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Liberal, selbstkritisch, bodenständig

Liberal, selbstkritisch, bodenständig

Von Dr. Helmut Herles, Mitglied der Jury Theodor-Wolff-Preis, zum Lebenswerk von Roderich Reifenrath

Was Theodor Heuss über Frankfurt am Main, die zweite Heimatstadt von Roderich Reifenrath, sagte, hätte er auch diesem Journalisten widmen können. Man spüre dort beides, die »Weite einer Weltgesinnung und die Nähe eines Heimatgefühls«.

Roderich Reifenrath hat seine Herkunft aus dem Westerwald nie verleugnet, hat diese Wurzeln manchmal behutsam bloßgelegt, so in den »Straßen der Erinnerung«, als er die Erlebnisse eines 9jährigen Jungen in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges auf einem Bauernhof im Westerwald - ein halbes Jahrhundert danach - schilderte. Robert Leicht hat dazu angemerkt: »Wer Derartiges erlebt, ja ganz konkret überlebt hat, ist wohl für den Rest des Lebens vor vielen Verführungen und Verrücktheiten gefeit.« So ist es.

Bodenständigkeit im Denken und Handeln ist einer der charakteristischen Züge im Bild von Roderich Reifenrath, bis hin zur Sprachmelodie. Den Blick auf die Welt hat er bei seinen regelmäßigen Reisen nach Frankreich und beim Studium der Rechtswissenschaften in Köln und in Mainz geschärft, in der Auseinandersetzung mit dem »rechten« Staatsdenker Carl Schmitt, der das wesentlich Politische erst in der Unterscheidung von Freund und Feind als sichtbar wähnt - aber das ist nicht das Weltbild des Journalisten Roderich Reifenrath.

Er ist im Sinne des Wortes ein kritischer Journalist. Kritik unterscheidet. Sie sagt nicht nur nein, sie stimmt auch zu - und beides unabhängig von jeweils parteipolitischen Sympathien oder der eigenen Wahlentscheidung. Journalistische Kritik hat nicht zuletzt selbstkritisch der eigenen Sache gegenüber zu sein. Was viele in unserem Beruf arg vernachlässigen, aber Reifenrath vorbildlich gelebt und beschrieben hat.

Sein Vater, Rechtsanwalt und Notar, hätte gern gesehen, dass sein Sohn ebenfalls Jurist wird. Der studierte zwar Jura und arbeitete wissenschaftlich über Jugendkriminalität. Aber für ihn war »schon immer« klar, dass er Journalist werden wolle, weshalb er sich sofort nach dem Studium um ein Volontariat bei der »Allgemeinen Zeitung« in Mainz bewarb.

Nach einer kurzen Zeit bei der »Recklinghäuser Zeitung«, wo er am Aufbau der politischen Redaktion beteiligt war, kam er am 1. Juli 1966 zu der Zeitung, die ihn beruflich geprägt und die er schließlich selbst mitgeprägt hat - zur Frankfurter Rundschau. Damals war er Karl Gerold, dem starken Mann der Frankfurter Rundschau, von Karl Hermann Flach empfohlen worden. Seit September 1986 war er Mitglied der Redaktionsleitung, und seit dem 1. Januar 1992 der Chefredakteur.

Karl Hermann Flach, der Journalist und sozialliberale FDP-Generalsekretär, ist für ihn mehr als nur ein Vorgänger in der Chefredaktion. Sätze Flachs wie diese könnten auch von Reifenrath geschrieben worden sein: »Wenn es nicht gelingt, die Freiheit durch mehr Gleichheit und mehr Gerechtigkeit zu erhalten, wird die Freiheit eines Tages zugunsten der Utopie von der totalen Gleichheit verloren gehen.« Wobei Freiheit und Gleichheit dennoch in einem Spannungsverhältnis stehen. Das ist gerade in einer Zeit aktuell, in der zu viele am Begriff Ludwig Erhards von der sozialen Marktwirtschaft das Soziale gestrichen haben und dem gefährlichen Irrtum erliegen, dass nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Macht auch die Fragen des Marxismus - wie die Entfremdung - beantwortet seien. Für Reifenrath ist das Sozialliberale allerdings kein Dogma. Es ist die »Möglichkeit, die innersten politischen Anschübe zu zivilisieren und zeitlos als Kompass zu dienen. ... Hervorragend geeignet, Grundsätzliches und Pragmatisches zusammenzuführen.« Von diesem klaren Standpunkt aus blickt er auch auf den organisierten Liberalismus in der FDP: »Die FDP ist heute eindimensional, die Freiburger Thesen und der sozialliberale Gehalt eines Kopfes wie Karl Hermann Flach sind schon lange ausgemustert worden ... Jetzt rächt es sich, orientierungslos pragmatisch zu sein.« So schreibt er, und so hat er das Profil der Frankfurter Rundschau geschärft.

Seine regelmäßigen selbstkritischen Anmerkungen zum selbst gewählten und selbstbewusst ausgeübten Beruf des Journalisten sind stets auch ein Stück Selbstporträt: Sein »Ideal ist das des unabhängigen, auf Distanz zu den Machthabern aller Großorganisationen stehenden Zeitzeugen. ... Man darf dem Leser auch Positionen anbieten, die nicht mehrheitsfähig sind oder utopisch klingen. Man muss zur Verteidigung antreten, wenn in der Gesellschaft Schwache, Minderheiten, Verfassungsgrundsätze untergepflügt werden.«

Der Journalist und Jurist Reifenrath plädiert »für einen wertorientierten Journalismus«, den er allerdings immer wieder gerade von innen, durch den Missbrauch journalistischer Möglichkeiten, gefährdet sieht. Journalisten sollten sich stets bewusst bleiben, »mit welchen rechtlichen und instrumentellen Privilegien« sie ausgestattet seien, und er empfiehlt eine »journalistische Tugend, die in der Fernsehwirklicheit unterzugehen droht: Bescheidenheit.« Ein anderer für ihn charakteristischer Satz an uns Journalisten lautet: »Nehmt euch nicht so wichtig, das Rad der Geschichte dreht sich auch ohne uns.« Und: »Journalismus ist nichts für Manipulateure mit den kreativen Ausreden, nichts für Spielernaturen und Blender und schon gar nichts für Zyniker.«

Das verbindet übrigens den guten Juristen mit dem guten Journalisten. Vielleicht hätte sich damit der Vater doch noch über den nicht erfüllten Berufswunsch getröstet. Beide wissen von sich, dass sie befangen sind und sich in ihrer jeweiligen Aufgabe doch immer wieder lebenslang in Unbefangenheit üben, sie trainieren müssen. Auch dafür gibt Roderich Reifenrath ein Beispiel, ebenso für die Wirksamkeit und Notwendigkeit der Neugier auf Lebenszeit

Kurzbiographie

Roderich Reifenrath

Geboren am 4. Juni 1935 in Wissen/Sieg. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Schule:

Nach der Volksschule in Altenkirchen verbringt er die letzten drei Jahre vor dem Abitur (1952-1955) im Landerziehungsheim der Evangelischen Kirche Rheinland in Dierdorf, wo er auch das Abitur ablegt.

Studium:

Von 1955 bis 1961 studiert Reifenrath Rechtswissenschaften; zunächst von 1955 bis 1957 an der Universität Köln und schließlich von 1957-1961 an der Universität in Mainz. Dort legt er auch das Referendar-Examen ab. Im Anschluss an die Ausbildung arbeitet er knapp ein Jahr als Wissenschaftlicher Mitarbeiter über das Thema Jugendkriminalität.

Beruflicher Werdegang:

1962: Die erste journalistische Station ist für Reifenrath ein Volontariat bei der Allgemeinen Zeitung, Mainz. 1964 wechselt er zur Recklinghäuser Zeitung, um dort die politische Redaktion aufzubauen.

1. Juli 1966 zieht ihn es wieder in das Rhein-Main-Gebiet: Bei der Frankfurter Rundschau arbeitet er von Beginn in der politischen Redaktion, ist lange Jahre im Ressort »Seite Drei« und für die politische Kommentierung verantwortlich.

Als Spezialgebiete entwickeln sich im Laufe der Zeit: Rechtspolitik (vor allem Verfassungsrecht), Parteien, Drittes Reich und seit dem Zusammenbruch der DDR die besondere Problematik des vereinigten Deutschlands.

Seit September 1986 ist er Mitglied der Redaktionsleitung und ab 1. Januar 1992 Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. 1995 wird Roderich Reifenrath ausgezeichnet mit dem Karl-Hermann-Flach-Preis. Im Mai 2000 zeichnet ihn die Jury für den Theodor-Wolff-Preis für sein journalistisches Lebenswerk mit dem Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis aus. Im Juni 2000 tritt er in den Ruhestand.