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Rede von Rolf Terheyden anlässlich der Preisverleihung des Journalistenpreises der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis am 27. September 2000 in Düsseldorf

Es ist eine gute Tradition, die Theodor-Wolff-Preise für herausragende journalistische Arbeiten jeweils in einer anderen Stadt zu verleihen. Damit unterstreichen wir die Bedeutung Deutschlands als Zeitungsland und würdigen zugleich seine publizistische Vielfalt. Mit großer Freude begrüße ich Sie deshalb in der Zeitungsstadt Düsseldorf. Ich danke dem Verlag der "Rheinischen Post", dass er uns hierher eingeladen hat; ich danke ihm für die Mühe bei der Vorbereitung dieser Veranstaltung.

Theodor Wolff, der legendäre Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", war unbestritten einer der vielseitigsten und stilvollsten Journalisten des vergangenen Jahrhunderts, ein "genauer Zeitbeobachter und -schilderer", wie Johannes Gross ihn nannte. Wir freuen uns, dass Professor Bernd Sösemann in einem soeben herausgekommenen neuen Werk an diesen Großen der Publizistik erinnert. Lieber Herr Sösemann, ich gratuliere Ihnen zu dieser hervorragenden Biografie. Und Sie, liebe Festgäste, kann ich nur zur Lektüre des Buches ermuntern. Sie alle erhalten - gleichsam als Erinnerung an den heutigen Tag - ein druckfrisches Exemplar mit auf den Heimweg.

Jury und Kuratorium des nach Wolff benannten Preises haben sich bei ihrer Arbeit an der ganzen Breite des Schaffens des 1943 gestorbenen Chefredakteurs und Autors orientiert. Die Preisträger kommen deshalb aus den unterschiedlichsten Sparten der Zeitung. Und die Beiträge sind nicht nur für den Tag geschrieben, sondern weisen über den Erscheinungstag hinaus. Sie sind ein handfester Beleg für den Aufbruch der Tagespresse zu einer neuen Qualität. Zu noch mehr Sensibilität für das, was die Menschen bewegt. Mut zum Unbequemen, Liebe zum Detail.

Das Jahr 2000 ist für uns Publizisten und Journalisten nicht nur für das große Millenniumsjahr. Es verdient bei uns in Deutschland auch das Prädikat "Jahr der Presse". Viele Zeitungen - und darauf sollten wir alle stolz sein - haben einen Qualitätssprung gemacht. Das gilt besonders für die Berichterstattung über Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Die Breite des Angebots in diesen Segmenten kann sich sehen lassen. Der Nutzwert der Zeitung ist ohne Zweifel größer geworden.

Dazu kommt: Die großen Affären und Skandale, die die deutsche Politik erschüttert haben, wurden von der Presse aufgedeckt. Ich weiß natürlich, dass das Wort "Enthüllungsjournalismus" nicht überall positive Empfindungen weckt. Wir sind uns einig, dass die erste Aufgabe der Medien das Berichten ist. Nicht das Richten; das ist Sache der dafür zuständigen Instanzen. Aber mit dem Öffentlichmachen von Gesetzesverstößen und Missbrauch politischer und gesellschaftlicher Macht haben unsere Zeitungen einen wirkungsvollen Beitrag zur politischen Hygiene in unserem Land geleistet.

Ich sage es in aller Deutlichkeit: Es war ein Dienst an der Demokratie, den die Zeitungen hier geleistet haben. Sie haben ihre Wächterfunktion verantwortungsvoll wahrgenommen. Das deutsche Exempel, aber auch Beispiele etwa in Amerika und den Staaten des ehemaligen Ostblocks zeigen es ganz klar: Eine Demokratie, die funktionieren soll, ist auf einen Journalismus angewiesen, der Missstände schonungslos offen legt - künftig vermutlich noch mehr als heute.

Die Komplexität der Vorgänge, die uns seit Dezember 1999 beschäftigen - man kann auch sagen: in Atem halten - erschließt sich immer noch am Besten durch das gedruckte Wort. Ich will die Anstrengungen des Fernsehens nicht gering achten. Aber Zusammenhänge lassen sich noch immer am Deutlichsten durch die Zeitungen erklären. Vor diesem Hintergrund kann und darf es nicht sein, dass in der Arbeitswirklichkeit - beispielsweise am Regierungssitz Berlin - die schreibende Zunft immer stärker hinter das Fernsehen zurücktreten muss.

Die Presse beansprucht keine Sonderrechte; dazu ist sie zu selbstbewusst. Aber ich meine, die Politik tut sich und dem Souverän, dem Wahlvolk, keinen Gefallen, wenn sie sich bei der Darstellung ihres Handelns allzu sehr den Zwängen der elektronischen Medien unterwirft und sich stets nur an den so genannten "besten Sendezeiten" orientiert. Mein Appell an die Politiker: Lassen Sie dem gedruckten Wort das Gewicht, das es verdient!

Eine Festveranstaltung wie diese, sollte auch dazu anregen, über Fehlentwicklungen und Fehlverhalten im eigenen Metier nachzudenken. Durch die Berichterstattung der Medien wird relevante Wirklichkeit erst geschaffen. Das verpflichtet Journalisten dazu, genau hinzuschauen und emotionale Distanz zum Berichtsgegenstand zu halten.

Ein Weiteres verdient genauere Beachtung: Journalismus hat sich von Public Relations scharf abzugrenzen. Mischformen, wie wir sie beispielsweise in Teilen des Privatfernsehens erleben, dürfen sich in unseren Zeitungen nie ausbreiten.

Über Unglücke, Katastrophen und die sich häufenden Entführungsfälle muss natürlich berichtet werden; das ist Pflicht der Medien. Doch die Frage muss erlaubt sein: Wird oft nicht ein "öffentliches Interesse" und "Betroffenheit" vorgeschoben, um den Abdruck spektakulärer Fotos zu rechtfertigen? Ist nicht mancher Blattmacher der Meinung, er müsse die Sensationslust seines Publikums befriedigen?

Ich will der gleich folgenden Podiumsdiskussion, die wir alle mit Spannung erwarten, nicht vorgreifen; doch erlauben Sie mir eine grundsätzliche Anmerkung vorab: Natürlich weiß ich, dass es keine Patentrezepte für verantwortungsvolles Handeln gibt und die Grenzen hier fließend sind. Und dennoch: Kritisches Beobachten des eigenen Tuns sollte von Journalisten verlangt werden können. Der Berufsstand ist selbstbewusst genug, um Medienselbstkritik auszuhalten. Ansätze dieser Selbstbeobachtung gibt es ja schon. Ich wünsche mir, dass die Bereitschaft dazu noch wächst.

Ich meine sogar, die Redaktionen werden durch äußere Faktoren zu stärkerer Selbstbeobachtung gezwungen. Einer dieser Faktoren ist das Internet. Dass keine Technologie die Informationswelt so radikal verändert wie das "Netz" - darüber kann es keine Diskussion geben. Die vielzitierte "Macht" der Journalisten - wenn es sie je als messbare Größe gegeben hat - dürfte mehr und mehr ihre Exklusivität verlieren. Der Leser hat Zugriff auf fast alles. Und er kann, wenn er will, die Arbeit der Presse nachvollziehen. Der Direktor der italienischen Zeitung "Corriere della Sera", Ferruccio di Bortoli, ist der Meinung, die großen Informationsunternehmen würden zu Glashäusern; der Leser stehe nicht mehr eine Stufe unter dem Journalisten, sondern mit diesem auf gleicher Ebene, wenn nicht gar eine Stufe über ihm.

Man muss diese Einschätzung nicht teilen. Aber klar zu sein scheint, dass der Leser dem Journalisten stärker auf die Finger sieht. Die Beziehung zwischen Leser und Redaktion verändert sich. Es ist ratsam, diesen Beziehungswechsel zu verinnerlichen! Und es ist ebenso ratsam, sich rechtzeitig über die Professionalisierung der für das Internet arbeitenden Redakteure Gedanken zu machen, wo doch Print und Online immer stärker miteinander verzahnt werden. Ich meine, dass gerade die Online-Angebote von Zeitungsverlagen bestätigen, dass guter professioneller Journalismus auch im Internet möglich ist.

Mir liegt aber auch daran, auf die anderen, dunkleren Seiten der digitalen Revolution hinzuweisen, die uns das "Netz" beschert hat. Es wird eine Überfülle an Informationen erzeugt, die irgendwann zur Übersättigung und Erschöpfung führt. Der Philosoph Romano Guardini hat das wohl geahnt, als er schrieb: "Durch das, was Technik heißt, gewinnt der Mensch wohl eine außerordentliche Sicherheit, Leichtigkeit und Vielfältigkeit der Produktion und Versorgung, verliert aber als Persönlichkeit. Was bleibt bzw. entsteht, ist das konstruierende und konsumierende Individuum, dessen lebendiger Bestand immer magerer und einfältiger wird."

Wir Verleger und Journalisten können uns dem "Netz" und der "Globalisierung" nicht entziehen. Aber wir können durch unser publizistisches Angebot und die Professionalität unseres Tuns verhindern, dass der Mensch an Persönlichkeit verliert.

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Professor Albert Scharf, hat kürzlich in einer Rede das Kürzel "www" als "weltweiten Wahn" der digitalen Technik gedeutet. Er ist alles andere als ein Kulturpessimist oder Maschinenstürmer. Aber er fragt nach den sozialen Auswirkungen dieses technischen Fortschritts, den manche als - vermeintliche - "Befreiung" empfinden.

Was ist das für eine "Befreiung" durch eine Technik, bei der die Intimsphäre des einzelnen allzu oft mit Füssen getreten wird. Niemand kann doch wirklich garantieren, dass Privates vor neugierigen Zugriffen geschützt wird, sobald es elektronisch übermittelt wird.

Es spricht viel dafür, dass dieses Problem in der Euphorie über ein Medium, das angeblich im Bereich der Information und Kommunikation für die Gleichheit aller Bürger sorgt, nicht mit der nötigen Sensibilität aufgegriffen wird. Weder von der Politik noch von der Gesellschaft. Was spricht denn dagegen, dass die Presse diese Befürchtungen thematisiert? Ich meine: Genau das ist ihre Aufgabe.

Vielleicht wird ja eines Tages ein Essay über den "Netzbürger" sogar mit dem Journalistenpreis der deutschen Zeitungen - Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Und damit komme ich zurück auf das Ereignis, das uns heute hier zusammengeführt hat. Liebe Preisträger: Ich gratuliere Ihnen zu Ihren herausragenden Leistungen - Sie haben journalistische Glanzstücke geliefert und stehen damit in der besten Tradition von Theodor Wolff.