Abfall. Er sucht seine Brille im Dreck. Es ist Samstag, der 9. Mai 1998, gegen Mitternacht. Der Regierungsdirektor ahnt noch nicht, wie viel besser es gewesen wäre, einfach sitzen zu bleiben. Sitzen zu bleiben und den kleinen Ärger über die kleine Sache hinunterzuschlucken. Aber er steht auf der Straße; in einer Sackgasse.

Frankfurter Rundschau

Nr. 205 vom 4. September 1999

Bewertung der Jury

Ullrich Fichtner erhält den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis 2000 in der Kategorie Allgemeines für seinen Beitrag »Die verlorene Ehre des Friedrich B.«, erschienen in der Frankfurter Rundschau am 4. September 1999.

Fichtner dokumentiert in seinem Artikel das Schickal eines leitenden Beamten der brandenburgischen Polizeiverwaltung, der sich privat durch einen jugendlichen Angreifer zur Abgabe eines Warnschusses provozieren ließ. Daraus entwickelt sich der Fall des prominenten Regierungsdirektors aus dem Westen, der sich juristisch, im Dienst bis zur Suspendierung und öffentlich vergeblich gegen Vorverurteilungen zu wehren hat. So wird er in der Behörde und durch spektakuläre Schlagzeilen vom Opfer zum verfolgten Täter, gegen den später die Anklage fallengelassen wird.

Auf der Grundlage exakter Recherchen beschreibt Fichtner in eindrucksvoller Weise die Psyche eines Mannes der trotz seiner Rehabilitation beruflich am Ende ist.

Kurzbiographie

Gezeichnet: fi

Geboren am 8. Mai 1965 im oberfränkischen Hof an der Saale.

Nach dem Abitur Volontariat bei der Frankenpost, Hof, anschließend Studium der Germanistik in Bremen und Berlin. 1994 Magister Artium.

Während des Studiums Beiträge für den Weserkurier, Bremen, der Frankfurter Rundschau und für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Im Berliner Büro der AP fester Mitarbeiter in den Wendejahren und nach dem Mauerfall; Berichte über den Untergang der DDR und die deutsch-deutsche Vereinigung.

Von 1994 Nachrichtenredakteur bei der Frankfurter Rundschau, ab 1996 einer ihrer Korrespondenten in Berlin. Seit Juni 2000 Redakteur im Ressort Dossier bei der Wochenzeitung Die Zeit, Hamburg.